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23.01.2010 - KUNSTGESCHICHTE

Als die Alchemisten das "Weiße Gold" fanden

Vor 300 Jahren wurde die Meißner Porzellanmanufaktur gegründet

von Josef Tutsch

 
 

Bild: porzellanamblauenwunder

Es kann gefährlich werden, wenn junge Leute ihre Talente zu sehr herausstreichen; am Ende glaubt noch jemand daran. Am 1. Oktober 1701 wollte ein gerade einmal neunzehnjähriger Apothekerlehrling aus Thüringen namens Johann Friedrich Böttger in Berlin seine Fähigkeit demonstrieren, Gold zu machen. Vor aller Öffentlichkeit verwandelte er Silber in das edelste der Metalle.

Ein Taschenspielertrick, gewiss. Vermutlich war Böttger aber kein gemeiner Betrüger; er glaubte wohl ernsthaft, dem lang gesuchten Geheimnis des "Steins der Weisen“ auf der Spur zu sein, also der Methode, andere Metalle zu Gold zu veredeln, und wollte dem zu erwartenden Erfolg seiner Experimente in den Augen der anderen ein bisschen vorgreifen. Als der preußische König Friedrich I. von der sensationellen Vorführung hörte, wollte er den jungen Mann als seinen ganz persönlichen Goldmacher in Dienst nehmen. Dem schwante inzwischen wohl, was er da losgetreten hatte; er lehnte ab. Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt, sagte Friedrich und setzte ein Kopfgeld aus. Böttger entzog sich dem Zwang und floh nach Sachsen, kam dabei jedoch vom Regen in die Traufe. König August der Starke war ebenso goldgierig wie sein preußischer Kollege und nahm Böttger in Haft. In Dresden wurde ihm ein Laboratorium zur Produktion von Gold eingerichtet.

Es ist bekannt, wie die Geschichte ausging: Als Böttger 1719 starb, hatte er zwar immer noch kein Gold hergestellt, aber Porzellan. Und das war nicht viel weniger wert; bisher musste dieses "weiße Gold“ gegen teures Geld aus China importiert werden. Am 23. Januar 1710, vor 300 Jahren, wurde in Meißen die "Königlich-Polnische und Kurfürstlich-Sächsische Porzellanmanufaktur“ gegründet. Natürlich hoffte der König, seinem Land das europäische Monopol wenigstens für eine Weile sichern zu können. Böttger blieb also weiter in Haft. Erst 1714 wurde er freigelassen, musste jedoch in Sachsen bleiben. Durch das Einatmen giftiger Dämpfe bei seinen Experimenten war der Dreiunddreißigjährige bereits ein todkranker Mann.

Bild: Jürgen Kapinski/ksd
Aber er wollte sich noch einen Jugendtraum erfüllen – Gold herstellen. Wer das Geheimnis des Porzellans gefunden hat, der findet vielleicht auch den "Stein der Weisen“, sagte sich der König und finanzierte seinem hochgeschätzten Gefangenen erneut die Experimente. Keineswegs uneigennützig. Bereits 1718 fiel das sächsische Porzellanmonopol. Einer von Böttgers Mitarbeitern war von der Meißener Albrechtsburg entwichen und baute in Wien eine zweite Porzellanmanufaktur auf. Vom heutigen Stand der Naturwissenschaft her liegt die Versuchung nahe, die seit grauer Vorzeit immer wiederkehrenden Versuche der Goldsynthese zu belächeln. Aber die Alchemisten konnten nun einmal nicht wissen, dass hierzu millionenfach mehr Energie nötig wäre, als ihnen zur Verfügung stand.

Andererseits sahen sie durchaus, dass hohe Temperaturen nützlich sein würden. Es wird dieser Punkt gewesen sein, an dem Böttger in Dresden mit dem Naturforscher Ehrenfried Walther von Tschirnhaus zusammenkam. Tschirnhaus muss ein Universalgenie gewesen sein; seine Interessen reichten von der Algebra bis zur Mineralogie. Neben vielem anderem befasste er sich eben auch mit Brennspiegeln und -gläsern  und erreichte in seinen Brennöfen Temperaturen von 1.200.1.400 Grad Celsius. Wahrscheinlich bereits in den 1690er Jahren packte ihn der Ehrgeiz, endlich den Durchbruch zur Porzellanproduktion zu schaffen. Als er den unglücklichen Goldmacherlehrling kennen lernte, hatte er einen geeigneten Mitarbeiter gefunden.

Im 14. Jahrhundert soll das erste Porzellan aus China nach Europa gekommen sein. Alle Versuche, die Zusammensetzung und Herstellung zu enträtseln, waren fruchtlos geblieben; Unmengen von Kapital flossen in den Fernen Osten, damit sich die feine Gesellschaft dieses Luxusprodukt leisten konnte, das so viel ansprechender aussah als die dickwandigeren Ersatzmaterialien. Im März 1709 konnte Böttger dem Dresdner Hof melden, das Geheimnis des "porcelain“ sei nun endlich gelöst. Tschirnhaus war bereits im Oktober 1708 verstorben. Er habe "als erster Europäer die Methode der Herstellung durchsichtigen Porzellans jeder Farbe erfunden“, vermeldet mit barocker Weitschweifigkeit seine Grabtafel, "so dass es das Geschirr der Inder an Glanz und Härte übertraf“.

Porzelanmodell für ein Reiterstandbild
Friedrich Augusts II. - Bild: sdk
Drei Jahrhunderte später wäre es müßig, den Anteil des Naturforschers Tschirnhaus an diesem Durchbruch von jenem des Praktikers Böttger abgrenzen zu wollen. Zumindest in zwei Punkten hatte Böttger die Erfindung nach dem Tod des Partners wesentlich zu verbessern: Die Fehlerrate bei den ersten Brennversuchen war noch sehr hoch gewesen, ein Problem, das sich durch Änderungen bei der Zusammensetzung beheben ließ. Und bevor das "Meißener Porzellan“ auf dem internationalen Markt bestehen konnte, war noch der Weg zu finden, wie sich auf der Oberfläche Dekor anbringen ließ. Wenn wir heute in einem Kunstgewerbemuseum Porzellan bewundern, dann sticht uns die farbige Bemalung oft mehr ins Auge als das Material selbst – Blumen, Landschaften, Figurengruppen und nicht zuletzt die berühmten Zwiebelmuster.

Ein bevorzugtes Motiv dieser frühen Jahre: Chinoiserien Das Reich der Mitte blieb in Europa groß in Mode, auch nachdem man den Weg gefunden hatte, ihm auf der Gebiet der Porzellanherstellung Paroli zu bieten. Außer Tafelgeschirr, oft in Servicen von mehreren hundert Tassen und Tellern, wurden bald auch bloß repräsentative Stücke geschaffen, etwa große Tierplastiken. Berühmt ist das Modell, das Johann Joachim Kaendler 1753 für eine lebensgroße Reiterstatue Augusts des Starken gestaltete; es findet sich heute im Dresdner Zwinger, die Statue selbst blieb unausgeführt. Im Museum der Meißener Manufaktur ist ein dreieinhalb Meter hoher Tafelaufsatz zu sehen, angefertigt 1749 für König August III.

Ein Monopol konnte Meißen sich allerdings nicht bewahren; bis Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich praktisch jedes europäische Territorium seine eigene Porzellanmanufaktur zugelegt. So kam der Bedarf auf, die Meißener Produkte als "echt“ zu kennzeichnen, durch eine Marke unter der Glasur. Zunächst wurde ein "AR“ verwendet, abgekürzt für "Augustus Rex“; später setzten sich die "gekreuzten Schwerter“ durch – weltweit bis heute eines der bekanntesten Markenzeichen überhaupt. Wenn also beim Polterabend ein Stück mit gekreuzten Schwertern unterkommt, sollte man es vielleicht besser nicht zerschmettern. Es wird nicht gerade aus der Produktion des verhinderten Goldmachers Johann Friedrich Böttger stammen, ist aber vermutlich doch "echt Meißen“.


Mehr im Internet:
Meißner Porzellan - Wikipedia
Ausstellung in der Porzellan-Manufaktur Meißen
Meißen- Ausstellung im Museum für angewandte Kunst Köln




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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