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kultur

09.04.2010 - AMERIKANISCHE LITERATUR

Ein Sklave seines Publikums

Vor 100 Jahen starb Mark Twain, der Autor von "Tom Sawyer" und "Huckleberry Finn"

von Josef Tutsch

 
 

Mark Twain, Bild von 1907
© Wikipedia

Als Mark Twain seine "Adventures of Tom Sawyer" vollendet hatte, legte er das Manuskript seinem Freund William Dean Howells zur Lektüre vor; er wollte sicher gehen, dass ihm nicht doch irgendwelche "obscenitys" unterlaufen waren, die das Buch in Verruf bringen könnten. Howells nahm keinen Anstoß; aber sicherheitshalber fragte Mark Twain noch einmal nach. Huckleberry Finn hatte gelegentlich den groben Fluch "hell" hervorgestoßen. Billigte Howell dieses Wort oder hatte er es überlesen? Seine Frau und seine Schwiegermutter, schrieb Mark Twain, "beides empfindliche und treue Untertanen des Himmelreiches, sozusagen", hätten nichts dabei gefunden. Aber tatsächlich, Howells kam nach einiger Überlegung zu dem Schluss: "In einem Buch für Kinder geht so etwas nicht!"

In einem Buch für Kinder ... "Tom Sawyer", erschienen 1878, wurde zu einem der beliebtesten Kinderbücher der Weltliteratur; aber nach dem Geschmack vieler Herausgeber hatte der Autor, der am 21. April 1910, vor hundert Jahren, verstorben ist, in seinem Bemühen um Wohlanständigkeit nicht sorgfältig genug gearbeitet. Heute würden viele Leser umgekehrt urteilen. Um die Prüderie seiner Leser zu schonen, hat Mark Twain seine Helden derart geschlechtslos gezeichnet, dass es schon wieder unglaubhaft wirkt. Aber es ging "Tom Sawyer" und noch mehr dem späteren "Huckleberry Finn" wie den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht; in längeren und kürzeren Bearbeitungen wurden sie auf "kindgerecht" getrimmt. Oder auf das, was die Herausgeber für kindgerecht hielten.

Ganz und gar ruiniert wurden seine Erzählungen dadurch nicht. Mark Twains Stärke lag nicht in der künstlerischen Komposition, sondern in der Eindringlichkeit seines Realismus und in der durchdringenden Kraft seines Humors. "Die gesamte amerikanische Literatur", schwärmte später Ernest Hemingway, "stammt von einem Buch von Mark Twain, genannt Huckleberry Finn, ab. Vorher gab es nichts. Seitdem gab es nichts, was dem gleichkommt." Eine Übertreibung, zweifellos – Hemingway neigte zu Übertreibungen. Aber es ist wohl richtig, in der Literatur der Jahrhundertwende müssen Mark Twains Bücher geradezu revolutionär gewirkt haben.

Mark Twains Wohnhaus in Hartford,
Connecticut - © Makemake
Heute fällt uns eher das Idyllische, beinahe Nostalgische seiner Erzählwelt auf. Als die Bücher von Tom und Huck herauskamen, war diese Welt längst versunken. Der Bürgerkrieg und die folgende Wirtschaftsexpansion (der Autor sprach spöttisch von einem "vergoldeten Zeitalter") hatten Amerika gründlich verwandelt. So wurde das Erinnerungsbuch "Life on the Mississippi", das 1883 erschien, zu einer Suche nach der verlorenen Zeit. Bei aller Ablehnung des alten Sklavenhaltersystems – die Haltung, mit der Mark Twain die versunkene Welt betrachtete, war, wie der Amerikanist Johannes Kleinstück vermerkt hat, nicht ohne Sentimentalität. Die Menschenverachtung, die Mark Twains späte Erzählungen durchzieht, lässt ahnen, dass er mit dem prosperierenden Kapitalismus der Jahrhundertwende noch viel mehr haderte.

Oder war es der Hader eines Enttäuschten, der bei dieser Hektik gern mitmachen wollte, aber dabei scheiterte? Tatsächlich hatte er das kleine Vermögen, das er seinen Büchern verdankte, in verschiedenen Projekten angelegt. 1894 kam der finanzielle Ruin; Mark Twain verlegte sich wieder voll auf die Schriftstellerei. Auch das war, wie er genau wusste, ein Geschäft. Und er zeigte niemals eine Scheu, die Erwartungen seines Publikums zu bedienen. Als er 1869 nach einer Europareise seinen ersten großen Bestseller, "The Innocents Abroad", herausbrachte, rekapitulierte er, oberflächlich betrachtet, bloß die Vorurteile reisender Amerikaner über die Alte Welt: die Unterdrückung der "gebildeten" Europäer durch Könige und Kirche, die erschreckende Armut zwischen den Kunstschätzen Italiens. Mark Twain selbst fühlte sich als "innocent", und er bekannte sich dazu. Aber die Respektlosigkeiten in diesem Buch verdecken eben nur mühsam den Respekt vor Geschichte und Kultur des alten Kontinents.

In seinem historischen Roman "A Connecticut Yankee in King Arthur’s Court" von 1889 hat der Autor diese Ambivalenz auf zwei Zeitebenen verteilt. Ein Amerikaner des 19. Jahrhunderts wird in das England des 6. Jahrhunderts versetzt, und natürlich versucht er voller Missionseifer, das frühe Mittelalter zu zivilisieren, zu humanisieren, zu modernisieren. Ein Buch, das den Geschichtsverlauf unbekümmert simplifiziert und dabei doch eine heikle Balance hält – Ironie nach beiden Seiten, aus der Sicht des Mittelalters sind die Missionierungsversuche des Amerikaners ebenso lächerlich wie von der Warte des modernen Amerika her die Zustände im mittelalterlichen England abscheulich.

Erstausgabe von "Tom Sawyer",
1875 - © Wikipedia
Einige Jahre nach Mark Twains Tod hat der amerikanische Literaturkritiker Van Wyck Brooks in einer berühmt gewordenen Studie die These aufgebracht, dieser vielleicht meistgelesene aller Schriftsteller Amerikas habe niemals das Buch geschrieben, das er eigentlich habe schreiben wollen. Daran wird so viel richtig sein, dass Mark Twain zwar bereit war, auf die Wünsche seines Publikums einzugehen, damit jedoch niemals recht glücklich geworden ist. Was er eigentlich dachte, glaubte er den Lesern nicht zumuten zu dürfen. Aus dem Nachlass ist ein philosophischer Traktat bekannt, in dem er die christlichen Glaubensvorstellungen für absurd erklärte, in einer Schärfe, die auch von europäischen Schriftstellern niemals überboten worden ist – aber diesen Angriff auf eines der Tabus der amerikanischen Gesellschaft damals zu veröffentlichen, ist ihm nie in den Sinn gekommen.

Kein Wunder, dass er zeitlebens wehmütig auf seine Jugendzeit zurückblickte, auf die Jahre des Lotsendiensts auf dem Mississippi: "Ein Lotse war in jenen Tagen das einzige ungebundene, völlig unabhängige menschliche Wesen auf der weiten Erde." Eine Erfahrung, die Mark Twain, mit bürgerlichem Namen Samuel Longhorn Clemens, so tief geprägt hat, dass er aus diesem Beruf sein Pseudonym wählte. Wenn auf dem unregulierten Strom das Senkblei geworfen und zwei Faden Tiefe gemessen waren, dann rief der Matrose "Mark Twain!", und das bedeutete sichere Fahrt. Aber zurück zu jener nostalgisch gefärbten Notiz: "Die Schriftsteller aller Art sind die gefesselten Sklaven des Publikums. Wir schreiben ohne Furcht nieder, was wir denken, aber wir ‚modifizieren’ das Geschriebene, ehe wir es zum Druck geben."

Alle Menschen sind Feiglinge, wie Mark Twain gern sagte. Und, so vermerkt Kleinstück, er meinte damit auch sich selbst. Aber er litt unter den Ketten, die ihm die Gesellschaft angelegt hatte – vielmehr: die er sich selbst angelegt hatte, in seinem Wunsch dazuzugehören. Manchmal freilich brach er aus den Ketten aus und erntete dann auch gleich einen Sturm der Entrüstung, etwa als er zu Weihnachten 1901 eine Meldung aus der Unterwelt der New Yorker Vorstädte mit den Worten kommentierte: "Ein freundliches Geschick wollte es, dass wir diese Nachricht am Weihnachtsabend zu lesen bekommen, gerade zur rechten Zeit, um uns in die Lage zu versetzen, das Fest mit der gebührenden Freude und Begeisterung zu feiern."

Illustration zu "Huckleberry
Finn", 1884
© Project Gutenberg
Einmal wollte er sich wirklich den Luxus gönnen, "sein" Buch zu schreiben. Es wurde sein größter Misserfolg, nicht nur bei der Mit-, sondern auch bei der Nachwelt. "The Personal Recollections of Joan of Arc” sind durch und durch ernsthaft geschrieben, sogar mit einem vorgeblich wissenschaftlichen Apparat versehen; aber dieser Stil lag ihm nun einmal nicht. Insgeheim wird er sich eingestanden haben, dass das Publikum damit Recht hatte, ihn als den großen Spaßmacher zu sehen. Dessen Sozialkritik und Moralsatire wurde dabei in Kauf genommen. Oder auch ganz einfach übersehen, nicht anders als Howell bei der ersten Lektüre das fatale Wort "hell" übersehen hatte.
 
Mit den Jahren wurde sein Welt- und Menschenbild immer düsterer. "Ich habe es schon häufig als bedauerlich empfunden, dass Noah und seine Sippe das Boot nicht verpasst haben", vermerkte er gelegentlich. Ein Vergleich mit seinem britischen Zeitgenossen George Bernard Shaw liegt nahe. Shaw schätzte den amerikanischen Kollegen; er spürte eine Wahlverwandtschaft, als er sagte, Mark Twain verstehe es, die Dinge so darzustellen, dass Leute, die ihn sonst hängen würden, glaubten, er mache Witze. Aber es war noch eine Drehung komplizierter. Ziemlich oft stand Mark Twain mit dem Herzen hinter jenen Überzeugungen, die sein Witz und Verstand demaskierte. Shaw konnte es sich einfacher machen. Er liebäugelte mit sozialistischen Ideen, und die gaben ihm einen festen Halt, um die Missstände seiner Gesellschaft anprangern zu können.

Da ist Mark Twains Pessimismus viel abgründiger und hoffnungsloser. Die Abgründe lauern sogar in den frühen, scheinbar doch so harmlosen Erzählungen von Tom und Huck. An einer zentralen Stelle von "Huckleberry Finn" kommt der Titelheld zu dem Schluss, er müsse seinem Freund Jim aus der Sklaverei heraushelfen: "Und wenn es Todsünde wäre und ich geradewegs in die Hölle müsste ... Es war ja schrecklich, einem Nigger zu helfen, das wusste ich; es war schlimmer als lügen und stehlen und rauben und morden; aber einerlei, ich konnte Jim nicht im Stich lassen ..." Huck sieht sich in einem unauflösbaren Dilemma: zwischen den anerzogenen Normen seiner Kultur einerseits, seiner unreflektierten Zuneigung zu diesem einen Menschen andererseits.

Ausgabe des "Yankee aus
Connecticut", 1889
© Wikipedia
Anders als sein Autor kommt Huck nicht auf den Gedanken, das System der Sklavenhaltung selbst in Frage zu stellen. Seiner ganzen Anlage nach müsste der Roman tragisch enden; aber mit einem kleinen Kunstgriff brachte Mark Twain einen guten Ausgang zuwege, freilich nur für den individuellen Fall: Durch testamentarische Verfügung ist Jim bereits freigelassen, nur dass er und Huck davon nichts wissen können. Ende gut, alles gut? Das wäre dem "Humoristen" wohl doch zu platt gewesen. "Ich glaube", schließt Huck, "ich muss jetzt zu den Indianern auskratzen, denn Tante Sally will mich adoptieren und zivilisieren. Das kann ich nicht aushalten, ich habe es schon mal durchgemacht."

Die moralischen Fragen, die der Roman aufgeworfen hatte, bleiben in der Schwebe. Fragen, über die der flüchtige Leser hinwegsehen kann, das gehört wohl zu den Voraussetzungen von Mark Twains Publikumserfolg. Vielleicht wollte der Autor ja auch andeuten, es könnte demnächst eine Fortsetzung geben, mit neuen "Adventures", bei den Indianern. Aber Mark Twain beließ es bei den beiden Büchern. Seine Helden blieben auf immer vor der Schwelle zum Erwachsenenalter stehen. Es war ihre Art, unsterblich zu werden.


Mehr im Internet:
Mark Twain - Wikipedia
scienzz artikel Anglo-amerikanische Literatur




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

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