Identifikationsspiele mit einem sagenhaften Mittelalter
Zwischen Lesevergnügen und politischem Kalkül - Auf der Suche nach König Artus
Josef Tutsch
König Artus in der Schedelschen Welt-
chronik, 1493 - Bild: Wikipedia
König Richard hatte große Pläne. Nachdem er im September 1189 den englischen Thron bestiegen hatte, wollte er sobald wie möglich zu einem Kreuzzug ins Heilige Land aufbrechen. Aber die Vorbereitungen dauerten ... Vielleicht war es Henry de Sully, Abt des Klosters Glastonbury im Südwesten Englands, der dem König eine Idee eingab: Warum der Reise übers Meer nicht eine Reise in die Vergangenheit vorschalten? 1191 begann in den Sümpfen von Glastonbury das, was man heute eine archäologische Grabung nennen würde. Gesucht wurde nach Zeugnissen eines sagenhaften Vorgängers auf dem Königsthron und Urvaters der Plantagenet-Dynastie. Und man wurde fündig. Auf einem alten Friedhof kamen zwei Gebeine ans Tageslicht, von dem "berühmten König Artus", wie die lateinische Inschrift auf einem beigelegten Kreuz versicherte, und von seiner Frau Guinevre.
So erzählt es der Germanist Jürgen Wolf von der Technischen Universität Berlin in seiner jetzt erschienen Studie über die Entwicklung des Artus-Mythos seit dem frühen Mittelalter. Ein Schelm, wer den Vorgang von 1191 mit den Maßstäben heutiger wissenschaftlicher Ethik messen wollte. König Richard – wenige Jahre später brachten ihm seine kriegerischen Heldentaten den Beinamen "Löwenherz" ein – wollte seiner Herrschaft eine unangreifbare Legitimation verschaffen. Und was passte da besser als das Gebein dieses berühmtesten aller englischen Könige? Artus hatte wirklich gelebt; das Grab mit der Inschrift war geeignet, alle Zweifler verstummen zu lassen. Und, dieser Nebenaspekt wird in Richards Augen nicht ganz unwichtig gewesen sein, er war gestorben. In England kursierten Gerüchte, er sei nach sechs- oder siebenhundert Jahren immer noch am Leben und werde demnächst wieder die Herrschaft übernehmen.
König Artus und die Ritter seiner Tafelrunde – wahr oder erfunden? Viel klüger als die Zeitgenossen des Richard Löwenherz seien wir heute auch nicht, stellt Wolf zum Schluss seiner Studie fest. Und der Phantasieaufwand bei der Bearbeitung historischer Stoffe scheint seitdem auch nicht viel kleiner geworden zu sein. 1994 brachten zwei angelsächsische Forscher wieder mal die Theorie aufs Tapet, Artus sei "in Wirklichkeit" ein römischer Offizier namens Lucius Artorius Castus gewesen, Beweis: die übereinstimmenden Buchstaben in den beiden Namen, Mit seinen "Rittern" aus der südrussischen Steppe habe er in Britannien Dienst getan und am Ende eine keltische Prinzessin geheiratet. Zehn Jahre später wurde diese Story unter dem Titel "King Arthur" aufwendig verfilmt. Ein Kritiker der "Süddeutschen Zeitung" sprach zurückhaltend von der "Sehnsucht Hollywoods, seine Stoffe mit dem Gütesiegel geschichtlicher Korrektheit zu versehen", und meinte, immerhin sei das Ergebnis "nicht so schlimm wie, sagen wir, Sean Connery als King Arthur und Richard Gere als Ritter Lancelot".
König Artus in der Innsbrucker Hof- kirche, von Peter Vischer, 1512 Bild: Wikipedia
Nun ja, man kann es auch anders sehen. Wenn – in "First Knight", 1995 – sich Julia Ormond als Guinevre mit Richard Gere zum Ehebruch trifft, während Sean Connery ahnungslos daneben steht, spielen historische oder pseudohistorische Ansprüche kaum eine Rolle; da stellt sich dann auch nicht die Frage, wie "schlimm" manches an der Story, streng geschichtswissenschaftlich betrachtet, eigentlich wäre. Unsere Probleme mit der Pseudohistorie sind übrigens keineswegs neu. Im frühen 12. Jahrhundert wurde der "Historia regum britanniae" des Geoffrey of Monmouth vorgeworfen, Lügengeschichten über Artus zu verbreiten. Allerdings nur in der Darstellung einzelner Episoden; grundsätzlich wurde Geoffreys Geschichtskonstruktion, die sich an Vergils "Aeneis" anlehnte, nicht in Frage gestellt: Nachkommen der alten Trojaner hätten auf dem Umweg über Rom nach Britannien gefunden und an der Themse ihr neues Troja gegründet. Die Sagenwelt um König Artus wurde auf diese Weise umstandslos an die griechisch-römische Mythologie angeschlossen.
Ganz so weit greifen die Hollywoodfilme heute denn doch nicht aus. Als Richard Löwenherz zur Regierung kam, hatte Geoffreys Geschichtsbild in England nahezu offiziellen Charakter angenommen. Kein Wunder, dass sich am Königshof das Bedürfnis regte, etwas materiell Greifbares präsentieren zu können. Es war die Zeit, wo der Reliquienkult aufblühte. 1164 hatte der deutsche Kanzler Reinald von Dassel in Mailand die Gebeine der heiligen Drei Könige erbeutet und nach Köln überführen lassen, ein Jahr später ließ Kaiser Friedrich Barbarossa seinen Vorgänger Karl den Großen heilig sprechen – zwei Berufungen auf Geschichte, die in ihrer Repräsentativität schwer zu überbieten waren, auch wenn Richard darauf gehofft haben mag, im Heiligen Land die eine oder andere Reliquie zu erwerben. Es scheint plausibel, dass solche Gedanken auch hinter der Ausgrabung von 1191 gestanden haben könnten. Artus galt als vorbildlicher christlicher Held. In einer seiner Schlachten, erzählte die Legende, habe er das Kreuz Christi auf den Schultern getragen.
"Politische Theologie" hat man so etwas später genannt, Übertragung theologischer Denkmuster auf politische Zusammenhänge. Aber natürlich wäre es zu kurz gegriffen, betont Wolf, wollte man die Faszination, die Artus und seine Tafelrunde heute wie im Mittelalter ausüben, auf solche Interessen reduzieren. Im Artushof finden vor allem jugendliche Leser bis heute ihr ideales Selbstbild widergespiegelt, und natürlich machen die spannend erzählten Geschichten auch ganz einfach Vergnügen. Moderne Bibliographien, berichtet der Forscher, verzeichnen seit dem 6. Jahrhundert um die 4.000 Einträge zunächst aus Literatur und Geschichtsschreibung, später dann auch aus Kunst, Spielen, Musik, Comics und Filmen. In den 1120er, 1130er Jahren schnellte die Kurve plötzlich hoch, und zwar zunächst in England – hinter dieser Konjunktur mag tatsächlich auch das dynastische Interesse der Plantagenet gestanden haben.
Tod des Königs Artus, von James Archer ((1842-1901) Bild: Wikipedia
Aber bereits um die Jahrhundertmitte wurden die Geschichten um Artus auch auf dem Kontinent populär. Zwischen 1160 und 1220 schrieben Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach ihre "klassischen" Artusromane. "Wenn ich euch eine Geschichte vom Hof des Königs Artus erzählen will, da macht ihr die Ohren auf und lauscht begierig", ließ Caesarius von Heisterbach in den 1220er Jahren einen Abt klagen, "aber wenn ich euch von Gott reden will, dann schlaft ihr!" Im 14. Jahrhundert flachte die Kurve langsam ab, stieg zur Zeit der Romantik jedoch wieder sprunghaft an. Den Höhepunkt brachte erst die Unterhaltungsindustrie der modernen Zeit. Fast 200 Filme wurden bis heute gezählt.
Artus gehört zu unserer "Erinnerungskultur", und da gibt es eben sehr verschiedene Sichtweisen. Auch heute noch wollen viele Leser oder Zuschauer wissen, wie es "wirklich" gewesen ist, und das war schon im Mittelalter nicht anders. Die Geschichtsepen des Chrétien de Troyes, erklärt Wolf, wurden heftig kritisiert, weil manche Leser darin zu viel Dichtung und zu wenig Geschichte zu finden meinten. Auch dem Mittelalter, so Wolf, dürfe man getrost die Fähigkeit zutrauen, zwischen Wissen und Fabelei zu unterscheiden. Anscheinend war es aber gerade der ungeheure Erfolg des Stoffkreises, der die Zweifel immer wieder nährte. Mit der Menge der Bearbeitungen wuchs nicht nur die Zahl der Helden sprunghaft an, die den Artushof bevölkerten, sondern auch die Zahl der Unterschiede und Unstimmigkeiten.
"Mythos und Wahrheit" hat Wolf seine Studie im Untertitel benannt, und das hat man wohl so zu verstehen, dass die "Mythen" um König Artus eben nicht "Wahrheit" sind. Die Dichter lügen zuviel, so klagten schon die Philosophen im alten Griechenland. Fast anderthalb Jahrtausende Artusromane und Artusfilme – nichts weiter als Lügengespinste, ernst zu nehmen allenfalls, indem sie manchmal zu Zwecken politischer Propaganda genutzt werden konnten? Das Thema schreit nach einer näheren Reflexion über das Verhältnis von Kunst und Geschichte, Kunst und Politik, sei es auch nur als Ruhepunkt in einer turbulenten Tour durch die Geschichte. Wolf hat darauf verzichtet, warum auch immer. Ein Fall aus dem 19. Jahrhundert, Mark Twains "Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof", zeigt, dass es möglich ist, die Frage der historischen Authentizität mit souveränem Desinteresse zu behandeln. Richard Wagner studierte bei den Vorarbeiten zu seinem "Parsifal" zwar intensiv die alten Texte, kam jedoch zu dem Schluss, das sei alles höchst unzureichend und er wolle sich lieber sein eigenes "Mittelalter" erdenken.
Moderne Bearbeitung im Film "First Knight" von Jerry Zucker mit Sean Connery und Richard Gere aus dem Jahr 1995
Darf man mittelalterlichen Dichtern solche Souveränität ganz und gar nicht zutrauen? Natürlich versicherten die Bearbeiter immer wieder gern, ihre Fassung sei nun endgültig die "richtige". Inwieweit solche Behauptungen ernst gemeint waren oder pure Camouflage oder auch bloß konventionelle Floskel, ist schwer zu sagen. Kein Mensch könne "vernünftigerweise leugnen, dass es einen König dieses Landes namens Artus gegeben hat", schrieb um 1470 Thomas Malory in "Le morte d’Arthur", einer enzyklopädischen Zusammenfassung des gesamten Sagenkreises: Schließlich sei in Kloster Glastonbury sein Grabmal zu sehen, in Westminster ein Abdruck seines Siegels, in Winchester Castle die Runde Tafel "und vieles andere mehr". Wolf nennt Malory einen "Artusforscher". Aber man darf ja die Frage stellen, ob dieser Literat nicht auch ein großer Ironiker war.
Moderne Wissenschaftler jedenfalls haben seine Behauptungen wörtlich genommen und penibel überprüft. So ergaben dendrochronologische Untersuchungen, dass das Holz der Tafelrunde nicht im 5. oder 6., sondern erst im 13. Jahrhundert geschlagen wurde – vermutlich im Auftrag von König Heinrich III., der seine eigene Herrschaft durch das sichtbare Relikt des Mythos stützen wollte. Nicht anders als drei Jahrhunderte später Heinrich VIII., der seinen gesamten Hof mit Statuen, Gemälden und Accessoires auf "arturisch" stilisierte und seinen Rittern arturische Helden zu Paten gab. Von dem sagenhaften Ahnherrn wurde ein Porträt angefertigt, das natürlich die Züge des regierenden Königs aufwies.
Aber die Artuswelt war auch ohne direkte dynastische Interessen ein attraktives Identifikationsmodell. Nicht nur die Romane, auch Tafelrunden und Turniere nach arturischem Vorbild waren in ganz Europa beliebt; den ältesten Beleg für eine "Artusrunde" hat Wolf 1223 in Zypern gefunden. Am Grabdenkmal Kaiser Maximilians in der Innsbrucker Hofkirche können die Touristen heute noch eine überlebensgroße Bronzestatue aus dem Jahr 1512 bewundern – das Idealbild eines christlichen Ritters. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte die "Schedelsche Weltchronik", die große Geschichtsenzyklopädie des deutschen Spätmittelalters, in aller Selbstverständlichkeit vermerkt, Artus sei "der Britannier König gewesen".
Ritterschlag für Prinz Eisenherz: die Comicserie von Hal Foster erschien 1937 bis 1978
Heute würde man das, was der Historiker Hartmann Schedel da bot, "Infotainment" nennen, eine Mischung von Information und Entertainment. Eine Mischung, gegen die ja auch gar nichts einzuwenden wäre, müsste man nicht manchmal den Verdacht haben, eine unterhaltsame Desinformation würde soliden, aber nicht ganz so aufregenden Informationen vorgezogen. Und oft geht es nicht nur um Information, sondern auch um praktische Orientierung. Wahrscheinlich, meint Wolf, machte sich bereits Heinrich VII. Tudor, als er 1485 die Herrschaft usurpierte, eine alte Prophezeiung aus dem Sagenkreis um Artus zu nutze: Der König werde dereinst wiederkommen und erneut den Thron bestiegen. Gerade damals hatte die Inschrift auf dem Bleikreuz, das Richard Löwenherz "gefunden" hatte, bei den zeitgenössischen Literaten, zum Beispiel Malory, eine leicht erweiterte Version erhalten, mit der sich auch Veränderungen legitimieren ließen. Statt "Hier liegt der berühmte König Artus" hieß es nun "Hier liegt Artus, einst und zukünftig König".
Neu auf dem Büchermarkt: Jürgen Wolf: Auf der Suche nach König Artus. Mythos und Wahrheit, Primus Verlag, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2209, ISBN 978-3-89678-657-9, 29,90 €
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