Bei keiner anderen Sache sollte ein kluger Mensch so umsichtig verfahren wie bei der Auswahl seiner Eltern, hat Oscar Wilde einmal gesagt. Für Nationen gilt wohl dasselbe. Zeigt mir eure Vergangenheit, und ich sage euch, wer ihr seid – das ist das Motto, wenn Nationen eingeladen sind, ihre Kunst- und Kulturschätze in den Museen ferner Länder zu präsentieren. Zum fünfzigsten Jahrestag der Unabhängigkeitserklärung der Republik Zypern ist jetzt im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim eine große Ausstellung über die "Insel der Aphrodite" zu sehen.
Die Mehrzahl der Exponate haben die großen Museen der Insel beigesteuert, vieles ist zum ersten Mal in Mitteleuropa zu sehen. Die ältesten Stücke reichen weit in die Vorgeschichte zurück. Gleich am Eingang begrüßt ein nachempfundenes Steinzeitrundhaus die Besucher, mit unscheinbaren Gefäßen und Waffenaber auch einer weiblichen Tonfigur – Aphrodites Ur-Ur-Urgroßmutter, wenn man so will. Den Abschluss bilden die uns vertrauten Gestalten aus der griechischen Mythologie, neben der Liebesgöttin etwa eine Athena aus Paphos oder ein Faun aus Nikosia, entstanden in den ersten Jahrhunderten nach Christus.
Frühe Zeiten, an die heutige Zyprioten – griechische Zyprioten – zweifellos lieber anknüpfen als an die Jahrhunderte der Kreuzritterstaaten, der venezianischen Herrschaft und des osmanischen Großreiches, lieber vielleicht sogar als an das christlich-römische, das byzantinische Reich. Es sind Zeugnisse eines geteilten Landes. Die Ausstellungsmacher haben sich mit Anspielungen auf die aktuelle Politik zurückgehalten. Nur der Präsident der Republik Zypern, Demetris Christofias, der gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel die Schirmherrschaft übernommen hat, wird in seinem Grußwort deutlicher: "Es handelt sich um ein uraltes und gleichzeitig zeitgenössisches kulturelles Erbe, das riesige Schäden erlitten hat und in den Gebieten, die seit 1974 der Militärherrschaft der Türkei unterliegen, weiterhin zerstört wird."
Vorwürfe, die natürlich gesondert untersucht werden müssten. Richtig mag sein, dass türkische Zyprioten wenig Interesse am griechischen Erbe der Insel zeigen. In der antiken Stadt Salamis im Nordosten, berichtet der zypriotische Archäologe Vassos Karageorghis, hätten die Ausgrabungen nach 1974 nicht fortgesetzt werden können. Dagegen wird in den Ruinen von Paphos im Südwesten – bereits seit 1980 auf der UNESCO-Liste des Weltkulturerbes stehend – fleißig gegraben und gearbeitet. Und in Amathus an der Südküste, erzählt Pavlos Flourentzos vom Department of Antiquities in Nikosia, wurde 1995 ein Anhänger gefunden, auf dessen Vorderseite ein Reiter eine Dämonin mit dem Speer ersticht. Auf der Rückseite ist eine griechische Inschrift zu lesen: "Wer im Schirm des Höchsten sitzt, wird bleiben im Schatten des Allmächtigen." Ein Psalmvers; der Anhänger, wohl aus dem 7. Jahrhundert, sollte böse Geister von seinem Träger fernhalten.
Bis ein wiedervereinigtes Zypern seine kulturellen Traditionen im Ausland präsentiert, werden wir wohl noch eine Weile warten müssen. Was jetzt in Hildesheim aus dem Zypern der griechisch-römischen Antike zu sehen ist, bietet jedoch genug zu entdecken. Seit Johann Joachim Winckelmann vor zweieinhalb Jahrhunderten das Interesse für die Kunst der Antike neu weckte, hat die Insel am Rande der Aufmerksamkeit gestanden, genauer: im Schatten von Süditalien, Griechenland und der westlichen Türkei. Und wie Sabine Rogge vom Institut für Interdisziplinäre Zypern-Studien der Universität Münster im Katalog erläutert, waren es vor allem Franzosen und Briten, die auf der Insel Ausgrabungen durchführten.
Kein Wunder also, dass einige besonders schöne Stücke der Ausstellung aus dem Pariser Louvre kommen, etwa ein verzierter Grabstein aus Kition, 4. Jahrhundert vor Christus, mit Aufschrift in phönizischer Sprache und Schrift; im Osten der Insel hielt sich das Phönizische auch unter griechischer Herrschaft noch Jahrhunderte lang. A propos Schrift: Die sogenannten zypro-minoischen Täfelchen aus dem 2. Jahrtausend vor Christus sind bis heute nicht entziffert; die Insel bietet also nicht nur Archäologen, sondern auch Linguisten noch viel Arbeit.
Und auch den Historikern der Religionen und der Mythen. Längst nicht jede Figur in der Ausstellung ist mit den uns geläufigen Schemata griechischer Mythologie zu deuten. Ein Mann mit Löwenskalp, der mit der Rechten eine Keule schwingt und in der Linken einen kleinen Löwen an den Hinterbeinen hält, das ist zweifellos Herakles. Aber warum sehen wir auch eine Amazone, bemerkenswert lebensvoll gearbeitet, mit diesen Attributen Keule und Löwenskalp ausgestattet? Vielleicht handelt es sich um einen Mythos, der uns aus der klassischen Literatur nicht geläufig ist. Eine der Männerstatuetten hält sich eine Stiermaske vors Gesicht – dahinter mag ein orientalischer Ritus gestanden haben.
Eine Drehscheibe zwischen Ost und West, und das nicht nur aufgrund der geographischen Lage, sondern auch wegen der Bodenschätze; Katja Lemke, die Direktorin des Museums, spricht von einem "Ruhrgebiet der Antike". Seit dem 3. Jahrtausend nämlich wurde im Troodosgebirge im Innern der Insel Kupfer abgebaut. Aus Nikosia ist die Statuette eines speerschwingenden Gottes gekommen, der auf einem Kupferbarren steht – die Inselbewohner werden das Metall als ein Geschenk der Götter angesehen haben.
Vor allem natürlich "ihrer" Göttin, seit der Dichter Hesiod im 7. Jahrhundert vor Christus von der Geburt der Aphrodite erzählt, ist die Liebesgöttin mit der Insel untrennbar verbunden. Der Titan Kronos habe seinem Vater Uranos, dem Himmelsgott, die Geschlechtsteile abgeschnitten und sie ins Meer geworfen, aus Blut und Samen habe sich auf den Wellen Schaum gebildet, ihm sei vor der Küste Zyperns die Göttin entstiegen. Sogar ein materielles Zeugnis dieser Geburt wird den Touristen bis heute gezeigt, der berühmte Aphroditefelsen bei Paphos. Wer es nicht glauben will – römische Münzen mit der Ansicht des Heiligtums in Paphos sind in Hildesheim ausgestellt.
Und ein nackter Frauentorso aus Marmor – er wurde etwa an dieser Stelle von Tauchern auf dem Meeresboden entdeckt. Kopf und Arme fehlen, vielleicht sind sie abgebrochen, vielleicht wollten fanatische Anhänger anderer Religionen ein Exempel statuieren. Aber aus Vergleichen, erklären die Archäologen, lässt sich schließen: Die Statue zeigte die Göttin, wie sie sich ihr nasses Haar auswand.
Ausstellung: Zypern – Insel der Aphrodite, im Roemer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, bis 12. September 2010
Nau auf dem Büchermarkt: Zypern – Insel der Aphrodite, herausgegeben von Katja Lemke, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2010, ISBN 978-3-8053-4194-3, 29,90 € (bis 31.12.2010, danach 34,90 €
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