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30.12.2009 - ETHNOLOGIE
The Same Procedure as Every Year
Rituale des Übergangs "zwischen den Jahren"
von Josef Tutsch
 | | | Bild: cnmuc | | | "Was fange ich Silvester an?", fragte einst Kurt Tucholsky. "Geh ich in Frack und meinen kessen blausamen Strümpfen zu dem Essen, das Herr Generaldirektor gibt?" "Wälz ich mich im Familienschoße? Erst gibt es Hecht mit süßer Sauce, dann gibt’s Gelee. Dann gibt es Krach."
Schwierige Entscheidungen. Die Möglichkeit, in den Stunden vor Mitternacht am Schreibtisch zu sitzen und zum Beispiel die Steuererklärung vorzubereiten, scheidet von vornherein aus. Der Jahreswechsel muss "begangen" werden, nicht nur symbolisch, sondern in Gemeinschaft. Begangen heißt in der Regel dann auch "begossen", und zwar nicht bloß mit Wasser; das war schon im alten Rom nicht anders. Cicero fragte in einem Brief an seinen Freund Atticus rhetorisch, was von den neugewählten Consuln am 1. Januar zu erwarten sei und antwortete dann selbst: Ausschlafen der Räusche.
Natürlich hoffen wir, dass das nicht alles bleibt. "Gottlob! Nun geht das Jahr zu Ende", beginnt eine Kantate von Johann Sebastian Bach, "das neue rücket schon heran." Warum "Gottlob"? Offenbar ist die Hoffnung, mit dem Jahreswechsel müsse alles besser werden, tief in uns verankert; im Zweifelsfall neigen wir dazu, von höheren Mächten da mehr zu erwarten als von unseren Politikern. Also war und ist die Neujahrsnacht die große Zeit der Glücksbeschwörungen. Die bösen Geister müssen vertrieben werden, zum Beispiel mit Böllerschüssen; den guten Geistern versucht man mit Lichtern, am besten gleich mit einem Feuerwerk, den Weg zu leuchten.
Das Feuerwerk ist heute die beliebteste Form, den Jahreswechsel öffentlich zu begehen; in vorindustrieller Zeit hat man sich aber noch manches andere einfallen lassen. In Dörfern an der Weser war es üblich, dass alle Bewohner gemeinsam eine Strohpuppe als alte Vettel zum Fluss führten und sie pünktlich um Mitternacht "ersäuften"; dann kam ein hübsches junges Mädchen als Neujahrskönigin zurück. In Teilen Nordwestdeutschlands ist bis heute das Rummelpottlaufen verbreitet: Die Kinder ziehen durchs Dorf, wobei sie an einem Schilfrohr reiben, das auf einem mit Schweinsblase überspannten Topf angebracht ist. Das ergibt ein brummendes Geräusch, das natürlich nicht nur den Geistern gilt, sondern nebenbei die Nachbarn darauf aufmerksam macht, dass da jemand kommt, dem man eine Kleinigkeit geben sollte. "Frau, mök de Dör op", lautet ein Rummelpottlied – symbolisch soll das Glück ins Haus eingelassen werden.
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Bild: Bremerhaven tourism
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Wahrscheinlich richteten sich auch unsere guten Wünsche zum Neuen Jahr ursprünglich nicht bloß an das menschliche Gegenüber: Den Geistern, die Glück und Unglück brachten, wurde bedeutet, sich doch bitte schön an diese Wünsche zu halten. Ein Weltbild, das wir heute abergläubisch nennen würden, mit dem wir aber gern spielen. So wollen wir ja mit unseren guten Vorsätzen zum Neuen Jahr nicht nur uns selbst gegenüber eine Verpflichtung eingehen; das wäre doch allzu unverbindlich. Ähnlich wird es mit Symbolen wie dem vierblättrigen Klee oder dem Glücksschwein stehen. Was mag eigentlich die Form der Brezel bedeuten, der beliebten Speise am Neujahrsmorgen? Da muss die Forschung passen; ein Sonnenrad findet sich ebenso unter den Theorien wie ein betender Mönch. Vielleicht hat die Sage ja Recht: Ein Bäcker habe einen Kuchen backen wollen, durch den die Sonne dreimal durchscheint.
Auch eine Glücksverheißung, wenn man so will. Bemerkenswert, wie ähnlich die Neujahrsbräuche in China jenen im Abendland doch sind, wenngleich der Termin dem traditionellen Mondkalender zufolge dort erst Ende Januar bis Mitte Februar ansteht. Fenster und Türen sollen während des Festes geöffnet sein, um das Glück herein zu lassen, Lichter weisen ihm den Weg. Schwarze und weiße Bekleidung sind zu vermeiden, da Schwarz die Farbe des Unglücks und Weiß die Farbe der Beerdigungen ist; die Glücksfarbe Rot regiert diese Zeit des Übergangs. In den Details ist das Brauchtum oft durch die chinesische Sprache bestimmt. Fischspeisen sind beliebt, da "Fisch" durch das gleiche Wort bezeichnet wird wie "Wohlstand"; aus demselben Grund empfiehlt es sich nicht, in dieser Zeit Bücher zu kaufen – das Wort für Buch lautet ebenso wie jenes für "Verlust".
Prinzipiell ganz ähnlich waren auch in Europa die Tage und Nächte des Übergangs durch Tabus bestimmt. Keinesfalls durfte man weiße Wäsche auf der Leine hängen lassen – die bösen Geister, so eine der Deutungen, könnten sie stehlen und später als Leichentuch für ihre Besitzer verwenden. In manchen Gegenden wurden gut zwei Wochen als Zeit "zwischen den Jahren" gezählt, etwa von der Wintersonnenwende am 21. Dezember oder spätestens vom Heiligen Abend an bis zum Fest der Erscheinung Christi am 6. Januar. Der Ursprung dieser "Rauhnächte" ist bis heute umstritten. Manche Ethnologen vermuten, dass es sich um die Schalttage handelt, die in uralter Zeit, als noch ein Mondkalender benutzt wurde, den zwölf Monaten angefügt werden mussten, um mit dem Sonnenjahr gleichzuziehen. Andere glauben, dass der Brauch erst auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, als die protestantischen Territorien die Kalenderreform durch Papst Gregor XIII. noch nicht übernommen hatten und daher in ihrer Kalenderrechnung elf Tage hinterherhinkten.
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"Dinner for one" - Bild: ndr
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Theorien, die schon deshalb zweifelhaft sind, weil sich der 1. Januar als Jahresbeginn erst um 1700 allgemein durchgesetzt hat. Zuvor waren die verschiedensten Termine in Gebrauch, sowohl Weihnachten als auch Ostern, aber auch das Fest der Verkündigung Jesu am 25. März und das der Erscheinung am 6. Januar. Die wahrscheinlichste Erklärung dürfte sein, dass in dieser dunkelsten Zeit des Jahres die Feldarbeit weitgehend zum Erliegen kommen musste; selbst die Arbeit im Haus wird bei Kerzenlicht nicht so einfach gewesen sein. Es war also die Zeit des Erzählens, des Nachdenkens über Vergangenheit und Zukunft und über die Dinge jenseits unserer Erfahrungswelt. Die toten Seelen kamen zurück, um wieder mit den Lebenden Gemeinschaft zu halten. Im Erzgebirge war es Brauch, ihnen bei Tisch einen mit ihrem Lieblingsgericht gedeckten Platz zu bereiten; in Ostpreußen tat man mehr Holz in die Öfen, damit die Seelen es warm hätten.
Kinder, die an einem Samstag oder Sonntag in diesen Wochen "zwischen den Jahren" geboren wurden, standen im Ruf, magische Kräfte zu besitzen, zum Guten oder zum Bösen. Gerade in den "Rauhnächten", so hieß es, könnten sich Menschen in Tiere verwandeln – das Wort "rauh" oder "rauch" bedeutet soviel wie "wild", "haarig". Um Mitternacht, wurde erzählt, würden die Tiere im Stall in verständlicher Sprache die Zukunft prophezeien. Wer sie jedoch sprechen höre, müsse gleich danach sterben. Nicht ganz so gefährlich war der Blick in die Zukunft, den unverheiratete Mädchen in der Bretagne, in Wales und in Schottland tun konnten: In diesen geheimnisvollen Nächten hätten sie an Kreuzwegen die Gelegenheit, ihren zukünftigen Bräutigam zu sehen. Nur sehen – ihn anzusprechen, war wiederum mit dem Tod bedroht.
Eine besonders beliebte Form der Wahrsagerei, von den Geistlichen ohne viel Erfolg bekämpft, bestand darin, mit dem Finger aufs Geratewohl irgendeine Seite und Stelle in der Bibel oder im Gesangbuch anzutippen; darüber konnte man endlose Spekulationen anstellen. In Litauen und Ostpreußen wählte man mit verbundenen Augen aus den Neujahrsgebäcken eine Figur aus; daraus sollten sich dann Schlüsse auf die Ereignisse des kommenden Jahres ziehen lassen. Einer dieser Orakelbräuche hat sich als geselliges Vergnügen bis in die Gegenwart gerettet. "Bleigießen? Ist’s ein Fladen klein, das wird wohl Deutschlands Zukunft sein", reimte Tucholsky im Berlin des Jahres 1920.
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Die "Kaiserglocke", Vorgänge- rin der Petersglocke im Köl- ner Dom - Bild: Wikipedia
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Natürlich waren in der vorindustriellen Gesellschaft Wetterprognosen besonders gefragt. "Neujahrsnacht still und klar, deutet auf ein gutes Jahr", behauptet eine alte Bauernregel. Oder "Morgenrot am ersten Tag, Unwetter bringt’s und große Plag", "Neujahr Sonnenschein, lässt das Jahr fruchtbarer sein". Usw. usf. Aufwendiger war ein Prognoseverfahren, das aus Sachsen und Schlesien überliefert ist. Eine Zwiebel wurde in zwölf Schalen geschnitten, jede Schale mit Salz bestreut und einem Monatsnamen bezeichnet. Aus der Menge der jeweils angezogenen Feuchtigkeit sollte sich am nächsten Morgen erkennen lassen, wie nass oder wie trocken der jeweilige Monat wird.
Warum eigentlich erscheint uns so vieles an diesen Bräuchen als eine längst versunkene Welt? In der Agrargesellschaft damals konnte das Wetter darüber entscheiden, ob in den kommenden Monaten Not und Hunger anstanden. Und dann war es vor allem das elektrische Licht, das unser Leben von den Jahreszeiten unabhängig gemacht hat. Der Winter als Wende im Jahreskreislauf hat einen großen Teil seiner "natürlichen" Bedeutung verloren; an diese Stelle sind sozial vorgegebene Zwänge getreten. In der DDR trugen sie den Namen "Plansilvester". Dieser Begriff bezeichnete den Zeitpunkt, an dem der für das laufende Jahr festgesetzte Wirtschaftsplan erfüllt war; Regierung und Partei gaben die Parole aus, dieses "Silvester" möglichst früh, am besten schon im November, zu feiern. Aber natürlich begriffen die Arbeiter sehr rasch, dass das seine Schattenseiten hatte. Für das nächste Jahr wurde der Wirtschaftsplan dann entsprechend angepasst. Also bemühte man sich, mit gebremster Kraft zu arbeiten, so dass Silvester doch wieder erst kurz vor Jahresende lag.
Silvester- und Neujahrsbräuche ... In wenig mehr als einem halben Jahrhundert hat das Fernsehen die Herrschaft über den Zeitablauf in diesen Stunden erobert. Kaum ein Haushalt in Mitteleuropa, in dem nicht Freddie Frinton und May Warden Jahr für Jahr ihren Dialog wiederholen: "The same procedure as last year, Miss Sophie?" "The same procedure as every year, James." "Dinner for one" ist hierzulande ein Ritual geworden – haben wir es einmal verpasst, ertappen wir uns womöglich bei der Frage, ob das Jahr ohnedies auch wirklich enden kann. Ebenso wie mancher Musikfreund meinen wird, ein Neujahrsmorgen ohne die Wiener Philharmoniker mit der "Schönen blauen Donau" wäre im Grunde doch kein "richtiger" Neujahrsmorgen.
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Der erste Dirigent der Wiener Neujahrs- konzerte, Clemens Krauss Bild: Wiener Philharmoniker
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In den Minuten unmittelbar nach Mitternacht freilich, da zeigt sich, dass die modernen Massenmedien eben doch nicht alles sind. Glockenläuten und Feuerwerk überall im Land. Es sind höchst flüchtige Künste, die sich, wie der Philosoph Adorno einmal bemerkt hat, im Moment ihrer Entstehung dem Betrachter oder Hörer schon wieder entziehen – wie geschaffen, um den Jahreswechsel in ein Bild zu fassen. Und um inmitten all des Trubels einen Moment der Nachdenklichkeit hervorzurufen, als "Memento mori", als Mahnung an den Tod, Wenn eine Sternschnuppe fällt, dann stirbt jemand, besagt ein alter Volksglaube. Im Silvesterfeuerwerk, unter Glockengeläut, wird gleich ein ganzes Jahr symbolisch zu Grabe getragen.
Und ein neues ans Licht gehoben. The same procedure as every year… übrigens auch, wie manchem zu dieser Stunde vielleicht unliebsam bewusst wird, was den "Kater" am nächsten Morgen angeht. Auch das Katerfrühstück gehört zum Neujahrsritual, ganz egal, ob die angepriesenen Speisen wirklich helfen oder bloß Autosuggestion sind. In Wien wird dieses Frühstück in ganz großem Kreis zelebriert: Man trifft sich auf dem Rathausplatz und kann auf einer Riesenleinwand das Neujahrskonzert der Philharmoniker miterleben. Und wenn Dirigent und Orchester zwischen Donauwalzer und Radetzkymarsch ihr "Prosit Neujahr" ausgebracht haben, dann hat das Neue Jahr wirklich begonnen.
Mehr im Internet: Silvester - Wikipedia scienzz Dossier Unser Kalender und die Sterne
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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