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20.11.2009 - ARCHITEKTUR

Wohlproportionierte Maßlosigkeit

Die kolossale Säulenordnung - aus der Geschichte eines Würdesymbols

Josef Tutsch

 
 

Entwurf einer Villa von Andrea Palladio,
aus den "Quattor libri dell'architettura",
1581 - Bild: Wikipedia

"Kennst du das Haus, auf Säulen ruht sein Dach ..." Wenn Goethe sein Gedicht heute schreiben wollte, müsste er sich als Leitmotiv seiner Italiensehnsucht zweifellos etwas anderes einfallen lassen als Säulen. Das 19. Jahrhundert hat die Straße und Plätze unserer mitteleuropäischen Städte geradezu inflationär mit Säulen, Halbsäulen und Pilastern bestückt, mit besonderer Vorliebe an der Front von Bankpalästen. Und am liebsten in jener repräsentativen Gestalt, die Goethe von den Villen des venezianischen Baumeisters Andrea Palladio her vor Augen gehabt haben wird: über zwei oder drei Stockwerke hinwegreichend.

"Kolossalordnung" hat sich in der Kunstgeschichte als Terminus technicus für eine solche Fassadengliederung mit stockwerkübergreifenden Säulen eingebürgert. Zur Verwirrung der Kunstfreunde wird derselbe Ausdruck auch für eine andere Ordnung gebraucht, wo jedes Stockwerk seine eigene Säulenreihe hat, jedoch aufeinander abgestimmt. Das eine wie das andere Motiv geht auf die klassische Antike zurück. Allerdings verlief die Entwicklung keineswegs so geradlinig, wie wir uns das gern vorstellen und wie das vielleicht auch jene Architekten und Bauherren gern gehabt hätten, die mit einer Bank- oder Villenfassade an das Bild griechischer Tempel erinnern wollten, Monika Melters, Architekturhistorikerin von der Technischen Universität München, hat in ihren jüngst erschienen Studie die Entstehung der "kolossalen Ordnung" in der frühen Neuzeit nachgezeichnet.

Es war ein höchst kreativer Prozess, den man sich keineswegs als sklavische Nachahmung denken darf. Für mehrstöckige Wohn- und Verwaltungspaläste lagen den Architekten der Renaissance antike Vorbilder gar nicht vor. Was es gab, war eine "Vokabel", die Säule, die an die Antike erinnerte und Würde signalisieren konnte; die Sprache, in der diese Vokabel an profanen Fassaden einzusetzen war, musste erst noch entwickelt werden. Sozusagen als "Erfinder" dieser modernen architektonischen Sprache kann der Florentiner Baumeister Leon Battista Alberti gelten, der um 1450 den Palazzo Ruccellai errichtete. An der Fassade wiederholte Alberti präzise das Schema, das er am römischen Kolosseum aus dem 1. Jahrhundert nach Christus vorfand, sogar in derselben Abfolge von unten nach oben: dorische Säulen mit glattem Kapitell im Erdgeschoss, ionische mit der Volute im ersten Obergeschoss, korinthische mit den Blättern im zweiten.

Palazzo Ruccellai von Leon
Battista Alberti, um 1450
Zeichnung von Wilhelm
Lübke - Bild: Wikipedia
 

Nur dass die Säulen in Florenz durch flache Pilaster ersetzt wurden; an der Fassade eines Privathauses, so mögen es Alberti und seine Auftraggeber empfunden haben, wären rundplastische Säulen im Stadtbild ungebührlich hervorgetreten. Auch ohne dies wirkt der Palazzo repräsentativ genug, vor allem durch die Strenge, mit der die Pilasterreihen der drei Geschosse aufeinander aufgesetzt sind. Aber wer war der Baumeister, der als erster an einem Profanbau Säulen oder Pilaster sich über mehrere Stockwerke hinweg ziehen ließ? Fremdenführer in Rom nehmen hierfür gern Michelangelo in Anspruch, der Ende der 1530er Jahre dem Papst seinen Entwurf für die Umgestaltung des Kapitols vorlegte. Melters revidiert jedoch die gängige These, alle späteren "Kolossalfassaden" wären von Michelangelo abzuleiten. 1542 bereits setzte Palladio das Motiv an einer privaten Villa ein; zu diesem Zeitpunkt war mit den Bauarbeiten für den Konservatorenpalast auf dem Kapitol noch gar nicht begonnen, die Stiche mit Michelangelos Entwürfen waren auf dem Büchermarkt noch nicht erschienen. Palladio kann seine Idee also nicht von Michelangelo übernommen haben.

Die Ehre des allerersten Baus mit kolossaler Ordnung gebührt offenbar einem, wenn man so sagen darf, kleineren Licht der Architekturgeschichte. 1525 errichtete Antonio da Sangallo die Fassade der päpstlichen Münzprägestelle Zecca in Rom. Offenkundig griff er dabei auf die antiken Ehrenbögen zurück, etwa jenen des Titus. Auf dem Papier geht das Motiv noch ein halbes Jahrhundert weiter zurück. Melters führt eine Skizze in einem Architekturtraktat aus den 1460er Jahren an, bei Antonio Averlino, genannt Filarete. In dessen Entwurf eines Kastellturms, so Melters, "lässt sich zum ersten Mal in der Fassadenarchitektur der frühen Neuzeit der Gedanke der kolossalen, zwei volle Stockwerke umfassenden Ordnung greifen". Wie es zu Sangallo, Michelangelo und Palladio gekommen ist, lässt sich heute wohl nicht mehr klären. In den 1520er und 1530er Jahren war das Thema, so Melters, "gewissermaßen en vogue", sowohl an öffentlichen Gebäuden wie an privaten Wohnbauten.

Den Architekturtheoretikern damals muss die Frage, inwieweit ein solches Würdezeichen an der Fassade eines privaten Hauses angemessen sein könne, eine Menge Kopfzerbrechen gemacht haben. Palladio griff in seinem Architekturtraktat von 1570 zu einer kühnen These: Der Portikus, den die antiken Baumeister Tempeln und öffentlichen Gebäuden vorgelegt hatten, sei "sehr wahrscheinlich den privaten Bauten, das heißt den Wohnhäusern entnommen". Also: Die Säulen seien nicht von dem Tempeln auf die Wohnhäuser übertragen worden, sondern gerade umgekehrt. Es fällt beinahe schwer, in dieser Aussage nicht eine ebenso schlichte wie geniale Irreführung zu sehen, mit dem Palladio seine eigene Architektur gegenüber der Tradition legitimieren konnte.

Michelangelos Entwuf für
den Konservatorenpalast
auf dem Kapitol (Aus-
schnitt), um 1539
Bild: Mus. Capitolini, Rom

Archäologische Aufschlüsse, wie antike Wohnhäuser ausgesehen haben könnten, gab es jedenfalls nicht; auch das klassische Werk der antiken Architekturlehre von dem Römer Vitruv aus dem 1. Jahrhundert vor Christus ließ die Ratsuchenden im Stich. Um 1550 legte Palladio als Illustration für den Vitruv-Kommentar des Humanisten Daniele Barbaro dennoch die Rekonstruktion der Fassade eines antiken Privathauses vor: Der Dreiecksgiebel ruht auf kolossalen Säulen, die sich über zwei Geschosse hin ziehen. Pure Phantasie, Projektion eigener architektonischer Ideen in die Vergangenheit? Palladio scheint sogar etwas Richtiges getroffen zu haben. Spätere archäologische Befunde, fügt Melters hinzu, zeigen tatsächlich "Vorformen dessen, was Palladio später in seiner Villenfassade in mehrfacher Weise durchspielte". 

Skrupel, die Palladios Zeitgenossen und Kollegen in der Architekturtheorie, Sebastiano Serlio, offenbar fern lagen. Serlio schloss sich wie selbstverständlich an die aktuelle "Kolossal"-mode an, die Feststellung, dass es solche Kolossalsäulen auch in der Antike gegeben hatte, hatte inzwischen jede Diskussion über die Legitimität ihrer Verwendung erübrigt. 1567, noch bevor Palladio seine "Quattro libri dell’architettura" veröffentlichte, erschien in Paris das Architekturlehrbuch von Philibert de l’Orme, und wie selbstverständlich war, so Melters, auch hier "die antike Vokabel für die Syntax einer modernen Fassade" nutzbar gemacht. Das früheste Projekt einer Kolossalfassade in Frankreich ist vielleicht sogar volle drei Jahrzehnte älter als Michelangelos Entwurf für das römische Kapitol. Melters verweist auf ein Skizzenblatt von Leonardo da Vinci, in dem ein Schloss mit kolossalen Eckpilastern ausgezeichnet ist.

Das Blatt, das sich ähnlich wie Sangallos Entwurf an der Gestalt antiker Triumphbögen orientierte, stammt aus den Jahren 1508/1509, als Leonardo sich gerade am französischen Königshof aufhielt. Ob der niemals verwirklichte Schlossentwurf bei den französischen Kollegen irgendwie nachgewirkt hat, muss Spekulation bleiben. Ein halbes Jahrhundert später jedenfalls war die Kolossalfassade auch in Frankreich "en vogue", Zur Zeit des Sonnenkönigs im späten 17. Jahrhundert nahm das Motiv bei allen königlichen oder hochadligen Bauten geradezu Pflichtcharakter an: Der Monarch stellte sich, in geheimer Konkurrenz mit dem Papsttum, in die Tradition der römischen Kaiser und wollte diese Anknüpfung auch architektonisch ausgedrückt sehen; der Adel beanspruchte nach dem Vorbild der palladianischen Villen auch für seine privaten Bauten das antike Würdezeichen.

Berninis erster Entwurf für den Louvre,
1664 - Bild: Columbia University

Was die Wohnungsbauten angeht, kann Paris gegenüber Rom Priorität beanspruchen. In Rom war die Kolossalfassade bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts ein Privileg öffentlicher Bauten geblieben; weder die päpstlichen Wohnpaläste noch gar jene des stadtrömischen Adels konnten sie vorweisen. Erst in den 1640er Jahren, erläutert Melters, taucht das Motiv an römischen Privatpalästen auf, zunächst mit Entwürfen von Francesco Borromini, dann von seinem Konkurrenten Gianlorenzo Bernini. Von daher erscheint auch die berühmte Konkurrenz zwischen Bernini und seinen Pariser Kollegen um die Ostfassade des Louvre 1664/1666 in ganz neuem, ungewohntem Licht. Es sei wohl richtig, schreibt Melters, dass Bernini an Palladio und Michelangelo anknüpfte. Aber "der königliche Palast- und Schlossbau Frankreichs spielte eine weit größere Rolle". Wenn Bernini für das königliche Stadtschloss eine Kolossalfassade vorsah, dann war das kein italienischer Import. Kolossale Säulen oder Pilaster gab es bereits an anderen Flügeln des Louvre-Tuilerien-Komplexes und ebenso an dem gerade entstehenden Schloss von Versailles.

In seinem ersten Entwurf setzte Bernini dem mittleren Pavillon des Louvre noch ein Obergeschoss in Form einer gewaltigen Krone auf – Sinnbild für den französischen Vormachtanspruch in Europa. Merkwürdigerweise fand diese symbolische Architektur nicht den Gefallen des Hofes; "quelque chose de difforme", kritisierte der Minister Jean-Baptiste Colbert. Anders die Kolossalfassade – sie blieb noch Jahrzehnte lang ein Privileg fürstlicher oder hochadliger Familien, die gleich an der Hausfassade ihren Rang demonstrieren wollten. Erst Anfang des 18. Jahrhunderts wagte auch das wohlhabende Bürgertum, seinen Häusern geschossübergreifende, "kolossale" Säulen oder Pilaster vorzulegen. Das wahrscheinlich früheste Beispiel bildet das Leipziger Romanushaus von 1701.

Aber noch im 20. Jahrhundert griffen Diktatoren zu kolossalen Säulen oder Pfeilern, wenn sie ihren Bauten den Ausdruck herausragender Würde verleihen wollten – bekanntes Beispiel: Hitlers Haus der deutschen Kunst in München. Von "wohlproportionierter Maßlosigkeit", wie Melters in Anlehnung an einen Ausdruck des Romanciers Wolf von Niebelschütz die kolossale Ordnung nennt, kann man da allerdings nicht mehr sprechen; das alte Symbol ist ins Monströse vergröbert. Offenbar jedoch hat der Ausdruckswert die Verbürgerlichung im 18. Jahrhundert ebenso unbeschadet überstanden wie die massenhafte Verwendung an Kommerz- und Wohnbauten im 19. Vielleicht war ja auch die Verdammung des "Säulenunfugs" durch die Moderne nicht das letzte Wort der Architekturgeschichte. Zum Beispiel am Place de Catalogne im Süden von Paris, um 1985 von dem "postmodernen" Architekten Ricardo Bofill erbaut, sind sie wieder da: riesige, über sieben Stockwerke vorgewölbte Halbsäulen. Hinter den Fassaden verbergen sich dann allerdings schlichte Sozialwohnungen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Monika Melters: Kolossalordnung. Zum Palastbau in Italien und Frankreich zwischen 1420 und 1670,
Deutscher Kunstverlag, Berlin – München 2008, ISBN 978-3-422-06787-5, 58,- €



Mehr im Internet:
Kolossalordnung - Wikipedia
Ein Schweizer Architekturhistoriker über die Geschichte des Palladianismus, scienzz 06.02.2009

Dossier Renaissance und Reformation - der Aufbruch in die Neuzeit




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

 

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