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18.05.2009 - KUNSTGESCHICHTE

Unnachgiebige Kämpfe, pietätvolle Metaphern

Produktive Zerstörung in der Baugeschichte des Petersdoms

von Josef Tutsch

 
 

Michelangelos Kuppel auf dem
Petersdom - Bild: Wolfgang Stuck

"In ihrer gravitätischen Ruhe erweckt Michelangelos Kuppel von St. Peter in Rom den Eindruck steinerner Ewigkeit." Was der Kunsthistoriker Horst Bredekamp von der Berliner Humboldt-Universität da in seiner Studie über die Entstehungsgeschichte des Petersdoms geschrieben hat, werden alle Rombesucher nachvollziehen können. Alle Besucher heutzutage jedenfalls; es gab Zeiten, wo der Eindruck ganz anders war. "Die Mauern rechts", so beschreibt Bredekamp einen Kupferstich, den der holländische Maler Marten van Heemskerck Mitte der 1530er Jahre, etwa ein Jahrzehnt nach der Verwüstung Roms durch die kaiserliche Soldateska, angefertigt hat, "sind im Verfall begriffen, der linke Vierungspfeiler ragt wie ein Stumpf in den Himmel und die Natur beginnt sich des Monstrums zu bemächtigen."

Es handelt sich tatsächlich genau um jenen Ort, wo heute die Kuppel in den Himmel ragt, und St. Peter war damals nicht etwa ein altersschwaches Gebäude, sondern ein unvollendeter, bereits wieder verfallender Neubau; Papst Julius II. hatte ihn erst ein Vierteljahrhundert zuvor in Angriff nehmen lassen. Man kann sich leicht vorstellen, wie Julius in die Geschichte eingegangen wäre, hätten seine Nachfolger nicht die Kraft gefunden, das Projekt wiederaufzunehmen: als Zerstörer von Alt-St.-Peter, der berühmtesten Kirche der Christenheit, und als Urheber eines neuen babylonischen Turms, der – die protestantischen Zeitgenossen werden gesagt haben: durch Gottes Eingreifen – nicht in den Himmel wachsen konnte.

Rekonstruktion der Ansicht von Alt-
St.-Peter - Bild: vatican history

Aber selbst abgesehen von der Kriegszerstörung: St. Peter mit seiner riesigen Kuppel, die beim Betrachter von heute den Eindruck steinerner Ewigkeit erweckt, war, wie Bredekamp feststellt, "das Produkt sich unnachgiebig bekämpfender Konkurrenzprojekte", und es konnte erst entstehen, indem Altes zuvor vernichtet wurde – "produktive Zerstörung", sagt der Berliner Kunsthistoriker und greift damit einen Ausdruck auf, den der Nationalökonom Joseph Alois Schumpeter in seinem Buch über "Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie" 1942 populär gemacht hat. Produktive Zerstörung, schrieb Schumpeter, sei das wesentliche Faktum der kapitalistischen Wirtschaft, indem unaufhörlich alte Strukturen zerstört und neue geschaffen würden.

Die Übertragung dieses Konzepts auf die Kunstgeschichte ist nicht ohne Provokation. Schließlich wird die mutwillige Zerstörung von Kunst- und Kulturgütern landläufig unter den Begriff "Vandalismus" gefasst. Aber Papst Julius II. della Rovere, als er die Zerstörung von Alt-St.-Peter und den Bau der neuen Peterskirche einleitete, war zweifellos kein Barbar. Am Anfang, berichtet Bredekamp, stand die Suche nach dem geeigneten Platz für das monumentale Grabmal, das Julius 1505, kaum zwei Jahre nach seiner Wahl, bei Michelangelo Bunonarotti in Auftrag gegeben hatte.

Cristoforo Cardosso, Medaille zur Grund-
steinlegung von Neu-St.-Peter, 1506
Bild: Münzkabinett Berlin

Offenbar dachten Künstler und Papst zunächst daran, Alt-St. Peter in eine Art Familienkirche der Rovere zu verwandeln; aber dann wurde der Architekt Donato Bramante mit Neubauplänen beauftragt. Einen ersten Entwurf, der die West-Ost-Achse um 90 Grand in eine Nord-Süd-Linie drehen sollte, lehnte der Papst brüsk ab; das Grabmal des Apostels Paulus hätte versetzt werden müssen, das war auch diesem Papst wohl zuviel an Bruch mit der Tradition. Aber Bramantes zweiter Entwurf fand Gefallen. Julius willigte ein, den Hauptteil der konstantinischen Basilika niederlegen und eine neue Kirche an dieser Stelle entstehen zu lassen.

"Templi Petri instauratio", steht auf der Gründungsmedaille von 1506, "Erneuerung des Petrustempels". Ein understatement; es ging um einen Neubau.  Ohne das Grabmalprojekt wäre es nicht dazu gekommen. Kurioserweise fiel dann jedoch ausgerechnet das Grabmal dem Neubau zum Opfer. In einem Moment der Ernüchterung muss Julius klar geworden sein, dass beide Monumentalprojekte nebeneinander finanziell nicht durchzuhalten sein würden. Er strich Michelangelo die Gelder, wagte jedoch
nicht, ihm dies persönlich mitzuteilen – vor dem berüchtigten Zorn dieses Künstlers wollte sich sogar der kriegerische Papst lieber verstecken ... Michelangelo wiederum witterte eine Intrige, glaubte gar, der Papst oder Bramante wollten ihm nach dem Leben trachten und floh Hals über Kopf nach Florenz.

Michelangelos Modell für die
Kuppel, um 1560
Bild: Fabbrica di S. Pietro

Aber auch Bramante konnte seine Planungen nicht realisieren. In der Mitte wurden riesige Vierungspfeiler begonnen, im Westen dagegen ein reduzierter Chorbau. Dahinter stand ein Konflikt zwischen dem Papst und dem Architekten, erläutert Bredekamp: "Der Papst wollte zuerst ‚seinen’ Chor, um dort sein Grabmal errichtet zu sehen, während der Architekt die Kapelle in Kauf nahm, um das Riesenwerk des Ganzen unverrückbar zu fundieren." Jahrzehnte lang standen nun zwei Ruinen nebeneinander: der halb abgerissene alte Bau und der unvollendete neue. Bramante handelte sich in der römischen Öffentlichkeit den Spottnamen "Ruinante" ein, "Zerstörer".

Vier Jahrzehnte nach seiner Flucht aus Rom wurde der alte Michelangelo von Papst Paul III. beauftragen, Bramantes Bau fortzuführen. Von einem Grabmal für Julius II. im Petersdom war keine Rede mehr; es steht heute in reduzierter Form in San Pietro in vincoli auf der anderen Tiberseite – wenigstens der Schutzheilige der Kirche ist geblieben. Inzwischen hatten sich bereits eine Reihe anderer Architekten am Neubau versucht. Die gegenseitige Polemik muss recht merkwürdige Blüten getrieben haben. Gegen den Entwurf seines Vorgängers Antonio da Sangallo argumentierte Michelangelo, dieser Petersdom mit seinen dunklen Ecken würde ein Ort, an dem Verbrecher unterschlüpfen, Falschmünzer Geld prägen und Vergewaltiger Nonnen schwängern könnten. Seine Gegner wiesen ungeniert darauf hin, mit seinen mittlerweile zweiundsiebzig Jahren sei er den Anforderungen körperlich und geistig womöglich nicht mehr gewachsen.

Carlo Madernos Fassade mit der halb
verdeckten Kuppel - Bild: Lora Beebe

Aber Paul III. stellte sich vorbehaltlos hinter seinen Architekten. 1549 wurde sogar dekretiert, dass Michelangelos Modell "in keiner Weise verändert, neu konzipiert oder abgewandelt werden" dürfe. Mit dieser Formulierung im Rücken, so Bredekamp, "stellte Michelangelo die Umwelt vor die Alternative, entweder seinem Modell zu folgen oder aber St. Peter endgültig in eine Ruine zu verwandeln". Natürlich gingen die Diskussionen dennoch weiter. Er wolle "die Kuppel vollenden, ohne etwas wegzunehmen, das von Buonarotti geschaffen worden sei", versicherte Guglielmo della Porta und setzte stillschweigend voraus, dass bei den noch nicht gebauten Teilen durchaus Modifikationen möglich sein müssten. Tatsächlich wurde die Kuppel dann höher gezogen als in Michelangelos Modell. Bredekamp vermutet freilich, dass auch Michelangelo selbst mit einem solchen Gedanken gespielt haben könnte.

Während all dieser Arbeiten war östlich der Baustelle der Rest von Alt-St.-Peter, also das Langhaus der konstantinischen Basilika, erhalten geblieben; Fußboden und Gebälk wurden erneuert, sogar neue Gräber angelegt. Es scheint eine ernsthafte Möglichkeit gewesen zu sein, dass beide Kirchen, seit 1545 durch eine Zwischenmauer getrennt, auf Dauer nebeneinander existieren würden. Oder besser hintereinander, wenn wir die uns gewohnte Perspektive vom Petersplatz aus einnehmen. Auch als aus der südlichen Außenmauer Stücke herausfielen, waren die Traditionalisten noch keineswegs gewillt, die alte Kirche zu opfern. Ausschlaggebend scheint so etwas wie ein argumentativer Salto mortale gewesen zu sein: Gerade indem die Bausubstanz der konstantinischen Basilika geopfert werde, könne man ihren "christlichen" Geist, versinnbildlicht in der Längsausdehnung auf den Altar hin, auf Michelangelos Neubau übertragen, einen Zentralbau in "heidnischer" Tradition.

Der Petersdom, gesehen vom Dach der
Engelsburg - Bild: W. Stuck

Hinzu kam natürlich das praktische Problem, dass in dem Zentralbau keine Sakristeien und dergleichen vorgesehen waren und dass erst ein zusätzliches Langhaus genügend Raum für die Pilgermassen bieten würde. In seinem Widmungsbrief von 1613 an Papst Paul V. pflegte der Architekt Carlo Maderno, der das Langhaus hatte anfügen dürfen, aber auch schon die Legenden über den Neubau von St. Peter: Allein wegen der Baufälligkeit der alten Kirche habe Papst Julius II. sie ein Jahrhundert zuvor teilweise abreißen und durch einen neuen Tempel ersetzen lassen. Das Konzept, so Maderno, sei, "mit der neuen Kirche die Reste der alten zu umschließen und wieder zu bedecken" – "die pietätvolle Umgreifungsmetapher", so Bredekamp, "sollte alle Kritik ersticken, weil sie vorgab, das Zerstörte im neuen Bauwerk zu bewahren".

Fazit: "Was schließlich gebaut wurde, war nicht das Produkt rational entworfener Pläne, sondern das Ergebnis von Schnittlinien im Strudel divergierender Interessen." Das änderte sich auch in der letzten Phase nicht, als Gianlorenzo Bernini den Vorplatz entwarf. Am liebsten hätte er Madernos Fassade sogar wieder abgerissen: "im Vergleich zur Breite viel zu niedrig", lautete sein Verdikt. Bernini wusste sich jedoch in die gegebenen Verhältnisse zu schicken. Durch die beiden Kolonnadenarme des Petersplatzes erhöhte er die Fassade wenigstens optisch. Aber auch dieses Konzept konnte sich nicht voll durchsetzen. Die als Abschluss nach Osten hin geplante dritte Kolonnade wurde niemals gebaut. 

Die heutige Lösung mit der Via della Conciliazione, die vom Tiber her auf den Petersdom zuführt, stammt erst aus Mussolinis Zeit. Berninis subtile Linienführung, resümiert Bredekamp, wird dadurch zerstört; aber dafür ist nun Michelangelos Kuppel, die der Besucher, wenn er unmittelbar vor der Fassade auf dem Petersplatz steht, so schmerzlich vermisst, nun von Osten her weithin sichtbar.


Neu auf dem Büchermarkt:
Horst Bredekamp: Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung. Bau und Abbau von Bramante bis Bernini,
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2008, ISBN 978 3 8031 2602 3, 12,90 €


Mehr im Internet:
Petersdom - Wikipedia
Vor 500 Jahren wurde der Grundstein zum Petersdom gelegt, scienzz 15.04.2006

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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