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27.01.2010 - WISSENSCHAFTSGESCHICHTE

Die Gürtelbeschläge der alten Germanen

Über das problematische Verhältnis von Archäologie, Geschichtsschreibung und Politik

von Josef Tutsch

 
 

Typisches Gefäß der Schnurkera-
mik-Kultur, 3. Jahrtausend v. Chr.
ein Zeugnis der "Indogermanen"?
Bild: Prähistorische Archäologie

Wenn interessierte Laien, erzählt Sebastian Brather, Prähistoriker an der Universität Freiburg, eine Ausgrabungsstätte besichtigen, dann stellen sie immer wieder zwei Fragen: erstens, ob man schon Gold oder andere Schätze gefunden habe, und zweitens, um wen es sich bei den Menschen, die dort gelebt haben und bestattet wurden, denn gehandelt habe, um Germanen, Römer, Kelten, Slawen? Eine Denkgewohnheit, die offenbar nicht nur bei Laien tiefverwurzelt ist. Brather zitiert seinen Kollegen Hans Jürgen Eggers, der in den 1950er Jahren feststellte, die Vorgeschichte müsste "sich als historische Wissenschaft aufgeben, würde sie nicht immer und immer wieder den Versuch machen, auch das Problem der ethnischen Deutung zu lösen".

Und mit ihren Lösungsversuchen finden sich die Wissenschaftler dann auch gleich auf politischen Minenfeldern wieder; daran wird sich vermutlich auch nichts ändern, solange zum Beispiel Deutsche sich in der Kontinuität der alten Germanen verstehen, Polen und Tschechen in der Kontinuität der Slawen usw. Ein schwieriges Dreiecksverhältnis von erstens archäologischen Funden, die in der Regel ja schriftlos sind, zweitens geschriebenen historischen Quellen und drittens den politischen Intentionen der Gegenwart. Das Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden und das sächsische Landesamt für Archäologie haben mit einer Forschergruppe versucht, dieses Problem am Beispiel des deutsch-tschechisch-polnischen Grenzraumes zu analysieren.

Einen Schwerpunkt bildet unvermeidlich die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, also vor allem die Zeit des Nationalsozialismus, wo die historischen "Ethnien" dann auch noch mit – wirklich oder vermeintlich – biologischen "Rassen" verwechselt wurden. Aber das Thema ist nach wie vor gegenwärtig, auf dem Balkan vielleicht sogar mehr als im östlichen Mitteleuropa.  Brather nennt die "Bosnische Pyramide", die vor einigen Jahren in der Weltpresse Aufsehen erregte. Ein bosnischer Geschäftsmann war auf die Idee verfallen, ein natürlicher, pyramidenförmiger Erdhügel bei Visovica sei in Wirklichkeit ein Gebäude von Menschenhand, errichtet Jahrhunderte, vielleicht sogar Jahrtausende vor Christi Geburt von den Illyrern, die damit als Vorfahren der Bosnier von heute gegen Serben und Kroaten in Stellung gebracht werden sollten. In der wissenschaftlichen Diskussion war der Fall bald wieder beerdigt; aber die Hüter der bosnischen Nationalehre schafften es tatsächlich, den Hohen Repräsentanten der UNO für Bosnien-Herzegowina, Christian Schwarz-Schilling, zu einem Besuch der "Pyramide" zu bewegen.

Zugrunde liegt eine alte Forschergewohnheit, die Brather bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgt hat. Damals, schreibt der Wissenschaftler in dem Sammelband mit Aufsätzen der Forschergruppe, der jetzt erschienen ist, wurden Sprache, materielle Zeugnisse und politisches Handeln in fragloser Selbstverständlichkeit als Einheit betrachtet; bald kam die Rasse hinzu. Man müsse den Mut fassen, "das Germanische vom Slawischen zu trennen" und "einen antiquarischen Gegenstand entweder keck als germanisch oder als slawisch benennen", propagierte in den 1830er Jahren der Kulturhistoriker Gustav Friedrich Klemm. Dass "Germanen" oder "Slawen" Klassifikationen von außen waren, die antike oder frühmittelalterliche Geschichtsschreiber für "Barbarenvölker" gebrauchten, dass die vielen darin zusammengefassten Gruppen einander vermutlich gar nicht als irgendwie verwandt angesehen haben, ist wahrscheinlich nicht einmal aufgefallen.

Gustaf Kossinna, Nestor der
deutschen Vorgeschichts-
forschung
Bild: Paul Conrad/Wikipedia
Man muss sich erst einmal klar machen, welcherart die Fundstücke waren, die dazu dienten, eine ethnische oder womöglich rasssische Zugehörigkeit dingfest zu machen: Kleidungszubehör wie zum Beispiel Gürtelbeschläge oder Gewandnadeln. Aber natürlich sind die Moden auch damals gewandert, wenngleich langsamer als heutzutage mit den Möglichkeiten von Fernsehen und Internet. Es hat tatsächlich Fälle gegeben, dass Forscher mit den darauf aufbauenden "Erkenntnissen" Politik machen wollten. 1919 schickte Gustaf Kossinna, einer der führenden deutschen Prähistoriker, den Delegierten der Versailler Friedenskonferenz eine Broschüre mit seinen Forschungsergebnissen über die germanische und slawische Siedlungsgebiete im frühen Mittelalter, in der Hoffnung, damit die Verhandlungen über die zukünftige Grenze beeinflussen zu können.

Tempi passati? Zumindest auf populärwissenschaftlicher Ebene wohl nicht ganz. Brather zitiert den "dtv-Atlas zur Weltgeschichte", der in seinen ersten Auflagen in den 1960er Jahren die alten Germanen noch ganz unbefangen mit Griffzungen-, Streitaxt- und Schnurkeramikfunden sowie Megalithgräbern in Verbindung brachte und daraus eine "mutmaßliche Ausdehnung der Germanen um 500 vor Christus" rekonstruierte. Andererseits wurden, berichtet Brather, polnische Archäologen im Umfeld der Tausendjahrfeier des Staates 1966 immer wieder aufgefordert, die alten polnischen Siedlungsgebiete wissenschaftlich nachzuweisen. 

In vielen Fällen wird es gar nicht nötig gewesen sein, dass die Politiker irgendwelche Vorgaben machten. Ausgerechnet der Forschungsbetrieb im Nationalsozialismus war, das zeigt das Material in dem Sammelband, durch ein erschreckendes Maß an Selbstverständlichkeit, Gewohnheit, beinahe Normalität geprägt. Ota Konrád, Geschichtswissenschaftler an der Prager Karls-Universität, berichtet ausführlich, wie sudetendeutsche Historiker, Germanisten und Volkskundler in großer Zahl in den Nationalsozialismus hineinwuchsen. Die Existenz im ungeliebten Staatswesen Tschechoslowakei nach 1918 ließ ihnen die deutsche "Schicksalsgemeinschaft" als Voraussetzung auch ihres Forscherdaseins erscheinen.

Von "Vergangenheitsbewältigung" nach dem Weltkrieg kann auch in diesem Bereich nur sehr eingeschränkt die Rede sein. Die Prähistorikerzunft machte es sich einfach, schreibt Frederick Jagust vom Deutschen Archäologischen Institut Berlin. 1949 wurde gegen den führenden Repräsentanten der Disziplin in der NS-Zeit, Hans Reinerth, zeitweise Direktor des Pfahlbaumuseums in Unteruhldingen am Bodensee, ein Bannspruch verhängt; dadurch schienen alle anderen, auch überzeugte Nationalsozialisten, exkulpiert. Jagust kommt zu dem Schluss, dieses Vorgehen habe mit Politik nur teilweise zu tun gehabt: "Vor allem war es Reinerths meist polemische, oft verleumderische Art der Auseinandersetzung, die schließlich die überwiegende Mehrzahl der Archäologen Deutschlands gegen ihn aufbrachte."

Rekonstruktion der vorzeitlichen Siedlung
Siedlung am Bodensee in Unteruhldingen
Bild: Pfahlbaumuseum Unteruhldingen
Mehr nebenbei gibt der Sammelband auch Einblick in das, was man die "Polyarchie" im totalitären NS-Staat genannt hat, das Neben- und Gegeneinander sich bekämpfender Instanzen. Reinerth gehörte zum "Amt Rosenberg", das sich zur Aufgabe gesetzt hatte, in Osteuropa die Spuren "nordischer" Kultur ausfindig zu machen. Tatsächlich wurde Alfred Rosenberg 1941 zum Minister für die besetzten Ostgebiete ernannt; Reinerths Karrierepläne blieben aber unverwirklicht. Die SS, referiert der Prähistoriker Günter Schöbel vom Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, überzog ihn mit einem Verfahren wegen parteischädigenden Verhaltens; noch im Februar 1945 wurde er tatsächlich ausgeschlossen.

Nach dem Weltkrieg, so die beiden Herausgeber des Sammelbandes, Michael Strobel und Thomas Widera, führten diese internen Querelen im Regime zu der Version, unter dem Schutzschirm der zuständigen SS-Abteilung "Ahnenerbe", also sozusagen im "Widerstand" gegen Rosenberg und Reinerth, hätte wertfreie und sachliche Forschung betrieben werden können. In der Tat, stellt Jagust fest, habe Himmler im "Ahnenerbe" die eine oder andere durchaus seriöse Forschungsarbeit gefördert, zum Beispiel die Ausgrabung des frühmittelalterlichen Handeszentrums Haithabu an der Schlei bei Schleswig. Damit war auch international der Anstrich hochkarätiger Wissenschaft zu gewinnen. 

Aber einen prinzipiellen Dissens zwischen Himmler und Rosenberg gab es nicht, so Jagust: Für beide "war die Vorgeschichtsforschung ‚Zweckwissenschaft’ und gehörte zu den sogenannten ‚Weltanschauungswissenschaften’." Und keineswegs in allen Fällen war politischer Druck erforderlich, um auch die Forscher selbst auf diese Linie zu bringen. "Die Ergebnisse hatten politischen und ideologischen Zwecken zu dienen. Taugten die Befunde hierfür nicht, so wurde im Zweifelsfall eben etwas nachgeholfen." Nach 1945 scheint diese Instrumentalisierung in ein Gegenteil umgeschlagen zu sein, das auch nicht so ganz befriedigend sein kann. Jagust: "Geradezu peinlich darum bemüht, jegliche Ähnlichkeit mit der Diktion des Dritten Reiches zu vermeiden, entwickelten die deutschen Archäologen eine regelrechte Theoriefeindlichkeit. Gerade im Bezug auf ethnische Interpretation hielt man sich zurück und zog sich nahezu völlig auf die rein antiquarische Arbeit zurück."


Neu auf dem Büchermarkt:
Politik und Wissenschaft in der prähistorischen Archäologie
Perspektiven aus Sachsen, Böhmen und Schlesien,
herausgegeben von Judith Schachtmann, Michael Strobel und
Thomas Widera,
V&R unipress, Göttingen 2009, ISBN 978-3-89971-741-9,  41,90  € [D], 43,10 € [A], 68,00 sFr



Mehr im Internet:
scienzz Dossier Mythen und Legenden in der Geschichte



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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