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21.07.2009 - GESCHICHTE

"Der Herr kennt die Seinen!"

Vor 800 Jahren massakrierten Kreuzfahrer sämtliche Einwohner der südfranzösischen Stadt Béziers

von Josef Tutsch

 
 

Die Kirche Ste-Madeleine in
Béziers. Heute erinnert eine
Gedenktafel an das Massaker
von 1209 - bild: Vpd

Die Soldaten hatten Skrupel. Ihr Auftrag lautete, die "Ketzer" zu bekämpfen; daran werden niemandem im Kreuzfahrerheer, das sich am 22. Juli des Jahres 1209, vor 800 Jahren, daran machte, die Stadt Béziers im Languedoc zu erobern, irgendwelche moralischen Zweifel gekommen sein. Aber wie konnten sie in den Straßen- und Häuserkämpfen, die da anstanden, Ketzer von den Rechtgläubigen unterscheiden? Die Soldaten fragten ihren geistlichen Beistand, den Zisterziensermönch Arnauld Amaury. Der wischte alle Bedenken wegen etwaiger "Kollateralschäden" beiseite: "Tötet sie! Der Herr kennt die Seinen!"

So jedenfalls berichtete es später Arnaulds Ordensbruder Caesarius von Heisterbach. Zwei Sätze, die in den Schatz geflügelter Worte eingegangen sind. Die Soldaten folgten der Weisung. Es war nicht das größte, sicherlich aber eines der vollständigsten Massaker der Weltgeschichte. Eine Ausrottungsaktion – kein einziger Bewohner der Stadt soll ihr entgangen sein; selbst Säuglinge wurden nicht verschont. Die Quellen sprechen von fast zwanzigtausend Toten; siebentausend Menschen wurden in der Kirche der heiligen Maria Magdalena, wo sie Zuflucht gesucht hatten, niedergemetzelt. 
 
Es war der erste Höhepunkt jenes Krieges in Südfrankreich, der als "Albigenserkreuzzug" in die Geschichte eingegangen ist. Ein Jahrhundert lang war der Begriff "Kreuzzug" den militärischen Unternehmungen im Nahen Osten vorbehalten gewesen, mit denen Ritter aus dem westlichen Europa das Heilige Land von der Herrschaft der Muslime "befreien" wollten. 1204 noch verurteilte Papst Innozenz III., dass Kreuzfahrer im Auftrag Venedigs das christliche Byzanz erobert hatten. Im Herbst 1207 jedoch rief derselbe Innozenz seinerseits zum Kreuzzug in einem Land auf, das seit Jahrhunderten katholisch war. Den Teilnehmern wurde ein sogenannter Ablass, ein Erlass oder eine Minderung ihrer Sündenstrafen im Fegefeuer, in Aussicht gestellt.

Der hl. Dominikus bei einem
Wunderwettstreit mit Katha-
rern, Gemölde von Alonso
Berruguete, um 1450
Bild: Prado, Madrid

Denn die Kirche sah ihre Herrschaft bedroht. 1144 berichtete der Zisterzienser Everwin von Steinfeld aus Köln, dort gebe es Asketen, die in radikaler Armut lebten, den Genuss von Fleisch und Milch wie auch Ehe und Fortpflanzung verweigerten; nach einer Probezeit hätten die Gläubigen dieser Sekte die Möglichkeit, zu "Auserwählten" aufzusteigen. Zwei Jahrzehnte später schrieb der Benediktiner Ekbert von Schönau, die "Katharer" (der Name bedeutet übersetzt: "die Reinen") glaubten, der Teufel sei an der Schöpfung der Welt und des Menschen beteiligt gewesen und Christus habe nur zum Schein Menschengestalt angenommen. In anderen Quellen scheint ein noch radikalerer Dualismus durch: Der gute Gott habe die unsichtbare, sein böser Gegenspieler die sichtbare Welt geschaffen. Ziel müsse es sein, die Seele aus dieser Welt zu "erlösen".

Das einzige Sakrament, das die Katharer kannten, war das sogenannte "consolamentum", die Aufnahme in den engeren Kreis der "perfecti", für die jede Art von Fleischeslust verboten war. Dabei wurde ein Eid auf das Johannesevangelium abgelegt; offenbar verstanden sich die Katharer, jedenfalls in ihrer Hauptrichtung, als Christen, ja als die "wahren" Christen. In den meisten Fällen wurde dieses consolamentum jedoch erst auf dem Sterbebett absolviert. Oft folgte darauf gleich die sogenannte "endura", der Verzicht auf Speise und Trank bis hin zum Tode.

Dass solche Ideen breiten Anklang fanden, wird zweifellos nur dadurch verständlich, dass der volle Ernst der Bekehrung hinausgeschoben werden konnte, bis in die Sterbestunde. Es sind auch Fälle belegt, dass vermeintlich Todgeweihte sich wieder erholten, consolamentum und endura widerriefen und zur katholischen Kirche zurückkehrten. Andererseits scheint die langjährige Gewöhnung an den Gedanken eines freiwilligen Ausstiegs aus der Welt bei vielen Katharern eine Opferbereitschaft gefördert zu haben, der auch den Inquisitoren widerwilligen Respekt abnötigte. Jedenfalls eröffnete die katharische Ethik die Möglichkeit, bis kurz vor dem Tod ohne allzu weitgehende Verpflichtungen als "gläubiger" Laie zu leben.

Vertreibung der Ketzer aus Carcas-
sonne, französische Buchmalerei,
14. Jh. - Bild: Wikipedia

Vieles an diesen Lehren war den Theologen aus Schriften der Kirchenväter wohl vertraut. Wie es dazu gekommen ist, dass sie im 12. Jahrhundert in Westeuropa wieder auftauchten, gehört bis heute zu den unaufgeklärten Rätseln der Ideengeschichte. Ein direkter Zusammenhang mit der späten Antike ist nicht nachweisbar; die Historiker vermuten, dass Wanderprediger der "Bogomilen" eine Rolle gespielt haben könnten, einer Sekte, die im 10. Jahrhundert auf dem Balkan aufkam, vielleicht tatsächlich inspiriert durch Überlieferungen aus dem Altertum wie Gnosis und Manichäismus. Den Kontakt nach Westeuropa könnten reisende Kaufleute vermittelt haben. Die frühesten katharischen Gemeinden entstanden an den großen Handelsstraßen durch Italien und Deutschland.

Ihren stärksten Zulauf fand die Lehre im südlichen Frankreich. Eine zweite Volkskirche – kleine Handwerker hingen ihr ebenso an wie Ritter und Patrizier und selbst Mitglieder des hohen Adels. Papst Innozenz III., der sein Amt 1198 angetreten hatte, beschloss einen Strategiewechsel. Die Bekehrungen hatten nicht zu dem gewünschten Ergebnis geführt; jetzt sollten die weltlichen Herren, die das Kaharertum geduldet hatten, ins Visier genommen werden. Binnen weniger Jahre gelang es Innozenz, alle Fürsten im südlichen Frankreich auf einen Vasalleneid zu verpflichten. Fast alle: Ausgerechnet der mächtigste, Raimund, Herzog von Narbonne, Graf von Toulouse und Markgraf der Provence, verweigerte sich.

Er reagierte selbst dann noch nicht, nachdem der Papst am 16. November 1207 die gesamte christliche Ritterschaft zum Kreuzzug gegen die Ketzerei aufgerufen hatte.  Erst der 16. Januar 1208 machte den Weg für die päpstliche Politik frei: Der Legat Pierre de Castelnau, der mit Raimund in Saint-Gilles an der Rhone verhandeln sollte, wurde ermordet. Die Bluttat lieferte eine Begründung, Raimund zu exkommunizieren. Am 18. Juni musste er auf den Portalstufen vor der Kirche von Saint-Gilles öffentlich Buße tun und schwören, "den kreuzfahrenden Fürsten in allen Stücken zu gehorchen". Ein Jahr später versammelte sich das Kreuzzugsheer, angeführt von dem päpstlichen Legaten Arnauld Amaury, in Lyon. Raimund erhielt die "Erlaubnis", die etwa 10.000 Teilnehmer, in der Hauptsache Ritter aus Nordfrankreich mit ihrem Anhang, persönlich in sein Territorium zu führen.

Siegel des Grafen Raymond de Tou-
louse - Bild Artisan Palletier

Man kann sich vorstellen, dass für viele nicht so sehr der Kampf gegen die Ketzerei das Motiv war, sondern der Wunsch, Beute zu machen. Gelegentlich versuchten Geistliche, die Gier der Soldaten im Zaum zu halten. Als das Heer im Juli 1209 vor Béziers anlangte, war auch der exilierte Stadtbischof Reginald mitgekommen. Er vereinbarte  mit dem Legaten, die Stadt solle geschont werden, wenn – ja wenn die "Ketzer" (Reginald soll eine Liste mit 223 Namen vorgezeigt haben) ausgeliefert oder vertrieben würden. Der Stadtrat lehnte ab, wohl aus denselben Gründen, wie sie ein paar Jahre zuvor ein Ritter dem Bischof Fulco von Toulouse genannt hatte auf seine Frage, warum er die Ketzer nicht vertreibe: "Die Katharer sind mit uns verwandt und leben anständig. Warum sollten wir sie verfolgen?"

Das Scheitern der Verhandlungen vor Béziers versetzte den Legaten in solche Wut, dass er schwor, die Stadt mit Feuer und Schwert zu vernichten, ohne Rücksicht auf Alter und Geschlecht. Und die Kreuzfahrer erfüllten seinen Schwur. Das Massaker verbreitete einen solchen Schrecken, dass das Land sich den Kreuzfahrern beinahe kampflos ergab. Nur das stark befestigte Carcassonne wagte sich zu widersetzen. Nach vierzig Tagen Belagerung wurde auch diese Stadt eingenommen. Diesmal durften die Einwohner, nur mit Unterhose oder Hemd bekleidet, abziehen. Gerade einmal sechs Wochen nach der Zusammenkunft in Lyon war der Kreuzzug damit eigentlich zu Ende; die meisten der Kreuzfahrer gingen, nachdem sie die Bedingungen für den Ablass ja erfüllt hatten, in ihre Heimat zurück.

Aber inzwischen hatte sich im südlichen Frankreich der Eindruck verbreitet, dass es nicht bloß um einen Kampf gegen die Ketzerei ging, sondern dass die fremden Ritter vielmehr auf Landraub aus waren. Als Graf Raimund sich nach dem Scheitern aller Versuche, mit dem Heiligen Stuhl zu einer Verständigung zu kommen, dazu aufraffte, um seine Länder zu kämpfen, fand er breite Unterstützung. Vergeblich: Nunmehr trat die französische Krone, die sich bislang offiziell herausgehalten hatte, in den Kreuzzug mit ein. 1229 wurde in Meaux Friede geschlossen; Raimunds Sohn musste ein großen Teil seiner Territorien an Frankreich abtreten und den französischen König für den Rest als Erben einsetzen.

Siegel eines der führenden Kreuzritter,
Simon de Montfort
Bild University of Wisconsin

Dass Frankreich heute bis zum Mittelmeer reicht, ist eine Folge dieses Albigenserkreuzzugs. Der nordfranzösische Adel, der den Zug durchgeführt hatte, trat an die Stelle der einheimischen Aristokratie. Den provenzalischen Troubadouren, die ein Jahrhundert zuvor die höfische Dichtung des Mittelalters begründet hatten - mit Vorbildwirkung auch für deutsche Dichter wie Walter von der Vogelweide -, fehlten nun die Mäzene; das Provenzalische, die erste Literatursprache Europas nach dem Ende der Antike, sank zu einem Nebeneinander von Dialekten herab. Die Kultur "Okzitaniens", wie Traditionalisten das südliche Frankreich nennen, konnte niemals mehr an ihre Blütezeit anknüpfen.

Der Erfolg der katholischen Kirche war weniger durchschlagend. Erst 1244 wurde die letzte Hochburg der Katharer, Montségur in den Pyrenäen, erobert. Während die anderen Bewohner ausgeplündert gehen durften, wurden die zweihundertundfünf "perfecti" sofort verbrannt. Die Kirche hatte zu diesem Zeitpunkt bereits damit begonnen, das Verfahren der Inquisition in präzise juristische Formen zu bringen. 1231 verkündete Gregor IX. eine Art Prozessordnung, bereits 1242 brachte ein aragonesischer Dominikaner das erste Inquisitorenhandbuch heraus. 
 
Aber in ländlichen Gebieten am Fuß der Pyrenäen waren katharische Ideen noch mehr als ein volles Jahrhundert nach dem Beginn des Albigenserkreuzzugs lebendig. Aus den Jahren um 1320 sind Protokolle erhalten, die der Bischof von Pamiers, später als Papst Benedikt XII. bekannt, in Verhören von Einwohnern des Dorfes Montaillou anfertigen ließ. 1975 hat der französische Historiker Emmanuel Le Roy Ladurie diese Protokolle  analysiert. Zu Tage kam eine recht merkwürdige Symbiose: Der Dorfpfarrer hatte sein Amt als Katholik erhalten, sich dann "häretisieren" und von der Inquisition wiederum als Spitzel anwerben lassen. Sein ausschweifendes Sexualleben rechtfertigte er mit dem Gedanken, wenn alles Fleischliche Sünde sei und mit dem kommenden consolamentum ohnehin alle Sünden ausgelöscht würden, dann komme es auf einzelne Sünden ohnehin nicht so recht an.

Zuflucht der Katharer: die Festung von
Montségur in den Pyrenäen
Bild: Heiligenlexikon

Viele Bauern von Montaillou sahen zwischen katholischer und katharischer Lehre gar keinen existentiellen Widerspruch. Je nach Situation wurde offenbar jene Lehre bevorzugt, die den Lebensinteressen eher entsprach. Le Roy Ladurie fand sogar einen Fall, dass an einem Sterbebett ein katholischer Priester und ein katharischer "parfait" einander ablösten. Die Inquisitoren, aber auch ihre Kritiker in der Neuzeit, haben den Gegensatz  schärfer empfunden. Der Dichter Nikolaus Lenau stellte das Leiden der Katharer in seinem großen epischen Gedicht "Die Albigenser" 1842 in die lange historische Reihe von Kämpfen um religiöse und politische Freiheit: "Den Albigensern folgten die Hussiten und zahlen blutig heim, was jene litten; nach Huß und Ziska kommen Luther, Hutten, die dreißig Jahre, die Cevennenstreiter, die Stürmer der Bastille und so weiter."


Mehr im Internet:
Albigenserkreuzzug - Wikipedia
scienzz artikel Christentum im Mittelalter



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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