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22.05.2009 - LITERATURFORSCHUNG

Superman und Familie im Mittelalter

Tauglichkeit und Untauglichkeit historisierender Comics für den Geschichtsunterricht

von Josef Tutsch

 
 

"Porträt" von Prinz Eisenherz auf
der aktuellen Fan-Homepage
Das Mittelalter hat Hochkonjunktur. Seit Umberto Ecos Bestseller „Der Name der Rose“ ist die Reihe von Romanen und Filmen, die irgendwann zwischen 500 und 1500 spielen, niemals mehr abgerissen. Eine Blütezeit des historischen Bewusstseins? Oder bloß ein besonders effektiver Kulissenzauber? Für seine Schüler, berichtet der Germanist und Historiker Hubert Mittler, der als Lehrer an einer Hauptschule arbeitet, sei der Begriff „Mittelalter“ trotz allen Kino- und Fernsehkonsums höchst abstrakt, chronologisch werde diese Epoche „einmal um die Geburt Jesu herum, mal um achtzehnhundertirgendetwas angesiedelt“.

Offenbar hat die Masse historischer oder historisierender Streifen den Geschichtslehrern ihre Aufgabe auch nicht leichter gemacht. Vielleicht aber bieten wenigstens Comics, die im Mittelalter spielen, einen Zugang oder können doch Interesse wecken, über ein Lehrbuch nicht bloß die Abenteuer des Robin Hood, sondern auch das reale Mittelalter kennen lernen zu wollen? Comics als Lehrmittel - bei diesem Gedanken hätten sich viele Eltern in den 1950er oder 1960er Jahren noch die Haare gerauft. Aber die Zeiten haben sich geändert. In ihrer Freizeit, berichtet Mittler, lesen Hauptschüler von heute kaum noch Comics. Lediglich die japanischen Mangas seien aktuell beliebt. Aus dem "klassischen" Comicrepertoire spielten nur noch die "Micky-Maus"-Geschichten eine Rolle.

Eisenherz wird von König Artus
zum Ritter geschlagen
Bild: Henrys
Aber man darf voraussetzen: Ein gekaufter Comic wird in der Regel auch ein gelesener Comic sein, das muss für Schulbücher längst nicht gelten. Der klassische Mittelalter-Comic ist zweifellos „Prinz Eisenherz" oder, im Original, "Prince Valiant", dessen Abenteuer der kanadische Zeichner Hal Foster seit 1934 mehr als drei Jahrzehnte lang jeden Sonntag auf einer Zeitungsseite erzählt hat. Als mögliches Gegenmodell analysiert Mittler die Serie "Die Türme von Bois-Maury" von dem Belgier Hermann Huppen, erschienen seit 1983. Inwieweit lassen sich nun Jugendliche durch die Lektüre von Hal Foster und Hermann Huppen an das Mittelalter heranführen? Das ist natürlich keine rein ästhetische Frage, sondern zielt auf den Bezug zu einer ganz bestimmten Realität. Salopp gesagt: Ist in diesen Comics, denen die Autoren das Etikett „Mittelalter" verpasst haben, wirklich Mittelalter, also jene historische Epoche etwa zwischen 500 und 1500, drin?

Da sind im Fall „Eisenherz" bereits durch die Chronologie Zweifel angezeigt. Foster hat seinen skandinavischen Prinzen am Hof des sagenhaften Königs Artus angesiedelt; 433 sei Eisenherz von diesem König zum Ritter geschlagen worden. In Fosters Comic treten denn auch Römer und Hunnen auf – für das 5. Jahrhundert plausibel; aber das lässt sich doch nur mit sehr viel Großzügigkeit unter „Mittelalter" fassen. Andererseits ist in diesem Comic auch von den Kreuzzügen die Rede, Eisenherz’ skandinavische Heimat ist längst christianisiert – spielt die Handlung vielleicht nicht doch eher irgendwann um 1100? Tatsächlich wäre das die Blütezeit des Rittertums. Foster hat, unbekümmert um historische Fakten, die Zeiten bunt vermischt. Das wäre an sich keineswegs anstößig, nur dass das Publikum sich seit dem frühen 19. Jahrhundert – Walter Scotts „Ivanhoe" ist bis heute der klassische Fall populärer Mittelalterrezeption – an den Gedanken gewöhnt hat, von solchen historischen oder historisierenden Fiktionen sei ein Mindestmaß an realer Historie zu erwarten.

Prince Valiant auf Briefmarke
Bild: skeynet
Foster vermischt aber nicht nur hohes Mittelalter und späte Antike; sein Held ist ein höchst neuzeitlicher Mensch, ein Erbe von Reformation und Aufklärung, der nicht an Zauberer und Hexen glaubt und nicht einmal an den Teufel. Seine nächste Verwandtschaft findet der edle Ritter, der für Recht und Ordnung streitet, offenkundig nicht in irgendwelchen historischen oder fiktiven Figuren aus dem Mittelalter, sondern in Superman und James Bond; seine menschlichen Schwächen sind gerade soweit ausgeprägt, dass der Ausgang der Abenteuer nicht allzu voraussehbar wird. Eisenherz und seine Frau Aleta mit ihren vier Kindern bilden eine Vorzeigefamilie der amerikanischen Mittelschicht, transportiert in eine unbestimmte Vergangenheit. Damit ahmt Foster im Grunde die altfranzösischen und mittelhochdeutschen Romancince Vaers des hohen Mittelalters nach: Auch sie projizierten die Ideale ihrer eigenen Zeit auf die Sagenfiguren um König Artus.

Jugendliche, die Eisenherz’ Abenteuer unter der Voraussetzung lesen, dass es irgendwann im Mittelalter wirklich so oder doch annähernd so gewesen sein könnte, werden zu dem Schluss kommen, die Welt des Königs Artus und der Kreuzzüge hätte sich von der ihrer eigenen Tagträume wenig unterschieden. Hier könnte ein Vergleich mit „Asterix und Obelix" aufschlussreich sein, dem Mittler merkwürdigerweise ausgewichen ist. Auch in dem Galliercomic versteckt sich auf nahezu jeder Seite Modernes unter den alten Gewändern (im französischen Original zum Glück nicht derart platt wie in der deutschen Übersetzung des Bandes „Asterix und Latraviata", wo einer der Figuren doch wahrhaftig der Satz „Hol mir mal ’ne Flasche Bier!" in den Mund gelegt wird). Der Unterschied zu „Prinz Eisenherz" liegt auf der Hand: Foster hat seine Anachronismen nicht gezielt eingesetzt.

Ritter Aymar und sein Knappe
Bild: hermannhuppen
Waren sie ihm überhaupt bewusst? In vielen Detailfragen vermutlich nicht; einzelne Fehler sind ja auch dem Dortmunder Germanisten und Historiker selbst unterlaufen. Entgegen Mittlers Darstellung meinte im Mittelalter keineswegs jeder Gelehrte, dass die Erde eine Scheibe sei, und ebenso sei es neuzeitliche Legende, dass zum Jahr 1000 die gesamte Christenheit das Weltende erwartet hätte. In manchen Momenten – die Produktion der 1788 Seiten zog sich über 34 Jahre hin – scheint Comicautor Foster aber doch hellsichtig geworden zu sein. Mittler zitiert eine Feststellung der Gattin Aleta, bei der man den Eindruck hat, dass Foster sich über seinen Helden, seine Leser und sich selbst lustig macht: „Mit seinen (Eisenherz’) hohen Idealen von Pflicht und Ehre gleicht er einem kleinen dummen Jungen. Sein Spielzeug sind Schwert und Schild, sein Spiel heißt Abenteuer." Mittler drückt sich drastischer aus: Fosters „Mittelalter" sei „das Land Maskulinia, in dem die Y-Chromosome blühen und es Testosteron regnet". Ein Abziehbild pubertärer Träume von Heldentum und Edelmut. Groteskes Beispiel: Als einer seiner Gegner beim Duell auf einer Brücke ins Wasser fällt und zu ertrinken droht, zieht Eisenherz ihn heraus; schließlich will er ihn auf ehrliche Weise im Kampf töten.

Andererseits konnte „Prinz Eisenherz" vermutlich gerade aufgrund dieser Schwächen zum großen Publikumserfolg werden. Das europäische Mittelalter ist bei Foster in der Tat nur eine austauschbare Kulisse. Unbestreitbar seien dagegen der Genuss und die Unterhaltung, konzediert Mittler; es klingt beinahe widerwillig. Nochmals der Vergleich mit „Asterix und Obelix": Der Galliercomic dürfte seine Beliebtheit eher dem souveränen Spiel verdanken, dass die Autoren mit Raum und Zeit anstellen. Aber es ist klar, dass damit keine Informationen vermittelt, sondern gerade umgekehrt Kenntnisse bereits vorausgesetzt werden. Vieles in „Asterix und Obelix" (etwa der Einfall, die Nase der ägyptischen Sphinx sei unter dem schwergewichtigen Gallier abgebrochen) ist nur witzig, wenn der Leser im Hinterkopf behält, dass es ganz so sicherlich nicht abgelaufen sein kann.

Hinrichtunsszene
Bild: h.huppen
„Prinz Eisenherz" will hingegen gar nicht witzig sein, sondern vor allem edel – im Sinne amerikanischer Mittelschichtwerte. Bezeichnend, dass Foster die Frage, wovon Eisenherz eigentlich lebt, konsequent ausgeklammert hat. Nein, über die soziale Wirklichkeit des Mittelalters erfahren Schüler aus diesem Comic nichts. Da steht es mit dem viel weniger populären Gegenmodell, den „Türmen von Bois-Maury" von Hermann Huppen  besser. Die Geschichte ist recht präzise auf das frühe 12. Jahrhundert datiert. Nicht dass der Held Aymar keine Abenteuer erleben würde; aber er kämpft, so Mittler, „ums nackte Überleben und hierbei hält man sich nicht mehr an den ritterlichen Ehrenkodex". Das Töten und Sterben wird nicht derart klinisch-steril dargestellt wie bei Foster, sondern grausam und hässlich; auch die Lebenswirklichkeit der großen Bevölkerungsmehrheit, der Bauern, wird nicht ausgeklammert. An einer Stelle ist geschildert, wie Bauern hilflos miterleben müssen, dass Ritter auf der Jagd nach einem Hirsch ihr Kornfeld niedertrampeln.

Mittler verhehlt nicht seine Sympathie für Huppens Darstellungsart, berichtet aber leider nicht, wie dieser unheldische Heldencomic bei seinen Schülern angekommen ist. Aber davon abgesehen: Auch ein derart „realistisches" Mittelalterbild erfasst nicht das ganze Mittelalter. In einem Punkt ist Aymar sogar ein sehr unmittelalterlicher Mensch. „Es geht nie um den simplifizierenden Konflikt zwischen Gut und Böse", berichtet Foster, Aymar, kann – bei aller Eingebundenheit in Glaube und Religion – „kaum noch unterscheiden, was richtig und was falsch ist". Da wird „Prinz Eisenherz" dem Bild, welches das Mittelalter sich von sich selbst gemacht hat, sogar näher kommen. Wie etwa die Dichtung über die Kreuzzüge ausweist, wurden solche Konflikte tatsächlich als eine Konfrontation zwischen Gut und Böse aufgefasst, eine Versuchung, die uns heute ja auch nicht immer ganz fern liegt.

Eisenherz offen
patriotisch
Bild: Rick Norwood
Warum Aymar, dieser unheldische Held, in unserer postheroischen Epoche dennoch nicht das große Lesepublikum gefunden hat, bleibt offen. Andererseits wäre zu fragen, welche Funktion der „amerikanische" Ritter Prinz Eisenherz bei seinem Publikum angesichts der 1934 bereits unübersehbaren heraufziehenden Konkurrenz der angloamerikanischen Mächte sowohl mit Nazi-Deutschland als auch mit Sowjet-Russland eingenommen hat.  Offen zutage trat ein zeitgeschichtlicher Bezug, als Eisenherz 1940 Britannien gegen die Sachsen zu verteidigen hatte. Die deutsche Zensur verstand; Eisenherz, bis dahin als „Prinz Waldemar" auch in Deutschland erhältlich, wurde prompt verboten.

Zurück zum Mittelalter. Man kann die idealen Selbstbilder einer Epoche oder Gesellschaft ideologisch nennen; aber auch Ideologien sind als solche nun einmal real. Hier mag ein Gedankenspiel erlaubt sein: Würden wir Menschen von heute uns in einem Comic wiederfinden, der vom 20. Jahrhundert die Kriege und Diktaturen, Unterdrückungen und Hungersnöte schildert, unsere Ideale von Freiheit und Demokratie, Toleranz und Pluralismus aber nonchalant beiseite lässt? Doppelbödigkeiten, die anscheinend weder in dem einen noch in dem anderen Comic kritisch reflektiert werden. Auf einen Mittelalter-Comic, in dem sozusagen das ganze Mittelalter „drin" ist und der dann auch noch bei Schülern das Interesse weckt, wissen zu wollen, wie es „wirklich" gewesen ist, müssen wir wohl noch warten.


Neu auf dem Büchermarkt:
Hubert Mittler: Prinz Eisenherz oder: Das Mittelalter in der Sprechblase.
Das Bild von Ritter und Rittertum zwischen 1000 und 1200 in ausgewählten historisierenden Comics,
Peter Lang, Frankfurt am Main 2008, 51,50 €



Mehr im Internet:
Prinz Eisenherz - Wikipedia
Die Türme von Bois-Maury - Wikipedia



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur,
Mitglied von scienzz communcation



 

 

 

 

 

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