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02.02.2010 - KULTURGESCHICHTE

Dinge, die unser Leben ausmachen

Zur Geschichte der Alltagsgegenstände

von Josef Tutsch

 
 

Die kleine Tupperdose
Bild: Elke Wetzig

Vor zwei Jahren, berichten die beiden Kulturwissenschaftler Anke Ortlepp vom Deutschen Historischen Institut in Washington, D.C., und Christoph Ribbat von der Universität Paderborn, ergab der Besuch in einem Buchgeschäft in Manhattan, dass gleich am Eingang Kulturgeschichten des Zahnstochers, des Bleistifts, der Gitarre, der Barbiepuppe und der Banane groß herausgestellt wurden; zur gleichen Zeit waren Monographien über den Reißverschluss, den Schraubenzieher und den Stockfisch erschienen.

"Dinggeschichte": Das ist ein neues Zauberwort in den Kulturwissenschaften. Ortlepp und Ribbat haben jetzt eine Sammlung von Beiträgen zur Geschichte solcher Alltagsdinge in Amerika vorgelegt: Studien über die Jeans, die Axt, den Fernsehapparat usw. usf. Warum gerade in Amerika? Vielleicht sei es ja mehr als bloß eine Legende, meinen Ortlepp und Ribbat, dass "die Amerikaner" zu den materiellen Dingen ein unbefangeneres, handfesteres Verhältnis hätten als die deutsche Geisteswelt mit ihrer traditionellen Orientierung an Werten und Worten. Zumindest bezog sich Präsident Barack Obama bei seiner Antrittsrede im Januar 2009 positiv auf diesen nationalen Mythos: Amerika sei zu Freiheit und Wohlstand gebracht worden durch "the risk-takers, the doers, the makers of things", also durch die Risikobereiten, die Aktiven, die Macher von Dingen. Das war wohl nicht nur Phraseologie, sondern der ernsthafte Versuch eines Selbstporträts der amerikanischen Gesellschaft.

"Mundane Studies", Studien des Banalen hat der amerikanische Journalist Cullen Murphy, selbst Autor einer Studie über den Müll, den neuen Trend mit ein bisschen Mut zur Provokation auf den Begriff gebracht. "Banal" sei die Flut solcher Gegenstände, die in der Regel irgendwann einmal Müll werden, allerdings erst durch die Erfindung der Sesshaftigkeit vor acht- oder zehntausend Jahren geworden, betont Mihaly Csikszentmihalyi, Psychologe an der Universität von Chicago. Eine Statistik zeigt, dass jeder US-Amerikaner im Laufe seines Lebens durchschnittlich 400 elektrisch betriebene Geräte braucht und verbraucht. Angehörige einer Jäger-und-Sammler-Kultur empfanden es vermutlich schon als recht zweischneidig, wenn sie eine Decke oder einen Kessel zum Geschenk erhielten – praktische Dinge, zweifellos, aber auf Wanderungen eben auch ein Ballast.

Natürlich sind auch wir heutzutage froh, wenn die vielen Gegenstände in unserem Alltag nicht ganz so "schwer" ausfallen. Das vielleicht aufschlussreichste Kapitel in dem Sammelband von Ortlepp und Ribbat befasst sich mit Kunststoff, genauer: mit Kunststoffgeschirr. Die "Tupperware" war auch in Europa derart erfolgreich, dass die Wörterbücher heute bereits eine Aussprache mit "u" als Standarddeutsch vermerken. Dabei war es ein amerikanischer Farmersohn namens Earl S. Tupper, der das Kunststoffgeschirr seit den 1930ern auf den Markt brachte.

Brownie Wise bei einer Tupperware-Party
Bild: Harvard University
In den 1950er Jahren, berichtet Alison J. Clarke, Professorin für Designwissenschaft an der Universität für angewandte Kunst in Wien, wurde "Tupper" nicht nur zu einer Ikone der amerikanischen Vorstadt, sondern veränderte auch gleich das Verhalten breiter Schichten. Ein neues Ritual wurde eingeführt: die "Tupperparty". 1951 entdeckte die Tupper Corporation, dass sich ihre Produkte hervorragend dazu eigneten, "vor Gruppen von begeisterten Hausfrauen vorgeführt zu werden". "Das moderne Einkaufen für Ihren Haushalt: praktisch, bequem, günstig", lautete denn auch bald das Firmenmotto. Höhepunkt jeder Party war der "Tupperseufzer", das Geräusch, mit dem die Luft entwich, wenn das Behältnis verschlossen wurde.

1954 umfasste das Partynetzwerk bereits über 20.000 Frauen in Verkauf, Vertrieb und Management – "ehrenamtlich" tätiger Frauen; die Corporation ersparte sich durch diesen Direktverkauf immense Lohn- und Sozialkosten. Andererseits ermöglichte die Zugehörigkeit zu diesem Netzwerk, wenn schon keine materiellen Reichtümer, so doch ein Erfolgserlebnis. Das Rückgrat, berichtet Clarke, bildeten "schwarze und hispanische Frauen, alleinstehende Mütter und geschiedene Frauen". Brownie Wise, die Frau, die an der Spitze des Netzwerks stand, hatte (offenbar sogar ohne Legendenbildung, schreibt Clarke) als alleinerziehende Mutter selbst eine passende Biographie vorzuweisen, sozusagen von der Tellerwäscherin zur Millionärin. In der hauseigenen Monatszeitung "Tupperware Sparks" wurde im Kontrast dazu ihr gegenwärtiges Leben in einem Luxusanwesen am See geschildert, mit rosafarbenem Cadillac und rosagefärbtem Kanarienvogel.

Die Corporation ließ sich eine Menge einfallen, um bei den Frauen des Netzwerks den Traum zu wecken, sie könnten selbst zu solchen Höhen aufsteigen. Zur Firmenherbstfeier 1954 wurden Gebrauchsgüter im Wert von 45.000 Dollar unter den Außenanlagen des Hauptsitzes vergraben; mehrere hundert besonders erfolgreiche Vertreterinnen waren eingeladen, nach Luxustoastern, Pelzmänteln und Diamantringen zu graben. Für die vielen anderen materialisierte sich der Traum wenigstens in dem Kunststoffgeschirr. Es wurde sogar eine eigene Hymne komponiert: "Der einzige Ort für mich, der Ort, an dem ich sein will, ist die Tupperware-Familie ..."

Earl S. Tupper selbst wurde die Karriere seiner Unternehmensidee allerdings bald unheimlich. Die glamourösen Feiern und Empfänge mit all ihren Extravaganzen, schreibt Clarke, "widersprachen dem Wesen, das seine Produkte verkörperten: Sparsamkeit, Schlichtheit und Funktionalität". Nun ja, das ist eben das Doppelgesicht dieser Ethik des amerikanischen Puritanismus. 1958 kündigte Tupper seiner Primadonna Brownie Wise und verkaufte die Firma. Die Partykultur ging natürlich weiter, seit 1961 auch in Europa – vielleicht das bemerkenswerteste Beispiel für das Aufkommen eines neuen Rituals in unserer säkularisierten Gesellschaft.

Frau an der Nähmaschine, fr. 20. Jh.
Bild: George Grantham, Bain Coll.
Dass die Behälter und Küchengeräte aus dem Hause Tupper solche Faszination ausübten, hängt natürlich auch mit der Geschichte des Geschmacks zusammen. Seine Formen seien "angenehm frei von den Geschmacksverirrungen, für die Haushaltszubehör so oft bekannt ist", rühmte das New Yorker Museum of Modern Art, als es die Tupperprodukte 1955 in seine Designsammlung aufnahm. Der abschätzige Beiklang, der unserem Wort "Kunstgewerbe" noch heute anhängt, macht deutlich, dass die materiellen "Dinge" einerseits, die hohen Werke der Kunst andererseits, alter deutscher Tradition zufolge verschiedenen Welten angehört haben, die zu vermischen irgendwie anrüchig war. Da hat sich in den letzten Jahrzehnten auch hierzulande eine Wende vollzogen; mag sein, dass Amerika da tatsächlich den Vorreiter gespielt hat.

Noch zwei andere Beispiele aus dem Sammelband von Ortlepp und Ribbat. Das Korsett – ein Kleidungsstück, das die meisten von uns wohl nur noch dem Namen nach kennen. Die Kulturwissenschaftlerin Leslie Shannon Miller berichtet, dass der durchschnittliche Taillenumfang von Frauen damals bei gut 66 cm  lag, ein durchschnittliches Korsett dagegen maß gerade einmal 58 cm. Wie bekam man Frauen dazu, sich in dieses Folterinstrument hineinzuzwängen? Ein Londoner Polizeibericht von 1860 gab als Todesursache einer Prostituierten allen Ernstes "Syphilis, Schwindsucht und Korsetts" an. Selbst das Anlegen war ohne Hilfe einer zweiten Person schwer möglich; hatte die Dame das Korsett erst einmal am Leib, konnte sie jedenfalls nur noch aufrecht bleiben, im Stehen wie im Sitzen.

Genau das, mutmaßt Miller, wird wohl auch der Sinn gewesen sein: Das Korsett signalisierte der Trägerin wie ihrer Umwelt körperlich wie moralisch Sicherheit, Unangreifbarkeit – und wird manchem unter den Männern einen zusätzlichen Anreiz gegeben haben, sich dennoch an dieser uneinnehmbaren "Festung" zu versuchen. Die superschlanke Taille erweckte den Eindruck, eine solche Frau könne noch niemals Kinder geboren haben und sei womöglich noch Jungfrau.

Eine andere Erwartung an die Frauen bediente eine mechanische Erfindung, die Mitte des 19. Jahrhunderts aufkam und bereits nach kurzer Zeit in so gut wie jedem amerikanischen Haushalt zu finden war: die Nähmaschine. Durch die Webindustrie, erklärt Marguerite Connolly, war Stoff "nun so billig, dass er reichlich vorhanden war, aber immer noch zu teuer, um verschwendet zu werden". Wenn den Besuchern an auffälliger Stelle selbst in wohlhabenden Häusern eine Nähmaschine präsentiert wurde, dann war das ein diskreter Fingerzeig, dass die Hausfrau sich für solche Arbeiten nicht zu schade war.

Korsett, um 1880
Bild: Wikipedia
Wiederum ein "Ding", in dem sich Moral materialisierte. Gegen Ende des Jahrhunderts, schreibt Connolly, "verschwand" die Nähmaschine plötzlich. Genauer: Sie wurde optisch zum Verschwinden gebracht. Ein Warenkatalog pries einen Wohnzimmerschrank an: "ein elegantes Möbelstück, das bei geschlossenem Zustand in keinerlei Weise an eine Nähmaschine erinnert". Eine Rolle spielte zweifellos die beständige Preisentwicklung nach unten; inzwischen konnten sich auch arme Familien eine Nähmaschine leisten, das Gerät signalisierte also keinen gehobenen Status mehr. Besser betuchte Kreise hatten sie auch weniger nötig, da Kleidung von der Stange nun ebenfalls erschwinglich geworden war.

Ein Fall, dass ein Ding der Öffentlichkeit entzogen wurde. Der Prozess war abgeschlossen, als um 1917 tragbare Nähmaschinen auf den Markt kamen – als Mobiliar hatten sie ausgedient. Und ein Fall, der zeigt, wie drastisch sich die ideellen Werte, die mit einem Ding verbunden sind, im Laufe weniger Jahrzehnte ins Gegenteil verkehren können. Der Werbeslogan für die transportablen Apparate lautete damals: "die Abschaffung der Nähmaschinen-Tretmühle". Zwei Generationen zuvor hatte die New York Times noch erklärt, bei der Nähmaschine handele es sich um "den größten Segen für die Frau im 19. Jahrhundert".


Neu auf dem Büchermarkt:
Mit den Dingen leben. Zur Geschichte der Alltagsgegenstände,
herausgegeben von Anke Ortlepp und Christoph Ribbat,
aus dem Englischen von Dorothea Lübbermann,
Franz Steiner Verlag 2009,
ISBN 978-3-515-09098-8, 26,90 €


Mehr im Internet:
Langlebigkeit, Stacheldraht, Masturbation oder was ist Kulturgeschichte? scienzz, 08.06.2009


... weitere Artikel zur Kulturgeschichte finden Sie in unserer "Schlagwortsuche" auf der Titelseite, Stichwort "Kulturgeschichte" eingeben!


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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