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25.06.2009 - GESCHICHTE
Eine Braut in Tränen und ein reicher Herzog
Die Landshuter Hochzeit und ihr historisches Vorbild
von Josef Tutsch
 | | Sezne von der Landshuter Hoch-
zeti 2005 - Bild: Pietro Foglietti
| | | Ob die Braut in Tränen ausbricht? Bei einem historischen Fest, das derart auf Authentizität in allen Details angelegt ist wie die "Landshuter Hochzeit", wäre das eigentlich zu erwarten. Als man Prinzessin Hedwig von Polen aus der Kirche hinausführte, berichtet eine zeitgenössische Chronik von der Zeremonie am Dienstag, dem 14. November 1475, "da hing sie das Angesicht nieder, und das Schläfentuch hing ihr vor die Augen, und sie weinte sehr... Man konnte ihr Angesicht kaum sehen". Aber genau diese Szene ist in dem historischen Spiel, das am 27. Juni dieses Jahres wieder seinen Lauf nimmt, ausgeklammert. Eine Hochzeit ohne Trauungszeremonie – mag sein, dass die Urheber des Festes zu Anfang des 20. Jahrhunderts sich gesagt haben, die heilige Handlung könne man doch nicht derart profanieren. Aber ansonsten soll möglichst alles so sein wie 1475, jedenfalls innerhalb der Absperrungen. 2.400 Landshuter spielen in historisch gestalteten Kostümen mit, als Fürsten, Ritter, Geistliche, Bürger und Bettelsleute, nicht zu vergessen Gaukler, Tänzer und Musikanten, wie sie auch damals schon im späten Mittelalter für die Unterhaltung sorgten. "Nichts Zeitgenössisches darf das Auge stören", schreibt ein Reiseführer, "selbst Fotografen müssen sich in ein mittelalterliches Gewand zwängen, bevor sie auf Motivjagd gehen." Neben den 60.000 Einwohnern der Stadt werden noch eine halbe Million Touristen erwartet, die das Spektakel zur größten historischen Festveranstaltung in Mitteleuropa machen.
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Hochzeitskutsche Landshut 2005 Bild: Alexander z.
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Dabei könnte eine Fürstenhochzeit des Jahres 1475 –Hedwig, Tochter von König Kasimir IV. von Polen und Schwester von König Wladislaw von Böhmen, heiratete in der Landshuter Martinskirche Georg, den Sohn des Herzogs Ludwig von Bayern – doch längst vergessen sein. Aber um 1880, mitten in der Zeit des Historismus, beschlossen die Ratsväter von Landshut, dieses Großereignis ihrer Stadtgeschichte auf den Wänden des Rathaussaals in lebensgroßen Fresken wiedergeben zu lassen. Und 1902 kamen einige Bürger auf die Idee, das Fest selbst wiederzubeleben, zunächst sogar alljährlich; seit 1981 hat sich ein Vierjahresrhythmus eingespielt. Authentizität lautet das Ziel. Nun ja, man nimmt sich ein paar Freiheiten. Das fängt damit an, dass die originale Hochzeit am 14. November stattfand, die Veranstalter der Spiele haben sie in die schöne Jahreszeit verlegt. Und wo sich die hohen Herrschaften des 15. Jahrhunderts mit einer einzigen Festwoche begnügten, da wird das Ereignis heute auf vier Wochen ausgedehnt. Vier Wochen lang Reiter- und Ritterspiele, Musik und Tanz und allerlei Mummenschanz nach Vorbildern des späten Mittelalters. Und vor allem der Festzug, der die "Braut" in die Stadt führt – wie im November 1475 wird tout le monde dabei sein, an der Spitze in der Regel der Ministerpräsident des Freistaates Bayern, sozusagen der Amtsnachfolger, und der Chef des ehemals regierenden Hauses Wittelsbach, über ein halbes Jahrtausend hinweg ein entfernter Verwandter des Bräutigams.
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Prinzessin Hedwig von Polen Bild: Wikipedia
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Vier Wochen lang versetzt sich die Regierungshauptstadt des Bezirks Niederbayern ins Mittelalter. Es darf geträumt werden: Welche Rolle hätte Landshut vielleicht in der Geschichte spielen können, wenn... Ja, wenn die Ehe glücklicher geworden wäre – glücklicher im Sinne dessen, was damals von einer Ehe in Fürstenhäusern erwartet wurde. Als die polnische Prinzessin in Tränen ausbrach, wusste sie noch nicht, wie viel Grund sie hatte, über ihre Ehe zu weinen. Zunächst einmal herrschte viel Glanz. Eine Woche lang in diesem November 1475 war die Stadt mit dem Hof der "Reichen Herzöge" ein Mittelpunkt der deutschen und europäischen Diplomatie. Angereist waren neben der Braut und ihrem polnischen Gefolge unter anderem Kaiser Friedrich III. und sein Sohn, der spätere Kaiser Maximilian; Kurfürst Albrecht Achilles von Brandenburg mit Gemahlin Anna; Kurfürstinwitwe Margarethe von Sachsen; Pfalzgraf Philipp von der Pfalz mit Gemahlin Margarethe, der Schwester des Bräutigams; die drei mit dem Landshuter konkurrierenden Herzöge aus einer weiteren Linie der Wittelsbacher, der von Bayern-München; Markgraf Albrecht von Baden; Graf Ulrich von Württemberg, der Schwager von Herzog Ludwig, mit Sohn Eberhard usw. usf. – ein Who is who des regierenden Adels jener Zeit; außerdem ein halbes Dutzend Bischöfe, darunter der Erzbischof von Salzburg, der die Trauung vornahm, und viele Vertreter freier Reichsstädte im bayerisch-fränkisch-schwäbischen Raum.
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Hochzeitswappen in der Kirche St.Johan- nes, Dingolfing: links Bayern, rechts Polen - Bild: Sue 107
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Vom Brautvater Kasimir aus betrachtet war die Landshuter Hochzeit Teil eines großangelegten Projekts, seine Töchter in die regierenden Familien des Römisch-Deutschen Reiches hinein zu verheiraten. Zwei Jahrzehnte zuvor war Konstantinopel von den Türken erobert worden; das war wohl der Hintergrund, als Albrecht Achilles bei der Begrüßung der Braut sagte, diese Hochzeit solle "ein Nutz sein für Christenheit und Reich". Eine politische Hochzeit – zumindest zwischen Fürstenhäusern gab es damals gar keine anderen. Ob die 18-jährige Braut, bevor sie ihre Einwilligung gab, wenigstens ein mehr oder weniger geschmeicheltes Porträt des zwei Jahre älteren Zukünftigen sehen durfte? Sie wolle alles tun, was ihrem Gemahl lieb wäre, ganz so, wie ihre Eltern es befohlen hätten, sagte sie bei der Übergabe der Hochzeitsgeschenke. Aber Gerüchte wollten wissen, sie habe geweint, weil er so hässlich war. Konnte es ihr ein Trost sein, dass Georg, finanziell gesehen, eine sehr gute Partie war? Es winkte ein Leben in Luxus. Das Hochzeitsbett, lesen wir in der Chronik "war mit kostbaren goldenen Stücken behangen und die Decke auch, desgleichen die Pfühle und Kissen". Natürlich hatten auch die Landshuter Herzöge ihre politischen Hintergedanken. Durch den Salzhandel reich geworden, leisteten sie sich den Ehrgeiz, den Einstieg ihres an sich doch recht kleinen Territoriums in die große Politik zu planen. Als Brautgeld gingen 32.000 Gulden an den Königshof in Krakau. Von diesem Reichtum profitierten auch die etwa 10.000 Einwohner von Landshut: Die ganze Festwoche lang konnte jedermann seine Verpflegung von der herzoglichen Küche beziehen, die man gleich neben dem Rathaus eingerichtet hatte. Zwei große Bottiche waren aufgestellt mit rotem und weißem Wein, "und wer da kam und begehrte Wein, dem gab man auf eine Person eine Maß und ein Hoflaibl Brot, zu beiden Malen, früh oder spät".
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Herzog Georg der Reiche von Bayner, Gemälde von Peter Gertner - Bild: Wikipedia
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Sehr begreiflich, dass die Veranstalter der "Landshuter Hochzeit" heute auch in diesem Punkt das historische Vorbild nicht eins zu eins nachahmen können. Allein 285 Schweine seien in dieser einen Woche verspeist worden, berichten die Quellen. Derweil verlustierten sich viele der hohen Herren mit ritterlichen Turnierspielen – mitten auf der Hauptstraße von Landshut, der "Altstadt", während die Edeldamen, Hedwig in ihrer Mitte, von den Fenstern aus zuschauten. Ganz so, wie sie heute aussieht, darf man sich diese Straße im späten Mittelalter freilich nicht vorstellen. Viele der Hausfassaden stammen aus späterer Zeit, selbst der Turm der Martinskirche war 1475 noch nicht vollendet. Neben den Turnieren gab es die üblichen Streitigkeiten um das Zeremoniell. Beim großen Tanzaufzug am Donnerstag Abend sollten alle Fürsten auf der linken Seite gehen, nur der Kaiser und der Bräutigam auf der rechten. Aber der Graf von Württemberg tanzte aus der Reihe und nahm unter dem missbilligenden Blick des Kaisers einen Platz auf der Rechten ein. Außer Spesen nichts gewesen? Historisch hatte die Hochzeit von 1475 tatsächlich keine großen Wirkungen. Eine Allianz europäischer Mächte gegen den türkischen Vormarsch auf dem Balkan kam nicht zustande; auch die Großmachtträume Herzog Georgs, der 1479 nach dem Tod seines Vaters die Alleinregierung antrat, blieben fruchtlos. Kaiser Friedrich III. war nicht daran interessiert, so nahe bei seinen österreichischen Stammlanden einen Rivalen aufkommen zu lassen.
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50 Pfennig Briefmarke von 1975
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In seinen späteren Regierungsjahren scheint Georg denn auch resigniert zu haben; er wurde zu einem getreuen Anhänger von Friedrichs Nachfolger Maximilian. Inzwischen plagten ihn allerdings viel schwerer wiegende Sorgen. Seine Gemahlin hatte ihn enttäuscht – und zwar in der einzigen Aufgabe, die damals bei einer Fürstin wirklich zählte: ihrem Gatten männliche, also thronfolgeberechtigte Erben zu gebären. Fünf Kinder hatte das Paar; aber nur zwei Töchter überlebten. Georg war verbittert; er vergnügte sich mit "übel beleumdeten Weibern und öffentlichen Buhlerinnen", schreiben die Quellen. Hedwig wird sehr einsam gewesen sein, als sie 1502 in Burghausen am Inn starb. Nur ein Jahr später starb auch Georg. In seinem Testament hatte er noch versucht, den Thron für seine Tochter Elisabeth und deren Ehemann Ruprecht von der Pfalz zu sichern. Aber die Münchner Vettern akzeptierten dieses Testament nicht und beriefen sich auf einen alten Familienvertrag. Es kam zum "Landshuter Erbfolgekrieg". Am Ende wurde das Territorium von Bayern-Landshut jenem von Bayern-München einverleibt. Und damit war es, zweieinhalb Jahrhunderte, nachdem Landshut Hauptstadt eines bayerischen Teilherzogtums geworden war, aus mit der politischen Rolle der Stadt. Seitdem fungiert München unangefochten als die bayerische Metropole.
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Nur zwei- oder dreimal noch konnte Landshut seinen Rang als fürstliche Residenz wenigstens formell und vorübergehend zurückgewinnen. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts hatte Herzog Ludwig X. dort seinen Sitz. Das Regieren überließ er, freiwillig oder weniger freiwillig, seinem Bruder Wilhelm. Ludwig widmete sich den Wissenschaften und Künsten; ihm verdankt Landshut eine seiner großen Touristenattraktionen außerhalb der Festzeiten alle vier Jahre, den "Italienischen Bau" der Stadtresidenz. Angeregt von einem Besuch in Mantua entstand mitten in der Isarstadt ein italienischer Renaissancepalazzo, in dem der Herzog freilich nur noch zwei Jahre wohnen konnte.
In den 1570er Jahren residierte dann ein bayerischer Erbprinz in Landshut. Ende des 18. Jahrhunderts zog Herzog Wilhelm von einer wittelsbachischen Nebenlinie, jener von Pfalz-Birkenfeld-Gelnhausen, ein. Wilhelm ist der Populärkultur von heute durch eine Urgroßenkelin teuer geworden – Kaiserin Sissi von Österreich. Aber große Politik findet in Landshut seit dem Tod Herzog Georgs des Reichen 1503 nicht mehr statt. Als dynastisches Projekt war die Landshuter Hochzeit von 1475 ein Fehlschlag, das wirft einen langen Schatten auf das Fest. Aber man wird ja wohl noch träumen dürfen: Was wäre gewesen, wenn ...
Mehr im Internet: Landshuter Hochzeit 2009 Landshuter Hochzeit - Wikipedia
scienzz Dossier Politik in vormoderner Zeit
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied von scienzz.communcation
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