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11.03.2010 - KUNSTGESCHICHTE

Abschied von einem übermächtigen Moses

Michelangelos Juliusgrab vor und nach der Restaurierung

von Josef Tutsch

 
 

Moses am Juliusgrab, San Pietro
in Vincoli, Rom
Bild: © Patricio Lorete

Millionen von Rombesuchern standen schon vor Michelangelos Grabmal für Papst Julius II. in der Kirche San Pietro in Vincoli; aber wahrscheinlich haben die allermeisten von ihnen den toten Kirchenfürsten bloß beiläufig zur Kenntnis genommen. Alle Aufmerksamkeit gilt der Statue ein paar Meter tiefer, dem "Moses", einem der berühmtesten Werke nicht nur Michelangelos, sondern der gesamten Kunstgeschichte. "A monument less to the honour of Julius II than to that of Moses", meinte der englische Kunstwissenschaftler John Samuel Harford vor mehr als anderthalb Jahrhunderten.

Der Intention des Künstlers entspricht dieser Akzent aber ganz und gar nicht, stellt die Münsteraner Kunsthistorikerin Claudia Echinger-Maurach in ihrer jüngst erschienen Studie über "Michelangelos Grabmal für Papst Julius II." fest. Frühere Restauratoren freilich haben das Missverständnis nach Kräften gefördert. 1818 wurde der Moses aus seiner Nische heraus weiter nach vorn gerückt und auf einen bedeutend höheren Sockel gesetzt. Echinger-Maurach befasst sich seit ihrer Dissertation vor mehr als einem Vierteljahrhundert mit diesem Grabmal und hat wesentlich daran mitgewirkt, dass durch die jüngste Restauration 2003 der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt wurde.

Jetzt hat die Forscherin die verwickelte Entstehungsgeschichte des Grabmals nachgezeichnet. Michelangelos erste Konzeptionen datiert Echinger-Maurach auf die Anfangszeit seines ersten Aufenthalts in Rom, vielleicht schon 1505. Die Forscherin vermutet, dass Papst Julius den jungen Künstler aus Florenz ursprünglich als Maler verpflichten wollte und dass es Michelangelo selbst war, der den Papst auf dieses anderes Projekt brachte, das seiner Neigung zur Bildhauerei entgegenkam.

Sklave im Louvre, Paris
Bild: © Yan Haklai
Die Fortentwicklung dieses Plans gehört zu den am meisten diskutierten Fragen der gesamten Kunstwissenschaft. Einer zeitgenössischen Quelle zufolge sollte es zunächst auf einen freistehenden, zweistöckigen Bau hinauslaufen; die erhaltenen Zeichnungen des Künstlers zeigen jedoch alle ein Wandgrabmal. Die vorgesehenen Dimensionen jedenfalls waren gewaltig, mit etwa vierzig lebensgroßen Marmorfiguren – ein Projekt, für das der Künstler Echinger-Maurachs Berechnungen zufolge etwa zwanzig Jahre gebraucht hätte. Nachdem der Papst im Januar 1513 gestorben war, erklärte sich sein Neffe, Kardinal Leonardo Grosso della Rovere, bereit, Michelangelos Arbeit mit insgesamt 16.500 Dukaten aus eigener Tasche zu honorieren – eine Summe, schätzt Echinger-Maurach, die für zwanzig Grabmäler, wie Julius’ Vorgänger sie erhalten hatten, ausgereicht hätte!

In den folgenden Jahren entstanden nicht nur wieder neue Entwürfe, sondern auch mehrere Statuen, vor allem die beiden Sklaven- oder Gefangenen, die heute im Pariser Louvre zu sehen sind. Julius’ kriegerische Aktivitäten, erläutert die Münsteraner Forscherin, haben ein Missverständnis bei der Deutung dieser Figuren nahegelegt. Es sei jedoch "nicht der Papst, der triumphiert, sondern der Tod". Und auch der Moses scheint bis Frühjahr 1515 fertig geworden zu sein. Aber keine Entwurfszeichnung gibt Auskunft, wie sich der Künstler seine Aufstellung am Juliusgrab damals dachte. 1520 starb dann jedoch der Financier, Julius’ Neffe, unter ungeklärten Umständen. Fünf Jahre später verständigte sich Michelangelo mit den Erben auf eine neue, viel kleinere Version.

Die Entscheidung, das Grabmal in San Pietro in Vincoli aufzustellen, scheint jedoch nicht vor 1532 gefallen zu sein – damals war der Papst seit fast zwanzig Jahren tot. Die Konzeption hatte sich grundlegend geändert. Ursprünglich, so Echinger-Maurach war das Grabmal als ein von seiner Umgebung weitgehend unabhängiges Werk der Bildhauerei konzipiert, jetzt wollte Michelangelo die monumentale Wirkung durch die Integration in einen vorhandenen Kirchenraum steigern, ähnlich wie er das zuvor bereits in der Grablege der Medicifürsten in Florenz ausgeführt hatte.

Madonna und Papst am Julius-
grab -  Bild: © J.-Chr. Benoist
Die Zahl der Figuren wurde in dem neuen Konzept drastisch reduziert: in der Mitte der liegende Papst, darüber eine Madonna mit Kind, im Geschoss darunter der Moses, zu beiden Seiten unten zwei Sklaven sowie oben ein Prophet und eine Sibylle. Aber dann zog sich die Fertigstellung doch wieder über mehr als ein Jahrzehnt hin. Zum Verdruss der Familie della Rovere zog Michelangelo dem Grabmal für den längst verstorbenen Julius immer wieder die Aufträge seiner lebenden Nachfolger vor. Aber im April 1543, meint Echinger-Maurach, war das Grabmal fertig aufgemauert, im April 1544 waren alle Skulpturen an Ort und Stelle versetzt.

Nach der Lektüre dieser Studie wird der Tourist das Grabmal in San Pietro mit anderen Augen sehen: nicht mehr, wie gewohnt, als eine höchst bedauerliche Reduzierung hochfliegender Jugendpläne, sondern als das Werk des reifen Meisters. Am ehesten haben bisher noch die Figuren an Moses’ Seite Beachtung gefunden, Lea und Rachel, die beiden Frauen des Patriarchen Jakob aus dem Alten Testament, als Personifikationen der Vita activa und der Vita contemplativa. Echinger-Maurach datiert sie auf die frühen 1540er Jahre – den Sklaven im Louvre, deren Stelle am Grabmal sie eingenommen haben, künstlerisch ebenbürtig, aber dem Betrachter von heute wohl weniger zugänglich. Die Münsteraner Forscherin erlaubt sich eine Spekulation: "Stünden die beiden Sklaven zu Seiten des Moses, wären die Reaktionen auf das Grabmal sicherlich von ganz anderer Natur."

Noch viel weniger beachtet wird die Madonna im Oberstock des Grabmals. In den Kunstführern wird Michelangelos Mitarbeiter Raffaello da Montelupo als Urheber genannt; Echinger-Maurach hält jedoch  für sehr glaubhaft, dass Michelangelo ein Modell dafür lieferte. Schließlich, aber nicht zuletzt ist da der Papst selbst –ein weitgehend eigenhändiges Werk Michelangelos, wie sich die Forschung heute sicher ist, Echinger-Maurach datiert sie auf den Anfang der 1530er Jahre. Frühere Wissenschaftler hatten sie dem Mitarbeiter Tommaso Boscoli zugeschrieben; den Reiseführern war sie damit gerade noch eine Randnotiz wert. Man war "enttäuscht, gerade am Monument für einen der machtvollsten Päpste der Renaissance eine besonders bescheidene Figur des Verstorbenen entdecken zu müssen".

Juliusgrab in San Pietro in Vincoli
Bild:© Jean-Christophe Benoist

Aber Michelangelo hat den kriegerischen Papst eben "nicht triumphierend konzipiert, sondern menschlich, sterblich, müde". Vielleicht muss man sich mit dem Gedanken vertraut machen, dass der alte Michelangelo kein derart "moderner" Mensch, wie man sich das gern vorstellt, sondern traditionell-christlich dachte. Echinger-Maurach: "Der reife Künstler schuf keinen Triumph des Ruhmes, den man hier gern sucht und nicht findet, sondern einen von der Hoffnung auf Erlösung durchzogenen Triumph der Tugend und des Glaubens."

Aber dem Geniekult späterer Generationen kam der Moses, das Werk des drei Jahrzehnte jüngeren Künstlers, eben mehr entgegen. Das wird nicht einmal der einzige Grund gewesen sein, warum die "Verbesserer" des Grabmals 1818 den Moses nach vorn rückten und höher setzten. Sie schätzten diese Statue, die Michelangelo nachweislich mit eigener Hand geschaffen hatte, unendlich viel höher als die übrigen Figuren, bei denen die Urheberschaft eben nicht so eindeutig war. Und sie hatten im Sinn, der Besucher müsse "eigentlich" das niemals fertiggestellte Grabmalprojekt des jungen Künstlers zu sehen bekommen, nicht das vollendete Alterswerk.

Ergebnis dieser Veränderung war natürlich, dass der Besucher um den Moses halb herumgehen, ihn nicht nur von vorn, sondern auch von rechts und von links betrachten konnte. Die Statue dominierte das Grabmal – ganz anders, als es auf der Zeichnung eines unbekannten Rombesuchers, vielleicht schon kurz nach der Vollendung angefertigt, zu sehen ist. Die Restaurierung von 2003 hat nun den ursprünglichen Zustand wiederhergestellt. Der Besucher sieht ein Papstgrab, nicht eine Mosesstatue mit im Grunde doch recht beliebigem Rahmen.


Neu auf dem Büchermarkt:
Claudia Echinger-Maurach: Michelangelos Grabmal für Papst Julius II.,
Hirmer Verlag, München 2009, ISBN 978-3-7774-4353-2, 98.- €



Mehr im Internet:
Michelangelo - Wikipedia
scienzz Dossier Renaissance und Reformation




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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