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28.06.2017 - GESCHICHTE

Wenn zwei Familien sich verbinden

Die Landshuter Hochzeit und die Heiratspolitik europaeischer Dynastien

von Josef Tutsch

 
 

Jadwiga Jagiellonka
Bild: Wikipedia

Als die polnische Prinzessin Hedwig am 14. November des Jahres 1475 in der Landshuter Martinskirche ihren Verlobten Georg heiratete, den Sohn von Herzog Ludwig von Bayern, soll sie heftig geweint haben. „Sie hing das Angesicht nieder“, heißt es in einer zeitgenössischen Chronik, „und das Schläfentuch hing ihr vor die Augen.“ „Man konnte ihr Angesicht kaum sehen.“

Tränen der Rührung? Oder war Hedwig erschreckt, weil sie sich ihren Zukünftigen nicht derart hässlich vorgestellt hatte? Mag sein, dass die 18-jährige Braut, bevor sie ihre Einwilligung zur Heirat gab und in Krakau auf die Reise ins ferne Landshut geschickt wurde, wenigstens ein – mehr oder weniger geschmeicheltes – Portrait ihres zwei Jahre älteren Bräutigams zu sehen bekam. Sie wolle alles tun, was ihrem Gemahl lieb wäre, ganz so, wie ihre Eltern es befohlen hätten, sagte sie bei der Übergabe der Hochzeitsgeschenke.

Eine „Zwangsehe“? Hedwig gab in einer öffentlichen Zeremonie ihr Ja-Wort, und niemand stand hinter ihr, der sie an Leib und Leben bedroht hätte. Aber ist es vorstellbar, dass sie hätte „Nein“ sagen können? In einer solchen Heirat verbinden sich nicht nur zwei Individuen, sondern vor allem zwei Familien, so haben es viele Generationen gesehen. 1948 erregte Claude Lévi-Strauss Aufsehen mit seiner Analyse der Heiratsregeln bei indigenen Völkern in Südamerika. Mit einer Heirat, meinte der französische Ethnologe, würden die Männer nicht bloß das Ziel verfolgen, sich eine Frau zu verschaffen. Das viel wichtigere Ziel sei, die Verwandtschaft über die eigene Herkunftsfamilie hinaus zu erweitern, durch Schwäger, mit denen man gemeinsam auf die Jagd und in den Krieg ziehen könne.

Die Ehe als ein sozialer Kitt, mit dem zwei Familien ihren Zusammenhalt begründen und festigen … Ein Gedanke, der in unserer individualistisch gestimmten Zeit Befremden auslösen muss. Doch Jahrhunderte lang folgte nicht nur die Heiratspolitik der regierenden Dynastien Europas diesem Muster; es galt für alle Familien, die ein Kapital zu vererben hatten, sei es materiell, sei es symbolisch. In den Jahren, die der „Landshuter Hochzeit“ folgten, verheiratete der Brautvater, König Kasimir IV., seine übrigen vier Töchter an Prinzen in Brandenburg, Pommern, Sachsen und Schlesien. Sie alle waren für die Aufgabe erzogen worden, durch eine Heirat die Beziehungen der polnischen Jagiellonendynastie in Polen zu anderen fürstlichen Häusern zu pflegen. Ob im einen oder anderen Fall vielleicht Druck erforderlich war, ist nicht überliefert. Soweit die Möglichkeit, sich einer solchen Ehe zu verweigern, überhaupt in den Gedanken der Prinzessinnen vorkam, wird auch die Gefahr, morgen ohne materielle Ressourcen dazustehen, immer gegenwärtig gewesen sein.

Ehen kommen – nicht immer, aber doch sehr oft - durch ein Arrangement der beteiligten Familien zustande. Schätzungen besagen, dass es sich weltweit heute noch bei etwa 60 Prozent aller Eheschließungen so verhält. Ist die individuelle Wahlfreiheit bei der Partnerwahl, die uns heute doch so selbstverständlich erscheint – und zwar für beide Geschlechter – bloß so etwas wie ein europäisch-nordamerikanischer Sonderweg? Die Idee, eine Ehe müsste unbedingt auf Liebe aufgebaut sein, kam jedenfalls erst im 18. Jahrhundert auf. Dass die „romantische Liebe“ heute eine universale Strahlkraft hat, dürfte vor allem mit der Verbreitung des Hollywood-Kinos zusammenhängen.

Georg der Reiche, Portrait von
Paul Gertner - Bild: Wikipedia

In manchen traditionellen Gesellschaften wird diese Romantik denn auch als sozialer Sprengstoff empfunden. Dabei reichen die Ursprünge dieser Entwicklung mehr als zwei Jahrtausende zurück. Bereits in der späten Römischen Republik hatte es sich eingebürgert, dass die Gültigkeit der Ehe an eine förmliche Erklärung der beiden Partner geknüpft war. Bei dem griechischen Schriftsteller Plutarch, um 100 n. Chr., ist als Eheformel der Braut der Satz „Wo du Gaius bist, da bin ich Gaia“ überliefert. Die Namen „Gaius“ und „Gaia“ sind wohl als Platzhalter zu verstehen, ähnlich wie wir heute von Herrn und Frau Mustermann reden. Und die Voraussetzung war, dass diese Erklärung aus freien Stücken abgegeben wurde – nicht unbedingt aus Leidenschaft, aber doch aus eigenem Willen.

Natürlich entsprach diesem moralischen Postulat, wie es in der Folgezeit auch die christliche Kirche hochhielt, längst nicht immer eine soziale Realität – ein Konfliktfeld, das die Moraltheologen durch das 4. Gebot von der Gehorsamspflicht gegenüber Eltern und Familie zu befrieden versuchten. Welche Tragödien sich da vollziehen können, wurde im Zeitalter der Aufklärung und der Romantik zum großen Thema, berühmtes Beispiel: die Oper „Lucia di Lammermoor“ von Gaetano Donizetti, 1835. Ein verliebtes junges Mädchen wird von seiner Familie genötigt, einen anderen zu heiraten. In einem Wahnsinnsanfall tötet sie ihren Bräutigam in der Hochzeitsnacht.

Auf dem Umweg über die Gehorsamspflicht konnte sich das Familieninteresse auch im Abendland nachhaltig Geltung verschaffen. Immerhin: Wenigstens der Theorie nach bot die katholische Kirche eine Alternative zur Ehe. Auch manche Tochter aus fürstlichem Haus fand ihr Auskommen als Äbtissin in einem angesehenen Kloster. Nein, mit romantischer Liebe hatte die Landshuter Hochzeit wirklich nichts zu tun. Fürstenhochzeiten damals waren niemals „romantisch“, allenfalls erfolgreich: erstens im Sinne guter Beziehungen zwischen den beteiligten Familien, zweitens im Sinn einer Fortsetzung der Dynastie des Bräutigams in die nächste Generation hinein.

Das eine wie das andere konnte man allerdings erst Jahre später beurteilen. 1475 werden sich beide Familien gesagt haben, sie hätten ein gutes Geschäft gemacht. Die Herzöge von Bayern-Landshut heirateten in eine königliche Familie ein, wurden also von Königen als ihresgleichen angesehen. Und Kasimir erhielt von den Herzögen, die in den Jahrzehnten zuvor durch die Kontrolle des Salzhandels unermesslich reich geworden waren, ein sagenhaftes Brautgeld, nicht weniger als 32.000 Gulden.

Das Haus Habsburg, dem der Volksmund bis heute gern die Devise „Kriege führen mögen andere, du, glückliches Österreich, heirate“ nachsagt, war in der europäischen Geschichte eben längst kein Einzelfall. Vielleicht hoffte Kasimir auch, bei dem Fürstentreffen in Landshut werde eine große Allianz gegen den türkischen Vormarsch auf dem Balkan zustande kommen. Daraus wurde nichts; aber alles in allem war dieHeiratspolitik der Jagiellonendynastie sehr erfolgreich: Es gelang Kasimir, den Frieden mit Polens westlichen Nachbarn auf mehrere Generationen zu sichern. Dagegen wurden die Erwartungen, die Landshuts „reiche Herzöge“ an die Heirat geknüpft hatten, gründlich enttäuscht. Fünf Kinder kamen in den folgenden Jahren zur Welt. Aber nur zwei Töchter überlebten.

Landshuter Hochzeit 2005
Bild: Alexander Z./Wikipedia

Und damit fehlte dem Land ein legitimer Thronfolger. Einige Jahrzehnte später ließ sich König Heinrich VIII. von England in einer ähnlichen Situation scheiden. Aber Herzog Georg konnte keinen Konflikt mit dem Papst wagen. Er musste sich damit abfinden, dass seine Großmachtträume schon mangels eines Erben unerfüllt bleiben würden. Die Schuld lastete er seiner Ehefrau an: Sie hatte vor der einzigen Aufgabe „versagt“, die eine fürstliche Ehefrau hatte, nämlich einen legitimen, also männlichen, und regierungsfähigen Nachfolger zu gebären. Georg verbannte sie nach Burghausen am Inn. Hedwig wird sehr einsam gewesen sein, als sie dort 1502 verstarb.

Georg selbst vergnügte sich in seiner Landshuter Residenz, wie die Quellen missbilligend berichten, mit „übel beleumdeten Weibern und öffentlichen Buhlerinnen". Insoweit hatten Männer damals Möglichkeiten, sich zu trösten, die den Frauen versperrt waren. Das sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wahlmöglichkeiten bei ihnen kaum weniger beschränkt waren. Zum Beispiel von Georgs polnischen Schwagern hatten gleich vier eine Königskrone zu tragen, ein fünfter wurde Erzbischof von Gnesen und damit Oberhaupt der polnischen Kirche. Nach indviduellen Lebensplänen wird auch bei ihnen niemand gefragt haben.

Als Herzog Georg 1503 starb, hatte er noch versucht, in seinem Testament den Thron für seine Tochter Elisabeth und deren Ehemann Ruprecht von der Pfalz zu sichern. Aber die weibliche Thronfolge widersprach altem Recht. Erst zwei Jahrhunderte später gelang es, dieses Verbot für die Habsburgermonarchie außer Kraft zu setzen, und dennoch stürzte diese Reform Europa in den Österreichischen Erbfolgekrieg. Auch die Münchner Vettern akzeptierten das Testament des Landshuter Herzogs nicht und beriefen sich auf einen alten Familienvertrag. Es kam innerhalb der weitverzweigten Wittelsbacherfamilie zum „Landshuter Erbfolgekrieg". Am Ende wurde das Territorium von Bayern-Landshut jenem von Bayern-München einverleibt. Mit der großen historischen Rolle, die Ludwig und Georg mit der „Landshuter Hochzeit“ für ihr Herzogtum erträumt hatten, war es vorbei.


Mehr im Internet:

Landshuter Hochzeit 2017
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