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11.11.2009 - KULTURGESCHICHTE

Vandalen ohne Vandalismus

Karlsruhe präsentiert Zeugnisse eines verfemten Volkes

Josef Tutsch

 
 

Mosaik "Dame von Karthago", 6. Jh.
Bild: Musée National de Carthage

"Die Weltgeschichte ist das Weltgericht", schrieb Schiller 1796, und seitdem durften sich viele tausend Oberschüler mit der Frage abquälen, was der Dichter damit wohl gemeint haben könnte. Dass die Urteile der Nachwelt über die Vergangenheit unbedingt gerecht sein müssten, sicherlich nicht. Gerade damals, als Schiller sein Gedicht "Resignation" schrieb, machte in Frankreich ein Begriff Karriere, der gegenüber einem längst ausgestorbenen Volksstamm ganz und gar nicht gerecht verfuhr. 1794 wandte sich Henri Baptist Grégoire, Bischof von Blois, in einem Bericht an den Konvent gegen die systematische Zerstörung alter Kulturgüter, die für die Radikalen der Revolution eine raison d’etre des neuen Staates war; wie die Repräsentanten des ancien régime auf der Guillotine starben, so sollten auch die öffentlich sichtbaren Zeichen von Feudalismus und Klerikalismus ausgelöscht werden.

Um ein griffiges Schlagwort zu prägen, wählte der Bischof den germanischen Volksstamm der Vandalen, von deren Greueltaten er bei den antiken Historikern allerlei gelesen hatte. Zum Beispiel bei Cassiodor: "Durch König Geiserich wurde Rom" – gemeint war die Eroberung und Plünderung der Stadt 455 nach Christus – "all seiner Schätze beraubt." 1798 nahm die Académie francaise den neuen Begriff in ihr Wörterbuch auf; heute ist er in allen Weltsprachen geläufig. Er ist das Einzige, was unsere Gegenwart von den Vandalen im Gedächtnis behalten hat: Sie haben gehaust wie – ja, eben "wie die Vandalen". Aber die historische Erinnerung verfährt nun einmal nicht gerecht. Dass die Vandalen auch eine andere Seite hatten, zeigt jetzt eine Ausstellung in Karlsruhe: "Erben des Imperiums in Nordafrika – Das Königreich der Vandalen".

Nordafrika: Im späten 4. Jahrhundert hatten die Vandalen – unter dem Druck der Goten, die ihrerseits von Reiternomaden aus der eurasischen Steppe bedrängt wurden – ihre Heimat in Polen und in der Slowakei verlassen. Einige zehntausend Menschen zogen nach Westen und plünderten zunächst Gallien und Hispanien, setzten dann im Jahr 429 über das Mittelmeer. Sie eroberten Algerien und Tunesien – ein schwerer Schlag für das dahinsiechende Weströmische Reich; die Provinz Africa galt als Kornkammer der Mittelmeerwelt. Den Vandalen gelang es, ein souveränes Königreich zu errichten, den ersten germanischen Staat auf dem Boden des Imperium Romanum, der nicht wenigstens formell in kaiserlichen Diensten stand. 455 griff König Geiserich Rom selbst an. Vierzehn Tage lang wurde die Stadt geplündert, die Einwohner allerdings kamen auf Grund eines Übereinkommens mit Papst Leo dem Großen in der Regel mit dem Leben davon.

Skulptur des Ganymed mit
Adler, Karthago, Haus der
griechischen Wagenlenker, 5.
Jh. - Bild: Mus. Nat. de Carth.

Das Königreich der Vandalen hatte drei Generationen lang Bestand, bis der oströmische Feldherr Belisar in den 530er Jahren die Provinz Africa in einer enormen militärischen Kraftanstrengung zurückeroberte. Damit verschwanden die Vandalen von der welthistorischen Bühne. Nur der Name blieb; mittelalterliche Historiker brachten ihn mit den slawischen "Wenden" in Verbindung. Seit etwa 1540 führten die schwedischen Könige auf Münzen den Titel "König der Schweden, Goten und Vandalen" – zu übersetzen mit "Wenden"; der politische Anspruch richtete sich nicht auf Nordafrika, sondern auf den Ostseeraum. Erst 1973 hat König Carl XVI. Gustav die Goten und Vandalen gestrichen.

Das Badische Landesmuseum in Karlsruhe zeigt nun Zeugnisse aus der Geschichte dieses versunkenen Volkes: Waffen und Schmuckstücke, Glas- und Keramikgefäße, Marmorskulpturen und Mosaiken. Am Anfang stehen Gold- und Silberfunde aus einem fürstlichen Grab in der Slowakei; wie die Münzen ausweisen, handelt es sich großenteils um römischen Import – der Fürst wird Befehlshaber einer vandalischen Hilfstruppe gewesen sein, die im Vorfeld der Donaugrenze die von den Römern gewünschte Ordnung durchsetzte. Archäologische Belege für die Wanderung der Vandalen über Rhein und Pyrenäen bis ans Mittelmeer fehlen so gut wie ganz; erst in Nordafrika taucht das Volk wieder aus dem Dunkel auf. Kein Wunder also, dass der Löwenanteil der gezeigten Stücke aus Tunesien stammt; die Ausstellung soll demnächst im Musée du Bardo in Tunis gezeigt werden.

Ausgerechnet die Münzen, an denen Ausstellungsbesucher doch gern achtlos vorübergehen, demonstrieren sinnfällig den Machtanspruch der vandalischen Könige: Sie sind mit "Dominus", "Herr" betitelt und tragen den Ornat, der sonst nur dem Kaiser zukam. Man wüsste gern Näheres darüber, wie die Könige oder ihre Berater das neue Reich aufgefasst haben – halb wohl als militärische Okkupation, halb als bruchlose Nachfolge der alten römischen Herrschaft; jedenfalls wurde die traditionelle Administration weitgehend übernommen. Etwas anderes wäre der dünnen Erobererschicht, die alles in allem, einschließlich Frauen und Kindern, nicht viel mehr als 50.000 oder 60.000 Menschen gezählt haben dürfte, kaum möglich gewesen.

Mosaik mit Jäger zu Pferd (sog. Vandali-
scher Reiter), um 500 
Bild: London,  British Museum
Darf man bei jenen Stücken, die während der vandalischen Herrschaft in Nordafrika entstanden und jetzt in Karlsruhe zu sehen sind, eigentlich von "vandalischer Kunst" reden? Etwa beim Tafelgeschirr, das einen Exportschlager der Provinz darstellte, lasse sich "etwas spezifisch ‚Vandalisches’ nicht ausmachen", stellen die Autoren des Ausstellungskatalogs fest. Offenbar passten sich die Eindringlinge sehr rasch dem Geschmacksstandard ihrer Umwelt an. Eine Notiz bei dem Historiker Prokopios lässt darauf schließen, dass zumindest die Führungsschicht der Faszination eines kultivierten, vielleicht auch leicht dekadenten Lebensstils erlag.

So war denn auch die Eroberung Roms 455 vermutlich in der Hauptsache als großer Kunstraub angelegt. König Geiserich wollte seine Hauptstadt Karthago, die vandalische Nobilität ihre Villen und Gärten mit Kunstwerken ausstatten. Die Beute sei mit dreißig Schiffen abtransportiert worden, schrieb der Historiker Prokopios; ausgerechnet das Schiff mit den großen Statuen sei jedoch verloren gegangen. Ohne dieses Unglück wäre es vielleicht Karthago, das uns heute am ehesten einen Eindruck von der Kunst im antiken Rom vermitteln könnte. Aber auch ohne die Statuen aus Rom scheint die vandalische Metropole eine durch und durch römische Stadt geblieben zu sein. Den Forschern sei es nicht gelungen, schreibt Philipp von Rummel vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin, irgendetwas als "typisch vandalisch" zu identifizieren: "In den Häusern können sowohl Vandalen als auch Römer gewohnt, in den Kirchen sowohl Katholiken als auch Arianer gebetet haben."

Arianer: Die Vandalen gehörten dieser Richtung des Christentums an, die sich mit dem Katholizismus darüber zerstritten hatte, ob Jesus Christus mit Gottvater "wesensgleich" oder bloß "wesensähnlich" sei. Dass bei der Eroberung katholische Kirchen niedergebrannt, Nonnen vergewaltigt und Priester getötet wurden, wird zum negativen Image der Vandalen in der späteren Geschichtsschreibung beigetragen haben. Die Könige unternahmen später noch mehrfach Anläufe, ihre katholischen Untertanen, die große Mehrheit der Bevölkerung, zwangsweise zu bekehren. Vergeblich – konfessionell blieb das Vandalenreich bis zu seinem Ende gespalten; "Parallelgesellschaften" sagt man heutzutage.

Taufbecken aus Demna, Bardo Museum,
Tunis - Bild: BLM Karlsruhe
Um so erstaunlicher, dass sich von diesem Konflikt in der materiellen Kultur keine Spuren festmachen lassen. Die Mehrzahl der Grabmosaiken, die zweifellos einen ästhetischen Höhepunkt der Ausstellung bilden, wird römischer, also katholischer Herkunft sein; darauf lassen schon die lateinischen Namen schließen. Statt von "vandalischer" sprechen die Forscher lieber von "vandalenzeitlicher Kunst". "Die Spuren, die die Vandalen in Nordafrika hinterließen, waren gering", bilanziert der Braunschweiger Althistoriker Helmut Castritius. Vermutlich auch deshalb, weil das Vorbild der griechisch-römischen Kultur so übermächtig war.  Rummel nennt das Vandalenreich, bei aller politischen und militärischen Distanz, "eine kleine Kopie des römischen Reiches, die sich möglicherweise weiterhin als Teil eines größeren Ganzen verstand".

Zumindest garantierten die neuen Machthaber in der Provinz Africa ein Maß an Stabilität, wie es in dieser Zeit der Völkerwanderung nicht selbstverständlich war, auch nicht in jenen Gebieten, die weiterhin unter römischer Herrschaft standen. In den Schriften der römischen und katholischen, also von vornherein anti-vandalischen Autoren blieb jedoch nur der negativ belegte Name; "die Feinde der Seelen und der Körper" nannte sie Kaiser Justinian höchstpersönlich in einem Erlass. Seit dem Humanismus gibt es nördlich der Alpen freilich auch die spiegelverkehrte Sichtweise: Die Germanenstämme wurden zu direkten Vorfahren der Deutschen stilisiert; "unser sind der Goten und Vandalen Triumphe", schrieb der Straßburger Philologe Beatus Rhenanus 1531.

Grabmosaik der Cres-
centia, aus Tabarka,
sog. Kapelle der
Märtyrer, 5. Jh.
Bild: Mus. Nat. du
Bardo, Tunis
 
So fand Grégoire durchaus Widerspruch, als er die Kulturzerstörung in der Französischen Revolution mit den Namen "Vandalismus" belegte. Tatsächlich – mit der ideologisch begründeten Bilderstürmerei der Jakobiner hatten die alten Vandalen nichts zu tun. Dass sie, wie andere Stämme der Völkerwanderungszeit, alles mitnahmen, was kostbar schien und nicht niet- und nagelfest war, wird aus Not und Hunger geschehen sein und wohl auch aus dem Unverständnis eines "barbarischen" Volksstammes gegenüber den Errungenschaften einer fortgeschrittenen Zivilisation; dass Geiserich Rom plünderte, war in gewisser Weise, wie der Berliner Althistoriker Alexander Demandt vermerkt, sogar ein Kompliment an Kunst und Kultur, wenngleich ein reichlich verdrehtes Kompliment. Selbst Prokopios hat es bestätigt: Als Belisar im Jahr 533 Karthago einnahm, fand er manches aus der Beute von 455 unversehrt vor.






Neu auf dem Büchermarkt:

Erben des Imperiums in Nordafrika – Das Königreich der Vandalen, herausgegeben vom Badischen Landesmuseum Karlsruhe,
Verlag Philipp von Zabern, München 2008, Buchhandelsausgabe ISBN 978-3-8953-4083-0, 34,90 € (ab April 2010 44,90 €), Museumsausgabe ISBN 978-3-9053-4118-9, 24,90 €



Ausstellung
Erben des Imperiums in Nordafrika – Das Königreich der Vandalen,
bis 21. Februar 2010 im Badischen Landesmuseum Karlsruhe



Mehr im Internet:

Erben des Imperiums in Nordafrika – Das Königreich der Vandalen
Wunsch nach Wohlstand und Sicherheit, scienzz 01.08.2008
Vandalen - Wikipedia


Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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