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09.02.2010 - FILMGESCHICHTE

Dabei sein, wie Geschichte gemacht wird

Hollywoods Träumereien vom alten Rom

von Josef Tutsch

 
 

"In weniger als zehn Jahren", prophezeite vor fast einem Jahrhundert der Filmregisseur David W. Griffith, "wird die Zeit da sein, wo die Kinder in den öffentlichen Schulen praktisch alles durch Filme beigebracht bekommen. Nehmen wir an, man will sich über eine bestimmte Episode in Napoleons Leben informieren. Statt mühsam durch eine Heerschar von Büchern zu waten, wird man sich einfach hinsetzen, den Knopf drücken und genau sehen, was geschehen ist. Es werden keine Meinungen ausgedrückt. Man wird einfach dabei sein, wie Geschichte gemacht wird."

Man kann über die Naivität, mit der Griffith auf die dokumentarische Objektivität von Spielfilmen vertraute, den Kopf schütteln. Aber in einem traf er zweifellos das Richtige: Unser Bild von der Geschichte wird, bewusst oder unbewusst, viel mehr durch historische oder pseudohistorische Filme geprägt, als durch wissenschaftliche Bücher mit ihren – nochmals Griffith – "gegensätzlichen Ansichten über die Ereignisse". Wenn wir zum Beispiel an Nero denken, dann steht wahrscheinlich Peter Ustinov vor unserem inneren Auge und nicht eine zeitgenössische Büste dieses römischen Kaisers. Oder beim Stichwort Wagenrennen in einem römischen Zirkus: Ja natürlich, die Filmszene in "Ben Hur" mit Charlton Heston.

Der Historiker und Archäologe Marcus Junkelmann, als Experte für römische Militärgeschichte hervorgetreten, hat sich mit "Hollywoods Traum von Rom" beschäftigt – vor allem natürlich mit den großen Monumentalfilmen wie "Spartacus" oder "Cleopatra". Das Wort "Traum" hätten viele der Filmemacher empört zurückgewiesen. "Alles auf der Höhe der absolutesten historischen Wahrheit", behauptete 1913 der Regisseur Enrico Guazzoni von seinem Film "Marcantonio e Cleopatra" und im Jahr 2000 sagt Ridley Scott über seinen "Gladiator": "Wenn man den Film sieht, glaubt man sich zurückversetzt in die damalige Zeit, man lebt im römischen Reich."

In den 1970er Jahren sah es so aus, als wäre die Zeit dieser "Sandalenfilme", wie man damals etwas respektlos sagte, endgültig vorbei. Jetzt sind sie wieder da, größter Publikumserfolg eben "Gladiator". Heute wie damals, berichtet Junkelmann, werden für viele dieser Produktionen Experten hinzugezogen – in der Regel allerdings eher, um die Richtigkeit irgendwelcher archäologischer Details abzufragen. Vermutlich werden ihre Hinweise ignoriert, wenn die künstlerische Konzeption auf dem Spiel steht. Beispiel aus "Gladiator": Die kaiserliche Garde ist schwarz uniformiert. Sicherlich haben die Berater das als historisch inkorrekt bemängelt. Aber würden die Zuschauer ohne die schwarze Farbe die doch wohl erwünschte Assoziation mit der SS herstellen?


Junkelmann führt eine ganze Reihe solcher Unstimmigkeiten an. Sophia Lorens modische Wespentaille in "The Fall of the Roman Empire" 1964 wäre im alten Rom undenkbar gewesen. Die Filmkostüme – für Frisur und Bart gilt dasselbe – "zollen, bewusst oder unbewusst, dem Zeitstil Tribut und machen damit die ‘Rekonstruktion’ zugleich zum Dokument des aktuellen Geschmacks der Entstehungszeit.” Begreiflich, dass der Archäologe und Militärhistoriker sich vor allem über unhistorische Bewaffnungen geärgert hat: "Die Rüstungen und Waffen der Filmgladiatoren waren noch nie richtig; so falsch wie in Ridley Scotts ‚Gladiator’ waren sie aber bisher noch nicht."

Anachronismen, die vielleicht ja gar nichts Schlimmes haben, solange man sich nicht der Illusion hingibt, sozusagen "dabei zu sein". Historisch ernst genommen, verfälschen die Filmbilder aber doch unsere Vorstellung von der Vergangenheit. Etwa die Galeerensträflinge, die immer wieder als Symbol der antiken Sklavenhaltergesellschaft auftreten. Tatsächlich, so Junkelmann, "gab es im Altertum keine Galeerenstrafe, die Schiffe wurden von freien Männern gerudert". Ganz zu schweigen vom Zeremoniell der Gladiatorenkämpfe. Im Film laufen sie oft als ungeregeltes Gemetzel ab; in der historischen Wirklichkeit hielten die Schiedsrichter streng auf Chancengleichheit.

In "Ben Hur" 1959 erleiden sieben der neun Rennwagen Totalschaden; ein solcher Prozentsatz, konstatiert Junkelmann, ist Phantasieprodukt, erst recht jener Wagen, dessen rotierende Sägemesser die Speichen der Gegner durchschneiden sollen – der Fahrer wäre sofort disqualifiziert oder andernfalls von der Menge gelyncht worden. Ganz am Rande hat Junkelmann aber noch etwas anderes beobachtet: Neun Wagen sind gestartet, sieben unterwegs gestrandet – und dann gehen vier unbeschadet über die Ziellinie ... Sollte Regisseur William Wyler das einfach übersehen haben?

Zurück zum Ernst der Sache. Die Dichter lügen zuviel, heißt ein Jahrtausende altes Sprichwort. Und die Filmemacher lügen womöglich noch viel mehr. Das macht es so problematisch, dass zum Beispiel "Gladiator", wie Junkelmann feststellt, "bereits vielfach in Schulen, Museen und anderen Bildungsinstitutionen eingesetzt wird, um durch seine spektakuläre Suggestivkraft eine vergangene, in vieler Hinsicht zugleich fremde und vertraute Welt einem modernen Publikum zu erschließen". Auch durch die sporadische Verwendung der "toten" Sprache Latein. Junkelmann hat die Produzenten von "Gladiator" bei einem grammatischen Lapsus ertappt – natürlich unbeabsichtigt, anders als in Monty Pythons "Life of Brian", worin ein solcher Fehler als großer Jokus inszeniert wird.


Dass in "Cleopatra" von 1963 der Konstantinsbogen auftaucht, der erst dreieinhalb Jahrhunderte später erbaut wurde – geschenkt. Aber wo liegt die Grenzlinie zwischen fehlerhaften Details, die im Grunde egal sind, und grundlegenden Mängeln? Die Filmemacher selbst haben sich da gern auf die berühmten Anachronismen bei Shakespeare berufen. Wo beginnen die Verfälschungen – sofern man die Frage nach einer historischen Wahrheit im Spielfilm nicht von vornherein als unbeachtlich beiseite schiebt? Vor einem halben Jahrhundert spottete ein Filmkritiker über "Spartacus", auf den Plakaten müsse eigentlich ein warnender Hinweis stehen: "Vorsicht! Der Besuch dieses Films könnte Ihr Verständnis der tatsächlichen historischen Ereignisse gefährden."

Was das Publikum nicht wissen konnte: In diesen Film waren zwei gegensätzliche Konzeptionen eingegangen, die beide mehr mit politischer Philosophie als mit Geschichte zu tun hatten. Dalton Trumbo, der große Teile des Drehbuchs verfasst hatte, liebäugelte mit kommunistischen Ideen und glaubte, der Sklavenaufstand hätte die römische Republik bis ins Mark erschüttert; Regisseur Stanley Kubrick ging dieses klassenkämpferische Pathos auf die Nerven. Er erklärte das Drehbuch für "schön dämlich" und wollte "weder die Illusionen der Linken noch der Rechten schonen".

Genauso unhistorisch geht es in Ridleys "Gladiator" zu. Der Film unterschiebt dem alten Kaiser Marc Aurel Reflexionen über die "Republik" als Alternative zum Kaisertum, die einem modernen Publikum plausibel sind und auch schon von den römischen Geschichtsschreibern diskutiert wurden; aber im späten 2. Jahrhundert war eine solche Alternative illusorisch, schon deshalb, weil es keine Elite gab, die eine solche Republik hätte tragen können; das muss der Philosophenkaiser realistisch gesehen haben, so unrecht ihm die Nachfolge seines – staatsrechtlich allerdings längst als Mitkaiser legitimierten – Sohnes Commodus auch gewesen sein mag. Dass Commodus seinen Vater ermordet hätte, um selbst den Thron zu besteigen, ist aber wohl doch eine Erfindung der Filmemacher.

Durch den gesamten "Gladiator" zieht sich eine unterschwellige Identifikation der USA von heute mit dem alten Rom, das wird kaum einem Zuschauer verborgen bleiben. Neu ist freilich auch das nicht. Der italienische Nationalstaat setzte sich schon vor der faschistischen Ära mit Rom gleich; umgekehrt wurde der erste "Quo-vadis"-Film 1912 von katholischen Banken finanziert, die die Auseinandersetzung der Märtyrerkirche mit dem Heidentum aktuell nutzen wollten. Auch Ridley Scott, erklärt Junkelmann, "war nicht an archäologischer oder historischer Exaktheit gelegen, sondern an einem eklektischen Pasticcio, zusammengerührt aus dem alten Rom und seinen Interpretationen in verschiedenen Jahrhunderten".


Die Traditionslinien lassen sich bis in den Aufbau ganzer Szenen hinein verfolgen. So unterscheidet sich das Gemälde des Franzosen Jean-Léon Gérome von einem Sieg in der Arena, 1872, kaum von zahllosen Filmszenen mit diesem Motiv, einschließlich "Gladiator". Offenbar eignet sich das Römische Reich besonders gut für solche Aktualisierungen. Die Epoche beeindruckt aufgrund ihrer zivilisatorischen Höhe  und befremdet zugleich mit Phänomenen wie Sklaverei und Gladiatorenkämpfen. Und ganz besonders fesseln natürlich die "bösen" Kaiser wie Nero oder Commodus – Inbegriffe illegitimer Gewalt und sexueller Perversion.

Dabei muss man sich vergegenwärtigen, dass die große Zeit der "Sandalenfilme" in den 1950er und 1960er Jahren lag, also in der restriktiven Ära vor der sexuellen Revolution. Es wird kein Zufall sein, meint Junkelmann, dass sich in den Römerfilmen damals die Muskelprotze häuften, bekleidet mit knappen Tuniken oder Lendenschurzen, die nur das "Nötigste" verhüllten. Männliches Bodybuilding war ein Ventil in einer Zeit, die sich gegenüber der Präsentation weiblicher Nacktheit noch viel restriktiver gab. Natürlich durften homoerotische Untertöne niemals offengelegt werden. Hübsch die Anekdote aus der Entstehungsgeschichte von "Ben Hur": Wyler schlug Stephen Boyd, dem Darsteller des Bösewichts Messala, vor, seine Feindschaft gegenüber Ben Hur als Reaktion eines zurückgewiesenen Liebhabers zu spielen. Charlton Heston wurde darüber im Unklaren gehalten. Als er später davon hörte – und den Film dann vermutlich mit anderen Augen sah –, schrie er Zeter und Mordio.
 
In "Gladiator" spielt dergleichen keine Rolle, "Nacktszenen gibt es überhaupt keine, nicht einmal andeutungsweise eine Orgie, und selbst die Körper der Gladiatoren werden ohne den üblichen Voyeurismus zur Schau gestellt". Der Held Maximus ist ein braver, sehr braver Bauernsoldat und Familienmensch; erstaunlich, resümiert Junkelmann, dass es Russel Crowe gelungen ist, sich nicht von dem Bösewicht auf dem Thron, verkörpert von Joaquin Phoenix, an die Wand spielen zu lassen. Offenbar nahm Crowe seine Aufgabe auch mit einem Ernst an, wie man sie nicht bei jedem seiner Kollegen erwarten würde: Er studierte intensiv die "Selbstbetrachtungen" des Philosophenkaisers Marc Aurel.

Aus dieser Lektüre mag auch der Dialog zwischen dem Kaiser und dem Gladiator entsprungen sein, in dem Ridley Scott sein Drama gipfeln lässt. In dieser Szene, resümiert der Forscher anerkennend, versucht der Film "nicht ohne Erfolg, sich auf die Höhen Shakespearescher Tragödie aufzuschwingen". Mit dem historisch realen Rom freilich hat dass nichts zu tun. Maximus: "Ich kannte einen Mann, der einmal gesagt hat: Der Tod lächelt uns alle an, doch ein Mann kann nur zurücklächeln, mehr nicht." Commodus: "Ich wüsste gern, ob dein Freund seinen eigenen Tod belächelt hat." Maximus: "Du müsstest es wissen, es war dein Vater."


Neu auf dem Büchermarkt:
Marcus Junkelmann: Hollywoods Traum von Rom. "Gladiator" und die Tradition des Monumentalfilms,
Verlag Philipp von Zabern, Mainz am Rhein 2009, ISBN 978-3-8053-2905-7, 34,90 €, 56,90 sFr


Mehr im Internet:
Sandalenfilm - Wikipedia
scienzz Artikel Film
scienzz Artikel Umgang m iteschichte


Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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