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16.12.2009 - IDEENGESCHICHTE

Jenseits der gütigen Aufklärung

Eine Neuerscheinunng über "Grundbegriffe der europäischen Geistesgeschichte"

von Josef Tutsch

 
 

Sokrates (469-399 v. Chr.)
römische Büste im Louvre,
Bild: Eric Gaba

Sokrates muss ein nervenaufreibender Zeitgenosse gewesen sein. Wenn man ihm auf dem Markt begegnete, nahm er das "How do you do" gleich wörtlich und verwickelte einen in lange Diskussionen, was das denn eigentlich sei, ein glückliches Leben; und mit der Antwort etwa, dass man gesund sei und sein Auskommen habe, wollte er sich überhaupt nicht zufrieden geben. Wenn Sokrates heute lebte, würde es mit ihm vermutlich noch viel schwieriger. Er und seine Gesprächspartner könnten schwer darüber hinweg sehen, dass über solche Fragen wie zum Beispiel das Glück seit Jahrtausenden diskutiert wird. Sokrates wäre heute vielleicht Privatdozent für Philosophie und hätte umfangreiche historische Begriffswörterbücher in seiner Bibliothek.

Ein Wissensvorsprung gegenüber den "Laien", der solche Diskussionen in der Gegenwart wohl noch ein Stückchen schwieriger macht als damals im alten Athen. Es wäre zuviel verlangt, wollte man nach einem Schnellkursus rufen, um diese Kluft zu überblicken, so etwas wie "Philosophiegeschichte in 30 Stunden". Aber eine Handreichung, um solche Diskussionen anzuregen, das ist eben doch möglich. Konrad Paul Liessmann, Philosophieprofessor an der Universität Wien, hat jetzt eine Sammlung von zehn Bändchen über "Grundbegriffe der europäischen Geistesgeschichte" herausgebracht – zehn knappe Essays über Glück, Gerechtigkeit, Schönheit, Wahrheit, Tod usw. Philosophen der Universitäten Wien, Klagenfurt und Hamburg bieten auf jeweils gut hundert Seiten einen Abriss der Ideengeschichte von Homer bis ins 20. Jahrhundert.

Schauen wir beispielhaft in den Band der Klagenfurter Philosophin Alice Pechriggl über den "Eros". Pechriggl beginnt – selbstverständlich, möchte man sagen – mit Platons Dialogen. Wer diese Texte vor dreißig oder vierzig Jahren in der Schule gelesen hat, wird sich jedoch verwundert die Augen reiben: Auch das gängige Bild von den "Klassikern" hat sich durch die "liberaldemokratisch geprägte Neuerfindung des Eros und der Sexualität" in den letzten Jahrzehnten gründlich verändert. Natürlich konnte man auch zuvor schon mit philologisch und historisch geschultem Blick sehen, dass in der Vorgängerkultur des christlichen Abendlandes geschlechtliches Begehren eben keineswegs auf die Ehe und womöglich die Fortpflanzung eingeengt war. Inzwischen ist das Standardwissen und eben auch Schulwissen.

Jean-B.. Le Rond d'Alembert,
Mitherausgeber der "Encyclo-
pédie" 1751 (Gemälde von
Maurice Quentin de La Tour)
Bild: Wikipedia

Tatsächlich eignen sich diese "Grundbegriffe" als Arbeitsmaterialien für Oberschüler, ganz aktuell auch als Geschenk unterm Weihnachtsbaum – Interesse an prinzipiellen Diskussionen und an historischen Hintergründen freilich vorausgesetzt. Die Verfasser haben es durchweg geschafft, sich in verständlicher, nicht fachwissenschaftlich verfremdeter Sprache auszudrücken. Natürlich können solche Touren durch drei Jahrtausende Ideengeschichte nicht bei allen Stationen gründlich verweilen; aber der Leser wird eben auch nicht mit Häppchenkost abgespeist.

Mehr noch: Es wird deutlich, dass Philosophie auch im Zeitalter fortgeschrittener Spezialisierung nichts ist, was nur den Fachmann angeht. Der Text von Birgit Reckl, Universität Hamburg, über das Problem der "Freiheit" setzt gleich bei den neurophysiologischen Experimenten ein, die in den letzten Jahren so viel Aufregung hervorgerufen haben. Manches allzu platte Argument, das da – auch von fachwissenschaftlich hoch qualifizierten Diskutanten – vorgetragen wurde, wäre nach Lektüre einer solchen philosophischen Einführung vermutlich unausgesprochen geblieben. "Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen", überschrieb vor ein paar Jahren einer der führenden Hirnphysiologen einen populären Aufsatz. "Sollten": Ein völlig sinnloser Ausdruck, wenn es richtig wäre, dass wir aufgrund neuronaler Verschaltungen ohnehin keine Wahl haben.

Merkwürdigerweise fehlt in der Reihe ein Band, der sich mit dem Begriff des Guten befassen würde, oder, formalistisch ausgedrückt, mit dem des Sollens; christlich würde man von Nächstenliebe reden. Aber à propos militärisch: Vor zwei oder auch drei Jahrzehnten wäre vermutlich kein Philosophenteam auf die Idee gekommen, in eine solche Sammlung von "Grundbegriffen der europäischen Geistesgeschichte" einen Band über den "Krieg" aufzunehmen. Nach dem Untergang des sowjetischen Imperiums hatte der amerikanische Politikwissenschaftler Francis Fukuyama das Ende der Geschichte ausgerufen – eine an sich logische Konsequenz aus den Hoffnungen einer ganzen Generation, nach Überwindung des Kalten Krieges werde, hoffentlich endgültig, das Zeitalter des weltweiten Friedens anbrechen.

Denis Diderot, Mitherausgeber
der Encyclopédie 1751 (Gemäl-
de von Louis-Michel van Loo)
Bild: Wikipedia

Heute hält der Wiener Rechtsphilosoph Christian Stadler die Zeit für gekommen, solche Illusionen zu verabschieden. "Die mehr als blutigen Ereignisse haben uns wieder in den Fluss der in Wahrheit ewigen Konfliktualität zurückgeworfen." "Ewig" – ein kleines Wörtchen, das Stadler (und womöglich dem gesamten Projekt dieser "Grundbegriffe", zweieinhalb Jahrhunderte nach dem Erscheinen der "Encyclopédie" von Diderot und d’Alembert) den Vorwurf der Gegenaufklärung einbringen wird. Aber natürlich geht es nicht um ein "Gegen", sondern gerade um ein Weitertreiben der Aufklärung, um ein tieferes Schürfen in Gründen und Abgründen, vor denen die "gütige Aufklärung" (der Ausdruck stammt von Stadler) die Augen verschlossen hat.

Gibt es womöglich Situationen, die überhaupt keine moralisch einwandfreie Lösung zulassen? Elisabeth Holzleitner schließt ihren Aufsatz über "Gerechtigkeit" mit einem unaufgelösten ethischen Dilemma, es geht um die Durchsetzung von Menschenrechten durch Intervention: "Wird eingegriffen, werden immer Opfer der Intervention zu beklagen sein. Wird nicht eingegriffen, lässt man andere Opfer im Stich."

Konsequent zu Ende gegangen ist allerdings auch Liessmanns neue Enzyklopädie diesen Weg illusionsloser Aufklärung nicht. Es fehlt ein Essay zum Thema "Geschichte" oder "Fortschritt", zu dem auf ein Ziel hin ausgerichteten Horizont, in den sich das europäische Denken seit der Verschmelzung des biblischen Erlösungsglaubens mit der griechischen Philosophie gestellt hat. Nicht nur melancholisch gestimmten Konservativen ist die Idee des Fortschritts zunächst durch die "Grenzen des Wachstums", dann auch durch die Konfrontation mit nicht-westlichen oder anti-westlichen Kulturtraditionen fragwürdig geworden. Nun ja, vielleicht lassen Liessmann und sein Team demnächst ja noch ein paar weitere Bändchen mit ideengeschichtlichen Abrissen folgen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Grundbegriffe der europäischen Geistesgeschichte. Schönheit – Wahrheit – Eros – Tod – Krieg – Macht – Gerechtigkeit – Freiheit – Arbeit – Glück,
herausgegeben von Konrad Paul Liessmann,
facultas.wuv.universitätsverlag, Wien 2009, ISBN 978-3-7089-0464-1, 79,- €



Mehr im Internet:

Encyclopédie - Wikipedia
Markierungen im historischen Wandel, scienzz 27.10.2006 




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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