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08.10.2009 - DEUTSCHE LITERATUR
Geboren aus dem Geiste der Chemie
Vor 200 Jahren erschien Goethes tragischer Roman "Wahlverwandtschaften"
Josef Tutsch
 | | Johann Wolfgang von Goethe
Gemälde von Gerhard von
Kügelgen
Bild: Tartu Univ. Libr.
| | | "Die Deutschen mögen mich nicht. Ich mag sie auch nicht", sagte der alte Goethe einmal gegenüber dem Weimarer Pädagogen Johann Daniel Falk. Es war einsam um ihn geworden in diesem Land. Nicht nur dass Deutschland politisch, im Widerstand gegen Napoleon, einen anderen Weg ging, als Goethe sich das gewünscht hatte – er fühlte sich auch als Schriftsteller unverstanden. Die "Gilde der Naturforscher" hatte seine "Farbenlehre", auf die er sich doch so viel zugute hielt, als Dilettantismus abgetan. Seine Dramen wurde gerühmt; aber die Bühnen – einschließlich des Hoftheaters in Weimar – spielten die Stücke von Iffland, Kotzebue und Werner. Sicher, als Romancier war Goethe wegen seines Jugenderfolgs mit den "Leiden des jungen Werthers" noch in aller Munde; aber die Leser bevorzugten die Romane von Jean Paul. Und natürlich die leichtere Kost, zum Beispiel den Räuberhautmann "Rinaldo Rinaldini" von seinem Schwager Christian August Vulpius.
Da konnten Goethes "Wahlverwandtschaften" nicht mithalten. Der Roman, der am 9. Oktober 1809, vor zweihundert Jahren, im Tübinger Verlag Cotta fertig gedruckt vorlag, wurde vom breiten Publikum fast ein Jahrhundert lang ignoriert. Und was an Kritik vorgetragen wurde, muss Goethe tief verletzt haben. Der Schriftsteller Heinrich Laube hat eine solche Szene überliefert. "Eine Dame äußerte gegen Goethe über die ‚Wahlverwandtschaften’: Ich kann dieses Buch durchaus nicht billigen, Herr von Goethe; es ist wirklich unmoralisch, und ich empfehle es keinem Frauenzimmer. Darauf hat Goethe eine Weile ganz ernsthaft geschwiegen und endlich mit vieler Innigkeit gesagt: Das tut mir sehr leid, es ist doch mein bestes Buch."
"Unmoralisch". Nun ja, es geht um einen Ehebruch, sogar um einen doppelten Ehebruch; aber seit Homers "Ilias" ist die Weltliteratur voll von Ehebrechern. Sollte allein dieses Sujet, das von "Madame Bovary" über "Effi Briest" bis "Anna Karenina" die Romane des späteren 19. Jahrhunderts beherrscht hat, Goethes Zeitgenossen derart schockiert haben? Zumal dieser Ehebruch in den "Wahlverwandtschaften" nicht einmal vollzogen, nur imaginiert wird. Es wird wenige Romane geben, in denen sich der Konflikt aus einer derart simplen Personenkonstellation entwickelt. Eduard ("so nennen wir einen reichen Baron im besten Mannesalter") und seine Frau Charlotte haben seinen in Not geratenen Jugendfreund Otto und ihre Nichte Ottilie eingeladen, auf ihrem Landgut mit ihnen zu leben. Und dann kommt jener Mechanismus in Gang, den der Titel andeutet: "Wahlverwandtschaften".
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Goethes "Wahlverwandt- schaften", Titelblatt 1809 Bild: Wikipedia
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Das Wort entnahm der naturwissenschaftlich versierte Goethe einer Abhandlung des schwedischen Chemikers Torbern Bergman von 1775. Der Begriff meinte die Eigenschaft bestimmter Elemente, bei Annäherung anderer Stoffe plötzlich ihre bestehenden Verbindungen zu lösen und sich gleichsam "wahlverwandtschaftlich" neu zu vereinigen. Die Romanfiguren selbst münzen den chemischen Vorgang, zunächst spielerisch, noch halb unbewusst, auf die menschlichen Verhältnisse um: "In diesem Fahrenlassen und Ergreifen, in diesem Fliehen und Suchen glaubt man wirklich eine höhere Bestimmung zu sehen; man traut solchen Wesen eine Art von Wählen und Wollen zu und hält das Kunstwort ‚Wahlverwandtschaften’ für vollkommen gerechtfertigt."
Unterliegt der Mensch derselben Naturnotwendigkeit wie die anorganischen Stoffe? Auch "durch das Reich der heiteren Vernunftfreiheit", kündigte Goethe seinen Roman im September 1809 im "Morgenblatt für gebildete Stände" an, ziehen sich "Spuren trüber leidenschaftlicher Notwendigkeit unaufhaltsam hindurch, die nur durch eine höhere Hand, und vielleicht auch nicht in diesem Leben, völlig auszulöschen sind". Es zeugt von Goethes überlegener Erzählkunst, dass seine Figuren sich zu einem quasi-naturwissenschaftlichen Experiment fügen und doch niemals zu Abstraktionen gerinnen. Während einer nächtlichen Vereinigung des Ehepaars kommt es in der Phantasie zum doppelten Ehebruch: "Eduard hielt nur Ottilien in seinen Armen; Charlotten schwebte der Hauptmann näher oder ferner vor der Seele, und so verwebten, wunderbar genug, sich Abwesendes und Gegenwärtiges reizend und wonnevoll durcheinander."
Einige Jahre nach Erscheinen des Romans hat sich Goethe im Gespräch mit dem Kölner Kunstsammler Sulpiz Boisserée darüber gewundert, dass seine sittenstrengen Leser darin nicht die biblische Vorlage wiedererkennen wollten, die Worte Jesu: "Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen." Goethe hat die Verteidigung der konventionellen Ehemoral einer Nebenfigur in den Mund gelegt, dem alten Pastor Mittler, Unauflöslich müsse sie sein, die Ehe; "denn sie bringt so vieles Glück, dass alles einzelne Unglück dagegen gar nicht zu rechnen ist ... Sind wir nicht auch mit dem Gewissens verheiratet, das wir oft gerne los sein möchten, weil es unbequemer ist als uns je ein Mann oder eine Frau werden könnte?"
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Illustration von 1809 Bild: Universität Zürich
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Rigorose Worte, mit denen frühere Interpreten den Roman gern gegen den Vorwurf der Unsittlichkeit verteidigen wollten. Aber Mittler ist schlicht ahnungslos; er sieht nicht, was sich da vor seinen Augen abspielt. So wie auf andere Weise auch Eduard ahnungslos ist. Er glaubt, den chemischen Vorgang der Wahlverwandtschaft sozusagen sozialtechnisch umsetzen zu können, durch ein neues Arrangement der zwischenmenschlichen Beziehungen, und sieht nicht, dass Menschen noch anderen Zwängen unterliegen, mag man sie nun Moral nennen oder Gesellschaft.
Die Phantasie im Ehebett bleibt, da hat Goethe ein Motiv alten Volksglaubens aufgegriffen, nicht ohne Folgen: In den Zügen des Kindes, das in jener Nacht gezeugt wird, meinen alle Beteiligten, viel Ähnlichkeit sowohl mit dem Hauptmann als auch mit Ottilie zu erkennen. Eigentlich ist es bloß ein Unfall, dass das Kind bei einer Bootsfahrt mit Ottilie ins Wasser fällt und ertrinkt. Aber beide Frauen geben sich die Schuld: Ottilie, weil sie unwillentlich in eine fremde Ehe eingebrochen war, Charlotte, weil sie sich dagegen sträubte, ihren Mann für eine neue Verbindung freizugeben. Eduard dagegen möchte es sich leicht machen und begreift das Unglück als eine höhere Fügung: Er glaubt den Weg zu seinem neuen Glück nunmehr frei.
Schuld? Jedenfalls nicht in einem moralischen Sinne. Eher im Sinne jener religiösen Vorstellungen, wie Goethe sie einmal in seinem Lied an "die himmlischen Mächte" formuliert hat: "Ihr führt ins Leben uns hinein, ihr lasst den Armen schuldig werden, dann überlasst ihr ihn der Pein; denn alle Schuld rächt sich auf Erden." Auf menschliche Verhältnisse angewandt, führt der Mechanismus der Wahlverwandtschaften (der Romantiker Ludwig Tieck soll spöttisch von "Qualverwandtschaften" gesprochen haben) in diesem Fall nicht in neue Verbindungen, sondern in allseitige Entsagung, freiwillig oder erzwungen. "Entsagung": Das war das Wort, mit dem sich der alte Goethe darin zu schicken versuchte, dass nicht alle Blütenträume reifen.
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Film nach Goethes Roman, DDR 1974
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Was den Zeitgenossen daran unsittlich erscheinen konnte, ist zwei Jahrhunderte später kaum noch nachzuvollziehen. Vielleicht die nüchterne, sachliche, scheinbar unbeteiligte Haltung, die der Erzähler zu alledem einnimmt? Diese Objektivität wird sogar beibehalten, als Ottilie aus ihrer schuldlosen Schuld eine Konsequenz zieht, die viele Leser in dieser Zeit der Romantik, die doch für das Außergewöhnliche so aufgeschlossen war, mindestens ebenso sehr verstört haben muss wie der Ehebruch. "Ich bin aus meiner Bahn geschritten und ich soll nicht wieder hinein. Ein feindseliger Dämon, der Macht über mich gewonnen, scheint mich von außen zu hindern ... Ein strenges Ordensgelübde habe ich über mich genommen ..." Während Pastor Mittler, weiterhin nichts ahnend, noch predigt "Du sollst Ehrfurcht haben vor der ehelichen Verbindung", verhungert Ottilie. Sie hat auf Speise und Trank freiwillig verzichtet wie so manche Heilige des Mittelalters.
Goethes älterer Kollege Christoph Martin Wieland, ein Repräsentant noch der Aufklärung, nannte die "Wahlverwandtschaften" darum mit distanzierter Bewunderung ein "wirklich schauerliches Werk"; Thomas Mann sprach, anderthalb Jahrhunderte später, von Goethes "allerchristlichstem Werk". Die chemische Versuchsanordnung mündet, wenn man so will, in eine Heiligenlegende – tatsächlich hat sich der Dichterfürst auf seine Romanheldin berufen, wenn ihm Unchristlichkeit vorgehalten wurde. "Ich habe doch Gretchen hinrichten und Ottilien verhungern lassen, ist denn das den Leuten nicht christlich genug? Was wollen sie noch Christlicheres?"
Aber man braucht nicht zu glauben, Goethe wäre zur katholischen Heiligenverehrung konvertiert, weil im Roman, wie der Erzähler ehrfürchtig vermerkt, "etwas unschätzbar Würdiges von seiner Höhe herabgestürzt" ist, "stille Tugenden, von der Natur erst kurz aus ihren gehaltreichen Tiefen hervorgerufen, durch ihre gleichgültige Hand schnell wieder ausgetilgt" sind. Die Gleichgültigkeit der Natur gegenüber dem menschlichen Glücksstreben und den vom Menschen hochgehaltenen Tugenden – das war die Einsicht, zu der sich Europas intellektuelle Eliten damals, ein halbes Jahrhundert nach dem katastrophalen Erdbeben von Lissabon, mühsam durchrangen; auch Goethe, der die Natur stets mit religiöser Verehrung betrachtet hat, wird das nicht leicht gefallen sein. Ein Roman, der diesen Skandal nicht einmal mit moralischer Empörung kommentierte, konnte wohl nicht zum Publikumserfolg werden.
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Film von Paolo Taviani und Vittorio Taviani nach Goethes Roman, Ital./Frankr. 1974
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Ein christliches Werk, wie Thomas Mann meinte? Eher eine tragische Dichtung; Goethe, der sich selbst dazu bekannte, unversöhnliche Konflikte zu meiden, ist hier, auf der Grundlage der naturwissenschaftlichen Begriffsbildung seiner Zeit, die stärkste Annäherung an die Tragödie gelungen. Von Gott ist nicht die Rede. Ottilie folgt dem Schicksal, das sie getroffen hat und das sie von allen menschlichen Gemeinschaften mit ihrer heilenden und schützenden Kraft entfernt. Und noch im Grab erfüllt sich – hier streift der Klassiker Goethe wirklich schon die Grenze der Romantik, einer Romantik freilich ohne Erlösungsmythos – das Gesetz der Wahlverwandtschaft. Auch Charlotte entsagt; sie lässt für Ottilie und für Eduard, der bald danach ebenfalls stirbt, ein gemeinsames Grabmal errichten und verordnet, "dass niemand weiter in diesem Gewölbe beigesetzt werde".
Der immer unreif gebliebene Baron "im besten Mannesalter" neben der heiligen Büßerin – ein Romanende, das auch wohlwollende Literaturkritiker übel aufgenommen haben. Aber Goethe wusste besser als seine Kritiker, dass Liebe nichts mit Verdienst zu tun hat. "Friede schwebt über dieser Stätte, heitere verwandte Engelsbilder schauen vom Gewölbe auf sie herab, und welch ein freundlicher Augenblick wird es sein, wenn sie dereinst wieder zusammen erwachen." Der tragische Roman schließt mit einem idyllischen Bild. Aber nicht einmal das scheint dem zeitgenössischen Publikum, speziell jener Dame in Heinrich Laubes Anekdote, über die "Unmoralität" des Buches hinweg geholfen zu haben. Realistisch gelesen, besagt das idyllische Bild, dass der Dichter keine harmonische Lösung parat hatte, "nicht in diesem Leben", wie die Vorankündigung deutlich sagte. Und er war auch nicht gewillt, sie dem Leser vorzugaukeln.
Mehr im Internet: Goethes "Wahlverwandtschaften" - Wikipedia scienzz Dossier Gesichter der Goethezeit
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation
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