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19.08.2009 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Ein überlegenes Sinnesorgan

Vor 400 Jahren präsentierte Galileo Galilei in Venedig sein neugebautes Fernrohr

von Josef Tutsch

 
 

Galileo Galilei, von Justus Su-
stermans, 1636 - Bild: Wikipedia

Galileo Galilei war nicht nur ein großer Wissenschaftler, er besaß auch Talent, seine Wissenschaft in der Öffentlichkeit darzustellen. Seine Vorführungen des neu gebauten Fernrohrs in Venedig, Florenz und Rom waren große gesellschaftliche Ereignisse. "Wir befanden uns auf dem Gipfel des Gianicolo", berichtete ein Philosophieprofessor im April 1611 aus Rom. "Mit Hilfe dieses Instruments sahen wir das Schloss des hochedlen Herzogs Altemps auf den tuskischen Bergen so deutlich, dass wir jedes einzelne Fenster, auch das kleinste, zählen konnten, und die Entfernung beträgt achtzehn italienische Meilen. Vom gleichen Ort aus lasen wir die Buchstaben auf der Galerie, die Papst Sixtus im Lateran errichtet hat, und zwar so deutlich, dass wir sogar die eingehauenen Punkte zwischen den Buchstaben erkennen konnten, und das auf eine Entfernung von mindestens zwei Meilen."

Die Zeitgenossen waren hingerissen. Die erste Demonstration dieser Art hatte Galilei am 21. August 1609, vor 400 Jahren, auf dem Campanile von San Marco in Venedig vor den Edlen Herren der Signoria abgehalten. Die interessierten sich natürlich nicht für irgendwelche Schlossfenster oder Galerieinschriften, von deren Vorhandensein sie ohnehin wussten, sondern für bedrohlichere Objekte: fremde, womöglich feindliche Schiffe auf der Adria, die man mit unbewaffnetem Auge erst viel später wahrnehmen konnte. Der militärische Nutzen dieses Instruments lag auf der Hand. Galilei, der offenbar auch ein gewiefter Geschäftsmann war, überließ der Signoria großzügig das Recht, solche Geräte herzustellen, und wurde dafür ebenso großzügig mit einer Verdreifachung seines Gehalts belohnt.

So dreist, das Teleskop als seine eigene Erfindung auszugeben, scheint Galilei nicht gewesen zu sein. Im Jahr darauf wurde Galileis Gehalt allerdings wieder gekürzt. Anscheinend waren die Herren inzwischen zu dem Schluss gekommen, dass sie sich die geeignete Vorlage für den Instrumentenbau doch günstiger direkt aus Holland hätten beschaffen können. Im September 1608 hatte der Brillenhersteller Hans Lipperhey aus Middelburg sein Fernrohr dem Generalstatthalter Prinz Maurits vorführen dürfen. Maurits’ Berater zeigten sich interessiert; Lipperhey erhielt den Auftrag, ein verbessertes "Spionageglas" herzustellen. Vorübergehend träumte man in Den Haag sogar davon, der Republik durch Ausfuhrverbot ein Monopol auf dieses Wunderwerk der Militärtechnik zu sichern. Aber bereits wenige Wochen nach Lipperhey tauchten zwei weitere "Erfinder" auf. Rein mechanisch war es auf dem technologischen Stand Anfang des 17. Jahrhunderts offenbar nicht weiter schwierig, ein Fernrohr herzustellen.

Piazza di San Marco mit dem Campanile,
von Giovanni Antonio Canaletto
Bild: Stadt Augsburg
Die Idee des Teleskops war damals keineswegs neu. Im 13. Jahrhundert träumte der englische Philosoph Roger Bacon von einem Instrument, in dem "ein Kind wie ein Riese erscheinen könnte und ein Mann wie ein Berg". Im späten 16. Jahrhundert stellten mehrere Wissenschaftler in Italien wie in England komplexe Überlegungen an, wie sich Linsen und Spiegel zu einem solchen Instrument kombinieren ließen. Lipperheys Erfindung bildet ein Beispiel, dass es viel einfacher gehen kann, als gelehrte Köpfe sich das vorstellen: Ihm genügten zwei simple Brillenlinsen, wie sie damals längst überall zu kaufen waren.

Wenn es schon nicht möglich war, muss sich Prinz Maurits gesagt haben, Holland ein Monopol auf das Fernrohr sichern, dann sollte die Erfindung wenigstens dazu beitragen, den Ruhm seines Landes in der Welt zu verbreiten. Während der Friedenskonferenz im Haag zeigte Maurits das Gerät bereitwillig seinem ehemaligen Kriegsgegner, dem spanischen General Spinola. Bald wurde Lipperheys Erfindung in Paris und in Rom bewundert. Im Juli 1609 tauchte in Padua erstmals ein solches Fernrohr auf. Galilei, der sich bereits intensiv mit praktischer Optik, nämlich mit der Krümmung konvexer Linsen beschäftigt hatte, reagierte sehr schnell. In wenigen Wochen steigerte er die drei- bis vierfache Vergrößerung, die Lipperhey erreicht hatte, auf eine neunfache, heute würde man sagen: von einem Operngucker zu einem Feldstecher. Auf diesem Stand konnte er das Instrument der Signoria präsentieren. "Schließlich erzielte ich", schrieb Galilei 1610 in seinem Buch "Der Sternenbote", "keine Kosten und Mühen scheuend, ein so ausgezeichnetes Fernrohr, dass ich Gegenstände in nahezu tausendfacher Vergrößerung sehen konnte."

Die Sternenwelt, das war es, was den Forscher Galilei eigentlich interessierte. Er hätte dem Kopernikanischen System, das die Sonne statt der Erde in den Mittelpunkt des Weltalls setzte, wesentlich ablehnender gegenüber gestanden, "hätte nicht ein überlegener und besserer Sinn als der natürliche Sinn seine Kräfte mit denen der Vernunft vereinigt", bekannte Galilei später. Dieses überlegene Sinnesorgan war eben das Fernrohr. Zum ersten Mal in der Geschichte war es möglich geworden, den Mond sozusagen näher heran zu holen. "Aus wiederholten Beobachtungen", schrieb Galilei, "zog ich den Schluss, dass die Oberfläche des Mondes nicht ganz glatt und gleichmäßig ist und die genaueste Rundung besitzt, wie die große Menge der Philosophen annimmt, sondern im Gegenteil ungleichmäßig, rau und besät von Niederungen und Erhöhungen ist, nicht anders als die Erde selbst."

Galileis Zeichnung von den
Mondphasen, 1616
Bild: Wikipedia
"Beobachtungen" und "Schluss": Anders als populäre Darstellungen heutzutage das gern glauben machen, wusste Galilei sehr genau, dass seine revolutionären Aussagen zur Astronomie durch das neue Beobachtungsinstrument keineswegs aufgezwungen waren. Schließlich vermag jeder nächtliche Spaziergänger die Unregelmäßigkeiten der Mondoberfläche mit bloßem Auge  zu sehen. Galileis Vorgänger hatten eine andere Erklärung versucht: Es handle sich um Spiegelungen der Erdoberfläche – eine Hypothese, die durch das neue Beobachtungsinstrument ja nicht widerlegt war. Schwerer hatten es die Traditionalisten mit dem Umstand, dass sich der scheinbare "Nebel" der Milchstraße, durch das Fernrohr betrachtet, in eine Vielzahl einzelner Sterne auflöste, und dass anderswo am Himmel weitere solcher "Nebel" auftauchten, zum Beispiel im Sternbild der Andromeda. Anscheinend war das Weltall doch komplexer, als man sich das bislang gedacht hatte.

Den schwersten Schlag jedoch versetzte Galilei dem traditionellen Weltbild mit seiner neuen Sicht auf die Planeten. "Der Mathematiker Galileo Galilei beobachtet die Bewegung der Sterne mit den Augengläsern, die er erfunden oder vielmehr verbessert hat", schrieb ein Berichterstatter aus Rom nach Urbino mit skeptischem Unterton. "Entgegen der Meinung aller antiken Philosophen behauptet er, es gebe vier weitere Sterne oder Planeten, alles Trabanten des Jupiter, die er die Medici-Körper nennt, sowie zwei Begleiter des Saturn." Vertreter des damals heiß diskutierten kopernikanischen Weltbildes werden nicht viel weniger irritiert gewesen sein als jene des alten ptolemäischen. Ptolemäus hatte nur ein einziges Rotationszentrum gekannt, die Erde; Kopernikus rechnete mit zweien, Sonne und Erde. Jetzt sollte es also mindestens vier geben.

Bewiesen jedoch war das kopernikanische System auch mit den Jupitermonden keineswegs. Selbst die wechselnden Phasen, die sich etwa bei der Venus, ähnlich wie beim Mond, feststellen ließen, waren ebenso gut zu erklären, wenn man das dritte damals diskutierte System zugrunde legte, das der Däne Tycho Brahe aufgebracht hatte: Sonne und Mond sollten sich um die Erde drehen, die Planeten um die Sonne. Aber musste man nicht ganz allgemein damit rechnen, dass die neue Technik, ebenso wie der alltägliche Augenschein, Täuschungen vermittelte? Galilei selbst sah dieses Problem sehr genau: "Wenn man die Sterne, die Fixsterne wie auch die Planeten, durch das Fernrohr betrachtet, so erscheinen sie keineswegs im gleichen Verhältnis vergrößert wie andere Gegenstände, auch der Mond. Ein Fernrohr, das andere Gegenstände hundertfach vergrößert, lässt die Sterne kaum vier- oder fünfmal größer erscheinen."

Galiles "Sternenbote", 1610
Bild: Wikipeida
Kein Wunder, dass die Gelehrten damals nicht bereit waren, die alten Lehren vom Aufbau des Kosmos aufgrund dessen, was durch das Fernrohr zu sehen war, so ohne weiteres über den Haufen zu werfen. Im Gegenzug griff Galilei zu dem Kunstmittel, seine Befunde zu überzeichnen – er war eben nicht nur Forscher, sondern auch Publizist in eigener Sache. Und zwar in Bildern ebenso wie in Worten: So unregelmäßig, wie man den Mond in Galileis Zeichnungen sieht, schaut er in fotografischen Aufnahmen von heute keineswegs aus. Galilei hat das, was er wusste (oder zu wissen glaubte), in seine Zeichnungen hineingetragen.

In der Sache hatten die Inquisitoren gar nicht so Unrecht, als sie Galilei in den Prozessen von 1616 und 1633 vorhielten, sein Weltbild sei keine Gewissheit, sondern eine Hypothese und ein Rechenmodell. Was uns heute vom frühen 17, Jahrhundert trennt, ist nicht nur die Erkenntnis, dass Galilei und Kopernikus gegen den alten Ptolemäus und seine Vorstellung von der Erde im Mittelpunkt des Weltalls Recht behalten haben – "Galileo Galilei erweiterte hier am 21. August 1609 die Horizonte des Menschen", lautet die Inschrift, die Staatspräsident Giorgio Napolitano vor wenigen Wochen am Glockenturm des Markusdoms enthüllt hat. Es ist vor allem die Voraussetzung, dass solche Fragen der Wahrheit nicht auf juristischem und administrativem Wege entschieden werden können.


Mehr im Internet:
Renaissance und Reformation - Aufbruch in die Neuzeit
Galileo Galilei - Wikipedia





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation


 

 

 

 

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