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21.04.2010 - KLIMAGESCHICHTE

Hungersnot und Hexenwahn

Ein Blick auf die Forschungsgeschichte zur "Kleinen Eiszeit" seit dem späten Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Aiguille Blaitiere, Zeichnung
von John Ruskin (Ausschnitt)
um 1856. © Wikipedia

Grönland, die größte Insel der Welt ... Was an diesem Land eigentlich "grün" sein soll, weiß niemand so recht zu sagen. Vielleicht, so wird bis heute spekuliert, war es ein Reklametrick des isländischen Seefahrers Erik des Roten, der mit der Aussicht auf üppige Weideflächen Siedler anlocken wollte. Aber wie die Klimaforscher inzwischen wissen, war Grönland damals, im 10. Jahrhundert, tatsächlich viel "grüner" als heute. Grüner und wärmer – "Mittelalterliche Warmperiode" wird diese Zeit in der Klimageschichte genannt. Im 14. Jahrhundert ging es damit jedoch langsam zu Ende, es folgte eine "kleine Eiszeit". Seinen Namen freilich hat das eisbedeckte "grüne Land" bis heute behalten.

Dass das Ende der Wikingersiedlungen auf Grönland, irgendwann in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, durch einen Klimawechsel hervorgerufen worden sein könnte, vermutete bereits 1824 der schwedische Baron Frederik Wilhelm Ehrenheim. Fast zwei Jahrhunderte nach Ehrenheim hat der Kulturwissenschaftler Franz Mauelshagen von der Universität Essen nun einen Forschungsbericht zu diesem Phänomen "Kleine Eiszeit" vorgelegt. Oder, wie der Titel besagt, eine "Klimageschichte der Neuzeit". Die beiden Begriffe decken sich allerdings nur teilweise. Der gängige Epochenbegriff "Neuzeit" meint die Spanne von etwa 1500 bis heute, die "Kleine Eiszeit" setzte nach 1300 ein und ging um 1900 zu Ende.

Also geraume Zeit, bevor die Industrielle Revolution ihre weltweiten Auswirkungen zeigen konnte. Aber natürlich steht die schockierende Beobachtung, dass der Mensch selbst heute das Klima der Zukunft mitbeeinflusst, im Hintergrund, wenn die "Klimageschichte" sich als akademische Spezialdisziplin etabliert und auch außerhalb des Wissenschaftsbetriebs Interesse weckt. Der Gedanke, dass es in historischer Zeit Klimaveränderungen gegeben haben könnte, scheint im 18. Jahrhundert aufgekommen zu sein. Reflexionen über einen Zusammenhang zwischen Klima und Kultur sind jedoch sehr viel älter. Mauelshagen nennt Aristoteles, der die Überlegenheit der Griechen gegenüber den "Barbaren"-Völkern unter anderem damit erklärte, in Griechenland herrsche eben ein "mittleres", gemäßigtes Klima.

Aristoteles’ Nachfolger machten daraus oft einen "Klimadeterminismus". So lehrte der französische Schriftsteller Charles de Montesquieu, nicht nur "der Charakter des Geistes und die Leidenschaften des Herzens" seien je nach Klima unterschiedlich, auch die Staatsverfassungen müssten sich danach richten. Einen der ältesten Belege, dass menschliche Eingriffe ins Klima in Erwägung gezogen wurden, hat Mauelshagen bei Hugh Williamson gefunden, einem der Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung. Williamson waren einige überraschend milde Winter und warme Sommer aufgefallen, er mutmaßte den Grund in der Entwaldung der nordamerikanischen Kolonien.

Tief verschneit: Volkszählung in Bethlehem
von Pieter Brueghel, um 1566, in Lille,
Palais des Beaux-Arts. © Remi Joua

Bei dem amerikanischen Geographen Ellsworth Huntington 1915 wurde das Klima zur universalen Welterklärung: "Ändert sich das Klima, so ändert sich auch die physische und kognitive Leistung und die Gesundheit", mehr noch: Damit variiere "der Fortschritt der Zivilisation und die Qualität der Menschen". "Das hatte natürlich rassistische Implikationen", merkt Mauelshagen an. Der Klimadeterminismus ließ aber auch ökonomische Interpretationen zu. Bereits 1878 behauptete der englische Ökonom William Stanley Jevons, die wirtschaftliche Konjunktur richte sich präzise nach den Sonnenfleckenzyklen: weil nämlich die Sonnenflecken die Witterung, also die Landwirtschaft und letztlich die Preise beeinflussten.

Konstruktionen, die unvermeidlich eine Gegenreaktion hervorgerufen haben. Solche "zyklenversessenen" Forscher, spottete der Franzose Le Roy Ladurie, verhielten sich "zur realen Geschichte des Klimas wie der Stein der Weisen zu Sauerstoff". Was nun die "Kleine Eiszeit" angeht – die Zahlen belegen, dass es eine solche Abkühlung tatsächlich gegeben hat. Durchschnittlich lagen "die Temperaturen Europas im Zeitraum 1500 bis 1900 um ca. 0,5 Grad Celsius tiefer als in der Vergleichsperiode 1971 bis 2000", berichtet Mauelshagen. Dieser Unterschied äußerte sich vor allem in deutlich kälteren Wintern und Frühjahren, während die Sommer beinahe ebenso warm waren wie im 20. Jahrhundert und der Herbst im Durchschnitt nur wenig kälter. Einen Rekordwinter gab es 1708/09 mit einer Abweichung von mehr als 4 Grad Celsius gegenüber den Werten im späten 20. Jahrhundert. Am 10. Januar wurde in Berlin eine mittlere Tagestemperatur von –30 Grad gemessen. Ähnlich waren die Niederschläge bis Ende des 18. Jahrhunderts deutlich höher als im "trockenen" 20. Jahrhundert, vor allem in den Sommern.

Aber welche Auswirkungen hatte dieses Phänomen? Die Wirtschaftshistoriker haben beobachtet, dass es von Ende des 15. bis Mitte des 17. Jahrhunderts für landwirtschaftliche Produkte eine sehr hohe Inflationsrate gab. Besteht da ein Zusammenhang, war die Teuerung durch eine Verknappung des Angebots aufgrund des härter gewordenen Wetters bedingt? Ein Gedanke, den für das 18. Jahrhundert bereits der Begründer der Nationalökonomie, Adam Smith, erwogen hat. Aber es wurden auch konkurrierende Erklärungen vertreten. Thomas Robert Malthus behauptete, solche Hungerkrisen seien die unvermeidliche Folge eines ungehemmten Bevölkerungswachstums. Und bereits im 16. Jahrhundert klagte der Mönch Martín de Azpilcueta aus Navarra, Spaniens Wirtschaft werde durch das Gold und Silber aus der Neuen Welt überflutet.

Bevölkerungswachstum, Geldvermehrung oder Klimaschwankung? Eine realistische Betrachtung, zitiert Mauelshagen zustimmend eine Spezialstudie über die Schweiz im 18. Jahrhundert, "muss davon ausgehen, dass alle drei Faktoren an der Teuerung beteiligt sind". Die Versuchung, im Wandel der Klimaverhältnisse eine monokausale Erklärung für historische Vorgänge zu suchen und dabei alle anderen Faktoren, die sonst noch in Frage kommen, beiseite zu lassen, liegt wohl nicht ganz fern. Vorsicht ist erst recht geboten, wenn umgekehrt aus historisch beobachteten Phänomenen auf einen Klimawandel geschlossen werden soll. Es ist bekannt, dass die Anbaugrenzen für Wein im Hochmittelalter weiter nördlich lagen als heute, bis zum Oslo-Fjord. Für die Temperaturen folgt daraus zunächst einmal gar nichts, stellt Mauelshagen fest: Ob Wein angebaut wird oder nicht, hängt vor allem von den Chancen auf dem Markt ab. Und das ist unter anderem eine Frage des kulturellen Geschmacks

Folge der Kleinen Eiszeit? Hexen-
verbrennung 1587, aus den 
"Wickiana" von Johann Jakob Wick 
© Wikipedia

Veränderungen berühren den Menschen eben nicht nur äußerlich und direkt, sondern auch vermittelt über sein Bewusstsein und seine Gefühle. Viele Jahrhunderte waren der Meinung, Hungersnöte seien eine göttliche, mithin gerechte Strafe für die Sünden der Menschen. Andererseits wurden die Ideen zur Mineraldüngung, die Justus von Liebig im 19. Jahrhundert entwickelte, durch die Erinnerung an Hungersnöte mit angeregt. Der englische Historiker Geoffrey Parker, berichtet Mauelshagen, kam vor einem Vierteljahrhundert zu dem Schluss, die vielen Revolten und Revolutionen um die Mitte des 17. Jahrhunderts korrelierten relativ genau mit einem Klimatief, indirekt dann auch mit einer deutlich verringerten Sonnenaktivität, einer Serie von schweren Vulkanausbrüchen und einer gesteigerten El-Nino-Häufigkeit.

Parkers Analyse der Ereignisse in England und Schottland: Die Politik von König Karl I. "führte, gekoppelt mit der Kleinen Eiszeit, zum Staatszerfall". In den Quellen finden sich tatsächlich Hinweise, dass die rebellierenden Schotten überzeugt waren, verhungern zu müssen, wenn sie sich nicht die Ressourcen in den besetzten Gebieten Nordenglands aneigneten. Es wäre zu prüfen, ob sich für den Dreißigjährigen Krieg in Mitteleuropa ähnliche Aussagen feststellen lassen.

Da bringt die historische Klimaforschung zweifellos ganz Facetten in unser Geschichtsbild. Muss deshalb die gesamte Weltgeschichte neu geschrieben werden? Ein Beispiel für die überraschenden Zusammenhänge, die sich da aufdecken lassen: Die Auswirkungen der Kleinen Eiszeit, erklärten vor einigen Jahren die Historiker Hartmut Lehmann und Wolfgang Behringer, hätten vor allem bei der direkt betroffenen ländlichen Bevölkerung eine gesteigerte "Nachfrage" nach Hexenverfolgungen hervorgerufen. Diese These findet ihre Stütze in den Gerichtsprotokollen und juristischen Lehrbüchern der Zeit. Darin wird seit den 1380er Jahren als eine Form der Hexerei der Wetterzauber hervorgehoben. Kurz zusammengefasst: Hexerei sei das typische Verbrechen der Kleinen Eiszeit gewesen.

Vielleicht war ja eine relativ milde Phase im 16. Jahrhundert mit der Grund dafür, dass die Zahl der Hexenprozesse zeitweise deutlich zurückging. Aber natürlich wäre es verfehlt, die alten simplifizierenden Geschichtsbilder durch einen ebenso simplen, nur gerade modischen Klimadeterminismus zu ersetzen. Mauelshagen verteidigt den "Primat des Kulturellen": "Erst ein kulturelles Muster, die Theorie des Schadenszaubers, hat zwischen Witterungsschwankungen und Klimaextremen einerseits und dem sozialen Phänomen des Hexenwahns andererseits einen Zusammenhang gestiftet." Das müsse jedenfalls gelten, solange nicht "Naturgewalt alles Gesellschaftliche in einem Maße überrollt, dass seine internen Wirkungsmechanismen außer Kraft gesetzt sind".

Das könnte beim Ende der Grönlandwikinger im späten 15. Jahrhundert tatsächlich der Fall gewesen sein. In Arnold Toynbees philosophischer Rekonstruktion des Gangs der Weltgeschichte stellen sie den Paradefall einer gescheiterten Kultur dar – gescheitert, weil die Umweltbedingungen zu hart waren. Oder vielmehr, wie man aufgrund dieser neuen Erkenntnisse zur Klimageschichte sagen muss, zu hart wurden, eben durch die "Kleine Eiszeit".


Neu auf dem Büchermarkt
Franz Mauelshagen: Klimageschichte der Neuzeit 1500-1900, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, ISBN 978-3-534-21024-4, 9,90 €


Mehr im Internet:
Kulturwissenschaftliches Institut Essen 
Das Klima schreibt Geschichte, scienzz 27.02.2009 
scienzz artikel Frühe Neuzeit   
scienzz artikel Umwelt   




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur.
Mitglied von scienzz.communcation
 


 

 

 

 

 

 

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