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11.09.2009 - SPRACHGESCHICHTE
"Die Inder sind die Deutschen des Orients"
Die romantische Suche nach dem indogermanischen Urvolk im 19. Jahrhundert
von Josef Tutsch
 | | Friedrich Schlegel von Caroline Reh-
berg, um 1796 - Bild: Wikipedia
| | | Deutsch "Vater", lateinisch "pater", griechisch "patér": Dass diese Wörter verschiedener Sprachen ähnlich klingen, hatten Europas Gelehrte Jahrhunderte lang wie selbstverständlich hingenommen. Stutzig wurde man erst, als Reisende und Kolonialbeamte aus Indien berichteten, im Sanskrit heiße es mit "pitá" ebenfalls ganz ähnlich. Dutzende weiterer Wörter und grammatischer Formen bestätigten diese Beobachtung. 1786 legte der Philologe William Jones in London seine Theorie vor, all diese Sprachen, aber auch das Persische und die keltischen Sprachen, hätten nicht nur Ähnlichkeiten, sondern einen gemeinsamen Ursprung.
Es ist bis heute eine beliebte Beschäftigung von Sprachhistorikern, diesen gemeinsamen Ursprung, also die erschlossene "indogermanische" Ursprache – und dann auch gleich ein "Urvolk", das diese Sprache gesprochen hätte –, nach Ort und Zeit dingfest machen zu wollen. Favorisierte Theorie in der Gegenwart: "Indogermanen", wenn man dieses Volk so nennen will, könnten im 4. Jahrtausend vor Christus nördlich des Schwarzen und des Kaspischen Meers gelebt haben. Der israelische Historiker Chen Tzoref-Ashkenazi hat sich mit der Frühphase dieser Ursprungssuche in der deutschen Romantik befasst. Jones’ Theorie, so Tzoref-Ashkenazi, wurde auf dem europäischen Kontinent erst mit zwei Jahrzehnten Verspätung beachtet, durch das Buch "Über die Sprache und Weisheit der Inder" von Friedrich Schlegel. Das Werk, erschienen 1808, begründete eine neue wissenschaftliche Disziplin, die "Vergleichende Sprachwissenschaft".
Die Analyse zeigt jedoch, dass Schlegel – dem Publikum von heute eher als Repräsentant einer frühromantischen Literaturtheorie bekannt – Jones’ Theorie in mindestens zweierlei Hinsicht verschoben hat. Erstens behauptete Schlegel, eine dieser noch bestehenden Sprachen selbst, nämlich das Sanskrit, sei der Ursprung, aus dem sich Griechisch, Lateinisch und Deutsch entwickelt hätten. Und zweitens meinte Schlegel, nicht nur die Sprachen, sondern auch die zugehörigen Völker, also Griechen, Römer und Germanen, seien dereinst aus jenem Land gekommen, in dem Sanskrit noch heute als Sprache des religiösen Rituals gepflegt wird, aus Indien. Die alten Griechen wären als Angehörige einer häretischen Sekte verbannt worden; den Auszug der Germanen erklärte der Romantiker, noch ein Stück phantasievoller, mit der Verehrung des Nordens, wie er in der indischen Mythologie zu finden sei.
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Willilam Jones, nach einem Ge- mälde von Joshua Reynolds Bild: Wikipedia
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Wem bei dem Stichwort "Norden" jetzt unbehagliche Assoziationen kommen, der liegt nicht einmal ganz falsch. Schlegel war der Meinung, die "Deutschen" hätten die Traditionen des Urvolkes besser bewahrt als andere europäische Völker, womöglich besser als die Inder selbst. Und tatsächlich gehört die Indienbegeisterung des romantischen Literaturtheoretikers in die Vorgeschichte des Mythos von der "arischen" Rasse. Sogar das Wort "Arier" stammt aus dieser eigentlich doch solide sprachwissenschaftlichen Diskussion: Damit wurde der östlichste, indoiranische Zweig der indogermanischen Sprach-"familie" bezeichnet.
In die Vorgeschichte dieses Rassemythos, ist zu betonen, nicht eigentlich in seine Geschichte. Die "national gefärbte Mythologisierung Indiens bei Schlegel", betont Tzoref-Ashkenazi, sei nicht Teil eines "arischen, antisemitischen Rassismus" wie in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert gewesen. "Die Romantiker entwickelten einen nationalen, aber keineswegs rassistischen Mythos, der sich gegen jene richtete, die als Feinde der Nation betrachtet wurden." Und das war in jener Zeit der napoleonischen Herrschaft über Europa Frankreich, manchmal freilich auch das doch ebenfalls antinapoleonische England. Eine Notiz Schlegels von 1798 lässt ahnen, dass er versuchte, aus der politischen Zerrissenheit und ökonomischen Rückständigkeit Deutschlands eine moralische Tugend zu machen: "Die Inder sind die Deutschen des Orients, wegen Philosophie und Poesie, die Chinesen sind die Franzosen und Engländer durch ihre Nützlichkeit."
Indien war für Friedrich Schlegel auch nur eine von mehreren geistesgeschichtlichen Potenzen, die er gegen die französische Vorherrschaft in Europa aufbieten wollte. Wahlweise standen daneben die alten Germanen, die sich gegen das römische Weltreich aufgelehnt hatten; die alten Griechen die den Römern militärisch unterlegen waren, kulturell aber doch als deren Lehrmeister hatten auftreten können; das deutsche Mittelalter, in dessen Kunst und Dichtung die Zeitgenossen damals den unverfälschten Ausdruck des deutschen nationalen Geistes vermuteten. Aber das fremdartige Indien übte wohl doch eine Faszination aus, die noch über den antifranzösischen Affekt hinausging. "Alles, alles stammt aus Indien", schrieb Schlegel 1803. "Hier ist eigentlich die Quelle aller Sprachen, aller Gedanken und Gedichte des menschlichen Geistes."
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Feindbild Frankreich: Napoleon Bonaparte, von J.-L. David Bild: Nat. Gall. Washington
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Für die indische Mythologie muss Schlegel bereits geschwärmt haben, als ihm Jones’ Hypothese über einen gemeinsamen Ursprung der griechischen und der indischen Götter noch gar nicht bekannt sein konnte. Gegenüber der griechischen hatte die indische Mythologie in seiner Sicht sogar einen entschiedenen Vorzug: Sie war religiöser, mystischer. Das Modell Indien diente zum Ausbruch aus der Fixierung des deutschen Geistes auf das Vorbild Griechenland – bekanntlich nahm Schlegels Zeitgenosse Goethe da eine andere Haltung ein: "Auf ewig hab ich sie vertrieben, vielköpfige Götter trifft mein Bann, so Wischnu, Kama, Brahma, Schiven, sogar den Affen Hannemann."
Schlegel dagegen sah sich auf der Höhe der Zeit. Wie Tzoref-Ashkenazy darstellt, muss Anfang des 19. Jahrhunderts unter deutschen Intellektuellen die Ansicht verbreitet gewesen sein, die Ideen der idealistischen Philosophie, wie sie damals vor allem von Friedrich Wilhelm Joseph Schelling vorgetragen wurden, wären im alten Indien sozusagen vorformuliert worden. Arthur Schopenhauer hat diese Ansicht später mit dem Bild vom "Schleier der Maja" in weiten Kreisen populär gemacht. Die sinnlich erfassbare Welt sei bloß Illusion, vorgegaukelt von einer göttlichen Zauberin – dieser indische Mythos ließ sich mit philosophischen Begriffen wie "Schein" und "Erscheinung" in Parallele setzen.
Noch während der Arbeit an seinem Indienbuch kam Schlegel jedoch zu Einsichten, die seine Indienbegeisterung dämpften: Der Idealismus, vielmehr der darin allemal mitschwingende Pantheismus, verwische den Unterschied zwischen Gut und Böse. Im gleichen Jahr 1808, wo "Über die Sprache und Weisheit der Inder" herauskam, konvertierte Schlegel zum Katholizismus. Welche innere Entwicklung dahinter stand, kann auch Tzoref-Ashkenazi letztlich nicht klären. 1798 hatte Schlegel noch geschrieben, er wolle eine neue Religion stiften. "Die neue Religion soll ganz Magie sein", orientiert an allen Mythologien der alten Welt, der griechischen, der germanischen und vor allem eben der indischen.
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"Vielköpfige Götter trifft mein Bann": Gott Brahma, Darstellung um 1820 Bild: Wikipedia
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Aber bereits 1804, so Tzoref-Ashkenazi, habe Schlegel nicht mehr geglaubt, "in den indischen Schriften erhabenere Gedanken zu finden als in denen des Christentums". War ihm bewusst geworden, in welche Konflikte mit der biblischen Tradition des Abendlandes die Orientierung an den indischen Religionen und Philosophien ihn stürzen musste? Es kennzeichnet den geistesgeschichtlichen Wandel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, dass dieser Konflikt eine Generation nach Schlegel nicht mehr gescheut, sondern vielmehr gesucht wurde. Nunmehr wurden die Inder, schreibt Tzoref-Ashkenazi, nicht mehr neben die Griechen, sondern "fast reflexartig den Juden gegenübergestellt".
Das konnte moral- oder religionsphilosophisch gemeint sein; zum Beispiel bei Schopenhauer war "Indien", historisch reichlich gewagt, ein Synonym für die "anderen" Wurzeln, die das Neue Testament und das frühe Christentum neben dem hebräischen Alten Testament eben auch haben – heute spricht man in diesem Zusammenhang von Hellenismus oder Gnosis. Aber die Gegenüberstellung konnte ebenso gut rassistisch gedacht sein, am einflussreichsten im "Essai sur l’inégalité des races humaines" von Arthur de Gobineau von 1855. Es scheint Gobineau gewesen zu sein, der den Begriff einer "arischen Rasse" geprägt hat – ein Endpunkt der romantischen Indienbegeisterung, von dem Friedrich Schlegel ein halbes Jahrhundert zuvor nichts hatte ahnen können.
Bleibt die Frage, inwieweit dieser moderne Rassemythos in der Romantik, also zum Beispiel bei Schlegel, vielleicht doch irgendwie präformiert war. Offenbar sahen Wissenschaftler um 1800 keinen Anlass, zwischen "Sprachen" und "Völkern" und womöglich "Rassen" deutlich zu unterscheiden. Man gab sich keine Rechenschaft über den Unterschied zwischen biologischen und kulturellen Kategorien. Was vielleicht noch befremdlicher auffällt, ist das Übermaß an Phantasie und Spekulation in einem Werk wie Schlegels "Sprache und Weisheit der Inder" – Vergleichbares würde sich heute kein Historiker erlauben, der von seinen Fachkollegen anerkannt werden möchte.
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Arthur de Gobineau Bild: Wikipedia
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Ausschlaggebend im Falle Schlegel war jedoch, wie Tzoref-Askenazi demonstriert, dass seine aktuellen politischen Affekte – gegen das napoleonische Frankreich – manchmal mächtiger waren als sein Vermögen zu wissenschaftlicher Selbstkritik. Das wird sich nicht geändert haben, als mit der Konversion zum Katholizismus 1808 andere Arbeitsgebiete in den Vordergrund traten. Auch das deutsche Mittelalter schien als christliche Alternative zum "atheistisch" gewordenen Frankreich der Gegenwart geeignet. Und eine vollständige Abwendung von seinen indischen Interessen war damit auch gar nicht verbunden: Die Germanen und ihre Nachkommen, die Deutschen, glaubte Schlegel, hätten das System der Feudalherrschaft aus Indien mitgebracht – aus dem indischen Kastenwesen – und im Mittelalter sogar noch verbessert.
Wiederum eine historische Phantasie, die bei heutigen, auf empirische Stützen bedachten Historikern Kopfschütteln und Haareraufen hervorrufen muss. Aber wer vermag schon zu sagen, welche politischen oder sozialen oder moralischen Motive scheinbar bloß wissenschaftliche Diskussionen von heute antreiben und in Theorien geformt werden, die späteren Generationen völlig unverständlich vorkommen mögen. Im Rückblick ist jedenfalls deutlich zu sehen, was Schlegel zu seinen Phantasien veranlasste: "Die Aufgabe der Politik dürfte keine andere sein als die Verfassung des Mittelalters einerseits wiederherzustellen und andererseits zu vollenden." Und dadurch den "westlichen" Ideen nationaler Repräsentation ein eigentlich "deutsches" Konzept entgegenzusetzen. Noch im Ersten Weltkrieg traten Intellektuelle des wilhelminischen Kaiserreichs in großer Zahl in Schlegels Fußstapfen.
Neu auf dem Büchermarkt: Chen Tzoref-Ashkenazi: Der romantische Mythos vom Ursprung der Deutschen. Friedrich Schlegels Suche nach der indogermanischen Verbindung, Wallstein Verlag, Göttingen 2009, ISBN 978-8353-0472-7, 29,- €
Mehr im Internet: Indogermanische Ursprache - Wikipedia Jesus in Indien und Buddhisten am Nil, scienzz 04.06.2008
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur, Mitglied von scienzz
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