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08.07.2009 - RELIGIONSGESCHICHTE
Ein neues Jerusalem an der Rhone
Vor 500 Jahren wurde der Reformator Johannes Calvin geboren
von Josef Tutsch
 | | Johannes Calvin (1509-1564),
von René Boyvin
Bild: Bibliothèque de Genève
| | | Wenn Jacopo Sadoleto, Bischof von Carpentras in der Provence, geahnt hätte, welche welthistorische Entwicklung er da lostrat … 1541, Martin Luthers Thesenanschlag in Wittenberg lag noch kein Vierteljahrhundert zurück, schrieb er einen Brief an die Bevölkerung der Stadt Genf: Die frommen Bürger sollten sich nicht weiter durch die protestantischen Prediger verführen lassen und ihr ewiges Heil gefährden; statt dessen möchten sie in die Einheit der katholischen Kirche zurückkehren. Sadoletos Brief muss in Genf Eindruck gemacht haben. Der Stadtrat wusste nicht recht, wie er damit umgehen sollte, und bat den Straßburger Professor für biblische Studien, Johannes Calvin, eine Antwort zu formulieren. Was Calvin zu Papier brachte, war derart überzeugend, dass der Rat ihn wenig später ersuchte, die Leitung der Genfer Gemeinde zu übernehmen. Der Gast blieb bis zu seinem Tod 1564. Von Genf aus trat das, was wir heute "Calvinismus" nennen, seinen Siegeszug um die Welt an. Vor allem der nordamerikanische Puritanismus wird bis heute wesentlich durch die Theologie Calvins geprägt.
Dabei konnte der Professor nicht einmal ein reguläres theologisches Studium, geschweige denn ein theologisches Examen vorweisen. Calvin, mit französischem Namen Jean Cauvin, der am 10. Juli 1509, vor fünfhundert Jahren, in dem Städtchen Noyon in der Picardie geboren worden war, hatte juristische und humanistische Studien absolviert. Um 1532 hatte er sich in Paris der Lehre Luthers zugewandt. Als in den Jahren darauf in Frankreich mehrere Evangelische hingerichtet wurden, musste Calvin fliehen. Die französische Regierung, schrieb er später, habe "ein paar verlogene Schriften verbreiten lassen, wonach die grausamen Verfolgungen nur Ketzer und Aufrührer träfen, die mit ihren verkehrten Lehren die Religion und die ganze staatliche Ordnung zu zerstören suchten". "Da wäre es unentschuldbar gewesen, hätte ich geschwiegen und nicht nach Kräften Widerspruch erhoben."
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Calvins "Unterweisung in der christlichen Re- ligion", Genf 1559 Bild: Wikipedia
| Im Grunde, so sah es Calvin, war es Gott selbst, der ihn, ähnlich wie die Propheten des Alten und die Apostel des Neuen Testaments, berufen hatte. "Gott hat mich stets so herumgeführt, dass es mir nie vergönnt war, zur Ruhe zu kommen, bis er mich schließlich – ganz gegen meine Neigung – ins hellste Licht zog." Das "hellste Licht", das war das heilige Experiment, mit dem sich Calvin in seiner zweiten Lebenshälfte befassen durfte, die Organisation der Genfer Gemeinde nach den Vorschriften der Bibel. Vorangegangen waren lange Jahre der Wanderschaft durch Frankreich, Italien und Deutschland, immer mit dem Bewusstsein, dass mancherorts auf den Scheiterhaufen der Inquisition die Märtyrer starben. Und daneben entstand in Jahrzehnte langer Arbeit jene monumentale Schrift, durch die Calvin zu einem der repräsentativen Denker des Christentums wurde, vergleichbar mit Augustinus, Thomas von Aquin und Kierkegaard, die "Unterweisung in der christlichen Religion".
Die erste Auflage von 1536 war noch ein recht knapper Traktat zur Verteidigung der christlichen Lehre gewesen, gewidmet Franz I. von Frankreich. Calvin argumentierte, die "Frommen" wollten weder die königliche Autorität noch die Einheit der Kirche zerstören – vielleicht glaubte er tatsächlich, den König überzeugen zu können. Ein Traum von großer Politik; aber seine Wirkungsstätte wurde dann doch das viel kleinere Genf. Auch dort freilich verlief der erste Anlauf enttäuschend. 1536 hatte der Prediger Guillaume Farel den durchreisenden Calvin beschworen, ihm bei der Neuorganisation der Gemeinde behilflich zu sein. Wesentliche Entscheidungen waren zu diesem Zeitpunkt längst gefallen. 1532 hatte der Stadtrat nach dem Vorbild Martin Luthers und Ulrich Zwinglis die Reformation eingeführt, 1535 die Kirchen auch von den katholischen Bildern "gereinigt".
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Johannes Calvin, Gemälde von einem unbekannten Künstler - Bild: Musée dÄArt et d'Histoire, Genf | Gemeinsam mit Farel legte Calvin nun eine solche Kirchenordnung vor, die mit ihrer Strenge gerade bei den führenden Patrizierfamilien jedoch auf Widerstand stieß. Schon 1538 kam es zum Eklat. Calvin und Farel wollten der gesamten Gemeinde ausgerechnet zu Ostern das Abendmahl verweigern, weil der Rat mit Rücksicht auf die gemäßigten Protestanten im verbündeten Kanton Bern bei der Abhaltung der Feiertage nicht allzu weit von den alten Gebräuchen abweichen wollte. Die beiden wurden der Stadt verwiesen. Drei Jahre später, nach dem Briefwechsel mit Sadoleto, war selbst das widerspenstige Patriziat bereit, Calvins strenge Kirchenzucht zu akzeptieren.
Heute lässt sich kaum noch nachvollziehen, was viele Zeitgenossen damals an dieser Genfer Gemeinde der Heiligen so fasziniert hat. Getreu mittelalterlicher Auffassung hielten Calvin und seine Mitstreiter es für selbstverständlich, dass alle Bewohner der Stadt der äußerlich sichtbaren Kirche angehören und ihr Verhalten nach deren Vorschriften ausrichten müssten. Eine "Zwangseinheit des Glaubens", wie es der Theologe Ernst Troeltsch ausgedrückt hat. Darin unterschied sich der frühe Calvinismus nicht einmal von Katholizismus und Luthertum, nur dass Calvin bemüht war, dieses Ideal der Herrschaft Gottes auch in aller Konsequenz zu realisieren. Und mit derselben Konsequenz wurde den weltlichen Behörden die Aufgabe zugewiesen, Vergehen gegen die Kirchenzucht mit Strafe zu belegen. Wer etwa nicht regelmäßig am Abendmahl teilnahm, musste mit der Verbannung rechnen, Ehebrecher gar riskierten die Todesstrafe – die enthusiastischen Anhänger des Reformators werden ihre Nachbarn sehr genau im Blick gehabt haben.
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Michel Servet, von Christian F. Fritzsche - Bild: Bibl. Nat., Paris
| Zu einer Verschmelzung von geistlicher und weltlicher Autorität wie im Wiedertäuferreich von Münster in den 1530er Jahren ist es in Genf jedoch niemals gekommen. So geht der berüchtigtste Fall von Intoleranz zu Calvins Lebzeiten, die Verurteilung und Verbrennung des spanischen Freidenkers Michel Servet 1553, auf ein prekäres Zusammenspiel beider Instanzen zurück. Servet hatte öffentlich seine Zweifel an einem christlichen Hauptdogma, der Lehre von der göttlichen Dreifaltigkeit, geäußert – Grund genug für ein Todesurteil, nicht nur aus calvinistischer, sondern auch aus lutherischer und katholischer Sicht. "Wer behauptet, dass es ungerecht sei, Ketzer und Gotteslästerer vom Leben zum Tod zu befördern, der lädt mit Wissen und Willen deren ganze Schuld auf sich", stellte Calvins Mitstreiter Theodor Beza fest.
Dem Stadtrat andererseits wird der Prozess eine willkommene Gelegenheit geboten haben, gegenüber der Außenwelt zu demonstrieren, dass die Genfer Kirchenreform ganz so unchristlich doch nicht sein könne. Calvin selbst plädierte übrigens für ein wenig "Milde": Servet solle nicht verbrannt, sondern enthauptet werden. Es war längst nicht das einzige Bluturteil. Aber wenigstens den Fall Servet haben spätere Calvinistengenerationen als schwere Belastung ihrer Tradition empfunden. 1903 errichteten reformierte Pfarrer ein Sühnemal, das dafür warb, die Haltung des Reformators aus dem Kontext seiner Zeit heraus zu verstehen: "Wir, die ehrfürchtigen und dankbaren Söhne Calvins, die einen Irrtum verurteilen, der das Wahrzeichen jenes Jahrhunderts war ..."
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Briefmarke zum 400. Todestag
| Es gehört zu den großen Paradoxien der Geschichte, dass dieser Genfer Gottesstaat dennoch in der Vorgeschichte unserer modernen, freiheitlichen Demokratie seinen Platz hat. Der Calvinismus, schrieb Troeltsch bereits vor fast einhundert Jahren, sei "diejenige Form des Christentums geworden, die heute mit der modernen Demokratisierung innerlich verwachsen ist". Freilich, wie Troeltsch gleich hinzufügte, "gegen den eigentlichen Willen" Calvins und des Calvinismus. Der Reformator hatte seinen Mitarbeitern ein quasi antiautoritäres Instrument an die Hand gegeben: den "Appell an die Volksstimmung in der Predigt". "Durch Aufreizung der Massen, auch Denunziation und Rüge ungöttlicher oder unvernünftiger Regierungsmaßnahmen arbeitete Calvin gegen die herrschenden Geschlechter."
Ein Instrument, das im Sinne heutiger repräsentativ-demokratischer Mechanismen auch seine unheimlichen Seiten hat. Und dennoch – die europäische Demokratie hat sich in Ländern mit starker calvinistischer Tradition entwickelt, in der Schweiz, den Niederlanden, England, Frankreich und den USA, nicht in Deutschland, wo Luthers Bündnis mit dem Obrigkeitsstaat die Untertanenmentalität begünstigte. Womöglich noch kontroverser diskutiert wurde in der Forschung die Frage, inwieweit der "Geist" des modernen Kapitalismus mit der calvinistischen Ethik zusammen hängen könnte. In klassischer Form hat der Soziologe Max Weber diese These formuliert. "Die Menschen werden nicht alle mit der gleichen Bestimmung erschaffen, sondern den einen wird das ewige Leben, den anderen die ewige Verdammnis vorher zugeordnet", so steht es in Calvins "Unterweisung" so trocken wie erschreckend zu lesen.
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Calvins Stuhl in der Kathedrale Bild: Nauticashades
| Wie konnten die Gläubigen die Ungewissheit ertragen, welcher dieser beiden Gruppen sie selbst gehörten? Da fand Weber bei den calvinistischen Theologen des 17. Jahrhunderts eine verblüffende Auskunft: Keineswegs mit unfehlbarer Sicherheit, aber doch mit einiger Wahrscheinlichkeit war aus dem Erfolg der sittlichen Anstrengungen eines Menschen ein Schluss auf sein Seelenheil zu ziehen. Und zu diesen sittlichen Anstrengungen konnte auch die Gewinnmaximierung zählen. Heutige Ideen- und Sozialhistoriker sehen die Zusammenhänge sehr viel komplexer, als das Weber vor hundert Jahren möglich war. Anfänge einer christlichen Rechtfertigung des Kapitalismus gab es bereits in der vorreformatorischen Kirche des späten Mittelalters. Dennoch – bei Calvins Nachfolgern wurde diese Rechtfertigung mit besonderer Konsequenz ausgebildet.
Ganz vorwissenschaftlich und natürlich anekdotisch übersteigert muss schon ein französischer Aristokrat des ancien régime, der Herzog von Choiseul, so etwas vermutet haben, als er das Bonmot zum besten gab, wenn man einen Genfer Bankier zum Fenster hinausspringen sehe, solle man ihm getrost folgen; es seien dabei mindestens 10 Prozent zu verdienen. Jeden Gedanken, eine solche Frivolität könnte etwas mit seiner Theologie zu tun haben, hätte Calvin entrüstet von sich gewiesen. Gegen Wucher predigte er mit derselben Entschiedenheit wie gegen sexuelle Vergehen oder gegen das Glücksspiel. Und natürlich gegen jede Form theologischer Häresie. Wie hätte er wohl den Kommentar des englischen Dichters John Milton zum Prädestinationsdogma aufgenommen, also zu dem Glauben, jeder Mensch sei von vornherein erlöst oder verdammt? "Mag ich zur Hölle fahren, aber solch ein Gott wird niemals meine Achtung erzwingen."
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Das Genfer Reformationsdenkmal:Guillau- me Farel, Johannes Calvin, Théodore de Bèze, John Knox - Bild: Ruth Nguyen
| Aber Calvin dachte eben nicht von den Wünschen eines autonomen, wenngleich endlichen Individuums her. Ihm ging es, mit einer Schroffheit, vor der katholische wie lutherische Theologenkollegen immer zurück geschreckt sind, um die absolute Heiligkeit und Allmacht Gottes. Daraus leitete er den Glauben an die Vorbestimmtheit menschlichen Heils oder Unheils ab, den er auch in der Bibel bestätigt fand, im Römerbrief des Apostels Paulus: "Die, die er vorausbestimmt hat, hat er auch berufen, und die er berufen hat, hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht." Zumindest in diesem Punkt der Prädestination wurde solche Schroffheit auch in der reformierten Kirche selbst nicht immer durchgehalten. So führte in Holland bereits zwei Generationen nach Calvin der Prediger Jacobus Armenius nach katholischem Vorbild den Gedanken des freien menschlichen Willens wieder in die Theologie ein.
Aber die Rigorosität, mit der Calvin seine Positionen vertrat, ist lebendig geblieben. Jene Kirchen, die sich auf den Genfer Reformator berufen, bilden heute den wahrscheinlich lebendigsten und offensivsten Teil des gesamten christlichen Spektrums. Und es wird ebenso diese Rigorosität gewesen sein, die Calvins Kirche befähigt hat, auch in einer feindlichen Diaspora zu überleben. Ein beeindruckendes Zeugnis finden Touristen in einem Turm der mittelalterlichen Stadtmauer von Aigues-Mortes im französischen Langedoc. "Résister" steht auf dem steinernen Rand eines Beobachtungslochs in dem ehemaligen Gefängnis zu lesen. Eingeritzt wurde das Wort von Marie Durand, einem fünfzehnjährigen Mädchen aus reformierter Familie, das unter König Ludwig XV. dort eingekerkert wurde. Achtunddreißig Jahre lang widerstand Marie allen Versuchen, ihr einen Widerruf ihres Glaubens abzuringen, bis sie 1767 eher zufällig von einem aufgeklärten Gouverneur entdeckt und freigelassen wurde.
Mehr im Internet: Johannes Calvin - Wikipedia
scienzz Dossier Christentum zwischen Reformation und Aufklärung
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. |
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