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20.09.2009 - GESCHICHTE

Als Spanien "blutrein" werden wollte

Vor 400 Jahren wurden 300.000 getaufte Muslime von der Iberischen Halbinsel nach Nordafrika deportiert

von Josef Tutsch

 
 

Der Minister Duque de Lerma, Por-
trait von Peter Paul Rubens (Prado)
Bild: Wikipedia

König Philipp III. von Spanien war irritiert. Dass seine Vorgänger Ferdinand und Isabella das Sultanat Granada, die letzte islamische Bastion auf der iberischen Halbinsel, eingenommen hatten, lag mehr als ein Jahrhundert zurück. Damit war die Eroberung oder Rückeroberung der iberischen Halbinsel durch die christlichen Staaten abgeschlossen. Noch im gleichen Jahr 1492 hatte das Königspaar im "Alhambra-Edikt“ damit begonnen, Juden und Muslime im Land vor die Alternative zu stellen: Taufe oder Auswanderung. Schätzungsweise einhundertfünfzigtausend Juden und dreihunderttausend Muslime mussten das Land verlassen. Die Zurückgebliebenen ließen die Taufe über sich ergehen.

Damit hätte es in Spanien eigentlich keine Nichtchristen mehr geben können. Eigentlich – vor allem in geschlossen muslimischen Siedlungsgebieten wie in Granada und Valencia wurde unter dem Deckmantel des zwangsweise angenommenen Christentums weiterhin der Islam gelebt. Das war in den Augen der spanischen Verwaltung nicht nur eine religiöse Differenz, sondern auch politische Illoyalität, um so bedrohlicher, als sich Spanien andauernd muslimischer Piraten erwehren musste, die seine Mittelmeerküste plünderten.

Im April des Jahres 1609 beschloss Ferdinands und Isabellas Ururenkel Philipp III., sich des Problems ein für allemal zu entledigen. Am 22. September, vor vierhundert Jahren, kam ein Edikt heraus, das sein Premierminister, der Herzog von Lerma, gemeinsam mit dem Erzbischof von Valencia, Juan de Ribera, ausgearbeitet hatte: Sämtliche  "moriscos“, wie man die getauften Muslime nannte, wurden des Landes verwiesen – ohne individuelle Prüfung, bloß auf grund ihrer Abstammung. Etwa neun Zehntel der christlichen Mauren, gegen dreihunderttausend Menschen, mussten in den folgenden Jahren tatsächlich ihre Heimat aufgeben; die meisten wurden übers Mittelmeer nach Nordafrika verschifft.

Es war eine der größten Massendeportationen in der Geschichte vor dem 20. Jahrhundert, das auch in dieser Hinsicht alles bislang Geschehene in den Schatten stellte. Interesse für die Gegenwart hat das Dekret von 1609 jedoch vor allem wegen seiner Begründung: Kriterium des Ausweisungsbefehls war, wie später in der Judenverfolgung des Dritten Reichs, nicht das religiöse Bekenntnis, sondern einzig und allein das biologische, also scheinbar naturwissenschaftliche Moment der  Abstammung. Freilich der Abstammung von Ahnen, die selbst doch wieder religiös definiert waren, durch Abweichung von der staatlich verordneten Kirchenlehre.

Eigentlich ging es um einen religiösen und politischen Verdacht: Wer einer vom christlichen Monarchen nicht gebilligten Doktrin anhing, Judentum oder Islam, galt als unzuverlässig. Vielleicht waren die spanischen Könige, die seit Ende des 15. Jahrhunderts immer wieder die Zwangstaufe von Juden und Muslimen verordneten, tatsächlich der Meinung gewesen, ihr Reich auf diese Weise religiös vereinheitlichen zu können. Dem Sakrament der Taufe wurde eine wunderbare Wirkung zugeschrieben. Blieb diese Wirkung aus, musste Verstocktheit zugrunde liegen, womöglich verursacht vom Teufel.

Und damit fielen die zwangsbekehrten Juden und Muslime in die Zuständigkeit der Inquisition. Denn natürlich gerieten viele der "Neuchristen“ in den Verdacht, ihre alten Überzeugungen und Bräuche weiter zu praktizieren. "Sie gingen nur zur Messe, um nicht bestraft zu werden“, berichtet der Historiker R. T. Davies über die Morisken, "sie arbeiteten an den kirchlichen Feiertagen hinter verschlossenen Türen; sie feierten die Freitage mehr als die Sonntage. Sie wischten den Kindern nach der Taufe das Taufwasser wieder ab; die Knaben wurden beschnitten und erhielten maurische Namen. Die Frauen zogen sich, wenn sie sich in geliehenen christlichen Gewändern hatten
trauen lassen, zu Hause um und wiederholten die Zeremonien der Eheschließung in maurischer Kleidung mit den rituellen Tänzen der Religion ihrer Väter.“

Die Austreibung der Morisken, von Vicen-
te Carducho (Prado) - Bild: Wikipeida
Im Fall der Juden hatten viele spanische Kommunen sich bereits Jahrzehnte vor der Eroberung von Granada mit Zwangsbekehrungen versucht. Und die Erfahrung gemacht, dass die Taufzeremonie allein nicht unbedingt zu der gewünschten Assimilierung führte. Konsequenz: Mehrere Städte erließen Statuten, die all jene von öffentlichen Würden ausschlossen, die bis zur dritten Generation zurück einen einzigen jüdischen Vorfahren hatten. "Wir erklären“, verkündete 1449 der Magistrat von Toledo, "dass alle sogenannten conversos, die von dem widernatürlichen Geschlecht der Juden abstammen, von Gesetzes wegen als ehrlos, unfähig, ungeeignet und unwürdig gelten, irgendein öffentliches oder privates Amt oder eine Pfründe zu erhalten.“

König Johann II. von Kastilien und Papst Nikolaus V. hoben dieses Statut gleich wieder auf; aber ein halbes Jahrhundert später – die Einnahme von Granada hatte den Anteil nichtchristlicher Untertanen sprunghaft ansteigen lassen – schwenkte die spanische Krone um. Und nicht nur die Krone, sondern die gesamte Gesellschaft. Bald forderten alle namhaften Institutionen, von den geistlichen Ritterorden über die Domkapitel bis zu den Handwerkerzünften, von Kandidaten den "Reinheitsbeweis“. Das Fälschen von Ahnenlisten wurde ein einträgliches Geschäft, entweder weil ein Amtsanwärter eine peinliche Lücke in seiner Ahnenreihe schließen musste oder weil umgekehrt jemand der Konkurrenz am Zeug flicken wollte. Mitte des 16. Jahrhunderts erschien in mehreren Auflagen das Pamphlet "Tizón de Espana“, "Spanisches Schandmaul“, das dartun wollte, in Spanien gebe es keine einzige große Familie, die nicht einen Tropfen "unreinen“ Blutes habe.

Reinheit des Blutes, spanisch "limpieza de sangre“: Das war die Zauberformel, mit der die spanische Gesellschaft der frühen Neuzeit ihre Einheit herstellen wollte, auf Kosten der Nachkommen von Juden und Muslimen. Nicht nur in der Phraseologie, auch der Sache nach hat der moderne Rassismus hier einen seiner Ursprünge. Dass der mitteleuropäische Antisemitismus auf spanische Traditionen zurückgehen könnte, dafür haben sich allerdings niemals irgendwelche Anzeichen gefunden. "Die Verfolgung war noch immer religiös begründet“, hat der Bremer Historiker Immanuel Geiss in seinem viel gelesenen Buch über die Geschichte des Rassismus die Gemengelage alter und neuer Argumentationsmuster im Spanien der frühen Neuzeit umschrieben; "aber das Prinzip der Blutreinheit hob die von Diskriminierung und Verfolgung befreiende Wirkung der Taufe auf und führte erstmals tatsächlich die Praxis eines Proto-Rassismus ein.“

Reines Blut: Das meinte, in biologischer Ausdrucksweise, im Grunde die "Ehre“, ein rechtgläubiger Christ und erst unter dieser Voraussetzung auch ein vollwertiger Kastilier oder Spanier zu sein. In Spanien, heißt es in einer Denkschrift von 1600, "schätzen wir einen Bürger reinen Blutes mehr als einen Ritter, der die Reinheit nicht besitzt“. In einem Drama des Dichters Lope de Vega aus dem Jahr 1610 sagt ein Bauer zum hochadligen und ebenso hochmütigen Kommandanten von Calatrava: "Mehr als einer unter euch rühmt sich, das Kreuz des Ritters empfangen zu haben, und ist doch nicht so reinen Blutes.“

Wie wir armen Bauern, wäre fortzusetzen, die niemals in Versuchung gekommen sind, um materieller Vorteile willen in eine wohlhabende, wenngleich nicht standesgemäße Konvertitenfamilie einzuheiraten. Der Hass breiter Bevölkerungsschichten gegen die "Neuchristen“ wird noch angewachsen sein, als Philipp II. nach einem Aufstand in Granada 1568 beschloss, die maurischen Siedlungsgebiete in Granada aufzulösen und die Morisken ins Landesinnere umzusiedeln, verstreut und unter strenger Kirchenaufsicht. Und natürlich unter der argwöhnischen Aufsicht ihrer Nachbarn, die am allerwenigsten verstehen konnten, warum die Morisken kein Schweinefleisch essen wollten.

1609, nachdem der Krieg gegen das aufständische Holland fürs erste durch einen Waffenstillstand beendet war, nutzten Philipp III. und sein Minister Lerma die Ruhepause, um das Problem der Morisken mit einem Gewaltakt zu lösen. Unter den geistlichen Beratern des Königs war das Vorgehen heftig umstritten. Während der Hofprediger Luis de Aliaga mehr Geduld empfahl, schlug Erzbischof Ribera zunächst vor, die mutmaßlichen Scheinchristen auf Galeeren und in Bergwerken zu versklaven. Dass die Aktion die spanische Wirtschaft schwer schädigen musste, kann zumindest der für die Finanzen zuständige Minister Lerma nicht übersehen haben. So wurde in Aragonien selbst die Landwirtschaft großenteils von diesen Morisken betrieben. Aber die angestrebte Vereinheitlichung der spanischen Gesellschaft schien dieses Opfer wert zu sein. Der König schrieb triumphierend an den Papst nach Rom, die Christianisierung seines Reiches sei abgeschlossen.

Eine Zwangschristianisierung, die sich erstmals in der abendländischen Geschichte einer biologischen oder pseudobiologischen Argumentation bediente, "Reinheit des Blutes“. Und die, wie der Fortgang der spanischen Geschichte gezeigt hat, nur durch die allmächtige Inquisition aufrecht zu erhalten war. Die Inquisitionsprozesse haben seit der Aufklärung das Bild des Landes im restlichen Europa geprägt, bis hin zum populären Schauerroman. Moderne Historiker schätzen die Gesamtzahl der Verfahren gegen Ketzer, Juden, Muslime, Freigeister usw. usf. auf weit mehr als fünfzigtausend; etwa zwei Prozent dürften mit einer Hinrichtung geendet haben. 1992 nahm König Juan Carlos den fünfhundertsten Jahrestag des berühmtesten aller antijüdischen Edikte, des "Alhambra-Edikts“ von 1492, zum Anlass, sich bei der jüdischen Gemeinde für den barbarischen Akt seiner Vorgänger zu entschuldigen. Man wird sehen, ob zum vierhundertsten Jahrestag der Austreibung von 1609 eine ähnliche Geste gegenüber den Muslimen folgt.


Mehr im Internet:
Morisken - Wikipedia 
scienzz artikel Frühe Neuzeit
scienzz artikel Südeuropa

 

 

 

 

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