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kultur

14.05.2010 - THEATER

Für fünf Stunden nach Jerusalem

Am 15. Mai beginnen die 41. Oberammergauer Passionsspiele

von Josef Tutsch

 
 

Wappen der Gemeinde Oberammergau
Bild: Gemeinde Oberammergau

Am Anfang stand eine Pestepidemie. Auch der kleine Ort Oberammergau im bayerischen Alpenvorland war nicht verschont geblieben. 1633 gelobten die Einwohner, sollte ihre Gemeinde überleben, wollten sie von nun an regelmäßig ein großes Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen des Herrn Jesus Christus aufführen. Das war im Rahmen der katholischen Gegenreformation damals eine nicht ungewöhnliche Frömmigkeitsübung; allein im bayerisch-österreichischen Raum lassen sich für die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts etwa vierzig solcher Passionsspielorte nachweisen. In Oberammergau hielt sich diese Tradition bis in die Gegenwart. Am 15. Mai ist es wieder soweit: Die 41. Oberammergauer Passionsspiele haben ihre Premiere.

Darf man das sagen: "Premiere"? Es handelt sich um Theater für ein zahlendes Publikum, insoweit nicht anders als in Bayreuth oder in Salzburg. Vor zehn Jahren kamen zu den 102 Aufführungen 520.000 Besucher. Das wird bereits im 18. Jahrhundert nicht viel anders gewesen sein. Für 1760 sind zwei Aufführungen mit insgesamt etwa 7.000 Zuschauern belegt. Das Spiel fand auch von Anfang an nicht in der liturgisch an sich doch nahe liegenden Karwoche, sondern in der freundlicheren Jahreszeit, an Pfingsten, statt.

Theater, gewiss. Aber eben ein "heiliges Theater". Und das bedeutet konkret, dass der kleine Ort sich selbst in die Pflicht nimmt. Von den heute 5.000 Bewohnern nehmen jedes Mal etwa 2.000 aktiv teil, als Bühnenarbeiter oder Orchestermusiker und Chorsänger oder als Schauspieler auf der Bühne. Einer der beiden Christusdarsteller in diesem Jahr ist Psychologe, der Herodes Zahnarzt, die Maria Magdalena Flugbegleiterin – soweit durch die Spiele und die Proben dafür Zeit bleibt. Und damit alles auch wirklich "biblisch" aussieht, lassen sich alle Mitwirkenden seit dem 25. Februar 2009 Haare und Bärte wachsen.

Das Spiel selbst hat die Dimensionen einer Wagneroper: Fünf Stunden Dauer, unterbrochen durch eine dreistündige Pause mit Zeit zum Abendessen. Gespielt wird auf einer Bühne unter freiem Himmel, also den Unbilden von Wind und Wetter ausgesetzt; nur das Publikum wird durch das Theaterdach geschützt. À propos Schutz: Seit jenem Gelübde 1633 hat es in Oberammergau keine Pesttoten mehr gegeben. Dabei konnte die Gemeinde den zehnjährigen Aufführungsrhythmus, der 1680 beschlossen wurde, nicht einmal streng durchhalten. 1770 verbot die bayerische Regierung sämtliche Passionsspiele – die barocke Drastik der Darstellung entsprach nicht dem, was man sich in München unter einer "aufgeklärten" Frömmigkeit vorstellte.

Passionstheater in Oberammergau
Bild: kassandro
An den übrigen Spielorten in Bayern konnte die Tradition damit tatsächlich beendet werden; nur für Oberammergau wurde nach langem Gezerre eine Ausnahme beschlossen. 1810 unternahm Minister Maximilian Graf Montgelas einen neuen Anlauf und erklärte dieses "Oberammergauer Privileg" für erloschen. Vor dem Protest aus der Bevölkerung musste die Regierung jedoch erneut zurückweichen. Mit einem revidierten Text, in dem alle legendenhaften und allegorischen Elemente zurückgedrängt waren zugunsten der Handlung, wie sie in den Evangelien beschrieben ist, wurde das Spiel wieder zugelassen.

Nur eine von fünf oder sechs Textrevisionen, die es im Laufe der Zeit gegeben hat. Bereits der früheste erhaltene Text aus dem Jahr 1662 hat eine vierhundertjährige Literaturgeschichte hinter sich. Es wird die mystische Frömmigkeit des 13. Jahrhunderts gewesen sein, vielleicht als Reaktion auf die scholastische Theologie, die den Menschen nahe legte, das Leiden und Sterben des Erlösers nicht nur in der Erzählung, sondern auch auf der Bühne zu vergegenwärtigen. Mehr noch als die Auferstehung forderten die dramatischen Geschehnisse um Prozess und Kreuzigung Jesu die Spielfreude heraus. Vor allem die Nebenfiguren wie der Verräter Judas und die verführerische Maria Magdalena boten Ansatzpunkte für großes Theater.

Oft wurden die wenigen Tage vom Einzug in Jerusalem bis zur Auferstehung in einen weltgeschichtlichen Zusammenhang eingespannt, in einen Kampf zwischen Himmel und Hölle, von der Schöpfung bis zum kommenden Weltgericht. Mehrere Tage Spieldauer waren durchaus üblich, ein Passionsspiel in Valenciennes 1547 soll volle fünfundzwanzig Tage in Anspruch genommen haben. Daneben wirken die fünf Stunden heutzutage in Oberammergau beinahe bescheiden. Auch was die Drastik des Spiels angeht, im Komischen wie im Grausigen, werden die mittelalterlichen Passionsspiele alles, was heute zu sehen ist, weit übertroffen haben.

Immerhin – die Kreuzigung findet auf der Bühne statt. Freilich ohne dass es real zu Blutvergießen käme. Das unterscheidet Oberammergau und die anderen Stätten Mitteleuropas, wo solche Spiele noch bestehen oder wieder eingerichtet wurden – wie Erl in Tirol oder Skofja Loka in Slowenien – von den blutigen Spektakeln, die etwa von den Philippinen immer wieder berichtet werden. Im 16. Jahrhundert waren solche Passionsspiele bereits aus der Mode gekommen; vor den neuen Frömmigkeitsformen, wie sie sich auch in der Reformation ausdrückten, erschienenen diese theatralischen Darbietungen als Blasphemie. Im protestantischen Bereich gehörte die Zukunft tatsächlich den musikalischen Oratorien, wie wir sie heute noch von den Passionen Johann Sebastian Bachs kennen.

Aufnahme von den Proben
Bild: Passionsspiele Oberammergau
Aber in den katholischen Ländern wurde das Passionstheater durch die Gegenreformation wiederbelebt, vor allem bei solchen Katastrophen wie der Pest. Im Falle Oberammergau überlebte es auch die Aufklärung. 1830 genehmigte König Ludwig I. die Aufführung allerdings nur unter der Bedingung, dass die alte Spielstätte auf dem Friedhof (also direkt über den Gräbern der Pesttoten von 1633) aufgegeben wurde. Nun wurde ein "richtiges" Theater errichtet – für Traditionalisten damals sicherlich eine Zumutung, aber auch der Beginn einer großen internationalen Karriere. Als Auslöser darf ein enthusiastischer Bericht gelten, den der Kölner Kunstsammler Sulpiz Boisserée an Goethe schrieb. Goethe veröffentlichte ihn, wohl nicht ganz ohne innere Vorbehalte, in der Zeitschrift "Chaos". In den folgenden Jahrzehnten stiegen die Zuschauerzahlen stetig an. Als 1934 zum 300-jährigen Jubiläum Sonderspiele stattfanden, kamen 400.000 Besucher.

Gerade damals gerieten die Spiele allerdings in den Sog der aktuellen Politik. Es gab zwei Ansatzpunkte für das Naziregime, die Oberammergauer Passion ideologisch zu vereinnahmen. Erstens konnte das "bäuerliche Spiel" als Beleg für die "segnende Kraft der Scholle" umgedeutet werden. Und zweitens war der Text, den der Geistliche Rat Alois Daisenberger Mitte des 19. Jahrhunderts verfasst hatte, entsprechend dem Bericht der Evangelien von der Mitschuld "der Juden" an Jesu Tod antijüdisch aufgeladen. "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder" – das war natürlich ein religiöser Antijudaismus, nicht etwa ein rassistischer, mit biologischen Kategorien argumentierender Antisemitismus. Aber solche Unterscheidungen brauchten die Propagandisten des Regimes ja nicht zu interessieren.

Der Streit um den Text ist nach dem Zweiten Weltkrieg immer wieder aufgeflammt; bei jeder Aufführung kam es erneut zu Korrekturen. In den 1970er Jahren wurde sogar erwogen, den Daisenberger-Text wieder durch die ein Jahrhundert ältere Fassung von Ferdinand Rosner zu ersetzen – jene barock-allegorische Dichtung vom Kampf zwischen Gott und den Mächten der Hölle, die von den Aufklärern mit so viel Spott übergossen worden war. Mit der Musik des renommierten Komponisten Wolfgang Fortner fand diese Version bei einigen Probeaufführungen viel Beifall; aber in einer Bürgerbefragung entschied sich die Gemeinde dann doch für den gewohnten Text. Jedenfalls im Prinzip; im einzelnen kam es doch zu vielen Revisionen.

Darin liegt die besondere Herausforderung, aber vielleicht auch der besondere Reiz dieser Oberammergauer Spiele für einen professionellen Regisseur: Wichtige Entscheidungen müssen nicht nur von den Mitwirkenden akzeptiert, sondern durch einen Volksentscheid abgesegnet werden. Und natürlich geht es, wenn die Abstimmenden sich als Glieder in einer zweitausendjährigen christlichen Tradition sehen, nicht bloß um Fragen der Theaterästhetik. Jede Spielsaison bietet eine neue Sicht der Hauptfigur Jesus Christus und auch des geschichtlichen Hergangs, der zweifellos schmerzhaften Trennung, die das Christentum in den ersten Generationen nach Jesus von seiner "Mutterreligion", dem Judentum, vollzog.

Bereits seit 1987 amtiert nun der gelernte Bildhauer Christian Stückl, selbst aus Oberammergau gebürtig und heute Intendant des Münchner Volkstheaters, als Spielleiter. Im Vorfeld der Spiele 2010 konzentrierten sich die Diskussionen weniger auf den Text als auf den genauen Zeitpunkt. Stückl plant, die Aufführung in die Abendstunden zu verschieben; die letzten Szenen werden also, theatralisch effektvoll, in nächtlicher Dunkelheit stattfinden, nur durch Fackeln erleuchtet. Ein Volksentscheid im Juni 2007 hat dieses Konzept tatsächlich gutgeheißen, wenngleich mancher Oberammergauer darin eine allzu große Freiheit gesehen haben mag, sowohl gegenüber der Spieltradition als auch gegenüber dem Bibeltext.


Mehr im Internet:
Passionsspiele Oberammergau 2010
Osterspiele, das geistliche Theater im Mittelalter, scienzz 02.04.2010





Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation

 

 

 

 

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