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13.08.2009 - BILDUNGSGESCHICHTE

Jenseits des Brotstudiums

Wilhelm von Humboldt und die Gründung der Berliner Universität vor 200 Jahren

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm von Humboldt
(1767-1835)

"Es kann niemand unvorbereiteter in einen Posten kommen als ich in den meinen", schrieb Wilhelm von Humboldt an einen zukünftigen Mitarbeiter, als er sich Anfang April 1809 auf den Weg nach Königsberg machte, um im preußischen Innenministerium die Sektion für Kultus und Unterricht zu übernehmen. In der Tat, was qualifizierte den damals zweiundvierzigjährigen ehemaligen Gesandten Preußens beim Heiligen Stuhl eigentlich für eine Arbeit im Ministerium? Unmittelbar nach dem Studium war er in den Justizdienst eingetreten, um sich zum Richter ausbilden zu lassen, jedoch bald wieder ausgeschieden – das war alles, was er an Praxis in der Staatsverwaltung mitbrachte. Kurz darauf hatte er einen umfangreichen staatstheoretischen Entwurf vorgelegt – schon der Titel wird so kurz nach der Französischen Revolution viele Leser am preußischen Hof misstrauisch gestimmt haben: "Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen".

Und dann erst so manche Passage im Text. Zur Bildung des Menschen sei "Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung", hieß es da. Freiheit ... konnte das eine solide Grundlage für die Regierungsarbeit sein? Man kann nicht einmal sagen, dass der Ministerialbeamte Humboldt sich viel Mühe gegeben hätte, die Skeptiker eines Besseren zu belehren. Schon knapp anderthalb Jahre nach der Ernennung reichte er dem König seinen Rücktritt ein, nachdem er nicht mit allen Reformvorstellungen durchgedrungen war. Ein kurzes Gastspiel also – aber in diese Zeit fiel eine Entscheidung, die Geschichte machen sollte. Aufgrund der Denkschrift, die Humboldt zur Organisation und Finanzierung "höherer wissenschaftlichen Anstalten" erstellt hatte, unterzeichnete König Friedrich Wilhelm III. am 16. August 1809 die Stiftungsurkunde für die Berliner Universität, die heute den Namen "Humboldt-Universität" trägt.

Dabei war die Gründung längst vorbereitet, als Humboldt in das Ministerium eintrat. Den ersten Auftrag hatte im September 1807 der Kabinettsrat Karl Friedrich Beyme erhalten; bereits in den letzten Monaten des Jahres 1808 hatten der Philosoph Johann Gottlieb Fichte, der Theologe Friedrich Schleiermacher und der Jurist Theodor Anton Schmalz mit Vorlesungen begonnen. Den Anstoß gaben die Gebietsverluste nach dem Krieg gegen Napoleon 1806. Halle, wo bislang die größte preußische Universität gearbeitet hatte, lag nunmehr in einem französischen Satellitenstaat, dem Königreich Westphalen. Preußen musste einen Ausgleich schaffen, wenn der Nachwuchs an Ärzten, Juristen und Pfarrern nicht ausbleiben sollte.

König Friedrich Wilhelm III

Beyme wollte diese Ausbildungsaufgabe, das "Brotstudium", wie man damals sagte, ursprünglich den schon bestehenden oder noch zu errichtenden "Universitäten" in den preußischen Provinzen zuweisen; heute würden wir wohl von Fachhochschulen sprechen. Für die Residenzstadt Berlin dachte Beyme an "eine von allem Zunftzwang befreite wissenschaftliche Bildungsanstalt". Aber es gab auch ein Gegenkonzept. Im August 1807 erschien eine Abordnung der Universität Halle, die Napoleon inzwischen formell aufgelöst hatte, vor dem König in Memel. Die Professoren baten darum, ihre Universität nach Berlin zu verlegen. In diesem Zusammenhang soll Friedrich Wilhelm jenen Satz gesagt haben, der bald zum Leitmotiv der preußischen Erneuerung wurde; der Staat müsse jetzt an innerer Kraft gewinnen, was er an äußerer verloren habe.

Es war Humboldt, der die beiden Konzepte zusammenführte. In Berlin wurde eine preußische Zentraluniversität gegründet, als Ausbildungsstätte für Pfarrer, Juristen und Ärzte, die zugleich eine Stätte allgemeiner wissenschaftlicher Bildung sein sollte, "von allem Zunftzwang befreit". Der Doppelcharakter wird noch im Wortlaut der Kabinettsordre vom 16. August 1809 deutlich. Der König genehmigte "die Errichtung einer allgemeinen Lehranstalt für höhere Geistesbildung im Staate und auch über die Grenzen desselben hinaus, für die Erhaltung und Gewinnung der ersten Männer jeden Faches", und stattete sie "mit dem alten hergebrachten Namen einer Universität und mit dem Rechte zur Erteilung akademischer Würden" aus.

Man wird Humboldts Absichten nicht verfälschen, wenn man unterstellt, dass ihn die "Bildung" viel mehr interessierte als die "Ausbildung". Die Juristerei war für den Sohn aus wohlhabender Adelsfamilie zwar nicht gerade ein Brotstudium; aber er absolvierte sie lustlos, bloß auf Wunsch der Mutter. Sein Interesse gehörte der Antike; dass er nach Reisen durch halb Europa sechs Jahre lang als Gesandter in Rom leben durfte, nicht gerade übermäßig mit diplomatischen Aufgaben beansprucht, war da ein glücklicher Umstand. Und sein Interesse gehörte der Philosophie. Immanuel Kant hatte eine neue Theorie vorgelegt, wie Erkenntnis und Wissenschaft dem endlichen, in seinen Fähigkeiten beschränkten, Menschen überhaupt möglich sein könnten. Humboldt als eifriger Kantleser fragte umgekehrt vom einzelnen Menschen her: Wie kann das Individuum sich derart bilden, dass es fähig wird, in Wissenschaft oder Kunst schöpferisch tätig zu sein?

Wilhelm vom Humboldts Denk-
mal vor der Berliner Universität
Unter den Linden, heute "Hum-
boldt-Universität zu Berlin"
Bild: Manfred Bürckels
Nach seinem Eintritt ins Ministerium legte Humboldt binnen weniger Monate ein Konzept vor, das die alte Universitätsstruktur vom Kopf auf die Füße stellte. Oder von den Füßen auf den Kopf. Die alte Universität war entsprechend ihrer Aufgabe, Geistliche, Juristen und Ärzte auszubilden, in drei höhere Fakultäten eingeteilt, die theologische, die juristische und die medizinische; eine vierte, "niedere" Fakultät, die Philosophische, die der Freien Künste, diente der vorbereitenden Allgemeinbildung, vor allem der Kenntnis der Wissenschaftssprache Latein. Humboldt kehrte diese Rangordnung um: Den Kern der neuen Universität sollte die Philosophische Fakultät bilden, die einzige, der kein praktisches Berufbild zugeordnet war.

Humboldt knüpfte auch hier an Immanuel Kant an. Dessen Idee war gewesen, dass die Philosophische Fakultät kein nützliches, deshalb staatsrelevantes Wissen vermittle, sondern ausschließlich auf Wahrheit verpflichtet sei. Während die anderen drei Fakultäten an die vom Staat vorgegebenen Normen in Katechismus, Gesetzbüchern und Medizinalordnung gebunden seien, stehe die Philosophie (einschließlich Naturwissenschaften einerseits, historischer Erkenntnis andererseits) deshalb voll und ganz unter dem Prinzip der Wissenschaftsfreiheit. Damit nahm die bislang untergeordnete Philosophie den Rang der vornehmsten aller Fakultäten, der Theologie, ein. Zweifellos vertraute Humboldt darauf, dass das Selbstverständnis der Philosophie auf die anderen, ihr in der Universität verbundenen Fakultäten, übergreifen würde.

Wie viel an Aufklärung, ja Revolution darin lag, kann Humboldt seinem König nur mit größter Vorsicht erläutert haben. Die Universität sollte frei sein – auch die Studenten wollte Humboldt hierin einbeziehen; das war der Sinn der Einheit von Forschung und Lehre, ideengeschichtlich eine Fortsetzung der Idee vom Priestertum aller Gläubigen, wie die Reformatoren um Martin Luther sie verkündet hatten. Dass Humboldt dennoch bereit war, die Universität als staatliche Einrichtung zu konstituieren und sie in die Tradition der alten Universität zu stellen, spricht für seinen Realitätssinn. Hätte es wirklich eine Perspektive gegeben, Beymes im Grunde doch viel radikalere Idee einer Bildungsanstalt ohne Ausbildungsaufgaben zu verwirklichen – als dauerhafte Institution, vom Staat finanziert und dennoch von staatlichem Einfluss freigestellt?

Die Brüder Humboldt im Gespräch mit
Goethe und Schiller - Bild: Adolph Miller

Es war ein recht kurzes Gastspiel, das Humboldt in der Ministerialverwaltung gab. Als "seine" Berliner Universität im Oktober 1810 eröffnet wurde, war er bereits wieder Privatgelehrter und befasste sich mit vergleichender Sprachwissenschaft. Aber es gibt bis heute keinen deutschen Bildungs- oder Hochschulpolitiker, der in Festansprachen öfter beschworen wird als Wilhelm von Humboldt. Vor dreißig oder vierzig Jahren wurde Humboldt gern für tot erklärt. In der Tat, die technischen und sozialen Veränderungen hatten die Universität in eine Effizienz- und Legitimationskrise gestürzt. Wahrscheinlich hatte schon in den Anfangszeiten der Berliner Universität die Ausbildung für einen ganz bestimmten Beruf, das "Brotstudium", einen größeren Stellenwert eingenommen, als ihr Ideengeber das eigentlich wollte. Dann jedoch verwandelte sich ausgerechnet die Philosophische Fakultät, in der Humboldt sein Ideal von Wissenschaftsfreiheit am ehesten verwirklicht sah, zur Ausbildungsstätte für eine große Zahl von Lehramtsstudenten. Zugleich wuchs den Naturwissenschaften ein Maß an technischer Verwertbarkeit zu, damit auch von ökonomischem und politischem Interesse, von dem Humboldt nicht einmal geträumt haben kann.

Aufgaben, die eine Selbstverwaltung der Ordinarien selbst  mit einem bürokratischen Hilfsapparat auf Dauer nicht bewältigen konnte. In den letzten Jahren ging der Trend dahin, die Universität als eine Art Wirtschaftsunternehmen zu managen. In den Festreden freilich, da wird weiterhin der Name "Humboldt" hochgehalten. Bloß deshalb, weil sich mit "Freiheit" und "Bildung" nun einmal eher feierliche Stimmung erzeugen lässt als mit Kapazitätsberechnungen und Lehrplandiskussionen und Studiengebühren? Vielleicht ja auch, weil das Bedürfnis, wenigstens programmatisch ein Korrektiv zum Ausbildungsmanagement einzuführen, so unabweisbar ist. Die Ironie der Geschichte will, dass in der Praxis heutiger Hochschulen die Versuche, Allgemeinbildung unter dem Titel "Studium generale" oder "Studium universale" wiederzubeleben, nicht einmal so sehr auf Widerstände im Management stoßen. Die in der Regel nicht gerade überschwängliche Resonanz zeigt, dass gerade die Studenten, auf deren Bildung – modern gesprochen: Emanzipation – Humboldt doch hinaus wollte, neben ihrer Ausbildung allzu wenig Zeit finden.


Mehr im Internet:
Wilhelm von Humboldt - Wikipedia 
scienzz artikel Bildung  





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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