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19.03.2010 - KULTURGESCHICHTE
Getreue Bilder unseres Lebens und Sterbens
Ein Blick auf die mittelalterliche Tier- und Naturkunde
von Josef Tutsch
 | | Der Braunschweiger Löwe,
12. Jh. - Bild: © Brunswyk
| | | "Im Buch der Natur Clesen": eine alte Redensart, bei der wir uns nicht sonderlich viel denken. Mit unserer naturwissenschaftlichen Vorbildung käme es uns gar nicht in den Sinn, Naturphänomene ernsthaft mit den Lettern in einem Buch vergleichen zu wollen. Steine und Pflanzen und Tiere verweisen nicht auf eine "Bedeutung", die man in ihnen "lesen" müsste. Im Mittelalter war das noch ganz anders. "Die gesamte Schöpfung der Welt", schrieb um 1200 der französische Zisterzienser Alanus ab Insulis, "ist für uns gleichsam ein Buch und ein Bild und ein Spiegel, ist ein getreues Zeichen unseres Lebens, unseres Todes, unseres Zustands und unseres Schicksals."
Die Mediävisten der Universität Mainz haben vor zwei Jahren in einer Ringvorlesung einen Ausschnitt aus der mittelalterlichen Naturkunde – oder darf man sagen: "Naturwissenschaft"? – aufgearbeitet, die Sicht der Tiere. Die Vorträge sind jetzt als Sammelband erschienen. Wie fremd uns das Mittelalter in dieser Hinsicht geworden ist, macht die Herausgeberin des Bandes, die Mainzer Germanistin Sabine Obermaier, am Beispiel eines "Zoologiebuches" deutlich, das im 2. Jahrhundert in Ägypten geschrieben wurde und Jahrhunderte lang ein Bestseller war, des sogenannten "Physiologus".
Es wäre reizvoll, "Brehms Tierleben" aus dem späten 19. Jahrhundert, über dessen vermenschlichende Darstellungen wir heute lächeln, zum Vergleich daneben zu legen. Wäre Alfred Brehm oder einer seiner Bearbeiter auf die Idee gekommen, jeden Abschnitt mit einem Bibelzitat einleiten zu wollen? Was im "Physiologus" danach zum Beispiel über den Löwen ausgesagt wird, liest sich aber noch verblüffender: "Wenn der Löwe gejagt wird, verwischt er seine Spur mit dem Schwanz ... Wenn der Löwe schläft, hält er die Augen offen ... Wenn die Löwin ihre Jungen gebiert, sind diese zunächst tot und werden von der Löwin drei Tage gehütet. Dann kommt der Löwenvater hinzu und bläst den Jungen ins Gesicht, wovon sie lebendig werden."
"Die Darstellung stützt sich offensichtlich nicht auf empirische Beobachtung, sondern ist vermittelt durch Autoritäten", stellt Obermaier fest. Kam es dem Verfasser des "Physiologus" und seinen zahllosen Übersetzern und Bearbeitern und den noch viel zahlreicheren Lesern überhaupt auf Wahrheit in einem Sinne an, wie wir ihn heute mit den Naturwissenschaften verbinden? Die Intention wird in den Sätzen deutlich, die auf das Naturkundliche folgen: "Ebenso tat Christus, der in seiner Menschwerdung die Spur seiner Göttlichkeit verwischte ... Dies ist ein Zeichen für den auferstandenen Christus, der nur im Fleische schlief, aber in seiner Göttlichkeit erwachte ... Ebenso tat der Allmächtige mit seinem Sohn, als er ihn am dritten Tage auferstehen ließ."
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Kampf des hl. Georg mit dem Drachen (Ausschnitt), von Paolo Uccello, um 1470, National Galley, London Bild: © Wikipedia
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Kurzum: "Die Tierkunde war kein Selbstzweck, sondern stand noch ganz im Dienste der Theologie", resümiert Obermaier, das "Buch der Natur" war in Analogie zum "Buch der Bücher", der Bibel, zu lesen. Dass die allegorischen und moralischen Ausdeutungen in manchen der Naturenzyklopädien weggelassen sind, ist kein Einwand: "Erfahrene Prediger brauchten so etwas nicht." Bei dem Universalgelehrten Albertus Magnus hat der Bonner Theologe Henryk Anzulewicz eine wissenschaftstheoretische Reflexion dieser Form von Naturbetrachtung gefunden: In der Theologie sei die Metapher ein erlaubtes methodisches Mittel, nämlich als Stütze des Verstandes, um sich dem ansonsten unfassbaren göttlichen Licht zu nähern.
In den übrigen Wissenschaften allerdings, so Albert – und darin deutet sich, mitten im 13. Jahrhundert, wohl schon der Weg in die Neuzeit an – stellten Metaphern keine Erklärungen, sondern vielmehr Verhüllungen dar. Als Beispiel hat Anzulewicz Alberts Ausführungen über die Ameise analysiert. Den Leitfaden gab wiederum eine Bibelstelle, im Buch der Sprüche: "Obwohl sie keinen Führer noch Lehrmeister noch Gebieter hat, schafft sie sich doch im Sommer ihre Speise und sammelt in der Ernte ihre Nahrung ein." Ein Handeln aus Überlegung, aus Sorge um künftigen Nahrungsmangel? Soweit, den kleinen Tieren einen Verstand zuzuschreiben, wollte Albert denn doch nicht gehen. Seine Lösung: Nicht die Ameisen selbst sind es, die Vorsorge betreiben, sondern die Natur – eine auf Zwecke hin ausgerichtete Natur, wie die Scholastiker bei dem antiken Philosophen Aristoteles gelesen hatten – lässt sie agieren.
An den Ameisen war also die gütige Vorsorge des Schöpfergottes abzulesen – eine Auffassung, die sich bis weit in die Neuzeit und bis in die Aufklärung hinein erhalten hat. Es ist eine der verwirrendsten Eigenschaften mittelalterlicher Naturinterpretation, dass viele Phänomene je nach Bedarf in die eine oder die andere Richtung ausgelegt werden konnten, zum Guten oder zum Bösen. Zum Beispiel ein Löwe konnte sowohl für Christus als für den Teufel, eine Katze sowohl für die Erlösung als auch für die Ketzerei, ein Hund sowohl für Treue als auch für Geilheit stehen. Das macht das Verständnis mittelalterlicher Gemälde mit ihrer verschlüsselten Symbolik oft so schwierig – ganz von der Möglichkeit abgesehen, dass so manches gemalte Tier seine Existenz vielleicht doch bloß dem Umstand verdankt, dass auf dem Bild eine Lücke zu füllen war.
"Tiere haben ihre Geschichte", hat vor einem Vierteljahrhundert der französische Mediävist Robert Delort die historischen und kulturellen Dimensionen der Tier-Mensch-Beziehung auf den Punkt gebracht. Die Mainzer Mediävisten haben darauf verzichtet, den für uns sicherlich fremdartigsten Aspekt des mittelalterlichen Abschnitts dieser Geschichte in einem eigenen Artikel zu thematisieren: die Tierprozesse. Viele Schriftsteller, stellt Obermaier fest, haben sie von Anfang an kritisiert: Die vernunftlosen Tiere könnten nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden, seien mithin nicht schuldfähig. Aber seit dem 13. Jahrhundert kamen solche Prozesse immer wieder vor.
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Behemoth, Ziz und Leviathan, aus einer Ulmer Bibel, um 1238 - Bild: © Wikipedia
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Ein Phänomen, das weder in der Bibel noch im weltlichen Recht der Zeit eine befriedigende Erklärung findet; die Gesetzbücher kannten lediglich eine Sachhaftung des Besitzers. Noch ein Punkt, in dem uns das Mittelalter fremd geworden ist: In Abhandlungen über die Tiere finden sich mit größter Selbstverständlichkeit auch Fabelwesen. Dabei ist sicherlich zu berücksichtigen, dass exotische Tiere wie Löwen den allermeisten Autoren ebenfalls nur als literarische Figuren bekannt gewesen sein können, nicht anders als die Drachen. Der Mainzer Judaist Andreas Lehnardt hat sich mit zwei Tieren aus der Bibel befasst, dem schlangenartigen Seeungeheuer Leviathan und dem Behemoth, den man sich wohl ähnlich einem Flusspferd vorstellte.
Jüdische Texte aus der Zeit um 100 nach Christus, führten die beiden Monster in ihren Schöpfungsgeschichten auf und fügten hinzu, demnächst am Ende der Zeiten würden sie "für alle, die übrig sind" – also die Erwählten – als Nahrung dienen. Gemeinsam mit dem in der Bibel nicht belegten Riesenvogel Ziz sind die beiden Tiere denn auch in mittelalterlichen Illustrationen des messianischen Mahles abgebildet. Den jüdischen Rabbinen, berichtet Lehnardt, hat dieses Endzeitbankett viel Kopfzerbrechen bereitet. Leviathan und Behemoth mussten zoologisch so eingeordnet werden, dass sie den Anforderungen an ein koscheres Mahl genügten; ebenso war die Form ihrer Schlachtung an den Reinheitsgeboten auszurichten.
Nicht nur die Naturkunde, auch die Phantasie musste sich also den theologisch vorgeschriebenen Argumentationen unterordnen. Für die jüdische Geisteswelt des Mittelalters galt das mindestens ebenso sehr wie für die christliche. Bereits der Babylonische Talmud, so Lehnard, folgerte aus der Bibel mit zwingender Logik, Leviathan und Behemoth seien ebenso wie alle anderen Tiere in zwei Exemplaren erschaffen worden, ein Männchen und ein Weibchen. Hätten sie sich vermehrt, würden sie jedoch die ganze Welt zerstört haben. Gott, erzählte der Talmud weiter, habe darum den weiblichen Behemoth sterilisiert, jedoch am Leben gelassen, als Speise für das endzeitliche Mahl; den weiblichen Leviathan dagegen habe Gott getötet und sein Fleisch eingepökelt.
Den Grund für die Ungleichbehandlung der beiden mythischen Tiere brauchte der Autor freilich weder im Buch der Bücher zu lesen noch in jenem der Natur, er fand ihn in der Küche; denn natürlich sind auch solche ganz praktischen Lebenserfahrungen in die Naturkunde eingegangen: Fisch lasse sich gut pökeln, während Fleisch beispielsweise vom Rind nicht so lange Zeit aufzubewahren sei.
Neu auf dem Büchermarkt: Tiere und Fabelwesen im Mittelalter, herausgegeben von Sabine Obermaier, Walter de Gruyter, Berlin – New York 2009, ISBN 978-3-11-020137-6, 99,95 €
Mehr im Internet: Mittelalter - Wikipedia Universität Mainz, Interdisziplinärer Arbeitskreis Mediävistik
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Josef Tutsch Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur Mitglied von scienzz.communcation |
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