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19.06.2009 - RELIGIONSGESCHICHTE

Die Tugend an der Herrschaft

Ein Schweizer Historiker über Johannes Calvin und die Reformation in Genf

von Josef Tutsch

 
 

Johannes Calvin, Gemälde
von einem unbekannten
Künstler - Bild: Musée
dÄArt et d'Histoire, Genf

Anderthalb Jahrzehnte nach dem Tod des Genfer Reformators Johannes Calvin 1564 bereiste ein italienischer Jesuitenpater inkognito die Stadt an der Rhone. Was er dort beobachtete, hätte dem frommen Katholiken eigentlich gefallen müssen: "Während meines dreitägigen Aufenthalts hörte ich nicht ein einziges Mal Gotteslästerungen, unziemliches Schwören oder auch nur ungehörige Reden." Das reformierte Genf, ein Hort der Tugend? Der Ordensmann fand eine andere Erklärung: Der Teufel sei am Werk, der zur Verführung der Seelen eine heilige Stadt vortäusche.

Der Teufel ... Auch Calvin selbst bemühte ihn immer wieder gern, wenn er Gegner an den Pranger stellen wollte. Volker Reinhardt, Historiker an der Universität Fribourg, hat die Geschichte der Genfer Reformation um die Mitte des 16. Jahrhunderts in seinem neuen Buch nachgezeichnet, das pünktlich vor dem 500. Geburtstag des Reformators am 10. Juli erschienen ist. Eine Geschichte der Überwindung von Widerständen. "Wenn es einen Ort gibt, wo das Wort Gottes verachtet wird, dann hier", wetterte Calvin 1553 in einer Predigt, als die städtischen Behörden sich seinen Wünschen wieder einmal nicht fügen wollten. "Diejenigen, die wie rasende Teufel sind" – gemeint waren die Stadträte, die ihn zwölf Jahre zuvor gebeten hatten, die Organisation der Genfer Gemeinde zu übernehmen –, "haben sich an Satan verkauft, um seine Schlachten gegen Gott zu schlagen!"

Die Stadt war widerspenstig. Oder, in Calvins Sicht: dem Laster verfallen. Calvin und seine Mitarbeiter, großenteils protestantische Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, wollten sie nach ihrem Willen, den sie mit dem Willen Gottes identifizierten, radikal umformen. Reinhardt spricht von einer "Tyrannei der Tugend", in Anspielung auf eine berühmte Passage in Hegels Geschichtsphilosophie über die Schreckensherrschaft in der Französischen Revolution. Die Tugend, schrieb Hegel, bringe, wenn sie an die Regierung gelangt sei, "die fürchterlichste Tyrannei mit sich". Das hätte auch über die Genfer Reformation des Johannes Calvin geschrieben sein können, mit dem Unterschied freilich, dass Robespierre "Tugend" als politisches Prinzip meinte; Calvin dachte an eine umfassende Regulierung des gesamten Lebens, gerade jener Bereiche, die wir heute als privat ansehen.

Calvins Predigtkirche, die
Kathedrale St-Pierre
Bild: Zeke

Eine Tyrannei mit gutem Gewissen, versteht sich. Der moderne Gedanke, es könne in moralischen und religiösen Fragen verschiedene Ansichten der "Wahrheit" geben, war dem 16. Jahrhundert noch völlig fremd, vermerkt Reinhardt. Mit besonderem Interesse widmeten sich die Reformatoren der Sexualmoral. 1566 wurde in Genf für Ehebruch die Todesstrafe eingeführt – übrigens mit Vorbildwirkung für Europa; in den 1580er Jahren wollte Papst Sixtus V. in Rom dieses Beispiel nachvollziehen. Homosexuelle Praktiken wurden ohnehin mit Verbrennung geahndet. Als 1554 einige schulpflichtige Knaben bei "widerwärtigen und hassenswerten Dingen" erwischt wurden, plädierte Calvin für den Tod durch Ertränken. Die weltlichen Gerichte freilich ließen Milde walten und verhängten Prügelstrafen. Die älteren Schüler wurden zusätzlich "in effigie", also im Bild, verbrannt.

Dieser Unterschied ist bezeichnend für die innenpolitischen Kämpfe jener Zeit: Die Prediger drängten auf immer rigidere Kontrolle; die führenden Familien der Stadt versuchten sich in zähen Rückzugsgefechten, weil sie die Moralhoheit der Geistlichkeit eigentlich nicht akzeptieren wollten. Wie Reinhardts Studie demonstriert, ist es der "compagnie des pasteurs" niemals gelungen, die weltliche Justiz völlig unter ihre Kontrolle zu bringen. Aber in einigen Fällen wurden Ehebrecher bereits vor 1566 zum Tod verurteilt und hingerichtet, also zu einer Zeit, wo eine Rechtsgrundlage noch gar nicht gegeben war. Dabei scheint Calvin, wenn er mit seinem Gewissen allein war, sich zuviel Milde vorgeworfen zu haben. Und die weltlichen Behörden prangerte er erst recht wegen ihres mangelnden Verfolgungseifers an. Ein neu beschlossenes Gesetz zur Moralkontrolle gehe "keineswegs weit genug", schrieb er einmal, sei jedoch "im Verhältnis zur Erschlaffung unserer Zeit einigermaßen erträglich". Und an anderer Stelle: "Ich weiß nicht, warum sie (die Genfer) mich der Härte bezichtigen."

Tanzvergnügen und Kartenspiel wurden verboten. Schon unehrerbietige Äußerungen über die "ministres évangéliques" zogen Gefängnis nach sich. In Fragen, um die sich die weltlichen Behörden nicht kümmerten, schalteten und walteten die Prediger sowieso ungeniert nach eigenem Gutdünken, ohne Rücksicht auf das, was die Genfer als ihre Tradition hochhalten wollten. Es wurde eine Liste verbotener Vornamen erstellt – die als Namenspatrone so beliebten Heiligen waren verpönt; erlaubt waren nur noch Namen, die in der Bibel vorkamen. So konnte es geschehen, dass ein stolzer Vater mit einem kleinen Claude zur Taufe in die Kirche kam und mit einem Abraham wieder abzog. Begreiflich, dass ein aufmüpfiger Genfer auf die Idee verfiel, seinen Hund "Calvin" zu nennen. Die Geistlichkeit setzte daraufhin durch, dass jeder Haushalt einmal im Jahr visitiert werden musste, mit ausführlichen Examina für alle Angehörigen in Glaubensfragen.

Calvins Stuhl in der Kathedrale
Bild: Nauticashades

Reinhardt hat gezählt, dass in Calvins letzten Lebensjahren über etwa 200 Personen jährlich die Exkommunikation, also der Ausschluss vom Abendmahl, verhängt wurde. Das bedeutete jeweils für etwa 1 Prozent der Bevölkerung die soziale Ächtung. Natürlich fragt man sich, warum die Genfer diese "Tyrannei der Tugend" dennoch erduldet haben. Reinhardts Antwort klingt so plausibel wie banal: "Eine Rückkehr zum alten Glauben kam selbst für die ärgsten Feinde Calvins nicht in Frage" – schon deshalb nicht, weil das die mühsam errungene Unabhängigkeit der Stadt von ihrem Bischof, aber auch von dem mächtigen Nachbarn Savoyen akut gefährdet hätte. "Und Personal für eine moderatere Kirche war schwer zu finden" – jene Geistlichen, die in den Jahren vor Calvins Einzug in Genf die Reformation betrieben hatten, waren als Gemäßigte großenteils mit Schimpf und Schande entlassen worden.

Und mit der Zeit wurden die Genfer wohl auch stolz auf "ihre" Reformation, die längst zum Exportartikel geworden war. Glaubensflüchtlinge aus Frankreich wurden in Genf zu Theologen ausgebildet und kehrten verkleidet in ihre Heimat zurück, um dort das Evangelium zu predigen. In Calvins letzten Jahren und unmittelbar danach, stellt Reinhardt aufgrund einer Auswertung von Statistiken fest, wurde der Druck zur Anpassung am intensivsten empfunden, ließ dann aber allmählich nach. So kehrten Anfang des 17. Jahrhunderts in den Taufregistern die von den Genfern so geliebten Heiligennamen zurück; schon in den 1570er und 1580er Jahren stieg die Zahl der unehelichen Geburten, die zuvor mit 0,12 Prozent einen legendären Tiefstand erreicht hatte, langsam wieder an.

Offenkundig war die Tyrannei der Tugend nicht sehr nachhaltig. Die Reformatoren der ersten Stunde hätten sich in einem fürchterlichen Verdacht bestätigt gesehen: Die Abwendung vom Laster sei mehr Schein als Sein, bloße Heuchelei. "Da die Bösen jetzt der Verachtung preisgegeben waren", schrieb ein zeitgenössischer Chronist, "widmete sich jeder mit Eifer dem Dienst Gottes, und zwar selbst die Schar der Heuchler." Eine merkwürdige Gemeinsamkeit mit dem Gedanken jenes Jesuitenpaters, in der scheinbar so frommen Stadt sei der Teufel am Werke ... Reinhardt zieht die Linie von dem Immigranten Calvin zu einem geborenen Genfer zwei Jahrhunderte später, Jean-Jacques Rousseau: "Dass das Fortschreiten der Zivilisation ein Prozess der Entfremdung ist, der den Menschen zwingt, Masken zu tragen und seine natürlichen Anlagen zu verleugnen – wer anders als ein Bürger der Stadt Calvins konnte so ungeheuerliche Thesen vertreten?"

Calvin, von René Boyvin
Bild: Bibliothèque de Genève

Menschen von heute werden sich bei der Lektüre von Reinhardts Schilderung eher an das erinnert fühlen, was die Zeitungen gelegentlich aus dem Iran der Mullahs und Ayatollahs melden. Aber Reinhardt, Spezialist für die Schweizer Geschichte, hat jeden Vergleich vermieden, wohl in der Einsicht, dass hierzu eine genauere Kenntnis der iranischen Zustände nötig wäre. Auch ohne solche Aktualitäten bleibt es schwer genug, sich den Blick auf das Genf des 16. Jahrhunderts nicht durch Sympathien oder Abneigungen trüben zu lassen. "Wer Partei nimmt, färbt die Vergangenheit mit eigenen Ideen ein", stellt Reinhardt kühl fest, "nicht selten bis zur Unkenntlichkeit."

Und dann sind die Wirkungen der Genfer Reformation auch noch so verwirrend uneindeutig. Calvins Genf war beileibe keine Demokratie. Aber die theologische Aussage, Gott könne den Auftrag vergeben, "eine mit Schande befleckte Herrschaft zur Rechenschaft zu ziehen und das unterdrückte Volk aus seinem Elend und seiner Qual zu befreien", hat ihren Teil dazu beigetragen, dass in England und in Frankreich Monarchen aufs Schafott geschickt wurden. Den wachsenden Kapitalmarkt betrachteten Calvin und seine Mitstreiter mit demselben Misstrauen wie ihre katholischen und lutherischen Kollegen. Und dennoch steht der Calvinismus spätestens seit Max Webers großer Studie von 1904 im Verdacht, den "Geist" des Kapitalismus mit hervorgebracht zu haben.

Reinhardt skizziert eine etwas andere Theorie dieses Durchbruchs zur Moderne. Entscheidend ist in seiner Sicht Calvins Auffassung des dem Menschen von Gott verliehenen "Amtes, das Pflichterfüllung bis zur völligen Selbstaufgabe verlangt", ohne Privilegierung der eigenen Person oder der Familie. Das Selbstverständnis der alten Eliten, die sich über Erblichkeit definierten, musste durch diese neue Form der Askese ausgehöhlt werden. In der Theologenausbildung, wie Calvin sie in seiner Genfer Akademie institutionalisierte, zeigte sich ein deutlicher Kontrast zur römischen Kurie: Nur wenige der Kardinäle und Päpste dort waren Theologen. So betrachtet, meint Reinhardt, sei die Erbschaft des Calvinismus an die Moderne eigentlich nicht Individualisierung gewesen, sondern im Gegenteil "Anonmyisierung".

Michel Servet, von Christian F.
Fritzsche - Bild: Bibl. Nat., Paris

Man könnte auch sagen: Erst durch den Reformator Johannes Calvin, der die völlige Sündenverfallenheit des Menschen gepredigt hatte, lernte das Individuum, seinen Stolz in der Identifikation mit einer überindividuellen, von Gott übertragenen (säkular gesprochen: selbst gewählten) Aufgabe zu suchen. Mit der Zeit kamen statt der Predigt des Evangeliums auch Aufgaben in Wirtschaft und Politik in Frage. Oder
in der Wissenschaft. Auch ein moderner Historiker, der um der Erkenntnis der Vergangenheit willen von persönlichen, politischen, weltanschaulichen Sympathien und Antipathien absehen will, steht in der Erbschaft von Calvins Idee einer innerweltlichen Askese.


Neu auf dem Büchermarkt:
Volker Reinhardt: Die Tyrannei der Tugend. Calvin und die Reformation in Genf,
Verlag C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-57556-4, 24,90 €



Mehr im Internet:
Johannes Calvin - Wikipedia

scienzz Dossier Christentum zwischen Reformation und Aufklärung


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur,
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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