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kultur

06.12.2009 - ETHNOLOGIE

Ein Lächeln zum Dank

Aus der Anthropologie und Kulturgeschichte des Schenkens

von Josef Tutsch

 
 

"Nikolaus, komm in unser Haus, pack die großen Taschen aus", "Morgen kommt der Weihnachtsmann, kommt mit seinen Gaben ..." Egal, ob nun Christkind und Weihnachtsmann am 24. und 25. Dezember oder der heilige Nikolaus schon am 6. des Monats, der Dezember ist die Zeit der Gaben und der Geschenke, vor allem natürlich für die Kinder. In vielen Ländern Ost- und Südeuropas dagegen werden die Kinder nach wie vor am 6. Januar beschenkt, dem Fest der heiligen drei Könige. Ein Brauch, der sich auf die biblische Geschichte berufen kann: Die Weisen aus dem Morgenland, so erzählt das Matthäusevangelium, "fanden das Kind mit Maria, seiner Mutter, fielen nieder und beteten es an, öffneten ihre Schätze und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe".

Menschen beschenken einander, auch zu Anlässen, die vom christlichen Festkalender losgelöst sind, also vor allem Geburtstagen. Wie mag das Jesuskind reagiert haben, als die Weisen ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe schenkten? Das Evangelium schweigt sich aus; aber die vielen Nacherzähler und Maler der Szene haben niemals einen Zweifel gelassen: Es lächelte – das ist der Lohn, den alle Schenkenden bis heute erhoffen, gerade dann, wenn nichts materiell Gleichwertiges als Gegengabe zu erwarten steht. "Es ist schön, den Augen dessen zu begegnen, dem man soeben etwas geschenkt hat", bemerkte um 1690 der französische Schriftsteller Jean de la Bruyère in seinem Buch über die "Charaktere". Das gilt wohl auch heute noch, trotz aller Ermüdung, die der Stress des Weihnachtsgeschäfts hervorrufen muss. Und trotz aller Uniformierung, die der Weihnachtsmarkt auch bei den Geschenken mit sich gebracht hat. Phantasie ist nicht mehr erforderlich; notfalls bekommen alle das gleiche Handy oder den gleichen iPod geschenkt.

Aber ob diese Freude wirklich alles ist? Nicht erst die Psychoanalyse hat uns Misstrauen gelehrt gegen die vermeintlich edlen Motive des Menschen. Eine Generation vor La Bruyère hatte sein Kollege Francois de la Rochefoucauld ein Büchlein mit "Reflexionen und moralischen Sentenzen" herausgebracht. Alle, aber auch wirklich alle scheinbar uneigennützigen Handlungen, behauptete La Rochefoucauld, seien Äußerungen einer verkappten Eigenliebe. Unverkennbar eine Erbschaft der christlichen Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen, radikaler noch, als viele menschenfreundliche Prediger sie formuliert haben. "Was man Freigebigkeit nennt, ist fast immer eine Eitelkeit, die das Geben lieber hat als die Gaben." Fast immer – gut denkbar, dass der Autor diese Einschränkung eingefügt hat, um die Frage zu vermeiden, ob von diesem Verdacht wenigstens das Geschenk der Geschenke, die Gabe der Könige an das Jesuskind, auszunehmen sei.

Anbetung der hl. Drei Könige, von
Rogier van der Weyden, Columba-
Altar, um 1455 - Bild: AP München

Ist das Schenken bloß eine verkleidete Form der Eigenliebe, ist womöglich jede Form altruistischen Handelns bloß Äußerung eines tieferliegenden Egoismus? Philosophie und Sozialwissenschaften der letzten drei oder vier Jahrhunderte sind voll von diesem Verdacht. "Ist Schenken nicht eine Notdurft?" ließ Friedrich Nietzsche seinen Zarathustra fragen und warnte seine Leser vor einem Fehlschluss: "Durch Geschenke erwirbt man keine Rechte." Vielleicht ist es aber gerade dieser Schluss oder Fehlschluss, der den Zusammenhalt menschlicher Gemeinschaften garantiert. In vielen Kulturen, stellte der französische Ethnologe Marcel Mauss 1925 in seinem "Essay über die Gabe" fest, "finden Austausch und Verträge in Form von Geschenken statt, die theoretisch freiwillig sind, in  Wirklichkeit jedoch immer gegeben und erwidert werden müssen". Selbst die Annahme eines Geschenks sei "in Wirklichkeit" nicht freiwillig: Es zurückzuweisen, heiße die Gemeinschaft aufzukündigen.

Der griechische Philosoph Dion Chrysostomos, um 100 nach Christus, scheint diese Erkenntnisse vorausgeahnt zu haben. Die schon von den Helden Homers so hoch geschätzte Tugend der Gastfreundschaft sei eine wohl kalkulierte Investition, um die eigene Vorausleistung später verzinst zurückzuerhalten – "mit der Wurst nach der Speckseite werfen", wie der deutsche Volksmund sagt. Man kann sich leicht vorstellen, wie Dion die Bescherung für die Kinder zu Weihnachten gewertet hätte: als Vorausleistung in einem Generationenvertrag, die später – hoffentlich – einmal zurückgezahlt würde. Der Philosoph zitierte eine Stelle aus Homers "Odyssee": Es sei Brauch oder Pflicht, das Gute zu vergelten, "wenn einer damit vorangegangen".

In der Inselwelt Melanesiens konnte der polnisch-englische Ethnologe Bronislaw Malinowski zur Zeit des Ersten Weltkriegs einen solchen Mechanismus von Gastgeschenken beobachten: Rote Halsketten wurden zwischen den Häuptlingen der verschiedenen Inseln im Uhrzeigersinn ausgetauscht, weiße Halsketten in der umgekehrten Richtung, in einem nach unseren Begriffen merkwürdig unbestimmten Rechtszustand zwischen "geschenkt" und "geliehen". Es gab keine Möglichkeit, sich diesem Kreislauf zu entziehen oder ihn ungebührlich zu verzögern; es gab sie so wenig, dass Malinowski auf die Frage nach den Sanktionsmechanismen, die dahinter standen, passen musste. Sicherlich drohte eine allgemeine soziale Ächtung.

Potlatchfigur zur Begrüßung der
Gäste - Bild: Peabody Museum,
Yale University, New Haven, Conn.

Bei Indianerstämmen an der amerikanischen Nordwestküste haben die Ethnologen eine Steigerungsform des Weggebens gefunden, die für unser "rationales" ökonomisches Denken noch viel befremdlicher ist, den sogenannten "Potlatch". Wenn zum Beispiel eine Rangerhöhung oder ein Begräbnis zu feiern war, mussten die Häuptlinge ihr Glück und ihren Reichtum demonstrieren, indem sie nicht nur großzügig Geschenke verteilten, sondern auch kostbare Güter rituell vernichteten. Da wurden dann Pelze und Decken, Holzschnitzereien und Kupferplatten im Meer versenkt und im Einzelfall auch Pferde und Sklaven totgeschlagen. Je verschwenderischer der Potlatch ausfiel, desto höher stieg das Prestige des Veranstalters, jedenfalls bis zum nächsten Potlatch, wo ein anderer Häuptling seinen Rivalen übertrumpfen musste – nicht anders als im Kreislauf von Geschenken.

Ferne Völker, frühe Zeiten? "In meiner Kindheit", erinnerte sich Marcel Mauss 1925, "gab es Familien, die in normalen Zeiten sehr eingeschränkt lebten, sich aber anlässlich von Kirchweihen, Hochzeiten, Erstkommunionen und Beerdigungen für ihre Gäste ruinierten." Es ist gefährlich, aus solchen Traditionen der Großzügigkeit ausbrechen zu wollen; das zeigt das Märchen der Brüder Grimm von Dornröschen: Weil das Königspaar nur zwölf goldene Teller hat, wird eine dreizehnte "weise Frau" nicht eingeladen. Aus Ärger verflucht sie das neugeborene Kind. Aber auch von der rituellen Verschwendung finden sich Spuren in unserer Gegenwart. Wenn Vermögen in ein großes Feuerwerk investiert wird oder in die weihnachtliche Festbeleuchtung unserer Straßen oder in "Kamellen" beim Karneval, dann hat auch das etwas von einem Potlatch.

Sparsamkeit gilt eben nicht immer als Tugend, demonstrative Verschwendung wird nicht immer als Laster angesehen. Aber natürlich gibt es "Geschenke" an die Allgemeinheit, bei denen es uns leichter fällt, sie als sinnvoll anzuerkennen, etwa die Stiftung von Museen oder die Förderung wissenschaftlicher und kultureller Projekte; das Rechtssystem honoriert oft solche Großzügigkeit, indem der Staat auf Steuern verzichtet. Im Mittelalter war es die Stiftung von Kirchen, Klöstern und Spitälern oder, in kleinerem Maßstab, das alltägliche Almosen an Bettler. Ein Schelm, wer glauben wollte, dabei wäre es um pure Nächstenliebe gegangen. Diese Zuwendungen aus einem Vermögen, das vielleicht nicht immer so ganz auf rechtem Wege erworben war, sollten das eigene Seelenheil sichern.

Ablasszettel, 1925
Bild: Wikipedia

Die reformatorische Theologie eines Martin Luther hat es in Verruf gebracht, dass Menschen mit ihren "guten Werken" sich den Weg zur Erlösung sichern wollen. Aber in vielen Religionen war – oder ist – das jenseitige Heil ein selbstverständliches Element in dem universalen Tauschsystem von Gütern und Dienstleistungen, Kommunikations- und Verwandtschaftsbeziehungen. Oft wurden die Götter auch für das Glück im Diesseits verantwortlich gemacht. Ein König von Lydien, berichtet der griechische Historiker Herodot, "schichtete einen gewaltigen Scheiterhaufen auf und verbrannte auf ihm Liegen, mit Gold und Silber überzogen, und goldene Schalen und purpurne Mäntel und Kleider, in der Hoffnung, das Wohlwollen des Gottes immer noch mehr zu gewinnen".

Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft ... Der König wollte seinen Gott unter Zugzwang setzen, nicht anders als die Höflichkeitsgeschenke in Wirtschaft und Diplomatie eine Atmosphäre schaffen sollen, in der es schwerer fällt, dem andern etwas abzuschlagen; die Grenze zur Bestechung ist bekanntlich fließend. Das war es, woran die Reformatoren um Martin Luther Anstoß nahmen: Mit guten Werken versuche der Mensch, Gott das Gegengeschenk der Erlösung abzutrotzen. Aber es handelt sich tatsächlich um eine uralte religiöse Geste. "Do ut des", sagten die Römer, "ich gebe, damit du gibst". Sie waren sich darüber im klaren, dass sie ihren Göttern opferten, weil sie eine Gegengabe oder einen Gegendienst erhofften. 

Selbst in der Sprache der Messgebete ist diese altrömische Tradition noch heute nachzuvollziehen. "Recordare, Jesu pie", heißt es in der Sequenz der Totenmesse, "milder Jesu, wollst erwägen, das du kamest meinetwegen, schleudre mir nicht Fluch entgegen", Das Wort "pius", das gängig mit "mild" übersetzt wird (oder mit "fromm", wenn es sich auf Menschen bezieht), heißt eigentlich "pflichtgetreu" – Pflicht im Sinne jenes Kreislaufs von Gabe und Gegengabe. Eine Wortgeschichte, über die sich der Dichter dieser Sequenz im 13. Jahrhundert sicherlich keine Rechenschaft abgelegt hat. In der vorangehenden Strophe findet sich der Vers "qui salvandos salvas gratis", in der deutschen Übersetzung: "Frei ist deiner Gnade Schalten".

Weihnachtsbescherung
unterm Baum

Die Spannung von frei geschenkter göttlicher Gnade einerseits, vielleicht doch geforderter menschlicher Mitwirkung andererseits durchzieht wie ein roter Faden die Geschichte der christlichen Theologie. Als La Rochefoucauld seinen Aphorismus über das Schenken schrieb, war Luthers Misstrauen gegen die guten Werke längst auch im Katholizismus verbreitet; Selbst die edelsten Motive des Menschen seien in Wirklichkeit – theologisch gesprochen: vor Gott – doch sehr irdisch, allzu menschlich, durch und durch "sündhaft". Die moderne Wissenschaft bewegt sich weiter in diesen Bahnen. Wir glauben nicht an edle Motive, und wo wir Beispiele für Selbstlosigkeit und Altruismus finden, da suchen wir nach Erklärungen, warum sie indirekt eben doch dem "Ego" dienen, in welcher Verkleidung auch immer.

Und dennoch – in der Geste des Schenkens,  in der Idee eines "wahren" Geschenks ohne egoistische Hintergedanken und im Lächeln des Beschenkten scheint uns die Utopie einer anderen Möglichkeit aufzuleuchten. Und wenn uns dann doch wieder das Misstrauen beschleicht, der Gedanke an ein alles beherrschende Tauschsystem – vielleicht sind die Zwänge in diesem Fall ja weniger strikt, und sei es nur im Sinne eines Aufschubs, wie er Kindern gewährt wird. "Aufschub": Das ist ein sehr weihnachtliches Stichwort. Denn natürlich war dem Verfasser des Matthäusevangeliums – und mit ihm den Weisen aus dem Morgenland – gegenwärtig, dass das Kind, dem sie ihre Geschenke brachten, dereinst der leidende Heiland sein würde. Die Geburt des Kindes war ein Vorspiel zu Kreuzigung und Auferstehung und Weltgericht. Und trotz dieses Gedankens an das Kreuz: Das Kind lächelte zu den Geschenken.


Mehr im Internet:
Geschenk - Wikipedia  
scienzz Dossier Rund um das Weihnachtsfest 
scienzz artikel Feste und Bräuche

 



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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