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Kultur

10.07.2009 - KULTURGESCHICHTE

von Josef Tutsch

 
 

Johann Maria Farina (1685-1766)
Bild: Wikipedia

Solche Referenzen kann nicht jedes Unternehmen vorweisen. "Göthe. Bestellte eben derselbe, zu versenden an die Frau Geheim-Räthin Christiane von Göthe, Exzellenz in Weimar 16 Flaschen Cöln Wasser": So vermerkt das Auftragsbuch der Firma "Farina gegenüber" mit Datum vom September 1814. Auch Napoleon war ein Liebhaber von Eau de Cologne. Der Kaiser ließ nicht nur sich selbst, sondern auch seine Gemächer und sein Pferd jeden Morgen großzügig mit dem Duftwasser einsprühen.

Dabei war es ausgerechnet Napoleon, der dem Kölner Mutterhaus "Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz"  beinahe den finanziellen Ruin bereitet hätte. 1811 verordnete er, alle Rezepte von Arzneimitteln im französischen Kaiserreich müssten zur Genehmigung in Paris geprüft werden. Tatsächlich, die Familie Farina, die am 13. Juli 1709, vor nunmehr 300 Jahren, in Köln ihre Firma aufgemacht hatte, vertrieb ein Arzneimittel. Das Wunderwasser sollte gegen Schlaganfälle, Koliken, Kopf- und Zahnschmerzen und Mundgeruch helfen, ja sogar bei schwierigen Geburten. Ob es geholfen hat? "Zumindest riskieren Sie nicht, ihm damit irgendwie zu schaden", versicherte ein Schreiben aus dem Hause Farina von 1785 einer Dame in Nogent, die ihren gelähmten Gatten mit Kölnisch Wasser behandeln wollte.

Ein Vierteljahrhundert später behauptete der Pariser Hofklatsch, Napoleon sei süchtig nach "Canard Farina", in Kölnisch Wasser getauchten Zuckerstücken, die angeblich die Gehirnzellen stimulierten. Natürlich wollten die Kölner dem kaiserlichen Willen zum Trotz ihr Rezept nicht preisgeben und ließen sich einen Behelf einfallen: Das Wort "Arzneimittel" verschwand vom Aufschriftzettel. So ist es bis heute dabei geblieben: Was genau drin ist, bleibt Firmengeheimnis. "Ich habe einen Duft gefunden, der mich an einen italienischen Frühlingsmorgen kurz nach dem Regen erinnert", schrieb der Urheber des Rezepts, Johann Maria Farina, 1708 und nannte als Bestandteile Orangen, Pampelmusen, Citronen, Bergamotten, Cedrat, Limetten sowie "die Blüten und Kräuter meiner Heimat", "Er erfrischt mich, stärkt meine Sinne und Phantasie".

Eintrag für Kaiser Napoleon im Bestellbuch
des Jahres 1811 - Bild: Farina-Archiv

"Heimat" – das war Norditalien. Die Farinas kamen aus dem Ort Santa Maria Maggiore bei Novara. 1714, Giovanni Maria war fast dreißig Jahre alt, trat er in das Unternehmen seines Bruders Giovanni Battista in Köln ein. 1733, nach dem Tod des Bruders, übernahm er selbst die Leitung der Geschäfte. Das Haus nannte sich nun im modischen Französisch jener Zeit "Jean Marie Farina vis à vis la place Julier depuis 1709". Oder, kurz und deutsch: "Farina gegenüber" – nämlich gegenüber dem Jülichsplatz, Obenmarspforten 23, Ecke Unter Goldschmied.

Die Farina handelten mit "Französisch Kram", also Luxusartikeln wie Seiden, Spitzen, Handschuhen. Und natürlich mit allerlei kostbaren Duft-, Heil- oder Wunderwässern – pharmazeutische und kosmetische Artikel waren damals noch nicht so recht getrennt. Ob Farina seine spezielle Duftmischung wirklich neu gefunden hat oder aus alten Traditionen seiner Heimat übernehmen konnte, wird sich niemals mehr klären lassen. Parfumeur war jedenfalls ein künstlerischer Beruf; die Herausforderung lag darin, aus den ätherischen Ölen, die je nach Klimaverhältnissen nicht immer gleich ausfielen, durch die Lösung in Weingeist einen Duft zu kreieren, der sich über die Jahre hinweg nicht verändern durfte.

Ein "italienischer Frühlingsmorgen kurz nach dem Regen": Nicht nur Farinas Seele, auch seine Nase wird sich nach Italien gesehnt haben. Wie in allen größeren Städten stank es auch in Köln fürchterlich. "Schlachtereien, Totenäcker, Hospitäler, Abzugsrinnen, Urinbäche, Kothaufen, Färbereien, Lohgerbereien und Lederwerkstätten": Diese Aufzählung des französischen Schriftstellers Louis-Sébastien Mercier aus dem Paris der 1780er Jahre darf man getrost auf Köln übertragen. Und Merciers Aufzählung war längst nicht vollständig, wie der Historiker Alain Corbin in seiner Studie über die "Geschichte des Geruchs" vermerkt hat: die Kloaken, die Gefängnisse und dann vor allem die Märkte mit ihren faulen Pflanzengerüchen und Fischausdünstungen ...

Farina-Hus, Obenmarspfor-
ten 23, gegenüber dem Jü-
lichs-Platz
Bild: Farina-Archiv

Zu Farinas frühen Kunden gehörte der Kölner Erzbischof Clemens August ebenso wie der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm von Preußen und sein Sohn Friedrich II., "der Große", Kaiserin Maria Theresia ebenso wie König Ludwig XV. von Frankreich. Hauptabsatzmarkt wurde Frankreich. Die französischen Offiziere, die im Siebenjährigen Krieg in Deutschland Dienst taten, brachten durch Lieferungen in die Heimat bald auch ihre Familien auf den Geschmack. Wie zukunftsweisend Farinas italienischer Frühlingsmorgen war, stellte sich erst mit der Zeit heraus. In den 1750er und 1760er Jahren, ist bei Corbin zu lesen, wandelte sich die Mode. Taschentücher und Handschuhe wurden nun nicht mehr mit tierischen Riechstoffen wie Moschus, Zibet und Ambra parfümiert; statt dessen kamen Düfte in Mode, die aus Frühlingsblumen gewonnen waren: Rosenwasser, Veilchen, Thymian, Lavendel und Rosmarin.

Paris importierte zum Beispiel Heliotropblüten aus Peru – eine Entwicklung, die Farina mit den Blüten und Kräutern seiner Heimat, weitab von der französischen Metropole und ein Stück weniger aufwändig, vorweg genommen hatte. Kein Wunder, dass Kölner Lokalpatrioten, nachdem Patrick Süskind 1985 seinen Erfolgsroman "Das Parfum" herausgebracht hatte, auf die Idee verfielen, die Geschichte spiele "in Wirklichkeit" nicht in Paris, sondern in Köln. Dafür spricht freilich gar nichts. Im Gegenteil: Süskinds Held Grenouille gewinnt seine neuen Parfums, mit denen er "die Welt der Düfte revolutionieren" will, gerade nicht aus Blumen, sondern auf animalischer Basis, sogar recht schauerlich aus den Leichen junger Mädchen, die gerade dabei sind, zur Frau heranzureifen.

Zurück zu Farina. Bis Ende der 1780er Jahre hatte das Geschäft mit Eau de Cologne derart Furore gemacht, dass die Familie ihre sonstigen Sparten aufgab; nur feine Schokoladen wurden weiterhin angeboten. Um 1811, als unter dem Druck von Napoleons Dekret die Deklaration "Arzneimittel" abgelegt wurde, gab es allerdings bereits eine Reihe konkurrierender Firmen, die ebenfalls "Eau de Cologne" oder "Kölnisch Wasser" produzierten. Die Versuche des Kölner Haus, die Echtheit von Lieferungen durch ein rotes Siegel mit Familienwappen und durch einen vom Inhaber eigenhändig unterschriebenen Beipackzettel, später durch einen Stempel zu garantieren, waren nur in Grenzen erfolgreich gewesen – auch das eine oder andere Imitat lief unter den Namen "Farina".

Ableger 4711, firmenschild in der Glok-
kengasse - Bild: raimond spekking

Dass 1806 ein Verwandter eine Niederlassung in Paris eröffnete, war ja abgesprochen; aber 1803 hatte ein gewisser Wilhelm Mülhens einem Carlo Francesco Farina, vielleicht einem entfernten Verwandten der Kölner Parfumeurfamilie, das Recht abgekauft, seine Firma ebenfalls unter dem Namen Farina zu führen. Mülhens  produzierte sein Kölnisch Wasser nun als "Franz Maria Farina 4711 der Post gegenüber"; darüber hinaus soll er das Namensrecht Dutzende Male weiter verkauft haben. Die Prozesse zogen sich über Jahrzehnte hin. Zweimal noch trieb Wilhelms Sohn, Peter Joseph, in Italien weitere Träger des Namens Farina auf, um sie als Teilhaber in seine Firma aufnehmen zu können – frühe "Gastarbeiter", sozusagen. Erst 1881 wurde ihm durch Gerichtsurteil endgültig untersagt, sein Parfümerieunternehmen unter den Namen "Farina" laufen zu lassen.

Mülhens Geschäften hat der fragwürdige Ursprung jedoch nicht geschadet. 4711 wurde bald zum Synonym für ein relativ preiswertes Erfrischungswasser, das sich auch breitere Kundenschichten leisten konnten. Die vierstellige Zahl trägt diese Eau de Cologne-Variante übrigens nach der Nummer des Firmenhauses in der Glockengasse; die französische Verwaltung hatte die Häuser im besetzten Köln fortlaufend durchnumeriert. Kein Wunder nach diesem langjährigen Namensstreit, dass die Chefs des originalen Hauses Farina sich im 19. Jahrhundert nicht nur im Kölner Karneval, sondern auch in den Bemühungen um einen modernen Markenschutz engagierten. Als 1875 der  Deutsche Reichstag ein Markenschutzgesetz verabschiedet hatte, gehörte "Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichsplatz" zu den ersten registrierten Warenzeichen.

4711 ist inzwischen längst Teil eines großen Konzerns; Farina wird nach wie vor als Familienunternehmen geführt. Von einem Monopol auf die Bezeichnung "Kölnisch Wasser" können beide Firmen nicht einmal träumen. Als Eau de Cologne gilt heute jedes Duftwasser, das relativ "leicht" ist, seine Aromastoffe also in geringerer Konzentration enthält als Eau de Toilette und Eau de Parfum. Mit dem Zusatz "Echt" oder "Original" handelt es sich jedoch um eine geschützte Herkunftsbezeichnung, die nur von Kölner Herstellern verwendet werden darf. Und nur dort, wo "Farina" drauf steht, ist auch Farina drin. Im Kölner Farina-Archiv sind bis heute nicht nur allerlei Plagiate zu bewundern, sondern auch die garantiert echten Kundenlisten aus drei Jahrhunderten. Ein Who is who der gekrönten Häupter:  Königin Victoria von Großbritannien, Märchenkönig Ludwig II. von Bayern. "Sissi", Kaiserin von Österreich, die persische Kaiserin Soraya; aber auch der Könige des Geistes und der Leinwand: Voltaire, Mozart, Beethoven, Schiller. Heinrich Heine, Mark Twain. Oscar Wilde, Heinz Rühmann, Marlene Dietrich ...

Statue von Johann Maria
Farina am Kölner Rathaus
Bild: Johann Maria Farina 

Usw. usf., was lebende Kunden angeht, hält man in Köln auf Diskretion. Besonderer Reiz einer Besichtigung: Aus den Lautsprechern ertönt eine sozusagen familieneigene Musik. Ein Carlo Farina war Anfang des 17. Jahrhunderts Konzertmeister unter anderem an den Höfen von Dresden, Bonn und Wien, Manchmal bekommt auch die Kölner Stadtbevölkerung etwas von dem kostbaren Duft ab. Als Johann Maria Farina, der Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel des Gründers, 1952 Prinz Karneval wurde, warf er in der immer noch halb zerstörten Stadt 120.000 Fläschchen Original Kölnisch Wasser unter die Zuschauer des Rosenmontagszugs. "Eau de Cologne verwandelte Trümmer in Duft", schrieb die New York Times. Ein "italienischer Frühlingsmorgen kurz nach dem Regen", hätte der alte Giovanni Maria gesagt.


Mehr im Internet:
Johann Maria Farina gegenüber dem Jülichs-Platz - Wikipedia
Duftmuseum im Farina-Haus 
scienzz artikel Alltag und Luxus



Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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