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07.03.2010 - KULTURGESCHICHTE

Rund um einen Mordfall

Das Revier im Mittelalter - die Ausstellung "AufRuhr 1225" in Herne

von Josef Tutsch

 
 

Der Cappenberger Barbarossakopf
Bild: © Kath. Pfarramt St. Joh. Ev.,
Selm-Cappenberg

Rauchende Schlote, staubige Halden, Dreck und Fördertürme – es geht um das Ruhrgebiet, worum denn sonst? Inzwischen hat sich freilich herumgesprochen, dass die Region einen rasanten Wandel durchmacht. Der "blaue Himmel über der Ruhr" ist längst nicht mehr nur eine politische Werbeformel; beinahe scheint in Vergessenheit geraten, dass Kohle und Stahl immerhin Millionen von Menschen über Jahrzehnte hinweg Arbeit und Brot verschafft haben. Unter der Überschrift "Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010" feiert "das Revier" in diesem Jahr sein neues Image. Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat das Großereignis zum Anlass genommen, über die Epoche der Industrialisierung hinaus noch ein paar Jahrhunderte weiter zurückzublicken, in jene Epoche, in der die Weichen gestellt wurden für die politische Entwicklung der Region, das hohe Mittelalter.

Im Zentrum der großen Sonderausstellung " Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr", die bis Ende November im Museum für Archäologie in Herne zu sehen ist, steht ein Mord. Am 7. November des Jahres 1225 wurde Erzbischof Engelbert I. von Köln in einem Hohlweg bei Gevelsberg von Ministerialen des Grafen Friedrich von Isenberg erschlagen. Die Tat erregte ungeheures Aufsehen. Walter von der Vogelweide, der größte Lyriker des deutschen Mittelalters, machte sich in reichlich blutrünstigen Versen darüber Gedanken, welche Hinrichtungsart für den Mörder wohl die passende wäre, eine Schlinge um den Hals, Verbrennung oder vielleicht das Zerbrechen aller Knochen durch Räderung. Nein, schloss Walter sein Gedicht, "ich warte bloß darauf, ob die Hölle ihn nicht bei lebendigem Leibe verschlingen will".

Nun, das lässt sich ja vielleicht auch so erklären, schreibt im Katalog einer der Mitarbeiter der Ausstellung, Heinz Finger von der Erzbischöflichen Diözesan- und Dombibliothek Köln, dass diese Verse von Engelberts Nachfolger, Heinrich von Müllenark bestellt worden waren. Oder der Sänger hatte bereits von dem Verstorbenen Wohltaten erhalten und fühlte sich in dessen Schuld. Aber tatsächlich wurde der Fall bis vor die höchsten Stellen von Reich und Kirche getragen. Immerhin war Engelbert ein enger Vertrauter von Friedrich II. gewesen; der Kaiser hatte ihn zum Reichsverweser und zum Vormund seines Sohnes Heinrich ernannt. In großer Szene wurden die Gebeine und die blutgetränkten Kleider der Hofversammlung in Nürnberg präsentiert; auf einer Synode in Mainz erklärte der päpstliche Legat Konrad von Urach den Ermordeten feierlich zum "Märtyrer". Engelbert steht bis heute im Heiligenkalender der Erzdiözese Köln.

Engelbert-Statue aus
Gevelsberg
Bild: © Märk.Mus. Witten
Was in Gevelsberg genau geschehen ist und was die Hintergründe waren, gehört zu den ungelösten Fragen der Mittelalterforschung. Auch der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach, der im Auftrag des neuen Erzbischofs einen sozusagen offiziellen Bericht verfasste, scheint von den Motiven der Mordtat keine Kenntnis gehabt zu haben. Für ihn stand der Isenberger unter dem Einfluss des Teufels; damit erübrigte sich eine rationale Erklärung. Neuere Forscher, berichtet Finger, sind überwiegend der Meinung, dass der Tod des Erzbischofs ursprünglich nicht beabsichtigt war. Der Plan wäre gewesen, ihn zu entführen, um ihm dann in der Gefangenschaft den eigenen Willen aufzwingen zu können.

Aber mit welchem Ziel? Es ging, so Finger, um nicht mehr und nicht weniger als die Verfassung des Heiligen Römischen Reiches. In den Jahren zuvor hatten Engelbert und seine Mitarbeiter im Auftrag des Kaisers eine Reichsreform entworfen. Danach wurden viele Rechte, die der Theorie nach bislang dem deutschen König vorbehalten waren (Markt-, Münz- und Befestigungsrecht),  formell den Fürsten übertragen, zunächst nur den geistlichen, später wurden auch die weltlichen einbezogen. Natürlich hoffte Engelbert in seiner Stellung als Erzbischof von Köln und Herzog von Westfalen, eine solche "Landesherrschaft", wie man das später genannt hat, aufbauen zu können. Die kleinen Grafen am Niederrhein und an der Ruhr werden sich bedroht gefühlt haben. Bislang hatten sie mit königlicher Duldung nach eigenem Gutdünken Burgen gebaut und Städte gegründet; diese Befugnis wollten sie sich nicht nehmen lassen.

Es kam zu einem "Aufruhr". Oder eigentlich bloß zu einer Adelsverschwörung; aber den Anklang an "Ruhr" konnten sich die Ausstellungsmacher nicht entgehen lassen, auf die Gefahr hin, dass ein modernes Publikum diese Verschwörung mit einem Volksaufstand verwechseln könnte. Richtig ist jedenfalls, dass die Reichsreform der 1220er Jahre einen anderen Weg nahm, als Engelbert ihn gewollt hatte. Sein Projekt einer kölnisch-westfälischen "Landesherrschaft" blieb unvollendet; die Region an Rhein und Ruhr ("Nordrhein-Westfalen" sagt man heute) wurde zu einem Teppich vieler kleiner Landesherrschaften. Die Ausstellung bietet mehr als 1000 Exponate, die das hohe Mittelalter an der Ruhr lebendig machen. Das eindrucksvollste Stück ist sicherlich das berühmte Kopfreliquiar aus Cappenberg, eine Darstellung Kaiser Friedrichs I. Barbarossa, entstanden, meinen die Forscher, noch zu Lebzeiten des Kaisers, wenngleich man ein Bemühen um Porträtähnlichkeit nicht unterstellen sollte.

Kopf einer hölzernen Soldaten-
statue - Bild: © Historisches
Museum Bamberg
Kunstwerke, die zu sehen man sonst viel reisen müsste. Aus dem Aachener Domschatz ist das sogenannte Szepter König Richards II. von Cornwall gekommen, eines der Könige, die sich nach dem Ende der Stauferdynastie bemühten, das Königtum in Deutschland neu aufzubauen. Das Lübecker St.-Annen-Museum steuerte einen Türzieher bei, auf dem die sieben Kurfürsten mit dem Kaiser in der Mitte dargestellt sind – Zeugnisse, in denen sich die neuen Anläufe zu einer Reichsreform im späten 13. und im 14. Jahrhundert widerspiegeln. Das Bayerische Nationalmuseum München hat den kunstvoll gearbeiteten Aufsatz eines Krummstabes bereitgestellt, wie ihn ähnlich auch die Erzbischöfe von Köln geführt haben werden.

Gar nicht zu reden von den vielen, oft unscheinbaren Gebrauchsgegenständen – Münzen, Waffen, Trinkgefäßen, Urkunden usw. usf. Der Vorgang von 1225 gibt zu allerlei Seitenblicken Anlass: auf das Leben in den Ritterburgen, den Klöstern und den damals gerade aufblühenden Städten: auf die Justiz – wegen der juristischen Aufarbeitung des Mordes, die mit der Räderung des Täters 1226 in Köln endete; auf das Militärwesen – denn natürlich waren die Auseinandersetzungen mit Engelberts Tod nicht zu Ende, die Territorien an der Ruhr stabilisierten sich erst in langsamen und blutigen Prozessen. Aus Kopenhagen ist ein bronzener Gießbehälter ausgestellt, wie er auf den Burgen wohl zum Waschen der Hände benutzt wurde: Pferd und Reiter in voller Montur – so werden die Adligen jener Zeit sich selbst gesehen haben.

Endgültig begraben wurden die hochfliegenden Machtpläne der Erzbischöfe von Köln zwei Generationen nach Engelberts Tod, in der Schlacht von Worringen 1288. Die Fronten hatten sich inzwischen geändert. Nunmehr wagte es die Kölner Bürgerschaft, sich gegen ihren geistlichen Oberherrn aufzulehnen, der 5. Juni dieses Jahres gilt als der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Freien Reichsstadt. Dagegen scheint Friedrichs Sohn Dietrich sich nun auf die Seite des Erzbischofs geschlagen zu haben. Beide hatten einen gemeinsamen Gegner: Die Grafen von der Mark hatten, sozusagen als Profiteure des Mordprozesses von 1225/26, in der Region um Hamm eine Landesherrschaft aufgebaut. Mit anhaltendem Erfolg: Wie ein Blick auf historische Landkarten zeigt, war die Grafschaft Mark bis Anfang des 19. Jahrhunderts eines der größeren Territorien an der Ruhr; das kurkölnische Herzogtum Westfalen war auf Dauer von der Verbindung zum Rhein abgeschnitten. 

Der Barbarossakopf
Bild: © Kath. Pfarramt
St. Joh. Ev., Selm-Cap-
penberg
Ob Engelbert, wenn er nicht im Alter von gerade einmal vierzig Jahren dem Anschlag zum Opfer gefallen wäre, die Entwicklung in andere Richtung hätte lenken können, ist natürlich eine spekulative Frage. In Herne ist er in Form einer lebensgroßen Statue präsent, die im Zisterzienserinnenkloster Gevelsburg stand und heute im Märkischen Museum in Witten aufbewahrt wird. Sie wird wenige Jahre nach Engelberts Tod entstanden sein. Ihre Funktion lässt sich aus einer Notiz in Caesarius’ Biographie erahnen: "Es geschahen große und häufige Wunder in dem Ort Gevelsberg, wo er ermordetwurde, so dass er ohne Zweifel dort mit seinem Geist, hier aber in Köln mit seinem Körper weilt."

Die heutigen Bewohner der Region werden ihn eher von dem Reiterstandbild her kennen, das erst 1929 vor Schloss Burg an der Wupper bei Solingen aufgestellt wurde. Die Burgen – sie sind zweifellos jene Erbschaft des Mittelalters, die das Landschaftsbild bis heute nachhaltig prägt. Manchmal wurden sie noch Jahrhunderte nach dem Verlust ihrer militärischen Funktion zum Politikum. Die Ausstellung in Herne zeigt zwei Modelle von Burg Altena, eins vor dem Wiederaufbau 1907, eins danach. Für 1909 stand nämlich eine große Feier an, 1609 war die Grafschaft Mark durch Erbschaft an Brandenburg gefallen. Der amtierende "Graf", besser bekannt als Kaiser Wilhelm II., entschied höchstpersönlich: Die Burg wird wiederaufgebaut.


Ausstellung
Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr,
LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne
bis 28. November 2010



Neu auf dem Büchermarkt:
Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225! Das Mittelalter an Rhein und Ruhr,
herausgegeben vom LWL-Museum für Archäologie, Westfälisches Landesmuseum Herne,
Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2010, ISBN 978-3-8053-4108-0. bis 31.12.2010: 39,90 €, danach 44,90 €



Mehr im Internt:
Ausstellung Ritter, Burgen und Intrigen – AufRuhr 1225!
Ruhrgebiet - Wikipedia



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

 

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