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25.10.2004 - LIBERALISMUS
Die Freiheit der Eigentümer
Zum 300. Todestag von John Locke am 28. Oktober
von Josef Tutsch
 | | John Locke
(1632 - 1704) | | | Die Philosophiegeschichten kennen ihn als den Vater des Liberalismus; aber in Deutschland hat John Locke keine gute Presse gehabt. Schopenhauer nannte ihn "seicht", Hegel wollte seine Lehre gar nicht erst als "Philosophie" ansprechen. Ganz anders Voltaire: "Niemals vielleicht gab es einen helleren, methodischeren Geist als Herrn Locke." Entsprechend der Befund im Buchhandel: Die "Abhandlungen über die Regierung" wurden seit ihrem ersten Erscheinen 1690 in England rund 40mal, in Frankreich 20mal, in Deutschland dreimal aufgelegt.
Allein diese Zahlen machen deutlich: Deutschland hat die Aufklärung verschlafen und dann auch die Revolution. Eine "bürgerliche" Revolution, wohlgemerkt. Wenn Locke "Freiheit" sagte, dann meinte er "Eigentum". Da ließ er keinen Zweifel aufkommen: Ein General dürfte seinen
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| Unter Charles II im Exil | Soldaten wegen des kleinsten Ungehorsams hängen lassen, ihm aber niemals einen Heller wegnehmen. Und der Gedanke, Eigentum könnte auch schon mal illegitim sein, ist ihm offenbar nie in den Sinn gekommen. Eigentum, so Lockes Argumentation, entspringt aus Arbeit; das Ergebnis dieser Arbeit kann durch Vertrag getauscht, die Arbeitskraft selbst auf Zeit vermietet werden. Alles ein Ergebnis freier Vereinbarung, auch die Ungleichheit im Bodenbesitz, die sich mit der Zeit und durch den Geldverkehr eingestellt hat.
Offenbar eine heile Welt von Arbeit und Eigentum, Freiheit und Geld. "Die Besitzlosen haben durch ihre Armut bewiesen, dass sie weniger gearbeitet haben", resümiert der Hamburger Philosoph Ulrich Steinvorth. Tatsächlich, "ohne Locke hätten die folgenden Generationen nicht mit so viel gutem Gewissen die Proletarisierung der Landbevölkerung betreiben können". Um Locke gerecht zu werden, müssen wir aber seinen Gegner anschauen, die absolute Monarchie, die damals in England freilich bereits wankte. Konkret richtete sich die "Regierungs"-Schrift gegen einen gewissen Robert Filmer, der die unumschränkte Macht der Könige aus der Bibel begründen wollte: Gott hätte Adam als Souverän über die gesamte Schöpfung eingesetzt, durch Erbfolge sei diese Gewalt an die Monarchen der Neuzeit gekommen.
Lockes Widerlegung des Filmerschen Patriarchalismus gehört zu den vergnüglichsten Lektüren des gesamten philosophischen Schrifttums. Den Ertrag hat Voltaire in einen hymnischen Ausruf gefasst: "Freiheit, Eigentum, das ist die Stimme Englands, das ist die Stimme der Natur!" In der Ideengeschichte gewann die Argumentation Bedeutung weit über jenen vergessenen Tory-Ideologen hinaus: Locke machte - da liegt der Ursprung des neuzeitlichen Liberalismus - gegen seinen großen Vorgänger Thomas Hobbes plausibel, dass
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"Leviathan": das Staatsungeheuer des Thomas Hobbes | kein "Leviathan", kein absoluter Herrscher nötig ist, um den Krieg aller gegen alle zu vermeiden. Auch wenn jeder einzelne von seinem Selbsterhaltungsinteresse gesteuert wird - ein kontrollierter, gesetzlich beschränkter Souverän genügt.
Ob Locke die stärkeren Argumente aufführte, ob er sich eher durch einen unverwüstlichen Optimismus tragen ließ, ist bis heute umstritten. Sogar den Naturzustand, vor dem "Gesellschaftsvertrag" zur Gründung des Staates, konnte sich Locke friedlich vorstellen. So scheute er denn auch nicht davor zurück, dem "Volk" - womit die besitzenden Schichten gemeint waren - ein Recht auf Widerstand zuzugestehen, falls die Obrigkeit ihre wichtigste Aufgabe vernachlässigte, nämlich den Schutz des Eigentums. Dass Locke dennoch recht vorsichtig war, zeigt seine Theorie der Gewissensfreiheit: "Papisten" einerseits, Atheisten andererseits sollten nicht toleriert werden. Die Katholiken mit ihrer Berufung auf den römischen Papst würden die Sicherheit des englischen Staates gefährden, mit dem Atheismus wäre die Grundlage des Staates überhaupt negiert.
In diesem Punkt nämlich dachte der unkonventionelle Philosoph ganz in den Bahnen der Tradition: Letzter Grund aller moralischen Verpflichtungen sollte der gerechte Wille Gottes sein. Oder vielmehr die Strafen und Belohnungen im Jenseits. "Häufig dient die Religion in Lockes System dazu, Schwierigkeiten, die sich aus der Konstruktion ergeben, zu verdecken", hat der Göttinger Politikwissenschaftler Walter Euchner dazu bemerkt.
Insoweit haben die Kritiker wohl Recht: Die Aufgabe, die dieser Denker des späten 17. Jahrhundert sich stellte - eine erste Philosophie der Freiheit -, war zu schwer. Für das Problem, wie sich moralisches Handeln und eine liberale Gesellschaft mit der Annahme des alles
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"Glorreiche Revolution" von 1689, das Königspaar William und Mary | beherrschenden Selbsterhaltungstriebs reimen sollen, konnte Locke keine Lösung finden. Ebenso bleibt fraglich, ob in dieser Philosophie mit ihrer radikal sensualistischen Erkenntnislehre ("Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in der Sinneswahrnehmung gewesen wäre") eine rationale Ethik überhaupt noch möglich war.
Der Wirkung, die Locke auf die europäische Geistesgeschichte ausgeübt hat, vor allem im Frankreich des ancien régime, im Vorfeld der Revolution, tat das aber keinen Abbruch, auch nicht, dass Lockes Konstruktion eines liberalen Rechtsstaates, im Rückblick betrachtet, nicht in unserem Sinne demokratisch ist und von einer sozialen Frage erst recht nichts weiß. Deutschland hat diese westeuropäische Tradition zu seinem Unglück zweieinhalb Jahrhunderte lang unbeachtet gelassen.
Zur Biographie von John Locke 1632 am 29. 8. in Wrington (Somerset) geboren 1662 Ernennung zum Dozenten für Rhetorik und Philosophie in Oxford 1668 Mitglied der wissenschaftlichen Akademie, der "Royal Society" 1683 unter König Karl II. Flucht ins holländische Exil 1689 bei der "Glorious Revolution" Rückkehr mit dem neuen König Wilhelm III. 1689 "Versuch über den menschlichen Verstand" 1690 "Zwei Abhandlungen über die Regierung" (anonym erschienen) 1704 am 28. 10. in Oates (Essex) gestorben
Lockes wirksamste Schrift: Zwei Abhandlungen über die Regierung, herausgegeben und eingeleitet von Walter Euchner, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 213
Eine knappe Problemanalyse findet sich in: Ulrich Steinvorth: Stationen der politischen Theorie, Reclam Universal-Bibliothek 7735
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Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur. Mitglied der Agentur scienzz communcation. |
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