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12.12.2009 - ETHNOLOGIE

Wie eine Heilige zum Kinderschreck wurde

Im Wirrwarr der Kalenderrechnungen - Sankt Lucia und ihr Festtag am 13. Dezember

von Josef Tutsch

 
 

Hl. Lucia, von Domenico Becca-
fumi (1484-1551)
Bild: Pinacoteca Naz. di Siena

"Sankt Lucia kürzt den Tag, soviel sie ihn nur kürzen mag", sagt eine alte Bauernregel. Aber warum eigentlich soll der 13. Dezember, der Festtag der heiligen Lucia, irgendwie "kürzer" sein als andere Tage? Noch verwirrender wird es, wenn wir gut eine Woche später im Bauernkalender eine ganz ähnliche Regel finden: "Sankt Thomas bringt die längste Nacht, weil er den kürzesten Tag gebracht." In diesem Fall stimmt es sogar: Die Nacht, die auf den 21. Dezember folgt, ist die längste des Jahres – Wintersonnenwende.

Wo Thomas Recht hat, muss Lucia aber noch längst nicht Unrecht haben. Die beiden Regeln beziehen sich auf verschiedene Kalender; der Spruch auf Lucia ist vielleicht älter, geht bis auf das Mittelalter zurück, während der auf Thomas nicht vor Ende des 16. Jahrhunderts entstanden sein kann. Das Rätsel löst sich, wenn man auf die Kalenderreform des Jahres 1582 blickt. Damals hatte Papst Gregor XIII. dem Monat Oktober zehn Tage gestrichen. Grund: Durch die zuvor geltende Regelung der Schalttage im alten, julianischen Kalender war das durchschnittliche Jahr etwas zu lang; im Laufe der Jahrhunderte hatte sich die Wintersonnenwende also immer weiter verschoben, von kurz vor Weihnachten Richtung Anfang Dezember. Als der Papst seine Reform verkündete, hatte sie den Luzientag bereits überholt und lag in der Nacht vom 11. auf den 12. Dezember.

Während des späten Mittelalters waren die Bauern also gewohnt, dass die Wintersonnenwende kurz vor oder kurz nach dem Luzienfest anstand. So kam die Heilige, deren Name, von lateinisch "lux" abgeleitet, doch eigentlich so viel bedeutet wie "die Leuchtende", in den Ruf, die längste Nacht des Jahres zu beherrschen. In den Ländern Mittel- und Nordeuropas wurde die fromme Jungfrau aus dem sizilianischen Syrakus, die 304 nach Christus unter Kaiser Diokletian wegen ihres christlichen Glaubens den Märtyrertod gefunden hatte, zu einer grausigen Dämonengestalt. Vor allem in den Alpen und im Donauraum gibt es viele Belege, dass eine "Lutzelfrau" oder "Lussibrud" schlampige Mägde und ungezogene Kinder erschreckte.

Begräbnisstätte in S. Lucia al Sepolchro,
Syrakus - Bild: SiciliaBlog
Teufel und Gespenster würden "vor allen anderen Zeiten häufig verspürt an Tag oder Fest Luciae", warnte im 17. Jahrhundert der Schriftsteller Johann Praetorius. Nicht weiter verwunderlich, dass diese Nacht mit allerlei Tabus belegt war, wie sonst die Neujahrsnacht. In vielen Gegenden war es verboten, Brot zu backen, zu spinnen oder zu nähen; spitze oder scharfe Gegenstände hatte man tunlich zu vermeiden. Und dass man sich in Orakeln versuchte. Im Burgenland wurden Weizenkörner in einen mit Erde gefüllten Teller gesät; ging die Saat bis zum Heiligen Abend auf, war ein gutes Jahr zu erwarten. In manchen Dörfern versammelten sich die Burschen in der Nacht auf dem Heuboden, um den "Luzienschein" zu erwarten, ein geheimnisvolles, nicht jedem sichtbares Licht. Wer dabei einschlief, musste im Laufe des kommenden Jahres mit großen Unglück rechnen.

Eine halb und halb teuflische Figur. Aber die Lutzelfrau konnte, ähnlich wie wir das aus dem Märchen von Frau Holle kennen, auch wohltätig sein; das brachte sie ihrem Vorbild, der als mildtätig bekannten Lucia von Syrakus, wieder näher. Noch heute wird in Italien am Luciatag "Torrone dei poveri" als Armenspeise zubereitet: Kichererbsen in Zucker verkocht. In Österreich brachte das "Lutscherl" den Kindern Leckereien; manchmal stand sie dem anderen populären Heiligen der Vorweihnachtszeit, Sankt Nikolaus, als Gabenbringerin zur Seite. Neben dem Nikolaustag am 6. Dezember war im späten Mittelalter und der frühen Neuzeit auch der 13. des Monats als Tag der Geschenke üblich.

Seine Karriere im Norden Europas hat das Mädchen aus Syrakus freilich nur den Zufälligkeiten der Kalenderrechnung zu verdanken. Von der historischen Figur - wahrscheinlich ist Lucia im Unterschied zu manchen anderen Heiligen dieser frühen Zeit eine historische Figur, spätestens um 400 nach Christus wurde ihr Grab verehrt – ist kaum etwas bekannt. Schon als Kind, wird erzählt, habe Lucia ewige Jungfräulichkeit gelobt; als ihre Mutter durch eine wunderbare Heilung ebenfalls zum Christentum bekehrt wurde, erhielt sie die Erlaubnis, ihre bereits abgesprochene Verlobung zu lösen. Ihr Erbe verteilte sie an die Armen – eine Aktion, die den Verlobten derart erboste, dass er Lucia als Christin denunzierte.

Am 13. Dezember wird die Statue
vor dem Portal des Syrakusaner
Doms ausgestellt
Bild: SiciliaBlog
Der Präfekt wollte sie ins Dirnenhaus bringen lassen; aber ein Ochsengespann und tausend Männer waren nicht imstande, die standhafte Jungfrau von der Stelle zu bewegen. Auch siedendes Öl vermochte ihr nichts anhaben; als man ihr ein Schwert durch die Kehle stieß, verkündete sie den zukünftigen Sieg des Christentums. Lucia starb erst, nachdem ihr ein Priester die Hostie gereicht hatte. Als Todestag ist der 13. Dezember überliefert. Über der Richtstätte steht seit dem 12. Jahrhundert die Kirche Santa Lucia al Sepolcro. Wo die Reliquien verblieben sind, ist umstritten. In Syrakus wird ein Unterarm verehrt. Andere Körperteile sollen in Venedig in der Kirche Santi Geremia e Lucia liegen; 1038 waren sie nach Konstantinopel gebracht worden, um sie vor den muslimischen Eroberern von Syrakus zu retten, 1204 waren sie ein Teil der Beute, die sich Venedig beim 4. Kreuzzug aneignete. Aber auch das Kloster Saint-Vincent in Metz behauptet, schon seit 970 die Gebeine der Heiligen zu bergen. 

Entsprechend der Legende haben die Maler Lucia mit einem Schwert durch Hals dargestellt, inmitten von Flammen oder mit ziehenden Ochsen. Gelegentlich sieht man sie auch mit einer Schüssel, auf der zwei Augen liegen: Während ihres Martyriums soll sie sich nämlich ihre beiden schönen Augen ausgerissen und ihrem Verlobten geschickt haben. Die breiteste Wirkung zeigte aber ein weniger grausiges Motiv. Wenn Lucia ihren versteckten Glaubensgenossen Lebensmittel brachte, dann setzte sie sich einen Lichterkranz aufs Haupt, um beide Hände zum Tragen der Speisen frei zu haben und dennoch in der Dunkelheit den Weg zu finden – eine Geschichte, die vielleicht aus dem Namen der Heiligen, abgeleitet ist.

Und in dieser Gestalt bestimmt sie heute einen der lebendigsten Volksbräuche unserer Gegenwart, weitab von ihrer sizilianischen Heimat, im hohen Norden Europas, als freundliches junges Mädchen mit einem Lichterkranz. Dass es in Schweden Brauch wurde, zum 13. Dezember weiße Gewänder zu tragen, mag tatsächlich von jener Zeit herrühren, wo die Wintersonnenwende vor oder nach dem Luzienfest lag. In ihrer heutigen Form geht die schwedische Lucia jedoch auf die historistische Folklorepflege zurück. Es soll das Stockholmer Freilichtmuseum Skansen gewesen sein, dass sich Ende des 19. Jahrhunderts die Aufgabe setzte, altes Brauchtum in die Industriegesellschaft hinüberzuretten. Ob die Ethnologen damals für den Kerzenkranz auf dem Haupt Vorbilder in der schwedischen Tradition gefunden haben? Vielleicht orientierten die gelehrten Herrschaften sich ja vielmehr an der katholischen Heiligenlegende, die im protestantischen Schweden längst vergessen war.

Brauchtum zum Luciatag in Schweden
Bild: ohSchweden
Aber natürlich passte das Kerzenlicht (heutzutage in der Regel elektrisch imitiert) gut in die dunkle Jahreszeit, als hoffnungsvolles Zeichen, dass es demnächst wieder heller wird. Auch im katholischen Volksglauben erstreckt sich die Zuständigkeit dieser Heiligen in der Hauptsache auf Gebiete, die – mehr oder weniger metaphorisch – mit dem Licht und den Augen zu tun haben. Lucia ist die Schutzheilige der Blinden und der Armen, aber auch der Glaser, der Schreiber und der Anwälte. Angerufen wird sie unter anderem gegen Augenleiden. Das Motiv des Lichts wurde auch in Bräuche integriert, die ganz anderen Zusammenhängen entstammen und mit der heiligen Lucia bloß kalendarisch etwas zu tun haben. Am 13. Dezember 1785 wurde der Ort Fürstenfeldbruck in Oberbayern von einer Flutkatastrophe bedroht. Die Bürger gelobten, der Tagesheiligen für ihre Errettung alljährlich mit einem "Lichterschwemmen" zu danken. Bis heute werden Hunderte von "Luzienhäuschen" aus Papier oder dünnem Holz am Abend des Festtages, von innen durch eine Kerze erleuchtet, auf die Amper gesetzt und verschwinden auf ihrer Reise flussabwärts in der Dunkelheit.

Eine Heilige, deren Gestalt in Volksglaube und Volksbrauchtum weniger durch Geschichte oder Legende bestimmt wird als durch ihren Festtag im Kalender. Und vor allem durch jene im Grunde doch recht kleine Überlänge des julianischen Jahres von gerade einmal elf Minuten und vierzehn Sekunden, die zur Folge hatte, dass Sankt Lucia im späten Mittelalter mit der Wintersonnenwende zusammenfiel. Als Gregor XIII. seine Kalenderreform beschloss, wurde Lucia in dieser Funktion wieder durch Thomas ersetzt. Allerdings zunächst nur für die katholischen Territorien; die meisten protestantischen Länder hielten bis ins 17. und 18., viele orthodoxe sogar bis ins 20. Jahrhundert am julianischen Kalender fest. Das wird im staatlich und konfessionell parzellierten Mitteleuropa zu viel Verwirrung geführt haben – leicht vorstellbar, dass es zwischen den Bauern aus katholisch und protestantisch regierten Dörfern zu heftigen Diskussionen gekommen ist, bei denen man die unterschiedlichen Regeln einander um die Ohren schlug. Ein Kampf der Kulturen – Sankt Lucia gegen Sankt Thomas.


Mehr im Internet:
Lucia von Syrakus - Wikipedia 
scienzz Dossier Rund um das Weihnachtsfest




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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