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kultur

02.04.2010 - LITERATURGESCHICHTE

"Nein, nein, du Bösewicht, du kommst mir von der Stelle nicht!"

Die Osterspiele - das geistliche Theater im Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Christus als Gärtner, Stich von
Ägidius Sadeler nach einem Bild
von Bartholomäus Spranger
um 1600 © Andreas Praefcke

Theater gilt ja eigentlich als Freizeitvergnügen; aber wenn die Aufführungen nicht einige Stunden dauern, sondern ganze Tage, jeweils von Mittag bis in die Abendstunden? Im späten Mittelalter waren solche "Events" durchaus üblich, vor allem über Ostern. Und die ganze Stadt nahm daran teil. Natürlich wurde auch damals nicht erwartet, dass jeder das Talent mitbrachte, sich auf der Bühne produzieren zu können; aber der Pflicht, wenigstens im Publikum dabei zu sein, konnte man sich kaum entziehen. Das Spiel endete regelmäßig mit einem gemeinsamen Gesang, in dem die Stadtgemeinde ihre Zusammengehörigkeit bekräftigte. "Singet alle miteinander: Christ ist erstanden!" – so oder so ähnlich schließen die meisten der mittelalterlichen Osterspieltexte, die uns erhalten sind, am berühmtesten wohl das mitteldeutsche Innsbrucker Spiel aus dem 14. und das niederdeutsche Redentiner aus dem 15. Jahrhundert.

"Christ ist erstanden": Aus dieser zentralen Aussage des christlichen Glaubens entwickelte sich im hohen Mittelalter das abendländische Theater. Die Frauen, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, so heißt es im Lukasevangelium, "kamen zum Grab und brachten die wohlriechenden Öle, die sie zubereitet hatten ... da traten zwei Männer in strahlenden Kleidern zu ihnen. Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zu Erde. Da sagten die Männer zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden!"

Irgendwann kam der Brauch auf, dieses kleine Dialogstück, dessen eine Seite zunächst nicht einmal in wörtlicher Rede ausformuliert war, als Wechselgesang zweier Halbchöre darzubieten. Eine Handschrift, die in Kloster St. Gallen aufbewahrt wird, gibt den Text wieder: "Wen sucht ihr am Grabe, o Christgläubige?" "Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, o ihr Himmlischen." "Er ist nicht hier: Auferstanden ist er, wie er es vorausgesagt. Geht und berichtet, dass er auferstanden ist vom Grabe."

Ein Gesang, der noch Bestandteil des Gottesdienstes war; das änderte sich auch nicht, als man, etwa im 10. Jahrhundert, dazu überging, einzelne Kleriker in der Rolle der Frauen und der Engel vor dem Altar auftreten zu lassen. Bald wurde der Text mit einem Zusatz aus dem Markusevangelium angereichert. "Wer wälzt uns den Stein vom Eingang des Grabes?", fragten die Frauen einander – das darf man sich gesungen auf dem Weg vom Kirchenportal zum Altar vorstellen. Auch die Unterhaltung zwischen Maria Magdalena und dem auferstandenen Christus, die im Johannesevangelium nachzulesen ist, war noch in der Kirche möglich. zum ersten Mal in der nachantiken Geschichte wurde eine echt dramatische Situation durchgespielt, Maria erkannte Jesus zunächst nicht, sie hielt ihn für den Gärtner – in der Folgezeit konnten viele tausend Komödien und Tragödien nicht ohne solche Missverständnisse auskommen.

Höllenfahrt Christi, von
Domenico Beccafumi:  1635
Pin. Naz. di Siena © Bot

Das Johannesevangelium bot aber noch einen anderen Ansatzpunkt für theatralisches Spiel. Maria hatte den Jüngern von dem leeren Grab berichtet; daraufhin lieferten sich zwei der Jünger voller Neugier ein Wettrennen. Sicherlich konnten die jungen Kleriker, denen diese Rollen anvertraut waren, ihrer Spielfreude nur schwer Zügel anlegen, und dann runzelten manche gestrenge ältere Herren vermutlich die Stirn. Das geistliche Spiel nahm mehr und mehr weltliche Züge an, Phantasie und Spielfreude überwucherten die Verkündigung. Spätestens im 13. Jahrhundert kam dann auch das rein weltliche Drama auf. Erst im italienischen Humanismus freilich wurden die antiken Theatertraditionen wieder entdeckt. Dass die Nonne Hrotsvit von Gandersheim drei Jahrhunderte zuvor Dialoge nach dem Vorbild römischer Komödien geschrieben hatte, war ein Einzelfall geblieben, ohne jede Nachfolge.

Den Anlass, dass die Spielstätte aus der Kirche heraus auf den Vorplatz verlegt wurde, wird ein Halbsatz im Lukasevangelium geliefert haben: Die Frauen bereiteten für den Leichnam "wohlriechende Öle und Salben zu". Es wirkt plausibel, dass die Szene, wie die Frauen diese Waren beim Krämer kauften, nicht mehr in der Kirche aufzuführen war; hatte doch Jesus selbst die Händler aus dem Tempel vertrieben. Auf dem Vorplatz jedoch wurde gerade diese Szene zum Mittelpunkt des Spektakels. Der Krämer und seine Gehilfen feilschten und prügelten nach Herzenslust, zweifellos zum großen Vergnügen des Publikums. Gar nicht davon zu reden, dass einer der Gehilfen immer gerade dabei war, mit der Krämerfrau einen Ehebruch anzubahnen.

Eine Alltagswelt, mit der sich die Zuschauer identifizieren konnten – in den Horizont der Heilsgeschichte einbezogen und doch halb und halb verselbständigt. Es scheint heftige Diskussionen gegeben zu haben, ob Geistliche an solchen Spielen überhaupt noch teilnehmen dürften. Aber die ehrbaren Bürger in den damals aufblühenden Städten werden nur zu gern eingesprungen sein. Eine der heiligen Rollen darzustellen, das gab Renommee, von dem sich lange zehren ließ.

Die komischen oder sündigen Kontrastfiguren zu besetzen, wird schwieriger gewesen sein. 1316 wollte der Bischof von Worms die Teilnahme von "fahrendem Volk" untersagen. Aber die Veranstalter – in der Regel fromme Bruderschaften, oft wohl auch die städtischen Zünfte – gingen davon aus, "Milieu" sei eben dann authentisch darzustellen, wenn der Schauspieler sich im Milieu auskenne. So werden auch die Wächter am Grab, die dem Trunk so heftig zusprechen, dass sie die Auferstehung verschlafen, oft echte städtische Soldaten gewesen sein. Die Frauenrollen allerdings, die wurden in der Regel doch von Männern besetzt; auch dieser geistliche Theaterbetrieb hatte wohl seinen bedenklichen Ruf. Und eine Gruppe in der Stadtbevölkerung, ist zu unterstellen, war grundsätzlich von der Mitwirkung ausgeschlossen, die Juden. Das lag in der Logik dieses heiligen Theaters: Nichtchristen hätten in den gemeinsamen Schlussgesang "Christ ist erstanden" nicht einstimmen können.

Christus vor Maria Magdalena,
von Hans Holbein d. J., um 1524
Royal Coll. Hampton Court
© Guanaco
Im späten Mittelalter nahmen diese Osterspiele immer größere Ausmaße an, mit tausenden von Versen und hunderten von Rollen. Die Spielfreude hatte inzwischen auch andere Stoffe aus der heiligen Geschichte "theatralisiert", von Adam und Eva über die Weihnachtsgeschichte bis zu den Heiligenlegenden und dem kommenden Weltgericht; manche Episode daraus konnte in die Osterspiele eingelegt werden. Und vor allem wurden mit den Spielen von der Auferstehung nun gern die Passionsspiele von der Kreuzigung verbunden – man spielte also durch, etwa von Gründonnerstag bis Ostermontag; in einem Fall ist belegt, dass die Aufführung volle sieben Tage in Anspruch nahm.

Den Abschluss konnte eine Episode aus dem Lukasevangelium bilden, das Mahl des Auferstandenen mit zwei Jüngern, die den Herrn erst an seine Art erkannten, das Brot zu brechen – leicht vorstellbar, dass das Theaterspiel in einen gemeinsamen Festschmaus der gesamten Bürgerschaft überging. Natürlich durften sich dann auch jene Schauspieler, die zuvor die Teufelsrollen übernommen hatte, von ihren Masken befreit in die Gemeinschaft einreihen. Die Teufelsszenen – in den uns erhaltenen Spielen  nehmen sie breiten Raum ein. Das apokryphe Nikodemusevangelium erzählt, dass Christus zwischen Kreuzigung und Auferstehung in die Hölle hinabgestiegen sei, um die Gerechten des Alten Testaments zu erlösen. Dann müssten, folgerten die Verfasser dieser Osterspiele, die Teufel doch in hektische Betriebsamkeit verfallen sein, um ihre entleerte Hölle wieder zu füllen.

Darin lag natürlich eine moralische Mahnung, aber auch die Möglichkeit zu großem Theater: Eine Galerie aller Stände von den Handwerkern über die Fürsten bis zu den Pfaffen wurde von  Luzifer in die Hölle geführt. Und auch mit irdischen Übeln bedroht. Das Redentiner Spiel erinnerte seine Zuschauer in Wismar an eine erst kurz zurückliegende Pestepidemie im benachbarten Lübeck – noch sei es Zeit zur Buße, aber eben höchste Zeit. Im Innsbrucker Osterspiel wird ein Unterteufel nach Avignon geschickt: Dort am päpstlichen Hof müssten doch viele Höllenaspiranten zu finden sein. Je nachdem, wie das Publikum gerade gestimmt war, werden solche Stellen ein großes Hallo hervorgerufen haben.

An einem Punkt wird dieses Innsbrucker Spiel aber auch für den modernen Geschmack menschlich anrührend. "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters", sagt Christus zu den Gerechten in der Vorhölle, "nehmt in Besitz das Reich, das euch von Anbeginn der Welt bereitet ist!" Eine der sündigen, verdammten Seelen möchte sich klammheimlich in den Zug einreihen. Ein Teufel reißt sie zurück: "Nein, nein, du Bösewicht, du kommst mir von der Stelle nicht!" Und dann berichtet Luzifer in einem Monolog vom Grund seiner eigenen Verdammnis: "Meine Hoffart brachte mich dahin, dass ich hinabgestoßen wurde zutiefst in die Hölle, ich und alle meine Gesellen. Weh dem, der da Hoffart treibt!"

Emmausmahl, Glasmemälde in Brou,
Burgund, um 1530 © Paolo da Reggio
Stellen, an die sich beim anschließenden Festschmaus wohl sehr ernsthafte Diskussionen über die Gerechtigkeit in dieser und in jener Welt angeschlossen haben. Eine Ernsthaftigkeit, die nicht daran hinderte, dass es auf der Bühne wie im Publikum bei diesen Osterspielen hoch und laut herging. Es war nicht bloß so dahingesagt, wenn in einem dieser Spiele ein Engel seinen Monolog mit dem Ruf "Schweigt!" eröffnete. Die Schauspieler und die Verfasser wussten, dass es manchmal gar nicht so einfach war, sich in dem Trubel für die frohe Botschaft, um die es doch ging, Gehör zu verschaffen.

Im 16. Jahrhundert ging es mit diesem geistlichen Drama zu Ende. Ein Wandel des religiösen Empfindens, Reformation und Gegenreformation waren sich wenigstens in dem einen Punkt einig, dass Glaube und Komik nicht zueinander passten. Seit der Romantik hat es immer wieder Versuche gegeben, solche Theaterformen wiederzubeleben; ein illusorisches Unterfangen – moderne Gesellschaften sind weltanschaulich nicht derart homogen, dass ein gemeinsamer Schlussgesang "Christ ist erstanden" möglich wäre. Und, wie man im historischen Rückblick sagen muss, auch die mittelalterlichen Stadtgemeinden waren es nur um den Preis, dass die Juden von der Gemeinschaft ausgeschlossen wurden.

Mindestens eins der mittelalterlichen Osterspiele, das Redentiner, wurde im 20. Jahrhundert gelegentlich wieder aufgeführt. Das können Theaterexperimente sein wie im Jahr 2000 an der Universität Löwen; die Studenten gastierten mit großem Erfolg auch am Ort der Uraufführung, in Wismar. Manchmal sind es auch ernsthafte Versuche, zu einem geistlichen, kultisch gebundenen Drama zurückzufinden. So haben Christengemeinschaften im Umkreis der Anthroposophie das Redentiner Spiel in ihre Osterliturgie aufgenommen. Aber an dieser Stelle zeigt sich der Abstand unserer Zeit zum Mittelalter: In dem "wir" eines solchen Spiels wird nicht, wie es damals die Intention war, die gesamte Gesellschaft zusammengeschlossen, sondern gerade umgekehrt das Bekenntnis einer besonderen Gruppe bekräftigt.


Mehr im Internet:
scienzz Dossier Rund um das Osterfest



Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

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