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18.01.2010 - MUSIKGESCHICHTE

Die Kunst und die Macht des Geldes

Ein lesbarer Querschnitt durch Richard Wagners theoretische Schriften

von Josef Tutsch

 
 

Richard Wagner (1813-1883),
Gemälde von Cäsar Wottlich,
1882 - Bild: Reiss-Engelhorn-
Museen Mannheim

Mozarts Bäsle-Briefe mit ihrer ungekünstelten Ausdrucksweise werden immer wieder gern gelesen, gehören beinahe zu den Klassikern der Weltliteratur. Aber in der Regel ist unser Bedürfnis, in den Schriften klassischer Komponisten zu lesen, doch recht begrenzt. Wozu auch – die Musik spricht doch für sich, oder sie spricht eben gar nicht. Nur bei Richard Wagner, da ist das anders. Die Texte seiner Opern geben Rätsel auf, die in den Theaterpausen zu endlosen Diskussionen anregen; da möchte man sich schon einmal vergewissern, was der Komponist sonst noch geschrieben hat, nicht in Noten, sondern in Worten.

Und umgekehrt muss Wagner selbst von geradezu manischem Mitteilungsdrang gewesen sein; die gesammelten Schriften umfassen sechzehn dickleibige Bände. Flüssig lesbar ist das alles nicht, wie jeder weiß, der mal hineingeschaut hat. Es finden sich Sätze, die über mehr als eine halbe Seite hinwegreichen. "Verschwommen und steif“, seufzte Thomas Mann; "wie mit Reißzwecken gespickt, unverdaulicher Brei, Kanzleiprosa“, urteilte Martin Gregor-Dellin. Da helfen auch die Auswahlbände wenig, von denen auf dem deutschen Büchermarkt eine Reihe erschienen sind. Die Schrecken der Wagnerschen Prosa bleiben erhalten, auch wenn bloß Auszüge wiedergegeben werden.

Was tun? In seiner Wagner-Biographie empfahl Gregor-Dellin ironisch, Wagner doch einmal in verständliches Deutsch zu übersetzen. Man muss wohl ein gutes Stück vom Musik-, Theater- und Literaturbetrieb entfernt sein, um diese Empfehlung wörtlich zu nehmen. Der Chemieingenieur Josef Lehmkuhl, beruflich in der Wirtschaft tätig und sozusagen ein Freizeitwagnerianer, bereits mit mehreren Schriften über den "Ring des Nibelungen“ und den "Parsifal“ hervorgetreten, hat das Wagnis unternommen und Wagners theoretisches Schrifttum in einem einzigen Band von gerade einmal dreihundert Seiten "bearbeitet“, zusammengefasst und in aller Vorsicht auch kommentiert.

Richard Wagner. Zeichnung von
E. B. Kietz, 1842 - Bild: Wikipedia

Die beiden wichtigsten Einwände vorweg. Warum eigentlich hat der Verlag darauf verzichtet, die bearbeiteten, aber dennoch originalen Wagner-Passagen typographisch von den kommentierenden Überleitungen abzuheben? Dann könnte der Leser schon beim flüchtigen Blättern sehen, was er gerade vor sich hat. Und zweitens, das geht eher an den Autor: Wäre es unzumutbarer Ballast gewesen, zu jedem Zitat die Stelle in der Gesamtausgabe anzumerken? Im Einzelfall würde man vielleicht doch ohne viel Mühe vergleichen wollen, was bei Lehmkuhl daraus geworden ist.

Aber als "Volksausgabe“ betrachtet, wie man dergleichen früher nannte, ist das Ergebnis durchaus vertretbar. Die – streng philologisch betrachtet – recht ungewöhnliche Anlage seines Buches macht es Lehmkuhl sogar möglich, ein Problem zu lösen, vor dem neuere Auswahlausgaben zurückgeschreckt sind: Wie geht man mit Wagners Antisemitismus um, vor allem mit seinem berüchtigten Traktat "Das Judentum in der Musik“? Geschrieben übrigens nicht in späten Jahren, als der Autor allgemeinem Urteil zufolge zum "Reaktionär“ geworden war, sondern schon 1850, also kurz nach der Revolution, die Wagner mit viel "sozialistischer“ Phraseologie aktiv mitbetrieben hatte; kleine Kostprobe aus "Die Kunst und die Revolution“, 1849: "Zugunsten der Reichen ist Gott Industrie geworden, die den armen christlichen Arbeiter gerade so lange am Leben erhält, bis himmlische Handelskonstellationen die gnadenvolle Notwendigkeit herbeiführen, ihn in eine bessere Welt zu entlassen.“

Im Ergebnis – und das wird typisch sein für weite Teile des deutschen Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – buchstabierte Wagner seinen Antikapitalismus aber dann antisemitisch. Der Jude, heißt es in dem Pamphlet von 1850, "herrscht und wird solange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor welcher all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert“. Dass Wagners Abneigung sich vor allem gegen seinen erfolgreichen Komponistenkollegen Giacomo Meyerbeer richtete, darf man unter der Rubrik Ressentiment verbuchen. Bei Meyerbeer gebe es "Eigentümlichkeiten teils in der metrischen Gestaltung, teils in einzelnen melodischen Tonfällen der musikalischen Phrase“, schrieb der gescheiterte Revolutionär im Zürcher Exil, die er nur als "Judenschule“ zu bezeichnen wisse, "als Judenmusik, als ein Gemauschel“.

Ludwig Feuerbach (1804-1872)
Stich von August Weger
Bild: Wikipedia

Am Schluss seiner Schrift wandte sich Wagner direkt an "die Juden“: "Bedenkt, dass nur eines eure Erlösung von dem auf Euch lastenden Fluche sein kann ... der Untergang!“ Lehmkuhl erläutert, zweifellos zutreffend, dass hier nicht an Massenmord gedacht war, sondern an eine Auflösung des Judentums als Kultur; die Juden müssten aufhören, Juden zu sein, wollten sie Deutsche werden, meinte Wagner, eine Position, an der zu zweifeln ihm anscheinend nie in den Sinn gekommen ist, bei allen Wandlungen, die sein Denken sonst durchgemacht hat. Der Vielschreiber Wagner hat eben auch sehr viel gelesen und sich von vielem beeinflussen lassen, in frühen Jahren vor allem von Feuerbach und Bakunin, in späteren von Schopenhauer und Darwin. Und dann eben auch von manchem Vordenker des Rassismus wie Gobineau.

Leider hat Lehmkuhl darauf verzichtet, im Komplex der theoretischen Schriften präzise die Stelle zu benennen, die in der Wagner-Literatur als eine Art Bekehrung gilt, von Feuerbachs Optimismus zu Schopenhauers Pessimismus. In der Autobiographie "Mein Leben“ wird die erste Schopenhauerlektüre auf den September 1854 datiert, während der Kompositionsarbeit an der "Walküre“. An dieser Darstellung wird jedenfalls soviel richtig sein, dass der Text des "Rings“ vor dieser Wende entstanden ist, der größere Teil der Musik danach. Ansonsten war der Komponist nicht daran interessiert, einen Bruch in seiner Entwicklung erkennen zu lassen, sprach nur etwas vage von seinem "Erschrecken“ über die asketischen Seiten der Schopenhauerschen Philosophie.

Und der Chemiker Lehmkuhl hat, darin darf man eine Schwachstelle des Buches sehen, nicht den philologischen Ehrgeiz an den Tag gelegt, seinem "Helden“ in dieser Sache die Maske vom Gesicht zu ziehen. Aber es wird deutlich: Der junge wie der altgewordene, der revolutionäre wie der konservative Richard Wagner sah sich gern als Erlöserfigur – als Erlöser von Welt und Menschheit durch das Musiktheater. Der Siegfried und der Parsifal sind ideale Selbstporträts, nicht anders als der Christus eines Dramenentwurfs, an dem Wagner um 1848 arbeitete. Es sind vor allem Wagners Erlösungsphantasien, die – als Hintergrund der Musikdramen – das Interesse des Lesers wecken. Logische Stringenz oder gar Realitätsnähe darf man freilich auch in der zusammengestrichenen Version, die Lehmkuhl den langatmigen Abhandlungen gegeben hat, nicht erwarten. Die Schwächen der Argumentation werden eher noch deutlicher. Wagner war ganz ernsthaft der Meinung, das "Kunstwerk“ – sein Kunstwerk – könne den Menschen aus jenem Unheil erlösen, das er mit dem Siegeszug einer seelentötenden Industrie verbunden sah.

Arthur Schopenhaue (1788-1860)
Gemälde von 1859 - Bild: Wikipedia

Da gehen Geniekult und Abscheu vor der modernern Zivilisation, Popularitätssucht und Furcht vor dem Massengeschmack unentwirrbar durcheinander. Hat Wagner selbst so ganz ernstgenommen, was er in einer Schrift aus dem Revolutionsjahr 1848 als Resümee der Weltgeschichte darbot? Die "Ur-Stadt“ mit dem "Ur-Königtum“ sei Troja gewesen, von dort hätten die Franken und schließlich die Deutschen ihre Ansprüche geerbt: "Im deutschen Volk hat sich das älteste urberechtigte Königsgeschlecht der Welt erhalten“, an der Spitze der Deutschen habe "ihr blutsverwandter König die Weltherrschaft zu behaupten“. Es kommt noch sonderbarer: Das deutsche Volk stamme "von einem Sohne Gottes her, der nach seinem nächsten Geschlechte Siegfried, für die übrigen Völker der Erde aber Christus heißt“.

Handelt es sich wirklich um "Geschichte“ in einem irgendwie wissenschaftlichen Sinn, also mit dem Anspruch auf Wahrheit, und nicht doch eher um eine Folge von Dramenentwürfen? Will man diese Ergüsse gerecht beurteilen, muss man vielleicht heutige Romane und Filme daneben halten, die ja auch nicht immer bloß Fiktion und Unterhaltung bieten wollen – Beispiel Dan Brown. Tatsächlich, Wagners "Ring des Nibelungen“ und sein "Parsifal“ haben ihren Kern in dieser frühen pseudohistorischen Abhandlung. Ein Stück ernsthafter liest sich "Die Kunst und die Revolution“ aus dem folgenden Jahr 1849. Wagner versuchte, die gescheiterte Revolution zu verarbeiten. In der Gegenwart sah er – von seinem Standpunkt als Künstler aus – einen Tiefpunkt der Weltgeschichte erreicht: "Das ist die Kunst, wie jetzt die ganze zivilisierte Welt erfüllt! Ihr wirkliches Wesen ist die Industrie, ihr moralischer Zweck der Gelderwerb, ihr ästhetisches Vorgeben die Unterhaltung der Gelangweilten.“

"Industrie“: in diesem Wort war offenbar alles zusammengefasst, was Wagner an der Moderne hassenswert erschien; darin lag der Ursprung sowohl seiner sozialrevolutionären als auch seiner nationalistisch und rassistisch bestimmten Gedankengänge. Das Verdienst von Lehmkuhls Querschnitt durch die Wagner-Schriften liegt natürlich nicht darin, dass hier ein großer Denker der Vergessenheit entrissen würde. Eher im Gegenteil: Aus der Feder eines bedeutenden Künstlers, der als Denker und Schriftsteller eben nicht ganz so bedeutend war, ist nachzulesen, was große Teile der intellektuellen oder halbintellektuellen Öffentlichkeit damals gedacht haben werden.


Neu auf dem Büchermarkt:
Josef Lehmkuhl: Der Kunst-Messias. Richard Wagners Vermächtnis in seinen Schriften,
Königshausen & Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-4113-6, 29,80 €



Mehr im Internet:
Richard Wagner - Wikipedia 
Zum 200. Geburtstag des Philosophen Ludwig Feuerbach, scienzz 27.07.2004





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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