Berlin, den 11.02.2012 Link Home Link Ticker Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

03.01.2009 - PHILOSOPHIE

Das Glück, den Stein zu wälzen

Vor 50 Jahren verstarb der französische Schriftsteller Albert Camus

von Josef Tutsch

 
 

Albert Camus (1913-1960)
Zeichnung von Petr Vorel
Bild: Petr Vorel/Wikipedia

"Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Mit diesem Satz beendete Albert Camus 1942 seinen "Versuch über das Absurde". Sisyphos ein glücklicher Mensch ... Heute, wo die antike Mythologie nicht mehr derart selbstverständlicher Bildungsstoff ist, müssen wir uns erst klarmachen, welch ungeheuerliche Provokation der französische Schriftsteller, der am 4. Januar 1960, vor fünfzig Jahren, verstarb, in diesem leicht dahin geschriebenen Satz vorbrachte. Bei den griechischen Dichtern war Sisyphos das Urbild von Schlauheit und List, in einem solchen Übermaß, dass die Götter ihn nach seinem Tod zu einer schrecklichen Strafe verurteilten. Mit größter Kraftanstrengung musste er einen schweren Felsblock auf eine Anhöhe hinaufwälzen; sooft der Stein den Gipfel beinahe erreicht hatte, rollte er wieder in die Tiefe, so dass Sisyphos von neuem beginnen musste.

Natürlich war Camus bewusst, dass seine Leser bei der antiken Unterwelt im Grunde an die christliche Hölle denken würden: ewige Verdammnis als Strafe für moralische oder religiöse Verfehlungen. Von solchen Vorstellungen hatte sich Camus selbst weit entfernt. Mehr als ein Jahrhundert, nachdem Schopenhauer und Feuerbach die hergebrachten Jenseitsideen verabschiedet hatten, nahm er den Atheismus als beinahe selbstverständliche Voraussetzung. Aber geblieben waren die uralten Menschheitsfragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Grund moralischer Verpflichtungen.

Schon ein flüchtiges Blättern in Camus’ "Mythos von Sisyphos" zeigt, wie sehr der junge, in Algerien aufgewachsene Schriftsteller französisch-spanischer Herkunft in der abendländischen Tradition zu Hause war. Augustinus und Kant, Hegel und Nietzsche, Dostojewski und Kafka und vor allem immer wieder Sören Kierkegaard. Der dänische Philosoph erlebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Renaissance, in Deutschland bei Heidegger und Jaspers, in Frankreich bei Sartre und Camus. "Das Paradox ist höher als jedes System", hatte Kierkegaard 1839 in einer Tagebuchnotiz sein "christliches Denken" auf den Punkt gebracht. "Das ganze Dasein ängstigt mich, von der kleinsten Fliege bis zu den Geheimnissen der Inkarnation." Camus formulierte es noch alltäglicher: "Das Gefühl der Absurdität kann einen beliebigen Menschen an einer beliebigen Straßenecke anspringen."

Camus' Grabstein in Lourmarin (Vaucluse)
Bild: Walter Popp

Die Angst, das Gefühl der Absurdität – gleich im ersten Satz seines "Sisyphos" sprach Camus die Möglichkeit einer praktischen Konsequenz aus, die in Kierkegaards religiösem Horizont noch wie selbstverständlich verboten war, als Sünde wider den Heiligen Geist: "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem, den Selbstmord." Für Kierkegaard hatte das Paradox den Sinn, das menschliche Denken über sich selbst hinaus zu Gott zu führen. Es kennzeichnet den Abstand zwischen Kierkegaard und Camus, dass der Denker des 20. Jahrhunderts diesen irrationalen "Sprung", diese Aufopferung des Denkens, nicht nachvollziehen konnte. Kierkegaards Kritik an der traditionellen Philosophie, die das Absurde rationalistisch wegerklären wollte oder gar nicht erst zur Kenntnis nahm, war in seinen Augen berechtigt; aber diese Analyse taugte nicht als Sprungbrett in die Transzendenz.

Und dennoch: auch Camus fand seinen Weg, diese Verneinung ins Positive zu verkehren. "Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist." Ein "Herr" allerdings in einer fremden, gleichgültigen, eben "absurden" Welt und mit dem unabwendbaren Tod vor Augen. Im Selbstmord des Individuums, das machte Camus rasch klar, werde die Absurdität keineswegs aufgehoben, bloß ein Kämpfer beseitigt, jemand, der "ich" sagen kann. "Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache." Adrienne Lecouvreur, erzählte Camus von der Schauspielerin an der Comédie Francaise im 18. Jahrhundert, "Adrienne Lecouvreur wollte auf ihrem Sterbebett beichten und das Abendmahl nehmen; aber sie weigerte sich, ihrem Beruf abzuschwören. Dadurch verlor sie die Wohltat der Beichte." Die Schauspielerin ergriff "Partei für ihre tiefe Leidenschaft und gegen Gott," zog sich selbst der Ewigkeit vor und wählte die Hölle.

Wer weiß, vielleicht war die Lecouvreur bei dieser Wahl ja dennoch "glücklich", wie Camus es von der Sagengestalt Sisyphos meinte. Logisch zwingend wird man Camus’ Essay heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Autors, vielleicht nicht finden. Es handelt sich um den Versuch eines Sinnangebots, nachdem die hergebrachten Angebote ihre Verbindlichkeit eingebüßt haben, einen Versuch, der seine Plausibilität aus dem Lebensgefühl einer ganzen Generation zog – "Existentialismus" hat sich als Schlagwort eingebürgert. Im Rückblick erscheint Camus seinem Vorbild und Gegenpart Kierkegaard näher, als er sich selbst das damals wohl eingestehen wollte: Auch dieser "Sinn", der da im Trotz gegen das Absurde behauptet wird, beruht auf einem "Sprung".

Sisyphos mit dem Stein, von einer atti-
schen Amphora, um 530 v. Chr.
Bild: Staatl. Antikensammlung Berlin

Aber sind wir heute eigentlich so viel klüger, haben wir schlüssigere Antworten zu bieten als Camus’ Feststellung, der Kampf gegen Gipfel vermöge ein Menschenherz auszufüllen? Eine Grenze seines "Versuchs über das Absurde" von 1942 hat der Autor selbst in den folgenden Jahren zu überwinden versucht. Das Problem lag auf der Hand: Aus der Mythologie in die Wirklichkeit übertragen, ist Sisyphos nicht allein, weil nämlich noch viele andere neben ihm ihre Steine den Berg hinauf wälzen – sei es irgendwie gemeinsam oder auch, indem sie einander nach Kräften behindern. Im Essay "Der Mensch in der Revolte" 1951 geht es nicht mehr um den Selbstmord, sondern um den Mord. Ein Parforceritt durch die Ideengeschichte seit der Aufklärung; Camus warf den revolutionären Ideologien von rechts und von links vor, an die Stelle der Herrschaft Gottes die womöglich noch viel drückendere Herrschaft des Menschen zu setzen.

Dass auch die militanten Spielarten des Marxismus in diese Diagnose einbezogen wurden, führte am Ende zum Bruch mit Jean Paul Sartre. Ähnlich wie sein Kollege versuchte auch Camus, mit Zeitschriftenartikeln in die Politik einzugreifen. Aber an ein gelobtes Land absoluter Gerechtigkeit als Ziel der Geschichte konnte er nicht glauben. "Für den Künstler gibt es keine privilegierten Henker", brachte Camus sein Selbstverständnis auf den Punkt, als er sich 1957 in Stockholm für den Nobelpreis bedankte. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Camus weniger durch seine philosophisch-politischen Traktate bekannt geworden, als durch seine Erzählungen und Theaterstücke. Vor allem die beiden Romane "Der Fremde" und "Die Pest" gehören zu den Klassikern der modernen Literatur.

Werke, mit denen Camus auch eine Botschaft an das Publikum bringen wollte. Etwa in dem Drama "Das Missverständnis", 1944. Die biblische Geschichte von der Heimkehr des verlorenen Sohns spielt sich in einer Welt ab, in der keine Kommunikation gelingen kann. Oder kommt sie bloß deshalb nicht zustande, weil die Menschen sich vor ihr scheuen? "Bitten Sie Ihren Gott, er möge sie den Steinen gleichmachen. Das ist das Glück, das er sich selber vorbehält, das einzige wahre Glück." Der Schmerz sei einsam, stellte Camus später im Vorwort zu einer Ausgabe seiner Dramen lakonisch fest. "Haben Sie Mitleid und helfen Sie mir!" fleht am Ende des "Missverständnisses" die einsam zurückgebliebene Marie den alten Knecht an. Und der antwortet, es ist fast das einzige Wort, das er im ganzen Drama spricht: "Nein!"

Jean-Paul Sartre und Simone
de Beauvoir
Bild: Wikipedia

Populär werden Camus’ Stücke gern mit jenen von Samuel Beckett oder Eugène Ionesco unter dem Begriff "Absurdes Theater" zusammengefasst. Aber der Unterschied ist evident. Bei Camus drücken die Personen auf der Bühne ihre Kommunikationslosigkeit in flüssigen, logisch und rhetorisch geschliffenen Dialogen aus – in der literarischen Form war der Rebell gegen die philosophische Tradition sehr traditionsbewusst. Aber bereits in einem Gedenkartikel nach Camus Tod stellte Sartre fest, dass auch der Philosoph Camus Erbe sei "jener langen Ahnenreihe von Moralisten, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind".

Ein Respekt, den Sartre dem früheren Freund vielleicht etwas widerwillig zollte. Dessen Wort, dass es für den Künstler "keine privilegierten Henker" geben könne, wird ihm im Ohr geklungen haben. "Camus war Idealist, Moralist, Antikommunist", umschrieb Simone de Beauvoir in ihren Memoiren die Differenz, "Sartre, der dem Marxismus nahe stand, bemühte sich um ein Bündnis mit den Kommunisten." Tempi passati; müßig die Frage, wer im Sinne seiner eigenen Vorstellungen mit Stellungnahmen zur aktuellen Politik mehr erreicht haben mag, der ideologisch nicht festgelegte Rebell oder der Revolutionär, der, immer wieder enttäuscht, mit verschiedenen Spielarten des Marxismus liebäugelte. Wie Camus sich praktische Politik vorgestellt haben wird, lässt ein Zitat des griechischen Dichters Pindar ahnen; Camus hat es seinem Sisyphos-Essay vorangestellt, um dem Leser seine Absage an die Transzendenz plausibel zu machen: "Liebe Seele, trachte nicht nach dem ewigen Leben, sondern schöpfe das Mögliche aus."


Mehr im Internet:
Albert Camus - Wikipedia
Vor hundert Jahren wurde Jean-Paul Sartre geboren, scienzz 17.06.2005



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
kurz gemeldet

First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.

Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.

Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.

Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.

Goldmann Environmental Prize

scienzz dossiers aktuell     

Philosophie und Wissenschaftstheorie > mehr

Gesichter der Goethezeit > mehr

Klassische Denker der Politik und Soziologie
> mehr

Das Papsttum - Glanz und Elend einer zweitausend- jährigen Geschichte
> mehr

Bilder, Worte, Wirklich- keiten > mehr

kurz gemeldet

Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.

Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.

Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.

Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.

In einem erloschenen Vulkan auf  der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.

Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.

scienzz-partner

... LEUTE in scienzz

03.08.2009 - MATHEMATIK
Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin

 "Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr

wissenswert

17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE

EVIDENCE
how do we know what we know?

"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr


Anzeige 

fahrrad.de Standard Banner ohne Bild 125x125