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24.12.2009 - RELIGIONSGESCHICHTE
"Wie soll das geschehen?"
Die jungfräuliche Geburt Jesu - eine sehr unmoderne Seite der Weihnachtsgeschichte
von Josef Tutsch
 | | Maria im Rosenhag (Ausschn.),
von Stefan Lochner, um 1448
Bild: Wallraf-Richartz-Mus., Köln
| | | "Wie könnte ich einen Sohn bekommen, wo mich kein Mann berührt hat und ich nicht unkeusch gewesen bin?" Der Engel antwortete: "So ist es. Also sprach dein Herr: Das ist mir ein leichtes. Wir machen ihn zu einem Zeichen unserer Barmherzigkeit für die Menschen."
Unverkennbar eine Weihnachtsgeschichte; tatsächlich geht es um Maria und die bevorstehende Geburt Jesu. Aber der Text stammt nicht aus dem Neuen Testament, er stammt überhaupt nicht aus einer christlichen Quelle, sondern aus dem Koran, dem heiligen Buch der Muslime. Der Islam lehnt zwar die Lehre von Jesus als dem Sohn Gottes ab, lehrt aber die jungfräuliche Geburt dieses Propheten. Mit einer paradoxen Folge: Was viele Christen seit Jahrhunderten in Glaubenszweifel stürzt, ist für Muslime, die den Koran nach wie vor Wort für Wort als Offenbarung Allahs nehmen, kein Problem. In diesem Punkt bekennen sich heute vielleicht sogar mehr Muslime als Christen ohne jedes Wenn und Aber zu dem, was auf dem Konzil von Konstantinopel 381 nach Christus als Glaubensbekenntnis formuliert wurde: "geboren aus der Jungfrau Maria".
Christliche Theologen tun sich da viel schwerer. Typisch ist die Aussage in einem Lehrbuch des Erlanger Dogmatikprofessors Wilfried Joest von 1984: "Die Frage, ob es sich wirklich um die Tatsache eines von Gott gewirkten realen Zeichens oder um ein im Glaubensdenken früher Christen erwachsenes symbolisches Zeichen für das Ursprungsgeheimnis Jesu handelt, sollte offen bleiben." Symbolisch gemeint – das ist die Auskunft, auf die sich in West- und Mitteleuropa wahrscheinlich die große Mehrzahl frommer Christen zurückziehen wird. Zu tief ist in das moderne Denken die naturwissenschaftlich begründete Voraussetzung eingedrungen, dass so etwas nicht vorkommen kann.
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Der Engel verkündigt Maria die Ge- burt Jesu, von Fra Angelico, um 1440 Bild: Prado, Madrid
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Aber was kann das Wort "symbolisch" eigentlich bedeuten, wer soll da etwas symbolisch gemeint haben? Der Heilige Geist, der die Schreiber der Bibeltexte inspirierte, hätten frühere Theologengenerationen ohne Umschweif geantwortet. Aber dass die Bibel sozusagen nach göttlichem Diktat entstanden wäre, leuchtet einem historisch und philologisch geschulten Bewusstsein ebenso wenig ein, wie die jungfräuliche Geburt biologisch plausibel zu machen wäre. Man müsste das symbolische Denken schon konkreten Personen zuschreiben, den Verfassern des Matthäus- und des Lukasevangeliums, oder vielmehr ihren Gewährsleuten; Joest sprach vom "Glaubensdenken früher Christen".
Gerade das ist aber, wenn man auf die Umwelt blickt, in der das Neue Testament entstand, eher unwahrscheinlich. Jungfräuliche Geburten galten in der Religionswelt damals zwar als etwas höchst Ungewöhnliches, aber keineswegs als unmöglich. Die Mythologie war ohnehin voll von Heroen, die Götter mit einer menschlichen Mutter gezeugt hatten. Aber auch von historischen Personen wurde dergleichen berichtet. Alexander der Große soll durch einen Blitzstrahl gezeugt worden sein, den seine Mutter in der Hochzeitsnacht empfing; die Mutter des Augustus wurde im Tempel von einer Schlange heimgesucht.
Schwer zu sagen, wie wörtlich die Zeitgenossen solche Erzählungen genommen haben. Im Alten Testament kommt eine Jungfrauengeburt nicht vor. Aber niemand weiß, wie das hellenisierte Judentum der Zeit um Christi Geburt sich zu diesen Vorstellungen verhalten hat; die Quellen geben allzu wenig Auskunft. Jesu Zeitgenosse Philon von Alexandrien rechnete mit der Möglichkeit, an der Zeugung der Patriarchen wären Engel beteiligt gewesen; der gelehrte Schriftsteller mag das tatsächlich allegorisch verstanden haben. Dagegen ist die jüdische Legende, die im sogenannten Henochbuch aus dem 1. Jahrhundert nach Christus überliefert wird, eher wörtlich gemeint. Danach wurde der Hohepriester Melchisedek von einer Jungfrau geboren; wahrscheinlich nahm der Volksglaube daran keinen Anstoß.
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Ein Engel offenbart Joseph die Jungfräulichkeit Mariens, 1650 Bild: Nantes, Musée des Beaux-Arts
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Aber theologisch spielte der Gedanke der Jungfrauengeburt im Judentum offenbar keine Rolle. "Siehe, die junge Frau wird schwanger und gebiert einen Sohn, und sie wird ihn Immanuel nennen, Gott mit uns" – mit diesem Satz kündigte der Prophet Jesajas den kommenden Heilsbringer an. "Die junge Frau", daran ist biologisch nichts Bemerkenswertes. Aber als der Verfasser des Matthäusevangeliums um 80 nach Christus die Stelle in der griechischen Übersetzung zitierte, hatte er keinerlei Bedenken, das mehrdeutige griechische Wort "parthenos" nicht bloß als "junge Frau", sondern im strikten Sinn als "Jungfrau" aufzufassen.
Wahrscheinlich war es nicht erst der Verfasser selbst, der die alttestamentliche Prophezeiung so interpretierte; die jungfräuliche Geburt wird damals bereits ein fester Bestandteil der christlichen Lehre gewesen sein. Im Lukasevangelium, etwa zehn Jahre später, findet sich dasselbe Motiv. Es ist jene Szene, die dann auch im Koran wiedergegeben wird. "Der Engel sprach zu Maria: Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären ... Da sagte Maria zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich doch von keinem Manne weiß?" Der Antwort des Engels bei Lukas bringt dann jedoch ein Moment hinein, durch das sich Christentum und Islam grundsätzlich unterscheiden: "Der heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten, darum wird auch das Kind heilig genannt werden und Gottes Sohn."
Frühere Schriften des Neuen Testaments wissen von einer jungfräulichen Geburt noch nichts. Insbesondere das Markusevangelium um 70 bleibt in den Bahnen der hergebrachten Lehre vom Messias, der von Gott sozusagen adoptiert wird. "Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen", verkündet eine Stimme vom Himmel bei der Taufe im Jordan. Auch in den Briefen des Apostels Paulus aus den 50er Jahren taucht das Stichwort nicht auf; andererseits setzt der Apostel voraus, in Jesus sei "das Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene vor aller Schöpfung" Mensch geworden, ähnlich wie ein halbes Jahrhundert später das Johannesevangelium: "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott ... Und das Wort wurde Mensch."
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"Wurzel Jesse", Dar- stellung der Abkunft Jesu von David, Lam- bertikirche Münster, 15. Jh. - Bild: Wikipedia
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Zurück zu Lukas und Matthäus. Zur Verwirrung aufmerksamer Leser haben beide Evangelisten neben die jungfräuliche Geburt ein zweites Motiv gestellt, das ebenfalls die Messianität Jesu dartun soll, nämlich einen Stammbaum Jesu – aber nicht über die Mutter Maria, sondern über Joseph, der doch nur Ziehvater sein soll. Den Weissagungen des Alten Testaments zufolge ist der verheißene Messias ein Nachkomme König Davids. Während Paulus sich im Römerbrief noch mit dem Halbsatz begnügte, Jesus stamme "seiner irdischen Herkunft nach aus dem Geschlechte Davids", finden wir sowohl im Matthäus- als auch im Lukasevangelium detaillierte Vorfahrenlisten. Die Unterschiede beginnen allerdings bereits in der ersten Generation nach David – Matthäus nennt König Salomon, Lukas den späteren Sohn Nathan – und setzen sich bis zur Elterngeneration Josephs fort. Jeder Harmonisierungsversuch dürfte da ein müßiges Unterfangen sein; die ersten Christen, die sich für die Frage interessierten, wie die alten Prophezeiungen im Leben Jesu sich erfüllt hatten, werden verschiedene Rekonstruktionen versucht haben.
Die Erklärung für den offenkundigen Widerspruch zwischen den Stammbäumen und der jungfräulichen Geburt wird wohl nicht darin liegen, dass die Verfasser der Evangelien ihn nicht bemerkt hätten. Wahrscheinlicher ist, dass beide Glaubensaussagen durch die Tradition bereits verbindlich vorgegeben war – die Evangelisten konnten weder das eine Motiv noch das andere ignorieren. Und im Grunde dienten ja auch beide Argumente, wenngleich sie für unser Denken im Widerstreit miteinander liegen, demselben Zweck: die Messianität und Gottessohnschaft Jesu zu verkündigen.
Spätere christliche Autoren haben die Lehre von der Jungfräulichkeit Mariens nach Kräften weitergepflegt. Mit einer geradezu dramatischen Szene versuchte das sogenannte Jakobusevangelium, das auf das 2. Jahrhundert datiert wird, Zweifler zu bekehren. Eine Frau namens Salome, wird erzählt, habe sich mit ihrer eigenen Hand von der Jungfräulichkeit der Gottesmutter überzeugen wollen. Da verdorrte ihr die Hand wie von Feuer verzehrt, bis ein Gebet ihr Heilung brachte. Und bald wurde der Gedanke der jungfräulichen Geburt Jesu noch erweitert. Im 4. Jahrhundert schrieben die Kirchenlehrer Hieronymus und Ambrosius, Maria sei auch im späteren Leben immer Jungfrau geblieben. Konzilien und Synoden des 6. und 7. Jahrhunderts erklärten diesen Glauben für heilsnotwendig.
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Die Eltern Mariens begegnen einander unter der Goldenen Pforte, von Giotto, um 1305 Bild: Arenakapelle, Padua
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Die Brüder und Schwestern Jesu, von denen im Neuen Testament mehrfach die Rede ist, wurden damit zu Stiefgeschwistern, also Kindern Josephs aus einer früheren Ehe, oder zu Cousins und Cousinen. Martin Luther kam zu der Auffassung, für den Glauben an Jesus Christus sei die Frage der "Geschwister" irrelevant, wollte in diesem Punkt jedoch eine offene Kontroverse vermeiden: Der Bibeltext lasse die eine wie die andere Annahme zu. Wahrscheinlich war die Annahme an Mariens immerwährende Jungfräulichkeit im Volksglauben seiner Zeit sehr tief verankert. Auch der von Luther hochgeschätzte Kirchenlehrer Augustinus hatte sich mit Vehemenz dafür eingesetzt, Maria sei "Jungfrau während der Empfängnis, Jungfrau während der Geburt und Jungfrau bis zum Tod” gewesen. "Was wunderst du dich darüber, o Mensch? Es schickte sich für Gott, auf eine solche Weise geboren zu werden."
Es schickte sich ... Nachvollziehbar, dass Psychologen – nicht zuletzt feministisch inspirierte Psychologinnen – da eine Verdrängung witterten. An einer Kirchentür in Würzburg ist dargestellt, wie das Jesuskind vom Mund Gottvaters durch eine Art Schlauch in Marias Ohr eindringt – als "Wort Gottes", ganz wörtlich. Eine radikal asketische Religion wie der Buddhismus kennt ein ähnliches Motiv: Buddha sei von seiner Mutter empfangen worden, indem ein weißer Elefant in ihre Seite eintrat. Tatsächlich ist in der Theologiegeschichte zu sehen, wie sich im Gedanken der jungfräulichen Geburt zwei Motive miteinander vermischten: Gottes Wunderkraft einerseits, die absolute Sündlosigkeit des Mensch gewordenen Gottessohnes andererseits. Und "Sünde" wurde, insoweit trifft die Psychologie des Verdachts etwas Richtiges, vor allem mit jeder Art von Sexualität assoziiert, selbst schon vor der eigenen Geburt.
Spätestens im 5. Jahrhundert kam das Bedürfnis auf, schon der Gottesmutter eine solch absolute Sündlosigkeit zu attestieren. Das Dogma von der Jungfrauengeburt wurde sozusagen eine Generation in die Vergangenheit hinein verlängert. Nicht dass man Marias Mutter Anna (der Name wird in apokryphen Evangelien genannt) ebenfalls Jungfräulichkeit hätte unterstellen wollen; aber die Jungfrau und Gottesgebärerin sei von ihrer eigenen Mutter bereits "unbefleckt" empfangen worden, also frei vom Makel der Erbsünde, die durch den Sündenfall von Adam und Eva im Paradies zum allgemeinen Menschenschicksal geworden war.
1854 erhob Papst Pius IX. diese Lehre zum katholischen Dogma. Zum Befremden weiter Kreise der nicht-katholischen
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Erscheinung der unbefleck- ten Jungfrau Maria, von Bartolomé Esteban Murillo, um 1678 Bild: Prado, Madrid |
Welt; das Dogma, oft missverstanden, nämlich mit der jungfräulichen Geburt Jesu verwechselt, trug wesentlich dazu bei, dass sich die katholische Kirche damals der Moderne weiter entfremdete. Bei der unbefleckten Empfängnis Marias konnte sich der Papst nicht auf die Bibel, sondern nur auf die kirchliche Tradition stützen. Dagegen ist die Lehre von der jungfräulichen Geburt Jesu sowohl in den Glaubensbekenntnissen als auch in den Evangelien fest verankert. Die Frage, wie sich in einer von den Naturwissenschaften bestimmten Zeit damit umgehen lässt, bleibt damit ein gemeinsames Problem aller christlichen Konfessionen heute. "Symbolisch" – nun ja, aber mit der Schwierigkeit, dass diese Aussage im "Glaubensdenken früher Christen", um nochmals den Theologieprofessor zu zitieren, wohl doch ohne solche Umwege gemeint war.
Mehr im Internet: Jungfrauengeburt - Wikipedia scienzz Dossier Rund um das Weihnachtsfest
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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