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kultur

13.02.2010 - KULTURGESCHICHTE

Mit Alaaf und Helau

Ein Streifzug durch das närrische Brauchtum zwischen dem Elften im Elften und der Fastenzeit

von Josef Tutsch

 
 

Karneval in Köln
Bild: Rolf Hahn/Wikipedia

"Ajuja, ajuja, jetz jeht et widder ajuja, jetz jeht et loss ..." Jedes Jahr dasselbe Spiel: Wenn das Dreikönigsfest verstrichen ist, schunkelt sich die eine Hälfte des deutschsprachigen Mitteleuropa in den Ausnahmezustand, während die andere Hälfte fassungslos zusieht oder auch lieber wegsehen möchte. Hochburgen des närrischen Treibens sind die Rheinlande mit Teilen Westfalens und Hessens einerseits, Schwaben einschließlich einiger Städte in der deutschsprachigen Schweiz sowie mancher Landstriche in Franken andererseits.

Um eine deutsche Spezialität handelt es sich freilich nicht. Weltbekannt sind die Brauchtumsfeste in Venedig, in Rio de Janeiro und in New Orleans; über den römischen Karneval hat Goethe in seiner "Italienischen Reise" eindrucksvoll berichtet. In Deutschland scheint der Karneval heute auf dem besten Wege, Terrain, das einst infolge der Reformation verloren wurde, zurückzugewinnen. Selbst in Berlin zieht ein närrischer Zug durch die Straßen, wird das Rathaus Schöneberg von den Narren gestürmt – so hatten traditionsbewusste Berliner vor zwei Jahrzehnten sich das mit dem "Hauptstadtumzug" nicht vorgestellt.

Die Abläufe sind streng geregelt. Alles beginnt am 11. im 11., Punkt 11 Uhr 11. Zum Beispiel in Köln mit der feierlichen Eröffnung der Session durch das Dreigestirn: Seine Tollität, Prinz Karneval, Seine Deftigkeit, den Bauern, und Ihre Lieblichkeit, die Jungfrau – mit der Besonderheit, dass in Köln auch die "Jungfrau" ein Mann ist; ehe das geändert würde, schwören die Einheimischen, sitze längst eine Frau auf dem Papstthron. Nach dem 11. November allerdings ist zunächst einmal Pause. Erst im Januar beginnt der Marathon der "Sitzungen" mit Ansprachen, Schunkelliedern, Tanzauftritten und Büttenreden.

Rosenmontag 2006 in Düsseldorf
Bild: Sebastian Zurkuhl/Wikipedia
Der Straßenkarneval muss noch ein paar Wochen länger warten, wie lang genau, hängt vom Ostertermin des jeweiligen Jahres ab. Der kirchliche Festkalender sieht vor, dass Aschermittwoch sechsundvierzig Tage vor Ostern liegt – die vierzig Tage, die Jesus in der Wüste fastete, plus sechs Sonntage. "Karneval" ist am Wochenende vor Aschermittwoch, mit Ausnahmen freilich. In Offenburg ziehen bereits am Samstag zwei Wochen zuvor tausende "Hästräger" ("Häs" ist das Narrenkostüm) durch die Innenstadt. In Gescher bei Borken und in Damme bei Vechta hat man den großen Karnevalsumzug vorverlegt auf den Montag zwei Wochen vor Fastenbeginn.

Für das Münsterland lässt sich sogar der Grund benennen. Im späten 19. Jahrhundert wollten katholische Geistliche, denen der christliche Ursprung des Karnevals nicht mehr geläufig war, das sündige Treiben verhindern, indem sie am Rosenmontag ein vierzigstündiges Gebet ansetzten. Die Narren entschlossen sich kurzerhand, dann eben zwei Wochen früher zu feiern ... Ansonsten geht es mit den "tollen Tagen" aber erst an Weiberfastnacht los. "Wieverfastelovend" sagt man in und um Köln. In Bonn-Beuel stürmen unter Führung ihrer "Wäscheprinzessin" hunderte Frauen das Rathaus. Den Männern, so ist es im ganzen Rheinland Sitte, wird  mit reichlich durchsichtiger Symbolik, die Krawatte abgeschnitten, wofür es als Entschädigung dann ein "Bützchen" gibt.

Ganz ohne Präsentation von Männlichkeit geht es an diesem Tag dennoch nicht ab. In Köln zieht das "Reiter-Korps Jan von Werth" unter klingendem Spiel in die Innenstadt. Dergleichen pseudomilitärisches Gehabe wird hier wie in Mainz wohl als Parodie auf die ungeliebten Besatzungsmächte – erst Frankreich, später Preußen – entstanden sein. In der alemannischen Fastnacht ist der Termin als "Schmotziger Donnerstag" bekannt. "Schmutzig" ist ein Verballhornung aus "Schmalz"; vor Beginn der Fastenzeit wollte man bei Speisen, die ab Aschermittwoch verboten sein würden, noch mal kräftig zulangen – Fleisch, Eier, Fettgebäck.

Burgnarr aus Waldburg, Schwaben
Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia
Freitag und Samstag bleibt es eher ruhig. Am Sonntag, dem "Tulpen-
sonntag", geht es wieder richtig los. Umzüge in Bonn wie in Überlingen, in Cottbus wie in Duisburg-Hamborn, das sich rühmt, den größten Kinder_
karnevalszug Europas zu besitzen. Und dann natürlich die "Schull- und Veedelszöch" in Köln; dabei werden die besten Fuß- und Wagengruppen prämiiert, die anderntags am Rosenmontagszug teilnehmen dürfen. In Rottweil am Neckar wird der Tag mit einer Narrenpredigt im Heilig-Kreuz-Münster eingeläutet – eine Reminiszenz daran, dass die Karnevalsbräuche einen geistlichen Ursprung haben, nämlich im Kirchenjahr.

Im Rheinland bildet der Rosenmontag mit den großen Karnevalszügen in Mainz, Köln und Düsseldorf den Höhepunkt – "Rosen", so vermutet jedenfalls Grimms "Deutsches Wörterbuch", kommt von "rasen". Während der Karneval selbst bis auf das Mittelalter zurück geht, kamen diese organisierten Züge erst im frühen 19. Jahrhundert auf. Der erste Zug in Köln ist für 1823, der erste in Mainz für 1830 belegt. Hunderttausende Menschen am Wegrand, die "Strüßche" und "Kamelle" auffangen, manchmal auch aufwändigere Präsente – 1952 ließ ein Prinz Karneval aus der Parfumdynastie Farina 120.000 Fläschchen Original Kölnisch Wasser unters Volk werfen.

Aber die Schwaben bleiben am Fasnetmontag keineswegs untätig. In Rottweil findet der berühmte Narrensprung statt. Angeführt von der Standarte der alten Reichsstadt zieht sich eine Galerie traditioneller Figuren durch die Innenstadt. Typisch sind die glatten Larven über dem Gesicht: freundlich blickend beim "Gschel", eher grimmig beim "Biss". Die vielleicht größte Formation im Zug bildet der "Federhannes", der mit seinem halb tückischen, halb heiteren Aussehen Ethnologen auf die gewagte These gebracht hat, es handele sich um eine Teufelsfigur aus den mittelalterlichen Mysterienspielen.

150 Jahre Mainzer Karneval: Der
Bajass mit der Laterne
Bild: NobbiP/Wikipedia

Ganz unproblematisch steht es mit solchen Rückbezügen nicht. Vieles, was an Karneval und Fastnacht von heute so traditionell aussieht, ist Wiederbelebung durch Wissenschaftler oder Hobbywissenschaftler, die sich für die alte Volkskultur begeisterten. Es sei die Absicht, heißt es im Protokoll einer Rottweiler Narrenzunft von 1906, "nach und nach sämtliche Prunkstücke alt-rottweilischer Narretei, die leider zum Teil in Altertumshallen und Museen ein stilles Dasein fristen, wenn nicht im Original, so doch in möglichst naturgetreuer Gestaltung neu entstehen zu lassen". Das Aufbereiten der Masken durch schwarzes Ruß, weißes Mehl oder farbige Schminke, das Aufsetzen von Haaren, Stoff, Fell, Leder und Holz ist eine kunstgewerbliche Disziplin für sich. Es gibt Menschen- und Tierlarven, schöne und hässliche (heutzutage besonders beliebt: die Hexenweiber) und auch karikierende Porträtlarven – da geht der Karneval stellenweise ins satirische Kabarett über.

Was dem Alemannen seine Narrenmaske, das ist dem Rheinländer seine Narrenkappe. Heute hat jede Karnevalsgesellschaft ihre eigene Mütze; Eingeweihte können die Träger danach zuordnen und an den Verzierungen die Stellung in der Hierarchie erkennen – die Parodie militärischer Gebräuche ist unverkennbar. Wenn die politische Satire sich an die Aktualitäten wagt, stößt sie selbst unter demokratischen Verhältnissen gelegentlich auf Proteste. Etwa als 2005 auf einem Wagen im Mainzer Karnevalszug eine Pappmachéfigur in Gestalt von CDU-Chefin Angela Merkel auf einer Leiter dem entblößten Hinterteil von US-Präsident George W. Bush entgegenstieg, offenbar mit der Absicht hineinzukriechen.

Der Dienstag, "Veilchendienstag", beinahe ein ruhiger Punkt. Aber nur beinahe; zum Beispiel Stuttgart hat an diesem Tag seinen großen Umzug. Am Abend steht dann in der Metropole Köln ein letzter Höhepunkt an, die "Nubbelverbrennung". Strohpuppen werden mit all den Sünden beladen, die in diesen "tollen Tagen" angefallen sind; Leichenredner trauern um den guten Freund, der nun sterben muss, oder prangern seine Missetaten an. Oft wird ein förmliches Gerichtsverfahren zelebriert. "Wer hat Schuld, dass wir unser ganzes Geld versoffen haben?", fragt ein Ankläger: "Wer hat Schuld, dass wir fremdgegangen sind?" "Das war der Nubbel!", antwortet die Volksmenge im Chor.

Basler Fasnacht
Bild: flups / Wikipedia
"Verbrechen", für die es nur eine Strafe geben kann. Und tatsächlich, gegen Mitternacht wird der Nubbel feierlich verbrannt. Der Ursprung dieses Brauches liegt im Dunkeln. Stehen womöglich vorchristliche Rituale dahinter? Auch die Bibel kennt ja den Begriff des Sündenbocks. Wird  blasphemisch auf den Prozess gegen Jesus in den Evangelien angespielt? In manchen Städten am Niederrhein trägt man statt dessen den "Hoppeditz" zu Grabe, als Verkörperung der Narretei, die nun wieder lange Monate pausieren soll. In Offenburg landet an diesem Abend eine Strohhexe auf dem Scheiterhaufen. Im Schein der Flammen schwingen sich die "Hexen" auf ihren Besen durch das auflodernde Feuer.

Am Aschermittwoch ist alles vorbei, aber Eile hat man dabei nicht. Manche Karnevalsgesellschaft hält ihr Fischessen ab, gegen den "Kater". Und auch das katholische Messritual an diesem Morgen gehört zum Karneval: Aus der Asche der verbrannten Palmzweige vom Vorjahr wird den Gläubigen ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet. "Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehrst", spricht der Priester dazu – Worte, mit denen die "tollen Tage" in die Fastenzeit übergeleitet, mit denen die menschlichen, allzumenschlichen, Verfehlungen auf den Weg der Erlösung gebracht werden sollen.

Es gibt Nachschlag. In einigen Gegenden ist Sonntag nach Aschermittwoch "Funkensonntag", die Fastnachtszünfte treffen sich zu einer Nachbereitung. In Basel beginnt die Fasnacht gar erst am Montag nach Aschermittwoch. Vom "Morgenstreich" um 4 Uhr in der Frühe an wird die Stadt zweiundsiebzig Stunden lang von vollvermummten Narren beherrscht. Nach den Umzügen, den "Cortèges", liegt das Konfetti ("Räppli" genannt) mehrere Zentimeter hoch in den Straßen.

Dass die Basler einen abweichenden Termin feiern, geht auf das Mittelalter zurück. 1091 hatte das Konzil von Benevent beschlossen, die sechs Sonntage in den Wochen vor Ostern von der Fastenpflicht auszunehmen, die Fastenzeit im Ganzen also um sechs Tage zu verlängern. Aber die alte Rechenart wurde vielerorts weiter praktiziert. In Basel hält man sich bis heute daran. Auch in katholischen Gegenden freilich denkt man – Fastenzeit hin, Fastenzeit her – spätestens ab Aschermittwoch an die nächste Saison. Bereits im Mittelalter war es Brauch am vierten Sonntag der Fastenzeit – "laetare", "freue dich" heißt es an diesem Tag in der lateinischen Messe – einen kleinen Zwischenkarneval einzulegen.

Nubbel an Kölner Knaie
Bild: Christoph Rückert/Wikipedia
Der Brauch ist für Stavelot bei Lüttich bereits aus dem Jahr 1449 bezeugt. Ein Klosterabt wollte das Mittfasttreiben untersagen; zum Protest legten sich die Bürger weiße Mönchskutten an und zogen lärmend durch die Stadt. Der Zug der "Blanc-Moussis" ist heute eine große Touristenattraktion. Aber in der Regel gilt eben doch: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Hoffentlich. "Im Fasching schaut der reiche Mann sich gern ein armes Mädchen an", reimte vor fast hundert Jahren der Lyriker Erich Mühsam:" Wie zärtlich oft die Liebe war, wird im November offenbar." Nun ja, da sind Mittel und Wege erfunden worden, um vorzusorgen. Nicht nur gegen ungewollte Schwangerschaft, sondern auch gegen ansteckende Krankheiten, damit es im Jahr darauf genauso unbeschwert wieder heißen kann "jetz jeht et loss".


Mehr im Internet:
Karneval, Fastnacht, Fasching - Wikipedia
scienzz Dossier Karneval und Askese




Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

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