Die Reaktion des Julian "Apostata" gegen das Christentum
von Josef Tutsch
Julian Apostata, Zeichnung
nach einer antiken Statue
im Pariser Louvre
Bild: Baumeister: Denkmäler
des klassi. Altertums. 1885
Es gibt Stoffe, mit denen sich die Historiker schwer tun, einfach deshalb, weil die Versuchung, unter dem Mantel geschichtswissenschaftlicher Aussagen doch bloß die eigenen weltanschaulichen Positionen wiederzugeben, so übermächtig ist. Solch ein Stoff ist das Leben des Julian "Apostata", jenes spätrömischen Kaisers, der eine Generation nach Konstantin versuchte, das Christentum aus seiner privilegierten Rolle wieder hinauszudrängen. Über Ansätze kam dieser Kaiser in seiner kurzen Regierungszeit von 361 bis 363 nach Christus bekanntlich nicht hinaus; später wurde er von der christlich geprägten Geschichtsschreibung als "Apostata", als "Abtrünniger", verdammt.
Überraschend angesichts der quantitativ doch recht reichhaltigen Literatur: Julians Versuch, auf das Christentum eine Antwort aus der religiösen und philosophischen Tradition der Antike zu finden, wurde niemals umfassend analysiert. Jetzt hat Christian Schäfer, Professor für Christliche Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, gemeinsam mit einem Team von Philosophen, Theologen und Philologen einen handbuchartigen Sammelband vorgelegt, der Julians Intentionen aus geistesgeschichtlicher Perspektive beleuchten will.
Dass es ausgerechnet "christliche Philosophen" sind, die den letzten "heidnischen" Kaiser derart vorurteilsfrei zu würdigen versuchen, darf man als eine späte Genugtuung verbuchen. "Die philosophische Reaktion gegen das Christentum" haben die Münchner Forscher den Band überschrieben, nicht etwa "die heidnische Reaktion". Denn wie die beiden anderen großen Kritiker des Christentum in der späten Antike, Kelsos im 2. und Porphyrios im 3. Jahrhundert, war Julian vor allem Philosoph, genauer: Neuplatoniker. Und im Zentrum der neuplatonischen Metaphysik stand nicht irgendein Götterkult, sondern die Lehre von dem "Einen" jenseits der Welt.
Statue eines Sera- pispriesters mit Porträtkopf Julians (moderne Kopie, um 1790 Bild: Paris, Louvre
Christentum und Platonismus vertraten damit einen ähnlichen Gottesbegriff, stellt der Philosoph Theo Kobusch von der Universität Bonn in seinem Beitrag fest. Aber der christliche Gedanke, Gott teile sich dem Menschen durch eine Offenbarung mit, war für Julian und seine Philosophenkollegen nicht nachvollziehbar. Für sie führte der Weg zum Göttlichen über Erkenntnis und Selbsterkenntnis. Das war nicht nur ein theoretischer Unterschied, sondern hatte auch soziale Implikationen. Kobusch zitiert den Kirchenvater Origenes, der festgestellt hatte, die christlichen Prediger kochten "für die Menge", während Platon dasselbe Gericht würze, um den feinen Leuten zu gefallen – jenen, die, entlastet von der Arbeit, sich dem Denken widmen könnten.
Eine Opposition also, aber eine Opposition auf gemeinsamer Grundlage. Ein paar Jahrzehnte nach Julian befand Augustinus, niemand sei den Christen so nahe wie die Platoniker; nochmals anderthalb Jahrtausende später brandmarkte Friedrich Nietzsche, sozusagen von der Kehre her, das Christentum als einen "Platonismus fürs Volk". Der Heidelberger Philosoph Jens Halfwassen bringt ein verblüffendes Beispiel für die neuplatonischen Bemühungen, Philosophie und Religion miteinander zu versöhnen. Porphyrios, ein hellenisierter Syrer, der mit den religiösen Traditionen seiner Zeit, einschließlich dem Christentum, eng vertraut gewesen sein muss, nahm eine Götterdreiheit in seine Philosophie auf, berief sich auf ein religiöses Gedicht aus dem 2. Jahrhundert. Die darin gepriesene Götterdreiheit von "Vater", "Macht" und "Geist" identifizierte er mit einer Dreiheit von Begriffen aus einem Dialog Platons: "Sein", "Leben" und "Geist". Christliche Theologen griffen solche Gedanken zur Ausbildung der Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit auf, noch Hegel in seiner philosophischen Dialektik nahm darauf Bezug.
Nur eine von vielen Querverbindungen. Beinahe möchte man sich wundern, dass es unter Kaiser Julian dennoch zum Konflikt zwischen Philosophie und Christentum kam. Zwei Gründe hat Halfwassen in Porphyrios’ fragmentarisch überlieferter Schrift "Gegen die Christen" ausgemacht. Erstens musste der christliche Absolutheitsanspruch, der keinen anderen Weg zur Erlösung als das Bekenntnis zu Jesus Christus anerkennen wollte, von einem Philosophen missbilligt werden. Zweitens erschien der Glaube an die Menschwerdung Gottes in diesem einen Menschen als grobe Vermenschlichung; dergleichen wäre allenfalls in allegorischer Auslegung akzeptabel gewesen. Aber genau das lehnten die christlichen Theologen vehement ab; sie wollten die Aussagen des Neuen Testaments wörtlich verstanden wissen.
Münze Kaiser Julians, um 361 Bild: Jürgen K. Schmidt Collection
Julian muss es ähnlich gesehen haben wie Porphyrios. Die kaiserliche Schrift "Gegen die Galiläer" brachte eine lange Variationenreihe dieser Dissenspunkte. Die Annahme der Bibel, der Weltschöpfer habe das jüdische Volk auserwählt, sei in sich widersprüchlich, zitiert der Kölner Philosoph Jan Opsomer; offenbar handele es sich in Wirklichkeit um eine lokale Gottheit. In einem anderen Fragment, das Kobusch anführt, bringt Julian sein Unverständnis gegenüber der christlichen Idee der Sündenvergebung zum Ausdruck, indem er Jesus die Worte in den Mund legt: "Verführer, Mörder, Tempelschänder, Verbrecher, kommt getrost herbei. Ich will euch rasch reinigen, indem ich euch in diesem Wasser wasche." Kurzum: Aus Julians Sicht war das Christentum sowohl unlogisch als auch unmoralisch.
Oder, sozialkritisch gewendet, ein Angebot bloß an die Unbedeutenden und Schwachen in der Gesellschaft, psychologisch gesagt: ein Appell an das Ressentiment – die Nähe dieser elitären neuplatonischen Christentumskritik zu Friedrich Nietzsche, schreibt Dirk Cürsgen von der Ruhr-Universität Bochum, ist nicht zu übersehen. Kaiser Julian folgerte aus diesen Unterschieden, alle anderen religiösen oder philosophischen Schulen könnten in "seine" Religion integriert werden, das Christentum müsste außen vor bleiben. Aber die Verwandtschaft dieser "heidnischen" Kirche zum Christentum bleibt unverkennbar: Von den Priestern verlangte Julian, sich "nicht nur von unreinen Werken und zuchtlosen Handlungen, sondern auch von deren Aussprechen und Anhören rein zu halten". Nicht gerade ein Beleg dessen, was man sich landläufig unter heidnischer Sinnenfreude vorstellt ...
Viele der alten Mythen und Kulte waren für eine derart moralisch Religion aber nur zu retten, wenn man sie "allegorisch" uminterpretierte. Die Alten, zitiert Martin Bose, Philologe an der LMU München, aus einer von Julians Götterhymnen, hüllten ihre Aussagen "in Mythen, damit wir durch die Seltsamkeit und das Widersprechende die Erdichtung entdecken und dadurch zum Aufsuchen der Wahrheit angeregt werden sollten". Als intellektuelles oder poetisches Spiel wollte Julian seine Theologie dennoch nicht aufgefasst sehen; der Politiker Julian brauchte eine organisierte Gemeinde, eine Art von Kirche. Dabei war ihm durchaus bewusst, dass gerade "die Fürsorge für die Armen und die Schwächsten der Gesellschaft", so der Marburger Philologe Klaus Bringmann, den Aufstieg des Christentums begünstigt hatte. Dementsprechend war der Kaiser bemüht, so Matthias Perkams, Theologe an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, auf "heidnischer" Seite eine der christlichen Nächstenliebe analoge Praxis zu begründen, und bemühte sich tatkräftig um das, was wir heute Sozialpolitik nennen würden.
Münze Kaiser Julians, um 361 Bild: Heinz-Joachim Krenzer
Von der mangelnden Resonanz bei der Bevölkerung war er bitter enttäuscht. Zur Wiedereinweihung eines restaurierten Apollontempels bei Antiochia, erzählt der Münchner Philologe Markus Janka, erschien ein einziger alter Priester. Die Geschichtswissenschaft kann die Frage nicht beantworten, zuckt Bringmann die Achseln, "ob er mit seiner Religionspolitik zum Ziel gelangt wäre, wenn seine Alleinherrschaft nicht zwanzig Monate, sondern vierzig Jahre gedauerte hätte". Als Ritter einer von vornherein verlorenen Sache, im besten Fall Mitleid erweckend, so ist Julian der Nachwelt im Gedächtnis geblieben. Von kirchlichen Geschichtsschreibern wurde er Jahrhunderte lang in den Abgrund der Hölle verdammt, und das, obwohl es unter seiner Herrschaft nicht zu blutigen Verfolgungen kam.
Im Grunde, so Cürsgen, war es sogar Julians Toleranz, die die Christen gegen ihn aufbrachte – seine Toleranz auch gegenüber Abweichlern innerhalb der christlichen Kirche, während sein Onkel Konstantin, selbst gar nicht getauft, bereits damit begonnen hatte, "Ketzer" zu unterdrücken. Sicherlich verband er damit die Hoffnung, die christliche Kirche würde sich durch innere Kämpfe selbst zerfleischen. Aber wie Julians Briefe ausweisen, muss Toleranz diesem Philosophen ein Herzensbedürfnis gewesen sein. Der französische Essayist Montaigne spürte darin eine Verwandtschaft zum Christentum, der Philosoph Voltaire würdigte ihn als einen Vorläufer der Aufklärung.
Dem Philosophen – aber war Toleranz auch dem Politiker ein Bedürfnis? Da liegt, wie der Sammelband demonstriert, ein schwieriges Interpretationsproblem. Mit seinem berühmt-berüchtigten Edikt von 362 verhängte Julian über Christen eine Art Berufsverbot für das Lehramt an Grammatik- und Rhetorikschulen. Die höheren Bildungsanstalten sollten, so Bringmann, "zu heidnischen Gesinnungsschulen gemacht werden". Oder umgekehrt betrachtet: Gläubige Christen sollten von der höheren Bildung ausgeschlossen werden. Cürsgen vermutet freilich, dass gerade diese Drohung das Christentum in der Folge um so stärker motiviert hat zu zeigen, "dass es die Leistungen der Antike erhalten und integrieren konnte". Die von dem Philosophen Julian gepredigte Toleranz freilich, auch wenn der Kaiser Julian sie nur sehr relativ politisch praktizierte, gehörte durch viele Jahrhunderte Kirchengeschichte nicht zu jenen Gütern, die als erhaltenswert galten.
Neu auf dem Büchermarkt: Kaiser Julian "Apostata" und die philosophische Reaktion auf das Christentum, herausgegeben von Christian Schäfer, Walter de Gruyter, Berlin – New York 2008, ISBN 978-3-11-020541-1, 68,- €
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