Misshandelter Sklave in Loui-
siana, 1863 - Bild: Wikipedia
Eine Sklavin 15 Dukaten, ein männlicher Sklave 20, ein Eunuch 40, ein Dromedar 50, ein Pfund Amber 60, eine Bisamkatze 200. Diese Preisliste ist aus dem frühen 16. Jahrhundert aus Marokko überliefert. Dass Menschen von anderen Menschen als Eigentum gehalten und genutzt und gehandelt wurden, ähnlich wie Tiere, ist in der uns bekannten Weltgeschichte beinahe ein universales Phänomen; es findet sich bei den polynesischen Maori wie im Römischen Weltreich, bei den alten Germanen wie im Sudan von heute.
Beinahe universal – im westlichen Europa war Sklaverei schon im Mittelalter ausgestorben, genauer: durch eine weniger weitgehende Form der Unfreiheit, die Leibeigenschaft, abgelöst. Die Expansion Europas in andere Kontinente brachte zunächst einen neuen Höhepunkt der Sklaverei; aber seit dem späten 18. Jahrhundert setzte sich auch in den Kolonien und ehemaligen Kolonien der europäische Maßstab durch.
Egon Flaig, Althistoriker an der Universität Rostock, hat eine kleine "Weltgeschichte der Sklaverei" vorgelegt. Oder eigentlich eher Fragmente zu einer solchen Weltgeschichte; die Darstellung konzentriert sich auf jene Hochkulturen, die für unsere Gegenwart und unser gegenwärtiges Geschichtsbild ausschlaggebend sind: die klassische Antike, Nord- und Südamerika, die islamischen Länder. Um ein Phänomen der Vergangenheit handelt es sich vor allem im islamischen Kulturkreis keineswegs. Im südlichen Sudan, berichtet Flaig, unternehmen manche Nomadenstämme regelmäßig Beutezüge gegen Dörfer und verteilen, verschenken oder verkaufen die Bewohner. In Mauretanien seien Kinder nach wie vor ein beliebtes Hochzeitsgeschenk.
Jean-Léon Gérome: Römischer Skla- venmarkt, um 1884 Bild: Ermitage, St. Petersburg
Dabei ist die Abgrenzung gegen andere Formen der Unfreiheit wie Leibeigenschaft, Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft gar nicht so einfach. Flaig zitiert einen Satz des römischen Juristen Ulpian aus dem 3. Jahrhundert nach Christus: "Die Sklaverei setzen wir dem Tode gleich." Soll sagen: Sklaverei liegt dann vor, wenn der Sklave keinerlei Rest von Selbstbestimmung hat, weder über seinen Körper noch über seine sozialen Beziehungen – mit der einzigen Milderung, dass die Herrschaft in der Regel an einer nachhaltigen Verwertung der Arbeitskraft interessiert sein wird. Dieser Punkt unterscheidet die "traditionelle" Sklaverei, wenn man so sagen darf, von den Vernichtungslagern des Nationalsozialismus. Und noch ein Punkt, der für unser modernes Bewusstsein schwer zu fassen ist: Sklaverei war – und ist in manchen Länden noch heute – eine legale, sozial akzeptierte Institution.
Welche Relevanz das Phänomen für die Geschichte der Weltwirtschaft hatte, zeigt ein Blick auf die Zahlen. Neuere Schätzungen, so Flaig, besagen, dass vom 7. bis zum 20. Jahrhundert etwa 17 Millionen Schwarzafrikaner als Sklaven in die islamischen Länder verschleppt wurden, vom 15. bis zum 19. Jahrhundert weitere 11,5 Millionen über den Atlantik nach Amerika; in den Südstaaten der USA war vor dem Bürgerkrieg jeder dritte Einwohner ein Sklave. Wie viele Menschen zusätzlich bei den Raubzügen in Afrika ums Leben kamen, ist nicht einmal zu schätzen; erst recht bleibt im Dunkeln, wie viele Schwarzafrikaner von Nachbarstämmen versklavt wurden.
Der Handel bewirkte eine politische Neuorganisation großer Teile des Kontinents: "Es entstanden politische Organismen, die unter der Drohung standen, jederzeit zum Jagdgebiet zu werden, falls man selber als Sklavenjäger versagte." Es gab eben keinerlei Solidarität über die Stammesgrenzen hinweg. Das Verfahren wurde sogar eine Art von Sport: "Wie man in anderen Kulturen zu Ehren eines Gastes eine Jagd auf Tiere abheilt, so veranstaltete 1871 der Sultan von Kamem nördlich des Tschadsees eine Sklavenjagd, als ihn hoher Besuch beehrte."
Jean-Léon Gérome: Orientalischer Skla- venmarkt, um 1879 - Bild: Clark Art Institute, Williamstown (Mass.)
Dass gerade Schwarzafrika zum Reservoir für den Sklavennachschub wurde, hat die ältere Forschung gern auf die Hautfarbe zurückgeführt. Aber offenbar hat sich das Vorurteil gegen die Farbe Schwarz erst im Zusammenhang mit der sozialen Institution Sklaverei entwickelt. Frühe Zeugnisse hierfür hat Flaig in den Kommentaren muslimischer Gelehrter zum Alten Testament gefunden. Noah habe seinen dritten Sohn Ham mit einem doppelten Fluch belegt: dass seine Farbe sich in Schwarz verändere und das seine Nachkommen Sklaven der Kinder Sems und Japhets, also von Noahs anderen beiden Söhnen, würden.
Solche Gedanken, schreibt Flaig, "wurden plausibel in dem Maß, in dem die mit niedriger Arbeit verbundene Sklaverei ausschließlich schwarz war". Der Rostocker Forscher vermutet, dass sich das Vorurteil infolge des portugiesischen Sklavenhandels seit Mitte des 15. Jahrhunderts auch in Europa durchgesetzt hat. Genauer: Bei jenen Europäern, die in Übersee aktiv waren. Jahrhunderte lang galt für England und Frankreich der Grundsatz, dass in den europäischen Kolonien praktiziert wurde, was in den Mutterländern verboten war.
Im hohen Mittelalter nämlich hatte das nordwestliche Europa auch in dieser Hinsicht einen Sonderweg eingeschlagen. Eine Entwicklung, die Flaig aber doch allzu beiläufig beschreibt; so erfährt der Leser nicht, welche ökonomischen Bedingungen dazu führten, dass die Territorialfürsten mit rigorosen gesetzlichen Maßnahmen die Sklaverei in die Leibeigenschaft umwandelten und dass die aufblühenden Städte auf ihrem – freilich eng beschränkten – Territorium auch diese Art von Unfreiheit außer Kraft setzten. Wirtschaftshistoriker führen diese Entwicklung gern auf die Zunahme qualifizierter Arbeit zurück, die von unfreien, in der Regel schlecht ausgebildeten Menschen nicht rentabel geleistet werden konnte.
Gustave Doré: Noah verflucht seinen Sohn Ham - Bild: historianforum
Andererseits ist bekannt, dass die Verwaltung des römischen Kaiserreichs weitgehend von hochspezialisierten Sklaven getragen wurden. Die juristische Definition von Sklaverei durch fehlende Selbstbestimmung darf eben nicht darüber hinweg täuschen, dass Sklaven je nach Ort und Zeit ganz verschieden ausgebildet waren und ganz verschieden eingesetzt werden konnten. In den Mittelmeerländern scheinen Reste der antiken Sklaverei das ganze Mittelalter hindurch fortbestanden zu haben. Etwa in Genua führte der Orienthandel in der Folge der Kreuzzüge zur Einfuhr von Sklaven aus der Krim. "Italienische Kaufleute, welche ihre Sklaven mit sich führten, kollidierten nicht selten mit den lokalen Gerichten Nordwest- und Mitteleuropas."
Deutlich wird jedenfalls, dass nur die Stärkung der politischen Organisationen Europa davor bewahrten, das Schicksal Schwarzafrikas zu teilen. Im 9. Jahrhundert noch verkauften Seeräuber, aber auch friedliche Händler, massenhaft Sklaven aus dem östlichen und nördlichen Europa in die islamische Welt – Arles, Marseille und Venedig hatten große Sklavenmärkte, in Verdun ist eine Kastrationsanstalt belegt. Aber wie auch immer man die politischen und ökonomischen Grundlagen einschätzen will, moralische Diskussionen hatten zweifellos ihren Anteil an der Ächtung der Sklaverei. Es hat freilich viele Jahrhunderte gedauert, bis eine Aussage wie die des Kirchenvaters Gregor von Nyssa aus dem 4. Jahrhundert in ihren Konsequenzen ernst genommen wurde: "Du verurteilst einen Menschen zur Sklaverei, dessen Natur frei ist und autonom ... Damit übertrittst du und bekämpfst du sozusagen das Gebot Gottes."
Sowohl für Frankreich als auch für England ergingen seit dem 13. Jahrhundert immer wieder königliche Dekrete, Parlamentsentscheidungen und Gerichtsurteile, die jede Form von Sklaverei, oft dann auch die Leibeigenschaft, untersagten. In den Kolonien freilich, die in der frühen Neuzeit eingerichtet wurden, sollte anderes Recht gelten. Dass seit Ende des 18. Jahrhunderts auch dort die Sklaverei abgeschafft wurde, geht – da widerspricht Flaig einer weit verbreiteten Meinung – weniger auf die Aufklärungsphilosophie zurück als auf die Diskussion in den radikalen protestantischen Sekten Neuenglands: Hier hätte keine kirchliche Hierarchie im Bund mit weltlichen Interessen die Agitation gegen die Sklaverei unterbinden können.
Sklavenmarkt in Richmond, Virginas, 1861 - Bild: Wikimedia
Für die europäischen Länder wird man den Anteil der Aufklärung an dieser Debatte dennoch nicht unterschätzen dürfen. Bis 1814 war die öffentliche Meinung in Großbritannien und Frankreich so weit, dass die beiden Länder sich entschlossen, dem Sklavenhandel auf den Weltmeeren mit Gewalt ein Ende zu setzen. Mit sehr begrenztem Erfolg. Die Sklavenhaltersysteme in den USA, auf Cuba und in Brasilien erhielten weiter Nachschub, konnten sich inzwischen ja auch weitgehend biologisch, aus bereits vorhandenem Bestand, regenerieren. Und der Sklavenstrom aus Schwarzafrika in die islamischen Länder ging großenteils auf dem Landweg vor sich.
Flaig schätzt, dass die britische Marine Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 15 Prozent ihrer Schiffe allein für das Vorhaben einsetzte, den Sklavenhandel zu unterbinden. Auch der amerikanische Bürgerkrieg sei "nicht um ökonomische oder sonstige Interessen geführt worden, sondern es ging um eine einzige fundamentale Angelegenheit: ob die Sklaverei siegte oder nicht". Eine Akzentsetzung, die zweifellos darauf angelegt ist, Widerspruch hervorzurufen. Schließlich ist herrschende Lehre in der Wirtschaftshistorie, dass der Zusammenbruch der Rohrzuckerindustrie durch die Erfindung des Rübenzuckers in den Südstaaten der USA zu einem Überschuss an Sklaven führte, der durch den Baumwollanbau nicht sofort aufgefangen werden konnte und über die Migration von Schwarzen auch die nördlichen Unionsstaaten in Probleme brachte.
Mit dem prinzipiellen wissenschaftstheoretischen Problem lässt Flaig den Leser allerdings allein: Wie kann es im historischen Rückblick überhaupt möglich sein, moralische Ideen einerseits, materielle Interessen andererseits in ihrer motivierenden Kraft gegeneinander abzuwägen? Was in den Quellen steht, wird jeder Historiker je nach seinem Menschenbild ideologiekritisch hinterfragen. Zum Beispiel bei den Afrikakonferenzen in den 1880er Jahren wurde die Intervention europäischer Mächte – unter anderem – begründet mit dem Kampf gegen die Sklaverei. Bloß ein Vorwand? Die tatkräftigsten Kämpfer gegen den europäischen Kolonialismus in den Jahrzehnten um 1900, meint Flaig, seien Warlords gewesen, die vom Niger bis zum Nil ihre soziale Institution der Sklavenjagd gegen die Invasoren verteidigen wollten.
Negersklaven auf dem Transport nach Amerika - Bild: members
Ein Dilemma, das uns – wenn man die humanitäre Begründung denn ernst nehmen will – ja auch heute nicht fremd ist: "Universale Prinzipien wie die Menschenrechte lassen sich nur durchsetzen mit hohen Kosten", meint Flaig lapidar. Das Problem stellte sich noch viel konkreter. Um gegen die Sklavenjäger kämpfen zu können, brauchten die Kolonialverwaltungen Soldaten und Bauarbeiter für eine Infrastruktur. Das Mittel, das sich anbot: Zwangsarbeit. Im Grunde dasselbe Dilemma, vor dem bereits der haitianische Sklavenführer Toussaint Louverture stand, nachdem 1794 die französische Nationalversammlung die Abschaffung der Sklaverei in allen französischen Territorien dekretiert hatte. Der Plan, die Wirtschaft der Insel Haiti auf der Basis freier Arbeit weiter zu betreiben, scheiterte. Die Befreiung endete in einer militärisch organisierten Arbeitspflicht.
Neu auf dem Büchermarkt: Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei, Verlag C. H. Beck, München 2009, ISBN 978-3-406-58450-3, 12,95 € [D], 13,30 [A], 23,90 sFr
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
scienzz-partner
... LEUTE in scienzz
03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
wissenswert
17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr