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11.01.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE
"Was die Menschheit benötigt, ist die Inquisition"
Ein Rückblick auf den Modernismustreit in der katholischen Kirche vor hundert Jahren
von Josef Tutsch
 | | Pius X. (1903-1914)
Bild: Wikipedia
| | | "Mein lieber Freund, glaubst du wirklich, die Menschen seien zu irgend etwas Gutem in der Welt fähig? Das einzige, was diese Menschheit dringend benötigt, ist die Inquisition." Ein Zitat aus Dostojewskis Geschichte vom Großinquisitor aus dem Roman "Die Brüder Karamasow", möchte man glauben, oder auch eine Paraphrase von Schillers "Don Carlos", aus der Unterredung zwischen König und Großinquisitor. Aber der Professor für Kirchengeschichte am Seminarium Romanum, Umberto Benigni, soll das Anfang des vorigen Jahrhunderts tatsächlich und in vollem Ernst zu einem seiner Hörer gesagt haben.
1906 wurde Benigni zum Unterstaatssekretär der Kongregation für außerordentliche Angelegenheiten der Kirche berufen und koordinierte nun, wie Peter Neuner, Professor für Dogmatik und ökumenische Theologie an der Universität München berichtet, die Aktionen des Heiligen Stuhls gegen den "Modernismus". 1909 gründete er eine Art Geheimdienst, das "Sodalitium Pianum", das, von Papst Pius X. ausdrücklich ermuntert, mit Denunziationen und Pressekampagnen gegen Abweichler vorging. Der Wunsch nach einem Ende dieser Spitzelmethoden, vermutet Neuner, sei ein Grund für die Wahl von Kardinal della Chiesa 1914 gewesen. "Die Zeit der Denunziationen ist vorbei", sagte Benedikt XV. unmittelbar nach seinem Regierungsantritt im persönlichen Gespräch.
"Modernismus" – heutzutage denken dabei viele Leser vermutlich eher an eine Kunstepoche, den Jugendstil, vor allem an seine Ausprägung in Barcelona, den "Modernisme Català". Aber in diesen Jahren um 1900 war "Modernismus" in der katholischen Kirche ein Sammelwort für alle Reformbestrebungen, die im Verdacht standen, der kirchlichen Autorität Abbruch zu tun. "In einer Situation, in der Papst Pius X. und seine Umgebung Heil allein in der Rückkehr zu einer als normativ erachteten mittelalterlichen Kirche sahen, wurde ‚Modernismus’ zum Inbegriff für alle Häresien", stellt Neuner in seiner neuen Studie fest. Wertfrei formuliert: für alle Phänomene des modernen Denkens, die – zu Recht oder zu Unrecht – als Bedrohung wahrgenommen wurden, von Demokratie und Liberalismus über idealistische und materialistische Richtungen der Philosophie bis zum Fortschrittsglauben der Zeit und zum weltanschaulichen Pluralismus.
Dass Neuners Buch – versehen mit einer umfangreichen Sammlung historischer Dokumente – gerade jetzt erschienen ist, wird kein Zufall sein. Im September 2010 steht der hundertste Jahrestag jenes päpstlichen Dekrets an, das allen Geistlichen den "Antimodernisteneid" abverlangte. Der Eid wurde erst 1967 von Paul VI. abgeschafft. Und natürlich stehen im Hintergrund von Neuners Publikation die anhaltenden Diskussionen zwischen Rom und der "Pius-Bruderschaft": "Wir bleiben dem Antimodernisteneid treu, den abzulegen der hl. Pius X. von uns verlangt", heißt es in einer Grundsatzerklärung der Bruderschaft von 1974.
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Benedikt XV. (1914-1922) Bild: University of Texas
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Kirchenskeptiker nahmen den päpstlichen Erlass damals begreiflicherweise achselzuckend zur Kenntnis: Von Rom sei nun einmal nichts anderes zu erwarten gewesen. Und dann ist leicht das Schlagwort vom katholischen Irrationalismus zur Hand. Neuner stellt jedoch klar, dass die Frontenstellung, von der Kurie aus betrachtet, gerade umgekehrt ausschaute: Den "modernistisch" denkenden Theologen wurde nicht "Rationalismus" vorgehalten, etwa im Sinne der modernen Naturwissenschaft, sondern im Gegenteil "Irrationalismus". "Ich bekenne, dass Gott mit dem natürlichen Licht der Vernunft durch die sichtbaren Werke der Schöpfung, als Ursache mittels der Wirkung, mit Sicherheit erkannt und auch bewiesen werden kann", hieß es gleich im ersten Satz der Eidesformel. Der Glaube, folgte einige Sätze später, sei "kein blindes Gefühl für Religion, sondern die wahrhafte Zustimmung unseres Verstandes zu einer Wahrheit".
Wie Neuners Analyse der dem Eid vorangehenden Dokumente, des Dekrets der Inquisitionsbehörde "Lamentabili sane exitu" und der päpstlichen Enzyklika "Pascendi dominici gregis" 1907, zeigt, war es vor allem ein Buch des französischen Theologen Alfred Loisy, das beim Vatikan Anstoß erregte, "L’Évangile et l’Église". Loisy hatte die Prinzipien der historisch-philologischen Methode in seine Exegese des Neuen Testaments aufgenommen und war zu dem Schluss gekommen, da müsse man unterscheiden: "Jesus hat das Reich Gottes angekündigt, und dafür ist die Kirche gekommen." Das war nicht einmal abfällig gemeint, wie der folgende Satz erläuterte: "Die Kirche kam und erweiterte die Form des Evangeliums, die unmöglich erhalten werden konnte, wie sie war, seitdem Jesu Aufgabe mit dem Leiden abgeschlossen war." Aber viele Leser interpretierten es eben doch so, dass die Botschaft Jesu und die Gründung der Kirche als Widerspruch erschienen.
Die Ankläger in Rom spürten sehr genau die theologische Schwachstelle: Loisy hatte, so Neuner, "kein Kriterium, zwischen einer legitimen Entfaltung und einer Fehlentwicklung zu unterscheiden"; das Entwicklungsschema taugte also nicht dazu, "eine historische Apologie der katholischen Kirche zu geben". Das Problem, "wie historisch zufällige Ereignisse eine für alle Zeiten und alle Menschen gültige Wahrheit offenbaren und vermitteln könne, ist geblieben", stellt der Münchner Dogmatikprofessor unumwunden fest. Lässt es sich überhaupt lösen? Man dürfe dem Teufel – will sagen: der bloß historischen, potentiell also ungläubigen Analyse des offenbarten Textes – eben nicht einmal den kleinen Finger reichen, würden Antimodernisten heute wie vor hundert Jahren dazu argumentieren; er nehme dann nicht nur den ganzen Arm, sondern den ganzen Menschen.
Ein Ergebnis – vom Vatikan aus betrachtet: ein sehr problematisches Ergebnis – der historischen Kritik war, dass die Kirchenlehre aus dem Bereich der Beweisbarkeit ins religiöse Gefühl abgedrängt zu werden drohte. Die Enzyklika 1907 sprach von "falschen Mystikern". Dass 1910 der Antimodernisteneid eingeführt wurde, dürfte auch mit der zwiespältigen Aufnahme dieser Enzyklika zusammenhängen. Alle Bischöfe hatten dem Papst für sein mutiges Schreiben gedankt, das die Augen geöffnet habe über die große Gefahr, in der die Kirche stand; und dann hatte jeder versichert, seine eigene Diözese sei Gott sei Dank bislang davor bewahrt worden.
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Pius XII. (1939-1958) Bild: ambrosius007
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Vor konsequentem Durchgreifen schrak die Kurie aber auch 1910 zurück. Ausgerechnet die Theologieprofessoren an deutschen Universitäten mussten von der Eidespflicht ausgenommen werden. In Deutschland werde es stets einen Modernismus geben, solange es katholisch-theologische Fakultäten an den Universitäten geben wird, prophezeite der Kirchenhistoriker Joseph Schnitzer, einer der wenigen Theologen, die sich auch nach der Verurteilung durch die Enzyklika zum Modernismus bekannten. Und der englische Theologe George Tyrell ergänzte, eine Universität, die sich von dieser "Gefahr" freihalte, sei eben keine Universität, sondern "bloß ein Seminar, das sich im Prunke einer Universität gefällt".
Aber einen Konflikt um den Fortbestand der theologischen Fakultäten wollte man in Rom nicht riskieren. Gegenüber einzelnen Geistlichen war der Kurs härter. Bereits 1909 erhielt Tyrell die Sterbesakramente, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte, nur "bedingungsweise", nämlich unter der Voraussetzung, dass er innerlich und vor seinem Gewissen den verlangten Widerruf geleistet habe. Ein kirchliches Begräbnis wurde ihm verweigert.
Neuner schreibt, dass sich im Umkreis von Pius X. der Eindruck einer "Weltverschwörung" breit gemacht habe. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatte sich die katholische Kirche als "Kontrastgesellschaft zur neuzeitlichen Welt" organisiert. Die Politik der Geheimhaltung trieb manchmal kuriose Blüten. 1927 erfuhren Herausgeber, Autoren und Leser der katholischen Zeitschrift "Hochland" aus einer Notiz im "Osservatore Romano", dass ihr Blatt sei mehr als fünfzehn Jahren auf dem Index stand, kirchlich also im Grunde verboten war. Nicht zu reden von den akrobatischen Künsten, die Theologen abverlangt wurden, wenn sie durch eine Publikation weder ihre Loyalität zur Kirche noch ihr wissenschaftliches Renommee aufs Spiel setzen wollten. Immerhin – 1943 wurde die Freiheit der exegetischen Forschung von Papst Pius XII. in einer Enzyklika wenigstens prinzipiell anerkannt.
Der Antimodernismus habe Erfolg gehabt, lautet Neuners Fazit; eine unmittelbare Nachfolge hätten die als "modernistisch" gebrandmarkten Theologen nicht gefunden. Aber vielleicht doch eine mittelbare. Johannes XXIII. soll, als er in den Akten des Sanctum Officium zufällig eine Notiz über einen Freund fand, der als Modernist exkommuniziert worden war, zornig hinzugeschrieben haben: "Ich, Johannes XXIII., Papst, erkläre hiermit, dass ich niemals Modernist war!" Abgeschafft hat dieser Papst den Eid aber dann doch nicht.
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Paul VI. (1963-1978) Bild: Okamoto Yoichi
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Aber, so Neuner: "Es lässt sich nicht bezweifeln, dass das Zweite Vatikanische Konzil Positionen aufgegriffen hat, die im Pontifikat Papst Pius’ X. als modernistisch gebrandmarkt worden waren." Die Konzilsväter, mutmaßt Neuner, hatten offenbar an ihren akademischen Lehrern erlebt, wie sich die antimodernistischen Repressionen auswirkten. So wurde in der "Dogmatischen Konstitution über die Offenbarung" die Vorstellung von der Inspiration der Bibel als einem wörtlichen Diktat durch den Heiligen Geist zurückgewiesen. Damit war auch die Behauptung einer Irrtumslosigkeit der Bibel in allen Aussagen verabschiedet. Dass es zu dieser "modernistischen" Wende kam, müsse vor allem an der Argumentation des Konzilstheologen Ratzinger gelegen haben, schreibt Neuner.
Aber diese Wende führte eben auch zu einer Spaltung oder Abspaltung. "Wir sind bereit, mit unserem Blut den Antimodernisteneid zu unterzeichnen", schrieb noch 2008 der Leiter der Pius-Bruderschaft, Bernard Fellay, an den zuständigen Kardinal in Rom, Darío Castrillón Hoyos. Vielleicht wollte Ratzinger, inzwischen Papst Benedikt XVI., nach den Erfahrungen mit den Härten des Modernismusstreits eine Wiederholung zur anderen Seite hin vermeiden, als er im Januar 2009 die Exkommunikation der vier Bischöfe der Bruderschaft aufhob, sie also wieder zu den Sakramenten zuließ.
Letztlich werden jedoch erst die Historiker, die vielleicht irgendwann in ein paar Jahrzehnten Akteneinsicht erhalten, die Intentionen des Papstes klären können. Als Voraussetzung, dass eine Exkommunikation aufgehoben werden kann, verlangt das Kirchenrecht, dass der Betroffene seine "Widersetzlichkeit aufgegeben hat". Offenbar werden die "Vorbehalte" gegen das Zweite Vatikanum, wie Fellay sie in seinem Schreiben 2008 nochmals bekräftigte, nicht mehr als "Widersetzlichkeit" angesehen. Ob daraus etwas für den Problemkomplex folgt, der seit Pius X. als "Modernismus" verhandelt wird, bleibt abzuwarten. Unwahrscheinlich, dass Benedikt XVI. den hundertsten Jahrestag des Antimodernisteneids im September ohne eine Stellungnahme verstreichen lässt.
Neu auf dem Büchermarkt: Peter Neuner: Der Streit um den katholischen Modernismus, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2009, ISBN 978-3-458-71021-9, 19,80 € [D], 20,40 € [A], 34, 30 sFr
Mehr im Internet: Modernismus - Wikipedia "Für die Bekehrung der Juden", scienzz 22.08.2008 "Ein kluger Affe, der furchtbar viel redet", scienzz 0503.2008
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz communcation |
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