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03.01.2009 - PHILOSOPHIE
Das Glück, den Stein zu wälzen
Vor 50 Jahren verstarb der französische Schriftsteller Albert Camus
von Josef Tutsch
 | | Albert Camus (1913-1960)
Zeichnung von Petr Vorel
Bild: Petr Vorel/Wikipedia
| | | "Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." Mit diesem Satz beendete Albert Camus 1942 seinen "Versuch über das Absurde". Sisyphos ein glücklicher Mensch ... Heute, wo die antike Mythologie nicht mehr derart selbstverständlicher Bildungsstoff ist, müssen wir uns erst klarmachen, welch ungeheuerliche Provokation der französische Schriftsteller, der am 4. Januar 1960, vor fünfzig Jahren, verstarb, in diesem leicht dahin geschriebenen Satz vorbrachte. Bei den griechischen Dichtern war Sisyphos das Urbild von Schlauheit und List, in einem solchen Übermaß, dass die Götter ihn nach seinem Tod zu einer schrecklichen Strafe verurteilten. Mit größter Kraftanstrengung musste er einen schweren Felsblock auf eine Anhöhe hinaufwälzen; sooft der Stein den Gipfel beinahe erreicht hatte, rollte er wieder in die Tiefe, so dass Sisyphos von neuem beginnen musste.
Natürlich war Camus bewusst, dass seine Leser bei der antiken Unterwelt im Grunde an die christliche Hölle denken würden: ewige Verdammnis als Strafe für moralische oder religiöse Verfehlungen. Von solchen Vorstellungen hatte sich Camus selbst weit entfernt. Mehr als ein Jahrhundert, nachdem Schopenhauer und Feuerbach die hergebrachten Jenseitsideen verabschiedet hatten, nahm er den Atheismus als beinahe selbstverständliche Voraussetzung. Aber geblieben waren die uralten Menschheitsfragen nach dem Sinn des Lebens und nach dem Grund moralischer Verpflichtungen.
Schon ein flüchtiges Blättern in Camus’ "Mythos von Sisyphos" zeigt, wie sehr der junge, in Algerien aufgewachsene Schriftsteller französisch-spanischer Herkunft in der abendländischen Tradition zu Hause war. Augustinus und Kant, Hegel und Nietzsche, Dostojewski und Kafka und vor allem immer wieder Sören Kierkegaard. Der dänische Philosoph erlebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Renaissance, in Deutschland bei Heidegger und Jaspers, in Frankreich bei Sartre und Camus. "Das Paradox ist höher als jedes System", hatte Kierkegaard 1839 in einer Tagebuchnotiz sein "christliches Denken" auf den Punkt gebracht. "Das ganze Dasein ängstigt mich, von der kleinsten Fliege bis zu den Geheimnissen der Inkarnation." Camus formulierte es noch alltäglicher: "Das Gefühl der Absurdität kann einen beliebigen Menschen an einer beliebigen Straßenecke anspringen."
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Camus' Grabstein in Lourmarin (Vaucluse) Bild: Walter Popp
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Die Angst, das Gefühl der Absurdität – gleich im ersten Satz seines "Sisyphos" sprach Camus die Möglichkeit einer praktischen Konsequenz aus, die in Kierkegaards religiösem Horizont noch wie selbstverständlich verboten war, als Sünde wider den Heiligen Geist: "Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem, den Selbstmord." Für Kierkegaard hatte das Paradox den Sinn, das menschliche Denken über sich selbst hinaus zu Gott zu führen. Es kennzeichnet den Abstand zwischen Kierkegaard und Camus, dass der Denker des 20. Jahrhunderts diesen irrationalen "Sprung", diese Aufopferung des Denkens, nicht nachvollziehen konnte. Kierkegaards Kritik an der traditionellen Philosophie, die das Absurde rationalistisch wegerklären wollte oder gar nicht erst zur Kenntnis nahm, war in seinen Augen berechtigt; aber diese Analyse taugte nicht als Sprungbrett in die Transzendenz.
Und dennoch: auch Camus fand seinen Weg, diese Verneinung ins Positive zu verkehren. "Es bleibt eine Welt, in der der Mensch der einzige Herr ist." Ein "Herr" allerdings in einer fremden, gleichgültigen, eben "absurden" Welt und mit dem unabwendbaren Tod vor Augen. Im Selbstmord des Individuums, das machte Camus rasch klar, werde die Absurdität keineswegs aufgehoben, bloß ein Kämpfer beseitigt, jemand, der "ich" sagen kann. "Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphos. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache." Adrienne Lecouvreur, erzählte Camus von der Schauspielerin an der Comédie Francaise im 18. Jahrhundert, "Adrienne Lecouvreur wollte auf ihrem Sterbebett beichten und das Abendmahl nehmen; aber sie weigerte sich, ihrem Beruf abzuschwören. Dadurch verlor sie die Wohltat der Beichte." Die Schauspielerin ergriff "Partei für ihre tiefe Leidenschaft und gegen Gott," zog sich selbst der Ewigkeit vor und wählte die Hölle.
Wer weiß, vielleicht war die Lecouvreur bei dieser Wahl ja dennoch "glücklich", wie Camus es von der Sagengestalt Sisyphos meinte. Logisch zwingend wird man Camus’ Essay heute, ein halbes Jahrhundert nach dem Tod des Autors, vielleicht nicht finden. Es handelt sich um den Versuch eines Sinnangebots, nachdem die hergebrachten Angebote ihre Verbindlichkeit eingebüßt haben, einen Versuch, der seine Plausibilität aus dem Lebensgefühl einer ganzen Generation zog – "Existentialismus" hat sich als Schlagwort eingebürgert. Im Rückblick erscheint Camus seinem Vorbild und Gegenpart Kierkegaard näher, als er sich selbst das damals wohl eingestehen wollte: Auch dieser "Sinn", der da im Trotz gegen das Absurde behauptet wird, beruht auf einem "Sprung".
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Sisyphos mit dem Stein, von einer atti- schen Amphora, um 530 v. Chr. Bild: Staatl. Antikensammlung Berlin
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Aber sind wir heute eigentlich so viel klüger, haben wir schlüssigere Antworten zu bieten als Camus’ Feststellung, der Kampf gegen Gipfel vermöge ein Menschenherz auszufüllen? Eine Grenze seines "Versuchs über das Absurde" von 1942 hat der Autor selbst in den folgenden Jahren zu überwinden versucht. Das Problem lag auf der Hand: Aus der Mythologie in die Wirklichkeit übertragen, ist Sisyphos nicht allein, weil nämlich noch viele andere neben ihm ihre Steine den Berg hinauf wälzen – sei es irgendwie gemeinsam oder auch, indem sie einander nach Kräften behindern. Im Essay "Der Mensch in der Revolte" 1951 geht es nicht mehr um den Selbstmord, sondern um den Mord. Ein Parforceritt durch die Ideengeschichte seit der Aufklärung; Camus warf den revolutionären Ideologien von rechts und von links vor, an die Stelle der Herrschaft Gottes die womöglich noch viel drückendere Herrschaft des Menschen zu setzen.
Dass auch die militanten Spielarten des Marxismus in diese Diagnose einbezogen wurden, führte am Ende zum Bruch mit Jean Paul Sartre. Ähnlich wie sein Kollege versuchte auch Camus, mit Zeitschriftenartikeln in die Politik einzugreifen. Aber an ein gelobtes Land absoluter Gerechtigkeit als Ziel der Geschichte konnte er nicht glauben. "Für den Künstler gibt es keine privilegierten Henker", brachte Camus sein Selbstverständnis auf den Punkt, als er sich 1957 in Stockholm für den Nobelpreis bedankte. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Camus weniger durch seine philosophisch-politischen Traktate bekannt geworden, als durch seine Erzählungen und Theaterstücke. Vor allem die beiden Romane "Der Fremde" und "Die Pest" gehören zu den Klassikern der modernen Literatur.
Werke, mit denen Camus auch eine Botschaft an das Publikum bringen wollte. Etwa in dem Drama "Das Missverständnis", 1944. Die biblische Geschichte von der Heimkehr des verlorenen Sohns spielt sich in einer Welt ab, in der keine Kommunikation gelingen kann. Oder kommt sie bloß deshalb nicht zustande, weil die Menschen sich vor ihr scheuen? "Bitten Sie Ihren Gott, er möge sie den Steinen gleichmachen. Das ist das Glück, das er sich selber vorbehält, das einzige wahre Glück." Der Schmerz sei einsam, stellte Camus später im Vorwort zu einer Ausgabe seiner Dramen lakonisch fest. "Haben Sie Mitleid und helfen Sie mir!" fleht am Ende des "Missverständnisses" die einsam zurückgebliebene Marie den alten Knecht an. Und der antwortet, es ist fast das einzige Wort, das er im ganzen Drama spricht: "Nein!"
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Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir Bild: Wikipedia
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Populär werden Camus’ Stücke gern mit jenen von Samuel Beckett oder Eugène Ionesco unter dem Begriff "Absurdes Theater" zusammengefasst. Aber der Unterschied ist evident. Bei Camus drücken die Personen auf der Bühne ihre Kommunikationslosigkeit in flüssigen, logisch und rhetorisch geschliffenen Dialogen aus – in der literarischen Form war der Rebell gegen die philosophische Tradition sehr traditionsbewusst. Aber bereits in einem Gedenkartikel nach Camus Tod stellte Sartre fest, dass auch der Philosoph Camus Erbe sei "jener langen Ahnenreihe von Moralisten, deren Werke vielleicht das Echteste und Ursprünglichste an der ganzen französischen Literatur sind".
Ein Respekt, den Sartre dem früheren Freund vielleicht etwas widerwillig zollte. Dessen Wort, dass es für den Künstler "keine privilegierten Henker" geben könne, wird ihm im Ohr geklungen haben. "Camus war Idealist, Moralist, Antikommunist", umschrieb Simone de Beauvoir in ihren Memoiren die Differenz, "Sartre, der dem Marxismus nahe stand, bemühte sich um ein Bündnis mit den Kommunisten." Tempi passati; müßig die Frage, wer im Sinne seiner eigenen Vorstellungen mit Stellungnahmen zur aktuellen Politik mehr erreicht haben mag, der ideologisch nicht festgelegte Rebell oder der Revolutionär, der, immer wieder enttäuscht, mit verschiedenen Spielarten des Marxismus liebäugelte. Wie Camus sich praktische Politik vorgestellt haben wird, lässt ein Zitat des griechischen Dichters Pindar ahnen; Camus hat es seinem Sisyphos-Essay vorangestellt, um dem Leser seine Absage an die Transzendenz plausibel zu machen: "Liebe Seele, trachte nicht nach dem ewigen Leben, sondern schöpfe das Mögliche aus."
Mehr im Internet: Albert Camus - Wikipedia Vor hundert Jahren wurde Jean-Paul Sartre geboren, scienzz 17.06.2005
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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