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10.06.2009 - IDEENGESCHICHTE
Antikenbegeisterung in der Goethezeit
Vom kosmopolitischen Humanismus des 18. zur deutschen Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts
von Josef Tutsch
 | | Johann Joachim Winckelmann, Ge-
mälde von Raphael Mengs
Bild: Mus. of Modern Art, New York
| | | Totgesagte leben länger, so sagt der Volksmund. Zum Beispiel der Schulunterricht in den alten Sprachen Griechisch und Latein wurde bereits vor über zweihundert Jahren für tot erklärt, wie ein Vers aus den von Goethe und Schiller um 1795 gemeinsam verfassten "Zahmen Xenien" belegt: "Tote Sprachen nennt ihr die Sprache des Flaccus und Pindar, und von beiden nur kommt, was in der unsrigen lebt." Damals bereits galten das Lateinische und das Griechische (die Sprachen der Dichter Quintus Horatius Flaccus und Pindar) vielen als "tot" und damit als unnützer Bildungsballast. Goethe und Schiller freilich wollten es anders sehen. Nicht nur in Deutschland, stellt der Althistoriker Veit Rosenberger von der Universität Erfurt fest, lässt sich für die Zeit um 1800 eine "verstärkte Antikenbegeisterung" feststellen – vielleicht die letzte in der Reihe jener "Renaissancen", die Europas Kultur seit dem frühen Mittelalter immer wieder angeregt haben.
Enthusiasmus für eine ganz bestimmte, als ideal hochgehaltene Epoche der Vergangenheit ausgerechnet zu einer Zeit, die ansonsten durch die politische und die industrielle Revolution geprägt war ... Die Kultur- und Sozialwissenschaftler der Universität Erfurt haben eine Forschergruppe versammelt, um diese Begeisterung für die "Ideale der Alten", wie sie damals im Umkreis der Weimarer Klassik gepflegt wurde, unter verschiedenen Aspekten zu beleuchten – kein umfassender Überblick, aber ein Ansatz zur Revision überkommener Vorurteile. Erster Eindruck nach der Lektüre des Sammelbandes mit den Beiträgen der Tagung in Gotha 2006, der jetzt erschienen ist: Von einer "tyranny of Greece over Germany", wie sie 1935 die englische Germanistin Eliza Marian Butler konstatieren wollte, kann zumindest für diese Epoche wohl doch nicht die Rede sein. Aus der Antike wurden, je nach Interesse ganz verschiedene Zeitabschnitte als Vorbilder aufs Podest gehoben: Homer, das klassische Athen, der Hellenismus, die römische Republik, das römische Kaiserreich ... oder auch, vom "klassischen" Altertum aus gesehen, etwas abseitig, das alte Ägypten. Und oft wurden die antiken Zitate mit orientalischen oder mittelalterlichen gemischt.
Die Forscher haben sich auf Deutschland konzentriert; aber auch ein internationaler Vergleich könnte die These von der "tyranny" als fraglich erscheinen lassen: Die Lossagung der amerikanischen Kolonien von der britischen Krone zwei Jahrzehnte vor jenem Vers von Goethe und Schiller wurde mit Fällen aus der antiken Verfassungsgeschichte legitimiert, auch die Diskussion um die Rechte der Einzelstaaten in der neuen Verfassung wurde immer wieder mit antiken Beispielen illustriert. Der Unterschied zwischen Deutschland einerseits, den westeuropäischen Ländern und Nordamerika andererseits, besteht wohl eher darin, dass die deutschen Verhältnisse zunächst nur eine ganz und gar unpolitische Antikenrezeption zuließen. Und als das Interesse für das klassische Altertum Mitte des 19. Jahrhunderts mit der deutschen Nationalbewegung zusammenfloss, führte auch das nicht zu einer Verwestlichung.
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Johann Wolfgang von Goethe Gemälde von Gerhard von Kügelgen Bild: Tartu Univ. Libr.
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Der Jenaer Latinist Volker Riedel hat den entscheidenden "Höhe-, Wende- und Endpunkt der klassischen deutschen Antikenrezeption" freilich bereits für das Jahr 1805 ausgemacht, und das im Schaffen ihres berühmtesten Repräsentanten, Johann Wolfgang von Goethe. In den Jahren zuvor hatte Goethe mehrfach versucht, die bildenden Künstler seiner Zeit durch Preisausschreiben und Ausstellungen zu einer Orientierung an der griechischen Kunst zu drängen. Am Ende musste er sein Scheitern einsehen: "Das Entgegengesetzte von unseren Wünschen und Bestrebungen tut sich hervor", ist in einer Notiz zu lesen. Goethes Schrift vom Mai 1805 über "Winckelmann und sein Jahrhundert", so Riedels These, erweist sich als "Bekenntnis und Revision" in einem: Bekenntnis zur Antike und zu Johann Joachim Winckelmann, dem 1768 verstorbenen Programmatiker des Klassizismus, und Revision der Hoffnung, diese Kunstblüte in der Moderne wiederholen zu können.
Es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass der Dichterfürst mit solchen Hoffnungen doch etwas naiv gewesen sein müsste. Nicht dass Goethe die Bedingtheit, Veränderlichkeit und Vergänglichkeit historischer Phänomene nicht bewusst gewesen wäre; aber erst die Schrift von 1805 zeigt, dass es ihm gelungen war, diese Erkenntnis innerlich anzunehmen, offenbar unter Schmerzen anzunehmen. Dass Winckelmann als ein Vertreter der Moderne den "Alten" relativ nahegekommen sei, führte Goethe auf drei ganz und gar individuelle, historisch zufällige Momente zurück: Erstens sein "Bedürfnis der Freundschaft unter Personen männlichen Geschlechts" (gemeint war: Winckelmanns homoerotische Veranlagung). Zweitens seinen ausgeprägten Sinn für Schönheit und Kunst, einschließlich der Vermenschlichung der Götter. Drittens seine Souveränität gegenüber der Religion, seine "Entfernung von aller christlichen Sinnesart".
In diesem dritten Punkt lag zweifellos eine Spitze gegenüber den romantischen Zeitgenossen, die im Gegenzug zur Französischen Revolution ihr Interesse am Religiösen wieder entdeckt hatten. Aber Goethe, so Riedel, vermied es, eine Abrechnung mit den Romantikern daran zu knüpfen. Er betonte das Historische, sowohl an der Antike selbst wie auch an Winckelmann, und selbst der Titel "Winckelmann und sein Jahrhundert" gewinnt von daher ein Doppelgesicht: Verklärung, gewiss, aber ein verklärender Rückblick.
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Christoph Martin Wieland, Gemäl- de von Ferdinand Jagemann Bild: Wikipedia |
Zeitgenossen, die nicht derart auf Kunst und Dichtung fixiert waren, wird eine solche Verklärung auch damals schon unverständlich gewesen sein. Der Kölner Althistoriker Frank Daubner zitiert den Romancier Christoph Martin Wieland: Die Griechen seien "am Ende doch ein wahres luftiges Lumpengesindel gewesen und könnten die Hochachtung nicht verdienen, die man ihnen gerade jetzt zollte". Aber auch Wieland stellte die Frage: "Woher mag es wohl gekommen sein, dass griechische Künstler diese schönen Werke, die man Ideale zu nennen pflegt, hervorbringen konnten?" Es lasse sich doch "schwerlich ein Grund erdenken, warum nicht auch neuere Künstler eben so schöne und vielleicht noch schönere Werke als die Alten sollten hervorbringen können". Dann deutete Wieland aber, freilich höchst vage, doch einen Grund an: Voraussetzung wäre "der ganze Zusammenfluss von befördernden Umständen, von welchem die Imagination jener Alten emporgetragen wurde".
Übersetzt muss das etwa bedeuten: Die Umstände des modernen Lebens wären der Kunst nun einmal weniger günstig. Wieland scheint das nicht einmal groß bedauert zu haben; er war der Meinung, die Menschheitsentwicklung gebe in einigen Punkten durchaus Anlass, einen gewissen Fortschritt zu konstatieren. Einen ähnlichen Paradigmenwechsel – weg von der Kunst, hin zum Alltag – findet die Germanistin Renata Gambino von der Universität Palermo bei Goethes Freund, dem Schriftsteller Karl Philipp Moritz. Während Goethe von seinem Besuch in den Ausgrabungen von Pompeji 1787 nicht sonderlich angetan war und den Abstand zu seinen "klassischen" Idealen betonte, begeisterte sich Moritz für die kleinen Zeugnisse einer vergangenen Wohnkultur – Esswaren, Lampen, Musikinstrumente, eine vollständig erhaltene Damentoilette.
Aber prägend für die Antikenrezeption um 1800 war das nicht. Der Marburger Germanist Felix Saure berichtet über das in zweifacher Hinsicht höchst problematische Griechenlandbild des Wilhelm von Humboldt. Die klassische Antike diente Humboldt als positives Alternativkonzept zur Gegenwart, der er Entfremdung des Staatsapparats vom Individuum vorwarf. Der antike Grieche, schrieb Humboldt, fuhr, "indem er an den Geschäften des Staates teilnahm, nur fort, sich selbst höher und vielseitiger auszubilden". Mit diesem Ideal wurde Humboldt zu einem der Ahnväter des modernen Liberalismus; aber erstens war dieses Antikenbild eine historisch ganz und gar unhaltbare "Projektion", wie auch Humboldt selbst genau wusste. Mit den Fakten etwa der archäologischen Forschung, schrieb er einmal an Goethe, könne lediglich "ein Gewinn für die Gelehrsamkeit auf Kosten der Phantasie" erzielt werden.
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Wilhelm von Humboldt Bild: Wikipedia
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Und zweitens konstruierte Humboldt eine angebliche Geistesverwandtschaft zwischen Griechen und Deutschen, die sich fatal auswirkte. Unter den modernen Sprache sei die deutsche der griechischen am ähnlichsten; darum seien nur die Deutschen in der Lage, griechische Bildung "treu aufzufassen und tief zu fühlen". Die zersplitterte Staatlichkeit Deutschlands wurde zu einem Positivum umgemünzt: Auch die alten Griechen hatten niemals zu einem Einheitsstaat gefunden. Humboldt, resümiert Saure, war der erste, "der konsequent die exklusive Verbindung der Deutschen zu den Griechen entwickelte"; der kosmopolitische Anspruch, den Winckelmanns Hellas-Begeisterung besaß, wurde aufgegeben.
Welche Wirkung Humboldts Konzept über Gymnasium und Universität auf die deutschen Eliten hatte, ist bekannt. Nur der Preis, den er für die Griechennähe seiner Deutschen zu zahlen bereit war, ihre staatliche Ohnmacht, wurde bald vergessen. Es wird nicht bloß wissenschaftliches Interesse gewesen sein, wenn sich der Historiker Johann Gustav Droysen mit dem Reich Alexanders des Großen und dem Hellenismus beschäftigte. Die Eroberung Griechenlands durch den Makedonenkönig Philipp, stellt der Bielefelder Althistoriker Stefan Rebenich fest, war "Vorbild für ein unter preußischer Initiative geeintes Deutschland", sein Sohn, der "Heldenjüngling" Alexander, "trug das Prinzip der Freiheit, das ein aufklärerischer Egoismus und ein destruktiver Partikularismus in Hellas selbst zerstört hatten, in die Weite des Orients und schuf dort eine neue Ordnung".
Das alte Griechenland aus der Perspektive und nach den Maßstäben des entstehenden preußisch-deutschen Nationalstaats betrachtet: Das war der Ausgang jener "Ideale der Alten", von denen die "klassische" Epoche um 1800 geträumt hatte. Rebenich stellt klar, dass mit diesem Wandel der Umstände eine Veränderung der Wissenschaftstheorie einherging. Das aufklärerische Pathos der Unparteilichkeit war Droysen fremd geworden. Sein Glaubensbekenntnis, formuliert in einem Brief von 1858, lautete: "Scharf machen ist das Allernotwendigste; was meiner Partei gehört, dient, hilft, das ist gut, alles andere hat relativen Sachwert."
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Johann Gustav Droysen Bild: Wikipedia
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Ein Satz, der erschrecken muss, nachdem wir im 20. Jahrhundert reichlich erfahren haben, was Wissenschaftler alles zu ihrer "Partei" oder Sache machen können. Aber für Droysen war es die praktische Konsequenz aus der Selbstreflexion von Wissenschaft, wie die Philosophen sie seit Immanuel Kants "Kritik der reinen Vernunft" unternommen hatten. "Das Gegebene für die historische Forschung", schrieb Droysen, "sind nicht die Vergangenheiten, denn diese sind vergangen, sondern das von ihnen in dem Jetzt und Hier noch Unvergangene." Und das Urteil, was als "unvergangen" gelte sollte, konnte sich der Forscher durch keine Autorität abnehmen lassen. Und damit, so Rebenich, "verlor die Epoche des Altertums ihre weltgeschichtliche Sonderstellung".
Goethe, ausgerechnet Goethe, scheint diese Wendung vorausgeahnt zu haben. "Und doch lässt sich die Gegenwart ihr ungeheures Recht nicht rauben", heißt es in den "Wahlverwandtschaften" von 1809 – geschrieben zu einer Zeit, wo der Dichter sich bereits daran gewöhnt hatte, die "Ideale der Alten" aus historischer Distanz zu betrachten.
Neu auf dem Büchermarkt: "Die Ideale der Alten". Antikerezeption um 1800, herausgegeben von Veit Rosenberger, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-515-09000-1, 44,- €
Mehr im Internet: Neuhumanismus - Wikipedia
scienzz Dossier Gesichter der Goethezeit
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur, Mitglied von scienzz communcation
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