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31.08.2009 - GESCHICHTE
Götter im Brennholzvorrat
"James Cook und die Entdeckung der Südsee" in der Kunsthalle Bonn
von Josef Tutsch
 | | Nathaniel Dance: Captain James
Cook, 1775/76 (Ausschnitt)
| | | Als sich James Cook 1772 auf seine zweite Weltreise begab, wollte er endlich den lange vermuteten großen Südkontinent finden – oder auch umgekehrt dessen Nichtexistenz beweisen. Das Publikum in Europa interessierte sich aber mindestens ebenso sehr für die fremdartigen Sitten und Gebräuche der Südseeinsulaner. Und da vor allem für einen Punkt, den Cook selbst nach seiner ersten Reise bekannt gemacht hatte: Am anderen Ende der Welt gebe es Menschen, die keine Scheu hätten, ihresgleichen zu verspeisen. Die Skepsis seiner Zuhörer animierte Cook, nunmehr nach handfesten Beweisen zu suchen. Auf der neuseeländischen Südinsel gelang es einigen Offizieren, von den Bewohnern gegen einen Schiffsnagel den Kopf eines erschlagenen Feindes zu kaufen. Cook nahm die Gelegenheit wahr, ein Experiment durchzuführen. In Gesellschaft einiger Maori ließ er ein Stück der Wange garen, und tatsächlich, wie Cooks Begleiter Georg Forster berichtete, die Einheimischen verschlangen es "mit der größten Gierigkeit".
Das merkwürdige "Experiment" ist in der großen Ausstellung über "James Cook und die Entdeckung der Südsee", die jetzt in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen ist, nicht dokumentiert – obwohl der Schädel nach Cooks Rückkehr tatsächlich in eine Londoner Sammlung gekommen sein soll. Aber ansonsten vermittelt Bonn einen umfassenden Überblick über die drei Weltreisen, die James Cook von 1768 bis 1779 unternahm: Porträts des Kapitäns und der Wissenschaftler an Bord, Karten und Globen, auf denen erstmals die Umrisse des neuentdeckten Kontinents Australien eingezeichnet sind, Instrumente für Navigation und Astronomie. Schließlich hatte die erste Reise 1768 einen astronomischen Auftrag; von Tahiti aus sollte der Venusdurchgang vor der Sonne beobachtet werden.
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Brustschmuck von den Gesellschafts- inseln, 18. Jh. - Bild: Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen
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Auch so Manches, was Atmosphäre vermittelt, ist in Bonn zu sehen: eine Galauniform, wie Captain Cook sie getragen haben wird, oder die "Holy Bible", die auf allen drei Reisen mit dabei gewesen sein soll. Und dann vor allem die Kunst- und Kulturgegenstände aus der Inselwelt von Neuseeland bis zu den Aleuten, von Neukaledonien bis zur Osterinsel, die Cook und seine Begleiter mit nach Europa brachten: Götter- und Ahnenfiguren, Musikinstrumente, Waffen, Haushaltsgefäße, Kleidungs- und Schmuckstücke . ...Neben dem Wiener Museum für Völkerkunde und dem Berner Historischen Museum, wo die Ausstellung demnächst zu sehen sein wird, haben vor allem britische Museen Leihgaben beigesteuert. Und, nicht zu vergessen, die Universität Göttingen, die damals in dem Großbritannien durch Personalunion verbundenen Kurfürstentum Hannover lag.
Museumsgüter aus unrechtmäßigem Erwerb, wie man heutzutage gern denkt? Salote Pilolevu Tuita, Prinzessin von Tonga, die zum Ausstellungskatalog ein Grußwort beigesteuert hat, winkt ab: "Wären diese großartigen Stücke nicht bei den Entdeckungsreisen gesammelt worden, hätte man sie einfach weiter verwendet, verschlissen und schließlich weggeworfen." Anscheinend hatten die Bewohner dieser Inselwelt ein recht pragmatisches Verhältnis zu solchen Gegenständen, selbst dann, wenn sie zeitweise rituell gebraucht wurden. Aus Hawaii sind Götterbilder aus Holz ausgestellt. Das Heiligtum, in dem sie sich zu Cooks Zeiten befanden, erläutert der Katalog, "war offensichtlich außer Gebrauch, sodass man Cook die Plastiken als Feuerholz verkaufte".
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William Hodges, Kriegsboote in Otaheite, Tahiti, 1777 - Bild: National Maritime Museum, Greenwich
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Der Kapitän hatte Kunstgeschmack genug, die Götter nicht zu verfeuern. Die Rindenbaststoffe, die mit nach Europa kamen, müssen geradezu eine Mode ausgelöst haben: regelmäßige Streifen und geometrische Figuren, die dem Zeitgeschmack vermutlich eine willkommene, schlicht und "natürlich" erscheinende Alternative zum Überschwang des Rokoko boten. Wie überhaupt "Natur" ein Schlüsselwort für die Aufnahme dieser exotischen Welt im Europa der Aufklärung war. Mit an Bord waren Wissenschaftler, nicht nur für Geographie und Astronomie, sondern auch für Botanik und Zoologie. Die Mannschaften freilich hatten andere Interessen. Sie befassten sich (für Cook anscheinend ein Anlass zu vielen Seufzern, er befürchtete wohl die Verbreitung von Geschlechtskrankheiten) intensiv mit den weiblichen Inselbewohnern.
Wie die sexuelle Freizügigkeit, die die Matrosen erlebten oder zu erleben glaubten, im Kontext der polynesischen Gesellschaften zu deuten ist, bleibt bis heute unter Ethnologen umstritten, ebenso wie die Frage des Kannibalismus. Im Rückblick betrachtet, zeigt beides, wie naiv die Europäer der fremden Welt gegenübertraten. Und unsere Verständnisschwierigkeiten machen klar, wie rasch und wie gründlich diese fremde Welt untergegangen sein muss. Vielleicht glaubten die "Wilden" bei Cooks Experiment ja gerade umgekehrt, sie seien Kannibalen begegnet, und wollten sich durch höfliches Mitmachen Vorteile beim Handel sichern? War es beim sexuellen Entgegenkommen womöglich nicht anders?
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Georg Forster,Barringtonia asiatica, Tahiti, 1773 Bild: Natural History Mu- seum, London
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Wie auch immer, die Reisen des James Cook bildeten einen Wendepunkt in der Geschichte der europäisch-überseeischen Begegnung. Seinen Vorgängern wie zum Beispiel Christoph Columbus ging es mit größter Selbstverständlichkeit um die Suche nach Gold, die Inbesitznahme von Territorien und die Missionierung der Ureinwohner. Der Auftrag der britischen Admiralität an Cook liest sich da ganz anders: "das Verhalten der Eingeborenen zu beobachten". Freilich nicht, ohne dass dann doch noch ein weiteres Stichwort fällt: "mit ihnen Freundschaft zu knüpfen und ihnen Gaben zu überreichen, sie auf diesen Weise für den Handel zu gewinnen”.
Unvermeidlich wurden die Eindrücke von der Südsee in die europäischen Wahrnehmungsschemata integriert. Was die Künstler an Bord malten oder zeichneten, wirkt nicht weniger malerisch als zeitgenössische Ansichten des Golfs von Neapel oder vom Rheintal. Umgekehrt ließ sich der Naturforscher Joseph Banks, der Cook auf seiner ersten Reise begleitet hatte, nach seiner Rückkehr im Maorimantel porträtieren – das Gemälde von Benjamin West bildet eines der Prunkstücke der Ausstellung. Leider nicht in Bonn zu sehen ist Joshua Reynolds Bild von dem Tahitianer Omai, der auf eigenen Wunsch mit nach England kam und von der Londoner Prominenz als "edler Wilder" bestaunt wurde. Die Besucher der Ausstellung müssen sich mit einer Zeichnung nach dem berühmten Gemälde begnügen: ein antiker Philosoph, versetzt in eine tropische Landschaft.
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Federgott aus Hawaii, 18. Jh. - Bild: British Museum, London
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Natur und Antike: Das eine wie das andere Wort bezeichnete für Cooks Zeitgenossen einen utopischen Gegenentwurf zu ihrer eigenen Gesellschaft. Freilich nicht ohne Dilemmata. Auf dem Bild, das Johann Joseph Zoffany von Cooks Tod bei einer bewaffneten Auseinandersetzung auf Hawaii am 16. Februar 1779 gemalt hat – ein weiteres Prunkstück der Bonner Ausstellung –, sind die "Wilden" in Posen dargestellt, die griechischen Statuen abgeschaut waren. Das Gemälde blieb unvollendet. Vom britischen Standpunkt aus mussten die Hawaiianer doch Cooks Mörder sein. Durfte man sie antikisch idealisieren?
Was an diesem 16. Februar wirklich geschehen ist, lässt sich schwer sagen. Hawaiianer sollen einen Kutter entwendet haben; daraufhin wollte Cook, der wohl unter dem Druck seiner Mannschaften stand, härter gegen die Eingeborenen durchzugreifen, den Häuptling als Geisel nehmen. Einen Häuptling, mit dem er Bruderschaft geschlossen hatte – Cook wurde als "Verräter" beschimpft, und als es zum Handgemenge kam, ließen ihn seine Soldaten im Stich. "Es war ein Zusammenprallen unterschiedlicher kultureller Einflüsse, denen er zum Opfer fiel", resümiert die neuseeländische Historikerin Anne Salmond.
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Nathaniel Dance, Captain James Cook, 1776 Bild: National Mari- time Museum, Greenwich, London
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Cook scheint geahnt zu haben, dass es nicht unbedingt gut ausgehen würde. "Alles, was sie zu begehren schienen, war, dass wir wieder verschwanden", hatte er ein paar Jahre zuvor nach einer feindseligen Begegnung an der Küste Australiens in sein Schiffstagebuch notiert. Manchmal neigte er sogar dazu, die Verhältnisse, die er vorgefunden hatte und nun wider Willen veränderte, zu verklären: "Wir führen neue Bedürfnisse und vielleicht auch Übel ein, welche bloß die glückliche Ruhe stören, welcher sie und ihre Vorfahren sich erfreuten." Noch "romantischer" äußerte sich sein Mitreisender Georg Forster: Es sei "wirklich im Ernst zu wünschen, dass der Umgang der Europäer mit den Einwohnern der Südseeinseln abgebrochen werden möge, ehe die verderbten Sitten der zivilisierten Völker diese unschuldigen Leute anstecken können, die hier in ihrer Unwissenschaft und Einfalt so glücklich leben".
Sicher, auch Forster konnte befremdliche Phänomene nicht übersehen. Aber er setzte sie realistisch in Bezug zu den in Europa üblichen Greueln: "Was ist der Neuseeländer, der seinen Feind im Kriege umbringt und frisst, gegen die Europäer, der, zum Zeitvertreib, einer Mutter ihren Säugling mit kaltem Blut von der Brust reißen und seinen Hunden vorwerfen kann?" Die Bewohner der Südsee warteten eben nicht darauf, von den Europäern "entdeckt" zu werden – ein Umstand, der sich umschreiben, aber nicht in einer solchen Ausstellung präsentieren lässt. Vor allem unter den australischen Aborigines ist diese Sicht der Dinge bis heute aktuell; der Ausstellungskatalog zeigt ein Bild aus dem Museum in Sidney, gemalt 2006, wo auf dem Union Jack des britischen Landungstrupps ein Totenschädel prangt, Unterschrift: "Hier draußen nennen wir sie Piraten." Die untergründige Ironie wird erst klar, wenn der Betrachter sich vergegenwärtigt, dass dieses Bild mit den Kunsttraditionen der Aborigines nicht das Geringste zu tun hat. Es ist ganz und gar nach europäischen Konventionen gemalt.
Ausstellung: "James Cook und die Entdeckung der Südsee" bis 28. Februar in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Bonn, 10. Mai bis 13. September 2010 im Museum für Völkerkunde, Wien, 7. Oktober 2010 bis 13. Februar 2011 im Historischen Museum, Bern
Neu auf dem Büchermarkt: Katalog "James Cook und die Entdeckung der Südsee", Hirmer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-7774-2121-6, 39,90 €, 64,90 CHF (Buchhandelsausgabe, im Museum 29,- €)
Mehr im Internet: Ausstellung "James Cook und die Entdeckung der Südsee" James Cook - Wikipedia scienzz artikel Entdeckungsreisen
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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