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25.02.2010 - TECHNIKGESCHICHTE

"... bis zu den staunenswürdigsten Maschinen"

Ein Blick auf Entwicklung und Stand der technikhistorischen Forschung

von Josef Tutsch

 
 

Aufsehen erregende Erfindung: das
Velociped (Zeichnung von Wilhelm
Wolf, 1890) - Bild: Wikkpedia

Technikgeschichte – es wird kaum eine andere Spezialdisziplin geben, die sich in unserem Wissenschaftsbetrieb so schwer tut. Historiker verstehen nicht unbedingt viel von Technik, und Techniker interessieren sich vermutlich mehr für gegenwärtig oder zukünftig anstehende Fragen als für die Vergangenheit. Aber es ist doch gar nicht zu bezweifeln, dass die Fähigkeiten des Menschen, seine Umwelt zu gestalten und umzugestalten, den Geschichtsverlauf ganz wesentlich geprägt haben, angefangen bei der Beherrschung des Feuers. Vielleicht ist die Technik sogar der einzige Bereich, bei dem sich alle Kulturen, Religionen und Ideologien über eine historische Bilanz einigen können: Da hat es über die Jahrtausende hinweg einen stetigen Fortschritt gegeben – wobei sich über die Bewertung dieses "Fortschritts" allerdings gleich wieder streiten lässt.

Wolfgang König, Technikhistoriker an der TU Berlin, hat jetzt eine Sammlung von Texten zur Entwicklung und zum Stand dieser vernachlässigten Disziplin erstellt. Die ersten Ansätze, den Stellenwert der Technik in der Geschichte zu reflektieren, hat König in der französischen "Encyclopédie" Mitte des 18. Jahrhunderts gefunden. 1772 lobte der Göttinger Forscher August Ludwig Schlözer in seiner "Universalgeschichte" jene Historiker, welche "die Erfindung des Feuers und Glases" stärker gewichten als "die Balgereien der Spartaner mit den Messeniern sowie die der Römer mit den Volskern".

Aber gerade in Deutschland wurde die Technikhistorie, so König, im 19. Jahrhundert "weitgehend aus der Geschichtsschreibung verbannt". "Der Neuhumanismus rückte das ‚Geistige’ in den Mittelpunkt und nahm die den Materialismus verkörpernde Technik höchstens noch als Bedrohung zeitloser kultureller Werte wahr; Die Nationalgeschichtsschreibung konzentrierte sich auf die ereignisgeschichtlich dargebotenen ‚Haupt- und Staatsaktionen’". Auf der anderen Seite: "Je praxis- und zukunftsorientierter die Ingenieurwissenschaften wurden, desto mehr verloren sie das Interesse an der Technikgeschichte."

Der wahrscheinlich erste Fall, dass Technik zu einem zentralen Gegenstand der Geschichtsschreibung wurde, liegt noch keine drei Generationen zurück: Die "Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert" von dem Karlsruher Historiker Franz Schnabel; ein ganzer Band war mit "Erfahrungswissenschaften und Technik" überschrieben. Schnabels Verhältnis zum technischen Fortschritt scheint recht ambivalent gewesen zu sein. Er würdigte die Technik als "wichtigste Bahnbrecherin auf dem Weg zur Demokratisierung der abendländischen Kultur", fürchtete aber auch negative Folgen – die ökologische Diskussion der letzten Jahrzehnte hätte ihn wohl nicht sonderlich überrascht.

Archimedes setzt mit Parabolspiegeln
römische Schiffe in Brand, aus dem
"Thesaurus opticus" von 1572
Bild: Wikipedia

Die akademische Institutionalisierung brachten aber erst die 1960er Jahre. Auf dem Historikertag 1962 in Duisburg wurde erstmals eine technikgeschichtliche Sektion organisiert; an vielen Universitäten wurden technikgeschichtliche Professuren eingerichtet. Ob sie alle, im Unterschied zu so manchem anderen "Orchideenfach", die jüngsten Sparmaßnahmen überlebt haben? Die heute so beliebte Prüfungsmethode, Wissen in Form von "multiple choice" abzufragen, wird den Stellenwert der Technikgeschichte nicht gerade gesteigert haben. Technische Erfindungen oder Einführungen vollziehen sich eben nicht derart punktuell wie Schlachten oder Thronbesteigungen. Zum Beispiel die populäre Datierung der "Industriellen Revolution" auf 1769, die Genehmigung des Dampfmaschinenpatents von John Watt. "Hier steht ein mühsam gesuchtes Datum für einen Prozess", heißt es in einem der Aufsätze des Sammelbandes.

Aber wie kommen solche Prozesse eigentlich zustande? Karl Marx betonte immer wieder, nicht die Dampfmaschine habe die industrielle Revolution hervorgerufen, sondern umgekehrt hätten die ökonomischen Bedürfnisse in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die "revolutionierte Dampfmaschine notwendig gemacht". Eine Aussage, die zweifellos nicht falsch war, stellte 1972 in einem Aufsatz zur Grundlegung der Technikgeschichte der Historiker Reinhard Rürup fest. Aber dass es Bedürfnisse gibt, heißt ja noch lange nicht, dass sie auch befriedigt werden. Es müssen gleichzeitig Kenntnisse von den Naturabläufen vorhanden sein, die sich in Fertigkeiten und Maschinen umsetzen lassen.

Worauf begründet sich die Bereitschaft einer Gesellschaft – also nicht bloß der ökonomisch gerade interessierten Kreise – zum Wandel? Wie ist technischer Fortschritt übertragbar und mit welchen Nebenfolgen? Warum gab es Maschinenstürmerei in England in größerem Ausmaß, in Deutschland dagegen kaum und in den USA gar nicht? Nur einige der Fragen, die Rürup vor fast vierzig Jahren der Technikgeschichte aufgab. Einer "sozialwissenschaftlich orientierten Technikgeschichte", wie Rürup zu betonen nicht müde wurde, als "Teil einer historischen Sozialwissenschaft".

Andererseits, darauf wiesen wenige Jahre später die beiden Historiker Ulrich Troitzsch und Wolfhard Weber hin, gewannen Forscher der verschiedensten Richtungen – auch Marxisten – immer wieder den Eindruck, die technische Entwicklung habe doch eine gewisse Eigenständigkeit; pessimistisch formuliert, wurde daraus das Bild von einem Zug, der sich nicht oder nicht mehr steuern lässt, sondern unaufhaltsam dem Abgrund entgegen rast. Mindestens zwei Punkte sprechen jedoch dagegen, dass Erfindungen in jedem Fall in größerem Maßstab praktiziert werden. Erstens wird jedes einzelne Unternehmen sehr handfest prüfen, welche Innovationen eingeführt werden sollten: nur solche, von denen sich mit einiger Gewissheit Rentabilität erwarten lässt.

Schematische Darstellung von
James Watts Dampfmaschinen-
aparatur
Bild: J.A.Ewing, Dr. Mirko Junge
Und zweitens wird vermutlich auch heute noch mancher Praktiker jene sarkastische Aussage des englischen Ingenieurs Thomas Tredgold 1822 unterschreiben, die sich in einem Aufsatz des Technikhistorikers Armin Hermann von 1976 findet: "Die Festigkeit eines Gebäudes verhält sich umgekehrt zur Gelehrsamkeit des Baumeisters." Aber natürlich gibt es auch die umgekehrte Haltung: "Gelehrte werden Gewerbe erheben helfen", verkündete im 18. Jahrhundert zukunftsfroh der Göttinger Professor Johann Beckmann.

Technikgeschichte – eine Spezialdisziplin, die nicht nur auf der Schnittstelle von Technologie einerseits, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte andererseits liegt, sondern auch von geschichtstheoretischen und geschichtsphilosophischen Voraussetzungen geprägt ist. In einem Aufsatz von 1970 hat der Historiker Jörn Rüsen die "Väter" der modernen Technikgeschichtsschreibung im 19. Jahrhundert unter die Lupe genommen. Da ist zum einen Jacob Burckhardt, der Klassiker der Kulturgeschichte. In seinen Schriften kommt Technik zwar eher beiläufig vor, aber in einer höchst ambivalenten Rolle: einerseits als Triebkraft der Emanzipation, aber andererseits auch als eine Sprengkraft, die das Leben zum "Geschäft" zu pervertieren droht.

Schnabel hat es zwei Generationen später ähnlich ambivalent gesehen. Dagegen wollte Johann Gustav Droysen die Rolle der Technik im Prozess der Verwirklichung menschlicher Freiheit vorbehaltlos würdigen: "Das denkende Ich baut sich für seine Zwecke, die Bereiche seiner Sinneswahrzeuge und ihre Kraft zu steigern, aus den Stoffen der Natur und ihren erkannten Gesetzen Werkzeuge aller Art, bis zu den staunenswürdigsten Maschinen." Rüsen macht darauf aufmerksam, dass selbst ein Leopold von Ranke, der den Fortschrittsgedanken der Aufklärung kritisch destruierte, ihn für die "Erkenntnis und Beherrschung der Natur" gelten ließ.

Inwieweit diese wachsende Naturerkenntnis und Naturbeherrschung auch in anderen Bereichen Fortschritt mit sich bringt, bleibt eine offene Frage. Wird sich im Gefolge der modernen Technik auch die liberale Demokratie weltweit verbreiten? Die Beispiele Japan und Indien geben Hoffnung, dass es irgendwann auch in China und in den islamischen Ländern soweit sein könnte.

Chance oder Bedrohung? Brief-
marke zur Kernkraft, 1964
Bild: Wikipedia

Aber das gehört wohl mehr in die Futurologie als in die historische Wissenschaft. In Europa und Nordamerika scheint die Stimmung gegenüber der Technik heute merkwürdig gespalten. Einerseits ökologisches Krisenbewusstsein: Dass es den technischen Fortschritt wirklich gegeben hat, wird nicht bezweifelt; aber herausgekommen wäre statt der Befreiung des Menschen die Erhöhung des Kohlendioxidausstoßes. "Die im Laufe der Geschichte gewaltig vermehrte technische Verfügungsmacht hat die Möglichkeit geschaffen dass der Mensch gerade wegen seiner Technik wieder von der Erde verschwinden werde", resümiert König.

Und andererseits die Suche nach immer neuen Innovationen, in einem immer hektischer werdenden globalen Wettbewerb. Natürlich lässt sich beides auch miteinander verbinden. "Nur eine Waffe taugt", zitieren Traditionalisten dann gern Richard Wagners "Parsifal": "Die Wunde heilt der Speer nur, der sie schlug." Aber ganz unmystisch gefragt: Gibt es andere Mittel, die technisch verursachte oder doch mitverursachte Krise zu bewältigen als jene, die uns der menschliche Erfindungsgeist an die Hand gibt?


Neu auf dem Büchermarkt:
Technikgeschichte,
herausgegeben von Wolfgang König,
Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2010, ISBN 978-3-515-09356-9, 24,00 € [D], 24,70 € [A], 40,80 sFr



Mehr im Internet:
Technikgeschichte - Wikipedia 
TU Berlin, Institut für Philosophie, Wisenschafts- und Technikgeschichte




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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