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kultur

11.05.2010 - RELIGIONSGESCHICHTE

"Ein Herz und eine Seele"

Schwierigkeiten mit der Ökumene - ein Blick auf die Urgeschichte des Christentums

von Josef Tutsch

 
 

Der Apostel Paulus vor dem Petersdom
in Rom - Bild: AngMoKio

"Ich ermahne euch, liebe Brüder", schrieb der Apostel Paulus in seinem 1. Brief an die Korinther, "im Namen unseres Herrn Jesus Christus, dass ihr alle einmütig seid und keine Spaltungen unter euch aufkommen lasst!" Die Historiker datieren diese Worte auf die Mitte der 50er Jahre. Seit dem Tode Jesu war also kaum ein Vierteljahrhundert vergangen, und die erste Christengeneration hatte damals bereits Probleme mit dem, was wir heute "Ökumene" nennen würden. "Mir ist berichtet worden, dass Streit unter euch herrscht. Ich meine dies, dass unter euch der eine sagt: Ich gehöre zu Paulus, der andere: Ich zu Apollos, der dritte: Ich zu Kephas, der vierte: Ich zu Christus."

Die Exegeten haben viel Scharfsinn aufgewandt, um aus dem Brief die Positionen dieser Gruppen zu rekonstruieren. Aber das scheint Paulus gar nicht so sehr interessiert zu haben. Er prangerte – obwohl er doch zugleich eine der Parteien nach sich selbst benannte – vielmehr das Faktum an, dass es überhaupt streitende Parteien gab: "Ist Christus etwa zerteilt?". Seine dringliche Bitte an die Gemeinde: "Haltet fest zusammen in einem Sinn und in einer Meinung!" Die folgenden fünfzehn Kapitel des Briefs führen aus, welchen Sinn und welche Meinung Paulus von der gesamten Gemeinde vertreten sehen wollte. Und gelegentlich wurde er dabei sehr heftig: "Einige wissen nichts von Gott. Das sage ich euch zur Schande!"

Töne, die man sich auf einem Ökumenischen Kirchentag heutzutage natürlich verkneifen wird. Aber der Umstand, dass man sich streitet, was der "eine Sinn" und die "eine Meinung" sein sollen, hat das Christentum seit zweitausend Jahren begleitet. Nicht erst seit der Reformation gibt es "die Kirche" in der Realität als Plural, als mehrere Kirchen. War das wenigstens in der Jerusalemer Urgemeinde anders? "Sie waren täglich im Tempel einmütig beieinander", heißt es in der Apostelgeschichte kurz nach dem Bericht über das Pfingstereignis. "Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele." In Erwartung der nahe bevor stehenden Wiederkunft Christi zum Weltgericht – so sah es jedenfalls der Verfasser in seiner idealisierenden Rückschau – traten alle irdischen Belange zurück: "Kein einziger sagte, dass seine Güter noch sein Eigentum wären, sondern es gehörte ihnen alles gemeinsam."

Ein Satz, der eine Fülle von Spekulationen über diesen "christlichen Kommunismus" hervorgerufen hat und auch Experimente, einen solchen Kommunismus in der modernen Welt wiederaufleben zu lassen. Keine zwei Seiten später wird aber deutlich, dass es dennoch zu Spannungen kam. Anscheinend fühlten sich die "Griechen" – also die griechisch sprechenden Gemeindeangehörigen – gegenüber den "Hebräern" bei der Almosenverteilung benachteiligt. Viele Exegeten vermuten jedoch, dass daneben auch theologische Differenzen hineinspielten: Die "Griechen" nahmen zum jüdischen Ritualgesetz vielleicht eine distanziertere Haltung ein, interpretierten es sozusagen "liberaler" als andere Judenchristen.

Die Apostel Petrus und Paulus,
von El Greco, 1592
Bild: Wikipedia

Offenbar gaben die Worte, die von Jesus selbst überliefert waren, keine eindeutige Antwort auf diese Frage. Der Streit hat das junge Christentum bis an den Rand der Spaltung gebracht. Mit Mut zur Provokation nennt der Kirchenhistoriker Francois Vouga von der Kirchlichen Hochschule Bethel seine Geschichte des frühen Christentums auch eine "Geschichte der ersten Christentümer". Das Nebeneinander spiegelt sich in den Evangelien, wie sie ins Neue Testament eingegangen sind. Die Aussprüche Jesu, die sich im Matthäus- und im Lukasevangelium finden, gehen wahrscheinlich auf eine Quelle zurück, die in Galiläa unabhängig von der Jerusalemer Leidensgeschichte überliefert wurde. Dass es zwischen Jerusalem und Galiläa Konkurrenz gegeben hat, zeigen bereits die Ortsangaben in den Auferstehungsberichten.

Aber das brisanteste Streitthema war zweifellos die Stellung zum jüdischen Gesetz. Als Paulus wenige Jahre nach Jesu Tod bekehrt wurde, fand er in Syrien bereits "Heidenchristen" vor, also Gläubige, denen das Judentum fremd war und die auch nach ihrer Bekehrung keinen Grund sahen, jüdische Sitten wie die Beschneidung oder die Speisevorschriften anzunehmen. Handelt es sich überhaupt um Gründungen von Jerusalem aus? Vouga ist zu der Vermutung gelangt, dass Judenchristen aus den Diasporastädten im östlichen Mittelmeerraum, die zum Osterfest nach Jerusalem gekommen waren, dort die letzten Tage Jesu miterlebten. Und dann wohl auch jenes Erlebnis im Jüngerkreis, das wir unter dem Namen "Auferstehung" kennen. Von dort hätten sie die frohe Botschaft ohne weitere Abstimmung mit der Urgemeinde in ihre heidnisch bestimmte Umwelt getragen.

Wie auch immer – das Faktum der Ostererscheinungen, wie es das älteste christliche Glaubenbekenntnis formulierte, bildete das einigende Band dieser Strömungen: "dass Christus gestorben ist für unsere Sünden nach der Schrift, und dass er begraben worden ist, und dass er auferstanden ist am dritten Tag nach der Schrift ...". Die proklamierte Einigkeit nach innen war zugleich eine scharfe Abgrenzung nach außen; denn vom Standpunkt der jüdischen Orthodoxie aus musste die Aussage, dieser in der Welt gescheiterte Jesus sei der Messias, als Blasphemie erscheinen. Und zugleich war das Bekenntnis zum biblischen Gottesglauben, wie Paulus formulierte, für die heidnische Umwelt ein Fall von Engstirnigkeit: "So haben wir doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir auf ihn hin, und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind und wir durch ihn."

Abgrenzung nach zwei Seiten hin – und zugleich Aufnahme von Traditionen beider Seiten. Im einzelnen sind die Stränge allerdings nur schwer zu entwirren. Etwa das Abendmahlssakrament – jüdische Vorbilder hierfür haben die Historiker nicht finden können; auch die Ähnlichkeit mit den Mahlzeiten, die aus der Qumrangemeinde berichtet werden, sind nur ganz oberflächlich. Hier wird man wohl mit einem hellenistischen Einfluss rechnen müssen. Unzweifelhaft ist, dass dieses Sakrament von Brot und Wein neben der Taufe sehr früh das zentrale Ritual der christlichen Kirche wurde. Aber selbst die Gemeinschaft der Gläubigen im Abendmahl wurde durch den Streit um die Haltung zum jüdischen Gesetz auf eine Zerreißprobe gestellt.

Die Apostel beobachten die Auf-
nahme Mariens in den Himmel,
Koie nach Albrecht Dürer (Heller-
Altar), um 1508 - Bild: Wikipedia

Um 48 nach Christus einigten sich zwar Paulus und die Jerusalemer Häupter darauf, man könne den Heidenchristen keine jüdischen Vorschriften auferlegen. Damit hatte sich die Frage freilich nur verschoben. Konnte es zwischen den Judenchristen und den, nach jüdischem Gesetz doch "unreinen", Heidenchristen eine Mahlgemeinschaft geben? Die Paulusbriefe lassen ahnen, dass für viele in der Jerusalemer Urgemeinde darin ein ungeheures Problem lag. Als Führer des "Judaismus" galt Jakobus, der Bruder Jesu, während die Haltung des Petrus – so warf ihm jedenfalls Paulus vor – eher schwankend war. Tatsächlich scheint es in der christlichen Kirche bis ins 2. Jahrhundert hinein ein Konkurrenzverhältnis zwischen der Familie Jesu und dem Kreis der Jünger gegeben zu haben.

Längerfristig ist von dieser alten judenchristlichen "Kirche" nichts geblieben. Von der wachsenden Zahl der Heidenchristen wurde sie an den Rand gedrängt; zudem wurde sie als Sondergruppe innerhalb des Judentums durch die jüdischen Behörden brutal verfolgt. Und dennoch ist die Jerusalemer Urgemeinde der ersten Jahre nach Jesu Tod das Idealbild aller christlichen Gemeindebildung geblieben. Sicherlich, der Rückblick in der Apostelgeschichte zwei Generationen später – "ein Herz und eine Seele" – war eine Stilisierung. Aber es scheint sich tatsächlich ein karitativer Enthusiasmus entfaltet zu haben, bei gleichzeitiger Ohnmacht gegenüber der Außenwelt, der in der antiken Welt völlig ungewohnt war.

Und der in dieser Radikalität auch nicht lange durchzuhalten war. Man darf bezweifeln, wie viele Gläubige tatsächlich, so die Apostelgeschichte, ihre Äcker und Häuser verkauften und den Erlös den Aposteln zur Verteilung an die Armen zu Füßen legten. Aber das Ergebnis war jedenfalls, dass die Gemeinde sich selbst die Existenzgrundlage entzog. Die erhoffte Verwandlung der Welt verzögerte sich. Paulus musste auf seinen Missionsreisen immer wieder Kollekten veranstalten, um "die Heiligen" in Jerusalem zu unterstützen.

Die Praxis von zweitausend Jahren Christentum wurde durch dieses Ideal wohl nur recht punktuell geprägt. Dennoch scheint es reizvoll, die Anfänge der anderen großen Weltreligion in der westlichen Hemisphäre, des Islams, daneben zu halten. Mitte des 8. Jahrhunderts berichtete der Geschichtsschreiber Ibn Hisham von der inneren Verfassung dessen, was man die muslimische "Urgemeinde" nennen könnte, in den letzten Lebensjahren des Propheten Mohammed: mit Beistandspflicht der Muslime untereinander und einem Verbot, einander anzugreifen. "Ein Herz und eine Seele", Ibn Hisham hätte, ohne sich und der muslimischen Sache etwas zu vergeben, die Apostelgeschichte zitieren können.

Die Voraussetzungen waren jedoch völlig unterschiedlich. Die ersten Christen waren ohnmächtig, angewiesen allein auf die Gewalt ihrer Predigt, und werden, in Erwartung der Wiederkunft Christi, von politischer Macht und wirtschaftlichem Erfolg nicht einmal geträumt haben. Die Gefolgschaft dagegen, die Mohammed auf seine neue Religion verpflichtet hatte, war eine Kriegerkaste, die auszog, die Welt zu bekehren – und, falls es mit der Bekehrung im Einzelfall nichts werden sollte, sie mit dem Schwert zu bezwingen; wirtschaftlich lebte diese Kaste weitgehend von der Sondersteuer, die den "Ungläubigen" auferlegt wurde. Die Geschichte hat gezeigt, dass sich mit dem einem wie mit dem anderen Ideal im Herzen die Welt verwandeln lässt.


Mehr im Internet:
Aus den ersten Jahrzehnten des Christentums, scienzz 12.06.2010
Das Pfingstfest in Glaube, Kunst und Brauchtum, scienzz 30.04.2009



 

Josef Tutsch

Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

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