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13.08.2011 - GESCHICHTE

Schutz vor Räubern - und vor Flüchtlingen

Mauern in der Weltgeschichte, von Assyrien bis Berlin

Josef Tutsch

 
 

Berliner Mauer - Bild: Wikipedia

Mitteleuropäische Millionenstadt mit vollständig erhaltener Stadtmauer – das war, wie der Volksmund bis 1989 mit etwas makabrem Humor lästern konnte, natürlich West-Berlin. Inzwischen wurde die Mauer so gründlich demontiert, dass schon wieder der Verlust eines historischen Denkmals beklagt wird.

Die Mauer – pünktlich zum 20. Jahrestag ihres Falls hat eine Altorientalistin der Universität Würzburg eine Gruppe von Historikern versammelt, um der Rolle von Mauern in der Weltgeschichte nachzugehen. Schließlich ist die Berliner Mauer längst nicht die einzige, und ob sie die weltgeschichtlich bedeutendste war, darf man mit Blick auf den römischen Limes und die chinesische "Große Mauer" immerhin fragen. In einer Hinsicht, nämlich was den Zweck angeht, fördert der historische Vergleich aber sehr schnell Unvergleichbares zu Tage. In fast allen anderen Fällen, stellt die Initiatorin des Projekts, Astrid Nunn, fest, sollten Mauern Menschen davon abhalten, in ein fremdes Territorium einzudringen. Die DDR-Führung lehnte sich mit ihrer Propaganda vom "antifaschistischen Schutzwall" daran an; aber jeder wusste: Es war gerade umgekehrt; Bewohner der DDR sollten daran gehindert werden, das Land zu verlassen.

Detail am Rande: Pfarrer in der DDR machten sich politisch verdächtig, wenn sie über Psalm 18 predigten. Darin kommt nämlich ein Vers vor "Mit meinem Gott kann ich eine Mauer überspringen" ... Vielleicht handelt es sich bei der Berliner Mauer und der gesamten innerdeutschen Grenze tatsächlich um einen einzigartigen Fall in der Geschichte. Beinahe einzigartig: Am 38. Breitengrad hat Nordkorea, nachdem der Versuch, den Süden der Halbinsel zu erobern, am Militäreinsatz der USA gescheitert war, einen ähnlichen Todesstreifen eingerichtet.

Berliner Mauer am Bethaniendamm,
1986 - Bild: Thierry Noir

Andere Staaten des ehemaligen Ostblocks hatten es nicht nötig, ihre Grenze derart hochzurüsten; schon sprachliche und kulturelle Barrieren hielten die Bevölkerung davon ab, massenhaft ins Nachbarland übersiedeln zu wollen. Ansonsten zeigt die Weltgeschichte vom alten Mesopotamien bis zum heutigen Grenzzaun zwischen den USA und Mexico über weite Strecken immer wieder dasselbe Bild: Die "have-not’s" wollen hinein, die "have’s" möchten lieber unter sich bleiben und versuchen, das durch eine Mauer zu bewerkstelligen.

Das gilt schon für die Stadtmauern, die im Alten Orient sicherlich genauso alt sind wie die Städte selbst. Wie die Nomaden im Umland die reichen Städte betrachteten, lässt ein Bibelvers ahnen: Es war der Brudermörder Kain, der als erster eine Stadt gründete. Den frühesten Fall, dass ein ganzer Territorialstaat sich durch eine Mauer zu schützen versuchte, hat der Marburger Prähistoriker Andreas Müller-Karpe im 8. Jahrhundert vor Christus gefunden. Der assyrische König Sargon ließ im östlichen Anatolien eine Befestigungsanlage bauen mit der ausdrücklichen Intention, aus den feindlichen Ländern des Nordens dürfe nichts und niemand mehr nach Assyrien herüberkommen.

Beinahe möchte man glauben, Erich Honecker hätte sich an Sargon orientiert, als er 1989 beteuerte, die Mauer sei nötig, um "unsere Republik vor Räubern zu schützen". Man weiß nicht, inwieweit die assyrische Mauer damals ihre Aufgabe erfüllt hat. Zweieinhalb Jahrhunderte später gewöhnten sich die Griechen offenbar nur mühsam an den Gedanken, dass gegen die Expansion des persischen Weltreiches Mauern im konventionellen Sinn kaum hilfreich wären. An mehreren Stellen wurden Schutzwälle hochgezogen; schon der antike Historiker Herodot bezweifelte ihren Sinn, da die persische Flotte jederzeit die Küste hätte angreifen können.

Deutsche Briefmarke zum römischen
Limes, 2007 - Bild: Wikipedia

Es war der athenische Feldherr Themistokles, der den rätselhaften Orakelspruch von den "hölzernen Mauern" auf die Schiffe umdeutete. Das Ergebnis ist bekannt. In der Seeschlacht von Salamis wurde der persische Angriff abgewehrt. Möglich wurde dieser Sieg freilich nur, weil tatsächlich eine "Mauer" den persischen Vormarsch verzögert hatte: eine Phalanx von Schwerbewaffneten, die den Engpass an den Thermopylen für einige Tage sperren konnten. Der Dramatiker Aischylos, so der Ulmer Althistoriker Oliver Hülden, hat in seinem Drama "Die Perser" das Vertrauen auf Mauerbauten in einem einzigen Vers pathetisch destruiert: "Wo Männer sind, ist sichere Wehr."

Aber natürlich wurden auch in der griechischen Geschichte weiterhin Mauern eingesetzt, am berühmtesten die beiden "Langen Mauern", die Athen mit seiner Hafenstadt Piräus verbanden. Wahrscheinlich hätte Athen den dreißigjährigen Krieg mit Sparta gar nicht durchhalten können ohne diese sichere Verbindung zu seiner Flotte und ohne das Aufnahmeareal für die attische Landbevölkerung. Sparta dagegen kam ohne Stadtmauern aus – aber vielleicht ja auch deshalb, weil die Erziehung der jungen Spartiaten darauf angelegt war, in den Köpfen viel wirksamere Mauern aufzubauen, modern würde man wohl sagen: ein totalitäres Bewusstsein.

"Die im Laufe der Geschichte entstandenen Mauern und Grenzzäune erfüllten jeweils eine Zeit lang ihren Zweck", stellt Astrid Nunn lapidar fest. Eine Zeit lang – im Fall des germanischen Limes etwa anderthalb Jahrhunderte lang. Über 550 Kilometer, von Koblenz bis Regensburg, erstreckte sich ein Palisadenzaun, der von etwa 900 Türmen aus überwacht wurde; streckenweise wurde das Holz später durch Stein ersetzt, so Jörg Scheuerbrandt vom Römermuseum Osterburken. Diese Anlage konnte Beutezüge nicht immer abwehren, aber doch reduzieren. "Ziviles" Leben, wie die Römer es verstanden, war nur im Schutze dieses Limes möglich.

Abschnitt der chinesischen "Großen
Mauer", Photographie von Herbert
Ponting, 1907 - Bild: Wikipedia

Auf der "barbarischen" Seite der Grenze sah man es freilich anders, und das wird nicht nur eine Frage von "have" und "have-not" gewesen sein, sondern auch eine des unterschiedlichen Verständnisses von Freiheit und von menschenwürdigem Leben. "Wenn die Römer eine Wüste geschaffen haben, heißt das bei ihnen Befriedung", ließ der römische Historiker Tacitus mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen einen britannischen Barbarenführer sagen. Im Verhältnis zwischen China und seinen nördlichen Nachbarn wird es ähnlich gewesen sein. Die "Große Mauer" von 6.000 bis 7.000 Kilometer Länge, stellt Alexander Koch vom Historischen Museum der Pfalz in Speyer fest, war eigentlich ein ganzes Konglomerat von Mauern  mit denen sich China immer wieder – mit begrenztem Erfolg – gegen Einfälle zu schützen versuchte.

Vollends ihren Sinn verloren hatte diese Mauer, nachdem im 17. Jahrhundert die Mandschu-Kaiser – selbst Nachkommen nördlicher Nomaden – die Herrschaft über China errungen hatten. Eine welthistorische Fehlplanung? Über die Jahrhunderte gerechnet sicherlich, zumal die Erfahrung gezeigt hat, dass sich alle Nomadenstämme, die von Norden nach China eindrangen, im Lauf der Generationen in die chinesische Kultur integrierten. Aber da ist Vorsicht geboten. Man müsste jene Menschen fragen, denen solche Mauern wenigstens für Jahre oder Jahrzehnte ein ungestörtes Leben ermöglichten. Es muss ja nicht jede solche Vorkehrung so nutzlos sein wie die fast dreißig Kilometer lange Pestmauer in der Provence, mit der sich die Stadt Avignon im Frühjahr 1721 gegen das Eindringen der Pest aus dem nahen Marseille zu schützen versuchte. Im August bereits hatte die Pest Avignon erreicht.

Zu einem Nationalsymbol scheint die chinesische Große Mauer erst in den 1980er Jahren geworden zu sein. Und das nicht besonders nachhaltig. 2003 musste der erste chinesische Weltraumfahrer einräumen, aus der Erdumlaufbahn habe er die Mauer entgegen allgemeinem Volksglauben leider nicht erkennen können ... Nun ja, bei tief stehender Sonne und besonders günstigen Wetterverhältnissen sei immerhin eine Schattenlinie zu sehen, ergab zwei Jahre später die Beobachtung eines amerikanischen Kollegen.

Karte von Abraham Ortelius, 1884, die
Aufschrift erläutert: "vierhundert Meilen
lange Mauer gegen die Invasionen der
Tataren in diesem Gebiet"
Bild: Wikipedia

Anlagen vergleichbar der chinesischen Mauer gibt es auch heute noch. Oder heute wieder. Die beiden spanischen  Enklaven an der nordafrikanischen Küste, Ceuta und Melilla, haben sich mit hohen Stacheldrahtzäunen gegen das marokkanische Umland abgeschirmt – nicht zum Schutz gegen marokkanisches Militär, sondern gegen Schwarzafrikaner, die vor der Armut in ihren Heimatländern fliehen. Das wirkliche Heilmittel wäre "die Förderung der Randgebiete", aber das verlangt "sehr viel höhere Investitionen als die Errichtung von irgendwelchen Hindernissen", bringt der französische Journalist Daniel Vernet das Dilemma auf den Punkt. "Randgebiete" greift sogar noch zu kurz; in der Hauptsache sind es keine Marokkaner, die da nach Europa wollen.

Anders liegen die Probleme in Palästina. Der Zaun, den die israelische Regierung derzeit um ihr Staatsgebiet errichten lässt, hat offiziell die Aufgabe, Selbstmordattentäter abzuhalten. Aber daneben auch, mit neuen Grenzen um die Siedlungen auf palästinensischem Gebiet vollendete Tatsachen zu schaffen. Ein aussichtsreiches Unterfangen? Nicht jeder Politiker ist so unvorsichtig wie Erich Honecker, der im Januar 1989 prophezeite, die Mauer werde "in fünfzig oder hundert Jahren noch bestehen, wenn die dazu vorhandenen Gründe nicht beseitigt sind". Im November desselben Jahres waren die Gründe dann wirklich beseitigt, nämlich das Vorhandensein der SED-Herrschaft.


Neu auf dem Büchermarkt:
Mauern als Grenzen,
herausgegeben von Astrid Nunn,
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2009,
ISBN 978-38053-3934-6, 26,90 €



Mehr im Internet:
Berliner Mauer - Wikipedia
Der Mauerspecht war eine Ente, scienzz 07.10.2009 

Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 

 

 

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