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kultur

01.05.2010 - ETHNOLOGIE

"Da finden sich viel Kurzweil und Wonn'"

Der Monat Mai in Dichtung und Brauchtum

von Josef Tutsch

 
 

Maiglöckchen - © Olegiwit

"Wie herrlich leuchtet mir die Natur! Wie glänzt die Sonne! Wie lacht die Flur! Es dringen Blüten aus jedem Zweig und tausend Stimmen aus dem Gesträuch." Es wird keinen anderen Monat geben, der die Dichter, zum Beispiel Johann Wolfgang von Goethe, so inspiriert hätte wie der Mai. Noch ein Beispiel, ein Lied, das Achim von Arnim und Clemens Brentano in ihrer Sammlung "Des Knaben Wunderhorn" wiedergegeben haben: "Im Maien, im Maien ist’s lieblich und schön, da finden sich viel Kurzweil und Wonn’; Frau Nachtigall singet, die Lerche sich schwinget über Berg und Tal. Die Pforten der Erde, die schließen sich auf und lassen so manches Blümlein herauf, als Lilien und Rosen, Violen, Zeitlosen, Cypressen ..."

Ja, ja, der Wonnemonat Mai, wenn die Vögel singen und die Blumen blühen ... Kein Wunder, dass die Floristikwirtschaft die Anregung dankbar aufgegriffen hat, am zweiten Maisonntag den Müttern Dank zu zollen – natürlich mit Blumen. Eigentlich war es ein Zufall, der zu diesem Termin führte. An diesem Sonntag des Jahres 1907 hielt die Amerikanerin Anna Marie Jarvis in der Methodistenkirche von Grafton, Vermont, eine Andacht für ihre Mutter ab, die zwei Jahre zuvor verstorben war. Irgendwie kam sie auf den Gedanken, einen offiziellen Tag für alle Mütter ins Leben zu rufen. 1914 bereits wurde der Muttertag in den USA als nationaler Feiertag begangen, in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg verbreitete er sich auch in Europa. 1923 ließ der Verband deutscher Blumengeschäftsinhaber in den Schaufenstern reichsweit die Aufschrift "Ehret die Mutter!" plakatieren.

Anna Marie Jarvis war der kommerzielle Erfolg ihrer Idee inzwischen unheimlich geworden, sie setzte sich nun für die Abschaffung des Muttertags ein – vergeblich. Was hätte sie zu dem "Gedenk- und Ehrentag der deutschen Mutter" gesagt, der in Deutschland 1933 eingeführt wurde, um die Gebärfreudigkeit "arischer" Frauen zu fördern? Natürlich wollte das Regime damit auch der katholischen Kirche Konkurrenz  machen, die sich, in der Abwehr moderner Skepsis gegen traditionelle Frömmigkeitsformen, darum bemühte, den Marienkult in die Öffentlichkeit zu tragen. Der Mai wurde als "Marienmonat" gefeiert, die Altäre im Freien wurden (und werden in manchen Gegenden bis heute) mit Blumen geschmückt, am liebsten mit Rosen – "Rosa mystica", "du geheimnisvolle Rose", wird in der Lauretanischen Litanei die Gottesmutter angefleht.

Die Verbindung einer anderen Heiligen mit dem Mai lief weniger glanzvoll ab. Der Festtag der Walburga liegt zufällig auf dem 1. Mai, so kam die englische Äbtissin, die im 8. Jahrhundert lebte, zu der zweifelhaften Ehre, dem Treiben in der Nacht zuvor ihren Namen zu leihen. Wann der Brauch aufgekommen ist, diesen Monatswechsel mit einem nächtlichen Umzug zu begehen, lässt sich nicht mehr feststellen. Schon im 17. Jahrhundert wurde behauptet, darin lebe ein altes, vorchristliches Ritual fort. Auf dem Blocksberg oder Brocken im Harz, so 1668 der Schriftsteller Johann Praetorius, würden "jährlich am 1. Mai in der Walpurgisnacht die Unholde aus ganz Deutschland Hexenfahrt und Zaubersabbate anstellen".

Hexensabbath, aus Johann Prae-
torius' "Blockes-Berges Verrich-
tung", 1668 © Wikipedia

Johann Wolfgang von Goethe hat im "Faust" eine solche Nacht inszeniert und in seiner Ballade "Die erste Walpurgisnacht" auch gleich der Spurensuche der Brauchtumsforscher damals ein Denkmal gesetzt, Felix Mendelssohn-Bartholdy hat Goethes Dichtung vertont. Aus Goethes eigener Inhaltsangabe: Die Heidenpriester hätten sich, "nachdem man sie aus ihren heiligen Hainen vertrieben und das Christentum dem Volke aufgedrungen, auf die wüsten unzugänglichen Gebirge des Harzes im Frühlingsanfang begeben", und zwar vermummt, "um gegen die aufspürenden bewaffneten Bekehrer sicher zu sein".

Historische Belege für einen solchen Hergang wurden allerdings niemals gefunden. An Orten wie dem Hexentanzplatz am Brocken oder vor den Externsteinen in Teutoburger Wald finden auch heutzutage noch in dieser Nacht allerlei Spektakel statt, wohl mehr großer Jokus denn irgendwie ernstgemeint. Immerhin soll es tatsächlich "neuheidnische" Gemeinden geben, die in solchen Ritualen das gemutmaßte Brauchtum der Germanen oder der Kelten wiederaufleben lassen. "Diese dumpfen Pfaffenchristen", dichtete Goethe leicht humoristisch in seiner Ballade, "lasst sie keck uns überlisten! Mit dem Teufel, den sie fabeln, wollen wir sie selbst erschrecken."

Nun ja, die vielen Touristen, die Jahr für Jahr zum Brocken strömen, lassen sich nur zu gern "erschrecken" und werden sich über die alten Heiden nicht viele Gedanken machen. Wie weit mag der Brauch, am 1. Mai einen geschmückten Baumstamm auf dem Dorfplatz aufzustellen, in die Vergangenheit zurückreichen? In manchen Gegenden ist es üblich, dass die jungen Burschen aus einem Dorf den Maibaum aus dem Nachbardorf des Nachts rituell entwenden; natürlich muss der Baum dann in "flüssiger" Form ausgelöst werden. Oft setzen die Junggesellen den unverheirateten Mädchen kleine Birken als Zeichen ihrer Verehrung vor die Tür. Oder umgekehrt als Zeichen der Missachtung Nadelbäumchen.

Durchsichtige Symbole im Kampf der Geschlechter, sicherlich. Aber Überbleibsel alten Brauchtums? Anscheinend ist auch der Maibaum erst im 18. Jahrhundert aufgekommen, und zwar nicht im agrarischen, sondern in einem schon halb und halb städtischen Milieu. Es ist gar nicht auszuschließen, dass vieles, was uns heute als bäuerliches Brauchtum erscheint, in Wirklichkeit erst aus einer nostalgischen Reaktion auf Urbanisierung und Industrialisierung entstanden ist.

Kraxeln am Maibaum
in Bad Füssing,
Niederbayern
© Walter J. Pilsak
Beherrschender Brauch am 1. Mai sind heutzutage natürlich die Kundgebungen der Gewerkschaften. Auch in diesem Fall haben die Volkskundler viel Tinte vergossen, um eine Anknüpfung an "altvolkstümliche Frühlingsbräuche" dingfest zu machen. "Aus uralten, aber niemals völlig erloschenen Empfindungen und Erinnerungen heraus", war 1892 in der "Neuen Zeit", dem theoretischen Organ der deutschen Sozialdemokratie zu lesen, sei "die Wahl des proletarischen Feiertags auf den ersten Mai" gefallen und deshalb das Proletariat aufgerufen, den "Maitag der Vorzeit auf höherer und weiterer Stufenleiter zu erneuern". Moderne Ethnologen vermuten, dass es sich viel profaner verhält: Der 1. Mai war ein gebräuchlicher Termin für allerlei Geschäfte, zum Beispiel auch für einen Wechsel des Arbeitsplatzes.

Es wird der Arbeiterbewegung um so leichter gefallen sein, diesen Tag zu wählen, als er nicht mit einem hohen kirchlichen Fest belegt war. Es kommt nur alle paar Jahrzehnte einmal vor, dass Christi Himmelfahrt auf den 1. Mai fällt. In unserer Gegenwart konkurrieren die Gewerkschaftsveranstaltungen dann vermutlich weniger mit den kirchlichen Gottesdiensten als mit dem Vatertag. Bei diesem "Fest" wenigstens unterliegt der historische Ursprung keinem Zweifel: Ende des 19. Jahrhunderts wurde es in Mitteleuropa Brauch, dass an einem sonnigen Frühlingstag die Männer gemeinsam – ohne Frauen – zu irgendeiner Kneipe in die Vorstadt hinauszogen. Sinn war die Einübung der Jüngeren in die Sitten oder Unsitten von Männlichkeit, also gemeinsames Trinken und Rauchen und natürlich das Reden über die Weiblichkeit. Oft bliebt es nicht beim Reden, der Tag mündete in einem Bordellbesuch.

Nichts also mit einem religiösen Ursprung, weder christlich noch vorchristlich. Für die Kirchen ist der Mai zweifellos ein viel schwieriger Monat als zum Beispiel der Dezember. Weder mit Christi Himmelfahrt noch mit Pfingsten, das je nach Ostertermin zwischen Mitte Mai und Mitte Juni gefeiert wird, ließ sich das Brauchtum nachhaltig prägen, auch nicht mit dem Marienmonat. Immerhin hat Papst Pius XII. versucht, dem Arbeiterfeiertag etwas Passendes entgegen oder an die Seite zustellen: Seit 1955 wird am 1. Mai ein Fest des hl. Josef begangen; der Ziehvater Jesu wird in der Bibel als Bauhandwerker bezeichnet.

Aber ansonsten sind selbst die Bräuche zu einem hohen kirchlichen Fest wie Pfingsten nicht unbedingt geistlich geprägt. Sprichwörtlich ist der Pfingstochse geworden: Ein besonders prächtiges Tier, mit Blumen und Bändern geschmückt, durfte vorangehen, wenn die ganze Gemeinde zu Sommerbeginn, also etwa zu Pfingsten, ihr Vieh auf die Weiden trieb. In klimatisch begünstigten Regionen und in guten Jahren konnte dieser Termin auch schon ein paar Wochen früher liegen, vielleicht schon Anfang Mai. Daher kommt übrigens der Ausdruck "Wonnemonat": Althochdeutsch "wunnimanot" bedeutete soviel wie "Weidemonat".

Plakat des DGB zum 1. Mai
1956 © DHM Berlin
Heute denken wir bei "Wonnemonat" natürlich eher an menschliche Triebe. Hoffen wir jedenfalls, dass es auf der Weide nicht noch etwas kühl ist. "Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist", warnen die Bauernregeln. Das Fest der heiligen Sophie liegt am 15. Mai, voran gehen die anderen "Eisheiligen" Mamertus, Pankratius, Servatius und Bonifatius; in manchen Gegenden zählt man statt dieser fünf auch nur drei. Die Meteorologen haben viel Arbeit investiert, um herauszufinden, ob sich zwischen dem 10. und dem 15. des Monats wirklich die kalten Tage und Nächte noch einmal häufen. Vergebliche Liebesmüh – was in Sachen Wetter für das Alpenvorland gilt, muss am Nordseestrand ja noch lange nicht richtig sein.

Außerdem ist völlig offen, ob es wirklich um die Tage vor der Monatsmitte geht. Im späten Mittelalter, als der Julianische Kalender noch galt, lag die Kalenderrechnung gegenüber dem Kreislauf der Jahreszeiten um fast zehn Tage zurück. Und damit würde die Warnung vor den Eisheiligen nach unserem heutigen Kalender vielmehr die Tage etwa anderthalb Wochen später treffen – vorausgesetzt, dieser Spruch geht wirklich bis auf das späte Mittelalter zurück. Noch eine Bauernregel: "Ist die Hexennacht voll Regen, wird’s ein Jahr mit reichlich Segen." Ja gut, aber ist die Walpurgisnacht nach dem Gregorianischen oder nach dem alten Julianischen Kalender gemeint?

Und was bedeutet nach bäuerlichen Vorstellungen eigentlich "Segen"? Vermutlich nicht gerade durchgehend trockene Tage und Nächte, wie Wander- und Badefreunde sie sich erträumen mögen. Hinaus in die freie Natur – das ist ein städtischer Traum, Hoffmann von Fallersleben hat ihn in Verse gefasst: "Wie sich heute froh die Vögel schwingen mit Gesang durch Wald und Feld, wollen wir auch singen und springen in die weite grüne Welt." Der Mai macht’s – hoffentlich – möglich, wenigstens vorübergehend. Nochmals Hoffmann von Fallersleben: "Sei gegrüßt, du heit’rer Himmel und du, milder Sonnenglanz!"


Mehr im Internet:
Umgehauene Bäume und ersteigerte Mädchen, scienzz 20.04.2009  
"Die Hexen zu dem Brocken ziehn ...", scienzz 30.04.2008 





Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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