"Eine tausendjährige Reihe von fortwährenden Verbrechen, Schwächen, Niederträchtigkeiten und Charakterlosigkeit, das schauderhafteste und deswegen uninteressanteste Bild." Das vernichtende Urteil, das der Philosoph Hegel in den 1820er Jahren seinen Hörern über das Byzantinische Reich vortrug, entspricht sicherlich nicht dem, was das historisch interessierte Publikum von heute denkt. Aber, Hand aufs Herz, es fällt uns schwer, dem Phänomen "Byzanz" gerecht zu werden. Diese Kultur ist uns fremd geworden – viel fremder als das gleichzeitige Mittelalter in Westeuropa, in dem wir doch Ansätze für die Neuzeit zu erkennen glauben. Und fremder auch als die Kulturen des Nahen und des Fernen Ostens, von denen wir zunächst einmal nicht erwarten, dass ihre Entwicklung der europäischen entspricht.
Aber Vorurteile sind dazu da, korrigiert zu werden. Eine Gelegenheit bietet jetzt die Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn: über 500 Exponate aus aller Welt – prachtvolle Kunstwerke wie Ikonen und Elfenbeintafeln, aber auch unscheinbare Alltagsgegenstände von Bleisiegeln bis zu Waffen. An manchem Stück wird der flüchtige Besucher achtlos vorbeigehen, etwa an einem Aktenstück aus der kaiserlichen Kanzlei, geschrieben im 5. Jahrhundert, also zu einer Zeit, in der wir dieses Reich noch als "oströmisch" bezeichnen würden: Ein ägyptischer Bischof hatte um militärischen Schutz für die ihm anvertrauten Kirchen gebeten. Offenbar mit Erfolg, wie eine Notiz auf dem Blatt zeigt.
Es wird in diesen eintausend Jahren viele solcher Bitten gegeben haben. Im Rückblick betrachtet, sind die tausend Jahre byzantinischer Geschichte die Geschichte eines lang währenden Untergangs. Aber eben nicht nur, wie die Bonner Ausstellung zeigt. Während des frühen und hohen Mittelalters blühte am Kaiserhof in Konstantinopel eine Kultur, die bei Besuchern aus dem Westen Bewunderung und Neid weckte – und dann eben auch Beutegier nach den goldenen Schmuckstücken und schimmernden Seidengeweben; dass sich der 4. Kreuzzug 1204 gegen Byzanz richtete und nicht, wie ursprünglich geplant, gegen die muslimischen Staaten in Syrien, ist nur aus diesem Kulturgefälle zu erklären.
00 Exponate aus einem ganzen Jahrtausend – ein übervolles Programm, das sich die Bonner Kunsthalle da aufgeladen hat; kein Wunder, dass die großen Linien manchmal nur etwas schwach herauskommen. Welche Auswirkungen hatte der Jahrhunderte währende Bilderstreit – also die Frage, ob Bilder Christi und der Heiligen verehrt werden dürften – auf die Kunstproduktion? Die Auseinandersetzungen damals spiegeln sich etwa in einer Handschrift, die aus dem Moskauer Historischen Museum nach Bonn gekommen ist, dem Chludov-Psalter. Er wurde von einem Anhänger der siegreichen Bilderfreunde geschrieben; wie die Bildergegner argumentierten, lässt sich nur noch mühsam rekonstruieren.
Oder: Inwieweit stand die bildende Kunst in ungebrochener Kontinuität zu jener des "klassischen Altertums" – vergleichbar der staatsrechtlichen Konstruktion, derzufolge dieses byzantinische Reich bis zu seinem Ende 1453 ja eigentlich ein "römisches" war, das Reich der "Rhomäer"? Da zeigen Beispiele der Buchmalerei, dass "klassizistische" Rückgriffe und spirituelle, abstrahierende Tendenzen problemlos nebeneinander bestehen konnten. Natürlich sind es Stücke aus der hauptstädtischen Produktion der Frühzeit, der Antike noch nahe, die dem modernen Geschmack am ehesten entgegenkommen, zum Beispiel eine in Liverpool aufbewahrte Elfenbeintafel mit einer sehr lebensvollen Jagdszene aus dem 5. Jahrhundert.
Ein ganz anderes Bild zeigt ein Marmorrelief aus der griechischen Provinz des 13. Jahrhunderts: offenbar eine Theaterszene, eine Tänzerin und ein musizierende Pferdemensch, in naivem, beinahe möchte man sagen: ungeschicktem Stil. Natürlich betraf dieses Nebeneinander nicht nur die Kunst. Die Florentiner Biblioteca Medicea Laurenziana hat die berühmte "Topographie" von Kosmas "dem Indienfahrer" zu der Ausstellung beigesteuert. Eine Illustration zeigt, wie viele sich damals die Welt vorstellten: als dreistöckiges Gebäude, unten Erde und Meer, oben der unsichtbare Himmel, die Wohnung Gottes, als eine Art Zwischendecke der uns sichtbare Himmel mit den Sternen.
In einer Vitrine findet sich eine der größten Kostbarkeiten der abendländischen Literatur, die "Anthologia Palatina" aus Heidelberg: Im 10. Jahrhundert hatte ein Hofgeistlicher in Konstantinopel Tausende altgriechischer Verse gesammelt, darunter so manches Erotische, was der fromme Herr vielleicht doch mit Stirnrunzeln gelesen hat – zweifellos wäre ohne Byzanz viel weniger vom antiken Erbe der modernen Welt überliefert worden. "Vom Standpunkt der Geschichtswirksamkeit sind wir alle Erben von Byzanz und seiner Kultur", schreiben der Kurator der Ausstellung, Falko Daim vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum im Mainz, und der Intendant der Bonner Ausstellungshalle, Robert Fleck, im Vorwort zum Katalog.
Und im Rahmen dieses Erbes kamen eben auch die sehr weltlichen Belange nicht zu kurz. In Bonn ist eine Rekonstruktion des Hippodroms zu sehen, im Maßstab 1:100 – Pferderennen hatten einen ähnlichen gesellschaftlichen Rang wie bei uns das Fußballspiel. Und ein Glücksspielautomat aus Marmor: "Über die Kugelbahn und durch die innen liegenden Kanäle", erläutern die Ausstellungsmacher, "rollten vier Kugeln in den Farben der Zirkusparteien, die sich unentwegt vermischten. Die zuerst eintreffende Kugel bezeichnete den Sieger."
Was die künstlerische Produktion angeht, werden viele der Klöster dem Hof kaum nachgestanden haben. Die Ausstellung zeigt einige sehr frühe, ungemein ausdrucksvolle Ikonen aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai, die heute in Kiew aufbewahrt werden. Aber auch Zeugnisse magischer Praxis: Ein ägyptischer Papyrus bietet einen Beschwörungstext, mit dem sich Liebe erzwingen ließ; beigelegt waren ursprünglich zwei Wachspuppen, die einander umarmten – Voodoo-Zauber auf byzantinisch, wenn man so will.
Byzanz hatte auch seine Provinz, bestand nicht nur aus einer immer mehr eingeschnürten Metropole, darin liegt wohl der ungewohnteste Aspekt dieser Ausstellung. So dokumentieren Funde aus Ephesos das Alltagsleben in einer der größeren Städte. Sogar eine Steuerquittung wird gezeigt; aber ein Ölkrug aus Bronze, um 400, also noch spätrömisch, zieht doch mehr das Interesse auf sich: ein kleiner Bär, kaum vierzehn Zentimeter hoch. Aus Serbien sind archäologische Grabungen in der Planstadt Iustiniana Prima dokumentiert, die dort im 6. Jahrhundert als Grenzbefestigung angelegt worden war; ohne großen Erfolg, nach achtzig Jahren mussten die byzantinischen Truppen diese Region räumen.
Natürlich wäre eine solche Ausstellung nicht vollständig ohne einen Blick auf die Nachbarn, vor allem auf jenen Nachbarn, der weltgeschichtlich Epoche gemacht hat, die Kiewer Rus, die sich 988 zum Christentum nach byzantinischem Ritus bekehrten. Einige ausgewählte Stücke aus der Ukraine belegen den Einfluss der Metropole am Bosporus auf Osteuropa. Das Fortleben des byzantinischen Erbes im westlichen Europa kann dagegen nur angedeutet werden. Bislang dachte man dabei vor allem an die Arbeit byzantinischer Gelehrter im Italien der Frührenaissance. Der Ausstellungskatalog verweist auf einen anderen Aspekt: Im 16. Jahrhundert ging Venedig dazu über, auf seinem Territorium die orthodoxe Kirchenorganisation zu tolerieren; es gab ganze Künstlerschulen, die Ikonen im byzantinischen Stil produzierten und in den Orient exportierten.
Den schwersten Schlag scheint das Nachleben der byzantinischen Kultur ausgerechnet durch die philhellenistische Bewegung der 1820er Jahre erlitten zu haben. "Die Wegbereiter des Unabhängigkeitskampfes", berichtet Dimitris Apostolopoulos, "standen unter dem Einfluss der Aufklärung und beriefen sich auf die Demokratie des antiken Griechenland, nicht auf das autoritäre Byzanz" – was das moderne Griechenland bekanntlich nicht daran gehindert hat, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein den Anspruch auf eine Rückeroberung der Kaiserstadt aufrechtzuerhalten; einer der Athener Sportclubs nennt sich bis heute "Sportvereinigung Konstantinopel" und trägt den byzantinischen Doppelkopfadler im Wappen.
Da ist in unserem historischen Kategoriensystem wohl noch so manches zu überdenken. Das letzte Stück der Ausstellung ist eine Chronik des griechisch schreibenden Historikers Kritoboulos von Imbros, der die Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen und die folgenden Bemühungen um Wiederaufbau und Wiederbesiedlung der Stadt würdigte. Eine Schmeichelei, sicherlich, aber vielleicht nicht nur. Dass Sultan Mehmet II. den winzigen Rest des byzantinisches Kaiserreichs militärisch und politisch beseitigte, heißt ja nicht, dass er auch Kultur und Religion den Garaus machen wollte.
Mehmets weltlicher Nachfolger, wenn man das so ausdrücken darf, der türkische Staatspräsident Abdullah Gül, hat übrigens gemeinsam mit Bundespräsident Horst Köhler die Schirmherrschaft der Ausstellung übernommen. Eine Schirmherrschaft, die in dieser Zweierkombination aber doch fragmentarisch bleibt, wie den Ausstellungsmachern offenbar bewusst war "Vom seinerzeit beherrschten Territorium betrachtet, dürfen sich heute Griechenland und die Türkei als direkte Erben Ostroms fühlen", stellen Fleck und Daim diplomatisch fest. Aber es gilt eben auch: "Vom Standpunkt der Geschichtswirksamkeit sind wir alle Erben von Byzanz und seiner Kultur."
Ausstellung: Byzanz – Pracht und Alltag, in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Museumsmeile Bonn, bis 13. Juni 2010
Neu auf dem Büchermarkt: Byzanz – Pracht und Alltag, herausgegeben von der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland. Hirmer Verlag, München 2010, ISBN 978-3-7774-2531-3, 42,- € , 67,90 sFr
First Solar und Vestas enttäuschen mit Q1-Zahlen. Die RENIXX-Schwergewichte First Solar und Vestas haben die Geschäftszahlen für das erste Quartal 2011 vorgelegt und dabei die Erwartungen der Anleger nicht erfüllen können. Beide Aktien geben im frühen Handel nach und ziehen den RENIXX unter die Marke von 520 Punkten.
Fukushima 1: Arbeiter wagen sich in Reaktorgebäude 1. Erstmals seit der Zerstörung am 11. März 2011 haben nun Arbeiter des Betreibers Tepco das Gebäude von Reaktorblock 1 betreten. Sie sollen Filtersysteme einbauen um die radioaktiv verseuchte Luft im Gebäude zu reinigen. Sie dürfen sich jedoch nur jeweils 10 Minuten im Gebäude aufhalten. Drei Gruppen sollen sich mit dem Einbau abwechseln.
Q-Cells Vorstandsmitglied Rauter hat sein Amt auf eigenen Wunsch mit sofortiger Wirkung niedergelegt. Der Aufsichtsrat der Q-Cells hat dem in seiner Sitzung am 4. Mai entsprochen. Gerhard Rauter (53) war seit Oktober 2007 als Chief Operation Officer (COO) für Q-Cells tätig und zuletzt für Produktion und Technologie verantwortlich.
Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
Neue Hinweise für eine Virus- Beteiligung bei Prostatakrebs glauben US-Forscher gefunden zu haben. Sie haben das Virus XMRV bei fast jedem dritten untersuchten Prostata-Krebspatienten gefunden. Sollte das Virus der Auslöser sein, könnte man eine Impfung entwickeln wie gegen Gebärmutterhalskrebs.
Im Dschungel von Papua-Neugui- nea entdeckten Wissenschaftler vom Smithsonian Nationalen Museum für Naturkunde in Washington ein Nagetier, das die Größe eines Dackels erreicht. Die Riesenratte misst gut 80 Zentimeter und wird anderthalb Kilogramm schwer.
Der Schwanz, den Geckos auf der Flucht vor Verfolgern abwerfen, kann noch bis zu einer halben Stunde lang tanzende Bewegungen vollführen und den Feind auf diese Weise ablenken, so Zoologen der Clemson University in South Carolina.
Auf Kuba wurden die fossilen Reste eines riesigen Krokodils gefunden, das vor 20 Millionen Jahren gelebt haben soll. Das zehn Meter lange Skelett wurde in der Provinz Sancti Spiritus entdeckt.
In einem erloschenen Vulkan auf der Osterinsel entdeckten Forscher der Universität von Manchester einen Steinbruch. Aus dieser Quelle könnten auch die roten Hüte stammen, die viele der legendären Riesenfiguren tragen, vermuten die Wissenschaftler.
Der deutsche Bundestag hat alle im Zweiten Weltkrieg gegen "Kriegsverräter" ausgesprochenen Urteile mit den Stimmen aller Fraktionen aufgehoben. Die Anlässe für diese Urteile reichten von politischem Widerstand und der Hilfe für verfolgte Juden über kritische Äußerungen über Krieg und Nazis bis hin zu Schwarzmarktgeschäften.
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03.08.2009 - MATHEMATIK Mit am Start bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin
"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
EVIDENCE how do we know what we know?
"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr