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kultur

07.09.2009 - GESCHICHTE

Die gerettete Freiheit in Germaniens Wäldern

Vor 2.000 Jahren vernichteten germanische Stämme drei römische Legionen im "Teutoburger Wald"

von Josef Tutsch

 
 

Übermächtiger Mythos: Her-
mann der Cherusker, Denkmal
bei Detmold - Bild: K. Oberzig

"Heil dem Helden Armin, auf den Schild hebet ihn, zeigt ihn den unsterblichen Ahnen, solche Führer wie der, gib uns, Wodan, mehr! Und die Welt, sie gehört den Germanen!" So reimte der Romancier Felix Dahn ("Ein Kampf um Rom") in seinem "Siegesgesang nach der Varusschlacht". Gemeint war nicht bloß die Niederlage des römischen Feldherrn Varus im Jahre 9 nach Christus gegen den Cheruskerfürsten Arminius, sondern viel gegenwärtiger der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71. "Solche Führer" – das waren in Dahns Perspektive Kaiser Wilhelm I., Reichskanzler Otto von Bismarck und Generalfeldmarschall Helmuth von Moltke.

So politisch kann Dichtung, so aktuell Geschichte sein. Und so veränderlich und vergänglich. Wenn am 9. September 2009 das zweitausendjährige Jubiläum der Schlacht im Teutoburger Wald ansteht, wird kein Festredner mit Dahns holprigen Versen aus dem historischen Ereignis einen Anspruch auf germanische oder deutsche "Weltherrschaft" ableiten wollen, von der fragwürdigen Identifikation der alten Germanen mit den Deutschen viele Jahrhunderte später ganz zu schweigen. In den offiziellen Programmen wird man sich selbst das Absingen jenes Liedes auf die Varusschlacht verkneifen, das in wilhelminischer Zeit eine von vielen deutschen Nationalhymnen war, geeignet auch für späte Stunden fortgeschrittenen Alkoholkonsums: Viktor von Scheffels "Als die Römer frech geworden, zogen sie nach Deutschlands Norden ...", mit "Wau, wau, wau" und "Schnäde räng täng" im Refrain.

Münze mit Porträt des Publius Quinc-
tilius Varus - Bild: Wikipedia

Was bedeutet uns heute noch jenes Geschehen im September 9 nach Christus, irgendwo im südlichen Niedersachsen oder in Westfalen? Die Nationalbewegung des 19. Jahrhunderts sah darin eine Art Urknall der deutschen Geschichte. "Diesem Sieg dankt Deutschland seine Freiheit", war bereits 1808 in einem Schulbuch zu lesen, "und wir, dass wir Deutsche sind, und dass noch Deutsch auf der Welt gesprochen wird". Und nicht so etwas wie Französisch, wird der Schulbuchverfasser weiter gedacht haben; es war die Zeit der napoleonischen Herrschaft über Deutschland. 1793 hatte ein anderes Schulbuch noch erwogen, welche Entwicklungen bei einem Scheitern des Arminius möglich gewesen wären: "Vielleicht würde es den Römern geglückt sein, das wilde Deutschland in eine angebaute Landschaft zu verwandeln."

Ja, was  wäre, wenn? Eine Episode in Lion Feuchtwangers Roman "Geschwister Oppermann" von 1933 gibt eine Ahnung, dass in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bereits der Gedanke an einen möglichen anderen Verlauf der Geschichte als Ungeheuerlichkeit empfunden wurde. "Wenn Ihnen schon selber jeder Funke deutschen Gefühls abgeht, dann verschonen Sie doch wenigstens uns vaterländisch Fühlende mit Ihren Kotwürfen!" – brüllt der Lehrer Vogelsang seinen Schüler Berthold an, der etwas schüchtern zu bedenken gegeben hat, kurz nach jener "ungeheuren Tat, die am Beginn der deutschen Geschichte steht", hätten römische Truppen doch schon wieder das Gebiet zwischen Rhein und Elbe durchzogen.

 
Hermann von Kleists "Her-
mannssschlacht", Theater-
plakat von 1923
Bild: Wikipedia

Aber es ist wohl richtig: Die Vernichtung von drei römischen Legionen im Teutoburger Wald war ein ausschlaggebender Faktor, als Kaiser Tiberius sich etwa acht Jahre später entschloss, weitere Eroberungsversuche einzustellen. Militärisch wäre das Projekt weiter durchzuhalten gewesen; aber Tiberius hatte wohl die Hoffnung aufgegeben, in den neuen Provinzen östlich des Rheins und nördlich der Donau dauerhaften Frieden herstellen zu können. Hundert Jahre später titulierte der Historiker Tacitus den Cheruskerfürsten Arminius als "Befreier Germaniens". Zur Begründung des Aufstandes, schrieb Tacitus, habe Arminius den Römern Habgier, Grausamkeit und Hochmut vorgeworfen; die "angestammte Freiheit" müsse verteidigt werden.

Arminius selbst kann römische Sitten gar nicht so fremdartig gefunden haben; er war als Prinz eines Vasallenstammes in Rom erzogen worden. Das Motiv der germanischen Freiheit" findet sich noch in der Vorgeschichte der modernen Demokratie wieder. 1748 glaubte der französische Staatstheoretiker Montesquieu den Ursprung der freiheitlichen Verfassung Englands, die er so sehr bewunderte, in den Wäldern Germaniens suchen zu dürfen. Historisch wird hinter dem Aufstand vermutlich der Ärger über eine ungewohnte Art der Rechtsprechung und Steuererhebung gestanden haben. Ein Kulturkonflikt, wie wir ihn ja auch heutzutage kennen. Es gehört zur Ironie der Geschichte, dass alles, was in den letzten Jahrhunderten über die germanische Freiheit geschrieben wurde, aus römischen Quellen geschöpft ist. Erst der "Humanismus" des 15. Jahrhunderts interessierte sich, parallel zur römischen Vergangenheit Italiens, für eine germanische Vorgeschichte der deutschen Nation.

Grabstein des Centurio Marcus Caelius,
"gefallen im Varianischen Krieg"
Bild: Rheinisches Landesmuseum Bonn

Zufällig wurde 1445 im Kloster Hersfeld Tacitus’ Schrift "Germania" aufgefunden. Dieser Traktat, worin der römische Historiker mit dem edlen Wilden aus den Wäldern seiner eigenen Gesellschaft ein Gegenbild vorhielt, gab eine Vorstellung von den alten Germanen: Mit der Zivilisation war es nicht weit her; aber dafür waren die Bewohner östlich des Rheins und nördlich der Donau erstens "frei" und zweitens sehr, sehr sittenstreng. Ein Motivkomplex, der die Selbstdeutung der "Deutschen" über Jahrhunderte hinweg geprägt hat. Um 1520 ließ der Schriftsteller Ulrich von Hutten Arminius erstmals als poetische Figur auftreten: Der Cheruskerfürst fordert vor dem Totengericht, neben Alexander, Hannibal und Scipio als größter Feldherr der Weltgeschichte anerkannt zu werden, und erhält am Ende einen Titel, der in Huttens Sicht noch ehrenvoller gewesen sein wird: erster Vaterlandsverteidiger.

Schon bei Hutten verband sich der nationale Gedanke mit dem konfessionellen, das Deutschtum mit der Reformation, der antirömische Affekt mit dem antipäpstlichen. Aber auch katholische Autoren hielten die Heldengestalt des Arminius hoch. 1689/90 erschien eine "Staats-, Liebes- und Heldengeschichte" von Daniel Caspar von Lohenstein mit dem Titel "Großmütiger Feldherr Arminius oder Hermann, als ein tapferer Beschirmer der deutschen Freiheit". In der Maske des Arminius, des Bezwingers der Römer, ließ Lohenstein Kaiser Leopold I. auftreten, einen dem Titel nach "römischen" Kaiser – Lohenstein verstand es in seinem mehr als 3.000 Seiten langen Roman virtuos, den mittelalterlichen Gedanken einer Kontinuität zwischen Römern und Deutschen mit der frühneuzeitlichen Idee germanischer Emanzipation vom römischen Reich zu verbinden.

Arminius' Gattin Thusnelda
mit Sohn im Triumphzug des
Germanicus vor Kaiser Tibe-
rius, von Karl von Piloty, 1873
Bild: Kunsthalle Hamburg

Es muss im 17. und 18. Jahrhundert viele Dutzend Arminius-Romane, -Dramen, -Epen, -Gedichte und –Opern gegeben haben. Oft freilich stand weniger "Hermann", wie der lateinische Name Arminius verdeutscht wurde, als vielmehr seine Gemahlin Thusnelda im Mittelpunkt. Die Liebesgeschichte zwischen dem vaterländischen Freiheitshelden und seiner Gattin, der Tochter eines den Römern ergebenen Fürsten, gab dem Stoff erst das menschlich Rührende. Dass Hermann oder Arminius zum deutschen Nationalhelden par excellence aufstieg, verdankt er ausgerechnet Napoleon. Der Cheruskerfürst wurde zur Chiffre für den Kampf gegen das französische Kaiserreich. Etwa in Heinrich von Kleists "Hermannsschlacht" von 1808, dem vielleicht erschreckendsten Stück, das jemals ein großer deutscher Dichter geschrieben hat. "Ich will die höhnische Dämonenbrut nicht lieben!", schreit der Held heraus, "so lang sie in Germanien trotzt, ist Hass mein Amt und meine Tugend Rache!"

Im wilhelminischen Reich wurde Kleists "Hermannsschlacht" zu einem deutschen Nationaldrama. 1914/15 wurden bei Aufführungen im Berliner Schillertheater in den Pausen die Erfolgsmeldungen von der französischen Front von der Bühne verlesen, und immer wieder sang das Publikum das Deutschlandlied. Herrmann der Cherusker und die deutsche Nation – das waren mehr als ein Jahrhundert lang beinahe Synonyme. 1814/15 konzipierte Karl Friedrich Schinkel zum Sieg über Napoleon ein Denkmal: Unter einem Regenbogen der Hoffnung stößt Hermann einem römischen Legionär sein Schwert in die Brust. Selbst ernsthafte Philologen glaubten, den Freiheitskämpfer mit dem sagenhaften Drachentöter Siegfried im "Nibelungenlied" identifizieren zu dürfen. Der Dramatiker Christian Dietrich Grabbe entrückte den Vorgang des Jahres 9 nach Christus vollends ins Heilsgeschichtliche: Auf seinem Totenbett erhält Kaiser Augustus zwei Nachrichten – die von der Geburt Jesu und jene von der Niederlage Roms gegen die "freien, wie ihre Eichen auf ihrem Boden eingewurzelten Germanen".

Arminius' Gegner in späte-
ren Jahren, Nero Claudius
Germanicus - Bild: Louvre

Auch die demokratische Nationalbewegung konnte sich dem Hermannskult nicht entziehen. "Die Eintracht führt das Volk zum Sieg, die Zwietracht den Sieger zum Tod", ist auf einer Medaille zu lesen, die 1848 zur Eröffnung der Frankfurter Nationalversammlung erschien. Das Thema eignete sich eben nicht nur zur Wendung gegen einen äußeren Feind, sondern auch als Mahnung nach innen. Der Freiheitsheld, der auf der Medaille in Siegespose dargestellt ist, wurde später von Verwandten ermordet. 1848 war die Walhalla bei Regensburg mit der Hermannsschlacht im Giebelfeld bereits vollendet, zum Hermannsdenkmal bei Detmold wenigstens das Fundament gelegt. "Drum wird dir, wie sich’s gebühret, zu Detmold ein Monument gesetzt", sprach Heinrich Heine 1844 in seinem "Wintermärchen" den alten Freiheitshelden an, machte aber auch gleich seine ironische Distanz deutlich: "Das ist der Teutoburger Wald, den Tacitus beschrieben, das ist der klassische Morast, wo Varus stecken geblieben, hier schlug ihn der Cheruskerfürst, der Hermann, der edle Recke, die deutsche Nationalität, sie siegte in diesem Drecke."

Das ist der Teutoburger Wald ... Diesen Namen hatte der Gebirgszug des Osning erst im 17. Jahrhundert erhalten, als die Lokalpatrioten glaubten, die Varusschlacht dort lokalisieren zu dürfen. Heute vermuten viele Archäologen den authentischen Ort eher bei Kalkriese im Osnabrücker Land. Wie auch immer – ein singulärer Fall ist der Versuch, im Detmolder Hermannsdenkmal eine zweitausendjährige Nationalgeschichte zu symbolisieren (oder eigentlich neu zu erfinden), keineswegs. 1856 ließ Kaiser Napoleon III. an jenem Ort, wo 52 vor Christus Caesar die Gallier besiegt haben soll, ein Ruhmesmal für den gallischen Freiheitshelden Vercingetorix errichten.

Hermannsdenkmal bei Detmold
Bild: Klaus Oberzig

Zurück nach Deutschland. Besser als Heinrich Heines Verse kam Scheffels pathetisches Studentenlied von 1847 dem Publikumsgeschmack entgegen: "Plötzlich aus des Waldes Duster brachen kampfhaft die Cherusker, mit Gott für Fürst und Vaterland stürzten sie sich wutentbrannt auf die Legionen ..." Ganz nebenbei machte der promovierte Jurist Scheffel seinem Ärger über das Römische Recht mit makabrem Humor Luft. Über einen "Rechtskandidaten" im Heer des Varus: "Diesem ist es schlimm ergangen, eh' dass man ihn aufgehangen, stach man ihm durch Zung' und Herz, nagelte ihn hinterwärts auf sein corpus juris."

Ja, so "spaßig" konnte nationales Gedenken früher sein. Da ist uns der ganz andere Humor, mit dem die Asterix- und Obelix-Comics die gallische Vorgeschichte Frankreichs verarbeiten, doch viel sympathischer. Handelt es sich, wenn das zweitausendjährige Jubiläum der Varusschlacht ansteht, überhaupt um ein "nationales" Gedenken? Ernsthaft kann von "Deutschland" wie von "Frankreich" wohl doch erst mehr als acht Jahrhunderte später, seit dem Zerfall des fränkischen Reiches, die Rede sein. Und dennoch – dass Rom in Folge dieser Schlacht von seinen Plänen Abstand nahm, die Gebiete östlich des Rheins und nördlich der Donau zu erobern, war für Mitteleuropa eine historische Weichenstellung. Die deutsche Geschichtsschreibung hat diese Entwicklung fast durchweg unter dem Stichwort "Freiheit" verbucht. Aber es ist, mit jenem Schulbuch von 1793, auch eine andere Sicht der Dinge möglich: "Vielleicht würde es den Römern geglückt sein, das wilde Deutschland in eine angebaute Landschaft zu verwandeln."


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Die alten Germanen - Realität und Mythos
Varusschlacht - Wikipedia



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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