Ein Blick auf zweitausend Jahre Theologie des Heiligen Geistes
von Josef Tutsch
Die Taube des Heiligen Geistes,
Glasfenster im Petersdom
Bild: Rom, Vatikan
"Geist? Wer ist der Bursche und woher kennt ihr ihn?", zeterte Arthur Schopenhauer in einem seiner berüchtigten Ausfälle gegen die Philosophie seines erfolgreicheren Kollegen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Verbuchen wir das Bösartige in dieser Frage getrost unter der Rubrik Ressentiment – es bleibt ein ernsthaftes Problem. Feuerbach, Darwin und Freud haben im Grunde dieselbe Frage gestellt, von der modernen Hirnphysiologie zu schweigen. Die empirischen Wissenschaften haben den Menschen derart erfolgreich seziert, dass es uns schwer fällt, mit dem Begriff "Geist" noch etwas anzufangen.
Historisch hätte sich Schopenhauer seine Frage leicht beantworten können. "Geist" stammt, wie alle grundlegenden Begriffe des abendländischen Denkens, aus der griechischen Philosophie einerseits, dem Bibeltext andererseits – mit der zusätzlichen Komplikation, dass in der Bibel oft der Geist Gottes, der "Heilige Geist", gemeint ist. Werner Neuer, Dozent für Dogmatik und Religionskunde am Theologischen Seminar St. Chrischona bei Basel, hat eine Reihe von Forschern zusammengebracht, um die Geschichte des Begriffs "Geist" in den letzten zweitausend Jahren in einigen Stationen näher zu beleuchten. Genauer: den theologischen Teil dieser Begriffsgeschichte. Denn die Diskussion verlief in zwei Strängen, die sich freilich immer wieder ineinander verschlungen haben: einerseits als eine mit philosophischen Konzepten arbeitende Theologie, andererseits als eine von theologischen Fragestellungen motivierte Philosophie.
St. Chrischona – das außerhalb der evangelischen Kirche wenig bekannte Seminr steht in der Tradition des Pietismus und vertritt theologisch konservative, im eigenen Verständnis: "bibeltreue", Positionen. Den Ausgang bilden natürlich die Passagen im Neuen Testament über den Geist. Ulrich Wilckens, Professor für Neues Testament in Lübeck, spricht in Bezug auf das Johannesevangelium ausdrücklich von einer "Trinitätstheologie": Die Väter der Trinitätslehre auf den ersten Konzilien, so Neuer, "haben Recht gehabt" – Recht gehabt, ist gemeint, im Sinne einer neutestamentlichen Theologie, vor allem im Johannesevangelium –, "dass sie den Geist als eigene, dritte Person im Gegenüber zu und in Gemeinschaft mit Vater und Sohn lehrten". Die "trinitarischen Formeln" im Matthäusevangelium und beim Apostel Paulus würden bezeugen, "dass der Heilige Geist als drittes gleichrangiges Subjekt neben den Vater und den Sohn gestellt wurde", ergänzt Neuer.
Sätze, die freilich nicht jeder von Neuers und Wilckens’ Kollegen unterschreiben würde. Ergibt eine streng philologische Textanalyse, dass das Dogma von der Dreifaltigkeit, wie die Konzilien des 4. Jahrhunderts es formuliert haben, wirklich im Neuen Testament angelegt ist? Zweifellos eine der heikelsten Fragen der Dogmengeschichte. Während die katholische Theologie sich hier auf die Tradition als zweite Wahrheitsquelle neben der Bibel berufen kann, liegt darin für die protestantische Theologie mit ihrem "sola-scriptura"-Prinzip ein essentielles Problem. Jedenfalls für das konservative Spektrum in der protestantischen Theologie. Neuer und seine Mitautoren machen kein Hehl daraus, dass ihnen die Frage wichtig ist: Die Trinitätslehre sei "das einigende Band aller christlichen Kirchen".
Pfingsten im Rabbula-Evangeliar, 7. Jahrhundert - Bild: Wikipedia
Und, wäre hinzuzusetzen, neben der Menschwerdung und Auferstehung des Gottessohnes das unterscheidende Merkmal gegenüber den anderen monotheistischen Religionen, Judentum und Islam – das ist natürlich eine nicht bloß theologisch, sondern auch historisch relevante Fragestellung. Umfragen würden allerdings zweifellos zeigen, dass viele christliche Laien mit diesem Zentrum ihres Glaubens wenig oder nichts anzufangen wissen. Und auch bei Theologen stehen der "Heilige Geist" und der Dreifaltigkeitsgedanke wohl nicht gerade im Zentrum ihrer Reflexionen. Zurück zum historischen Hergang. Neuner kehrt die einflussreiche These des Kirchenhistorikers Adolf von Harnack vor einem Jahrhundert in ihr Gegenteil um: Das altkirchliche Dogma sei nicht "Frucht eines das Evangelium verfremdenden Hellenisierungsprozesses", sondern im Gegenteil Ergebnis einer "Enthellenisierung". Die philosophische Terminologie der Griechen mit ihrer unpersönlichen Auffassung des einen Gottes sei verwendet worden, um "dem biblischen Verständnis Gottes als einer Gemeinschaft der drei göttlichen Personen, Vater, Sohn und Heiliger Geist Ausdruck zu verleihen".
Diese These hängt natürlich daran, dass sich im Bibeltext tatsächlich das spätere Verständnis von drei göttlichen Personen wiederfinden lässt. Die Sache wird zusätzlich kompliziert durch den Umstand, dass bereits für den Text des Neuen Testaments selbst mit einem Einfluss der griechischen Popularphilosophie zu rechnen ist. Wie auch immer – im Vergleich mit der biblischen Geschichte vom Leben und vom Tod des Erlösers ist der "Heilige Geist" in zweitausend Jahren Christentumsgeschichte eine abstrakte Größe geblieben. Seit eh und je, seufzt der Religionsphilosoph Jörg Splett von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main, nehmen Prediger zu diesem Thema ihre Zuflucht zu Kirchenvater Augustinus, der meinte, ein Kind sei ja auch nicht imstande, mit einem Löffel das Meer auszuschöpfen.
Ein Gleichnis, das Theologen und Philosophen natürlich niemals gehindert hat, sich trotzdem daran zu versuchen. Die Frustration aus solchem Bemühen wird im Hintergrund von Martin Luthers Wort gestanden haben, die Vernunft sei "des Teufels Hure" und könne "nichts, als alles lästern und schänden, was Gott redet und tut". Weniger martialisch formulierte Luther es in seinem Katechismus: "Ich glaube, dass ich nicht aus eigener Vernunft noch Kraft an Jesum Christum, meinen Herrn, glauben oder zu ihm kommen kann, sondern der Heilige Geist hat mich durchs Evangelium berufen, mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten Glauben geheiligt und erhalten." Natürlich kann Luthers Rhetorik nicht verdecken, dass auch er selbst in seinen theologischen Argumentationen Vernunft in Anspruch nahm. Aber "Geist" meinte eben anderes und mehr als "Vernunft". Oder vielmehr meint, in der Gegenwartsform; der Tübinger Missionswissenschaftler Peter P. J. Beyerhaus verweist auf die charismatischen Strömungen der letzten Jahrzehnte.
In diesen Strömungen darf man wohl eine Reaktion auf das empiristische Wirklichkeitsverständnis der modernen Wissenschaft sehen – Darwin und Freud, um nur zwei prominente Namen zu nennen. Hier wünscht der Leser sich allerdings, dass die Theologen, die den Sammelband zusammengestellt haben, auch eine psychologische oder soziologische Analyse dieser Phänomene, sozusagen als Kontrapunkt, aufgenommen hätten. Beyerhaus verschweigt nicht, dass sich da auch innertheologisch die Aufgabe stelle, zwischen "Geist" und "Schwarmgeist" zu unterscheiden. Keine neue Erfahrung, bereits die Christen des 1. Jahrhunderts hatten sich damit zu plagen; eine Stelle im Neuen Testament warnt vor den "listigen Anläufen des Teufels", während es anderswo heißt, die Urgemeinde oder einzelne ihrer Mitglieder seien "voll Geistes" gewesen.
Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Porträt von Jakob Schlesinger, 1831, Nationalgalerie Berlin Bild: Wikipedia
Aber die Charismatiker von heute dürfen sich in alter Tradition sehen: Mit "Geist" oder "Heiliger Geist" war von jeher ein "Über die Vernunft hinaus" gemeint. Seit Augustinus wird dieses "Über hinaus" gern als "Liebe" bezeichnet. Und in diesem Aspekt liegt zweifellos eine Abkehr der spätantiken Kirche von der griechischen Philosophie. "Für Aristoteles liebt Gott nicht, weil Liebe nur als Sehnsucht eines Mangelhaften gedacht wird", erläutert Splett. Gott so etwas wie Liebe zuzuschreiben, würde also darauf hinauslaufen, dass er die Welt und den Menschen geschaffen habe – habe schaffen müssen –, um nicht allein zu sein. Ein Gedanke, der mit dem Gottesbegriff auch wieder unverträglich wäre. Und von hier schlägt Splett einen überraschenden Gedankenbogen zum Dreifaltigkeitsdogma: "Also muss Gott Liebe in sich selbst sein", Liebe zwischen drei innergöttlichen Personen.
Man müsste die frühchristlichen Theologen, bei denen sich das Trinitätsdogma entfaltet hat, näher daraufhin durchgehen, inwieweit diese Gedankenverknüpfung eine Rolle spielt. Die Frage ist nicht nur von theologischer Relevanz. Immerhin hat sich das gesamte abendländische Denken, speziell die moderne Wissenschaft in einer Kultur entwickelt, deren vorherrschende Religion in ihrem Monotheismus durch den Dreifaltigkeitsgedanken differenziert war. Könnte dieser Gedanke womöglich nötig gewesen sein, um die Welt – die vom Menschen zu erforschende Welt – als Schöpfung eines liebenden Gottes und dennoch im Einklang mit Gottes Allmacht denken zu können?
Eine Folgerung, die von Hegel stammen könnte. Seit Augustinus hatten christliche Autoren überall im Menschen und in der Welt Dreiheiten entdeckt, die mit der Trinität in Verbindung gebracht werden konnten: Sein, Erkenntnis, Leben, oder: Sein, Wissen, Lieben, oder: Gedächtnis, Erkenntnis, Willen. Hegel schloss daran an und systematisierte das Verfahren: Seele, Bewusstsein, Geist, oder: Logik, Natur, Geist, oder, ganz formal: These, Antithese, Synthese. Er verstand seine Dialektik, so die Religionsphilosophin Edith Düsing von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, ganz ernsthaft als Rettung des Christentums, nämlich der konkreten, geschichtlich sich entwickelnden christlichen Religion für die moderne Welt.
Rettung durch spekulative Umdeutung, und das vor allem beim Trinitätsdogma. "Was Luther als Glauben im Gefühl und im Zeugnis des Geistes begonnen, es ist dasselbe, was der weiterhin gereifte Geist im Begriffe zu fassen bestrebt ist", lautete Hegels Glaubensbekenntnis. Der Philosoph hielt sowohl dem Islam als auch dem alten Israel vor, Gott als den "absolut Einen" aufzufassen – und das hieß in Hegels Verständnis: als Inbegriff schrankenloser Macht, nicht oder doch erst in zweiter Linie als Weisheit und Güte. Inwieweit damit der jüdischen und der muslimischen Theologie Gerechtigkeit widerfahren ist, wäre in anderem Zusammenhang zu diskutieren. Träumte Hegel wirklich davon, so etwas wie ein moderner Kirchenvater des Protestantismus zu werden?
Friedrich Nietzsche nannte ihn zwei Generationen später den großen "Verzögerer" des modernen Atheismus, weil er das Vertrauen in die göttliche Vernunft gegen die Aufklärung verteidigte. Ganz geheuer war Hegel aber den christlichen Traditionalisten niemals: zuviel Spekulation, zu wenig Bibel, könnte man plakativ sagen. Heute freilich, das zeigt dieser Sammelband, weckt seine Dialektik das Interesse gerade konservativer Theologen: als Ansatz, einen Kerngedanken des Christentums für die moderne Welt zu retten.
Neu auf dem Büchermarkt: Geist und Heiliger Geist. Philosophische und theologische Modelle von Paulus und Johannes bis Barth und Balthasar, herausgegeben von Edith Düsing, Werner Neuer und Hans-Dieter Klein, Königshausen und Neumann, Würzburg 2009, ISBN 978-3-8260-3924-9, 39,80 €
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
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Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
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"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr