Publius Cornelius Tacitus (neu-
zeitliches Phantasieporträt)
Bild: Wikipedia
Manchmal wirkt die Geschichte der alten Kulturen doch sehr gegenwärtig. Als der syrische König Antiochos VII. Sidetes im Jahr 134 vor Christus, berichtet der Historiker Diodorus Siculus, Jerusalem belagerte, legten ihm seine Ratgeber nahe, nicht nur "die Stadt im Sturm zu nehmen", sondern auch "das Geschlecht der Juden ganz zu vernichten". Begründung: "Allein die Juden unter allen Völkern schlössen sich aus vom Umgang mit jedem anderen Volk und sähen sie alle als ihre Feinde an."
Ob Diodorus die Beratungen vor Jerusalem zuverlässig wiedergegeben hat, kann offen bleiben. Im historischen Rückblick sind drei Punkte bemerkenswert: Erstens, dass in der griechisch-römischen Antike der Gedanke gedacht werden konnte, eine Gruppe von Menschen stehe – und zwar auf Grund ihres eigenen, sozusagen durch ihre Natur vorgegebenen Verhaltens – außerhalb des Menschengeschlechts. Zweitens, dass die Folgerung erwogen werden konnte, diese Menschengruppe auszulöschen. Und drittens, dass es – ebenso wie im 20. Jahrhundert nach Christus – "die Juden" waren, gegen die sich die Aggression richtete.
Antisemitismus in der Antike ... oder, wie man vielleicht eher sagen sollte, "Judenfeindschaft". In der vorchristlichen Antike, wohlgemerkt – der Vorwurf, das jüdische Volk habe den Tod des Gottessohnes verschuldet, konnte also noch keine Rolle spielen. Peter Schäfer, Professor für Judaistik an der Universität Princeton, hat die griechischen und römischen Quellen einer ausführlichen Analyse unterzogen, einer Anregung von Theodor Mommsen folgend, der 1884 in seiner "Römischen Geschichte" geschrieben hatte, "der Judenhass und die Judenhetzen" seien "so alt wie die Diaspora selbst". 1884 – das war die Zeit, wo sich in Deutschland der moderne, nicht mehr religiös, sondern rassistisch argumentierende Antisemitismus ausbreitete.
Mommsens Aussage wurde von dem einen oder anderen seiner Kollegen selbst ins Antisemitische gewendet. 1921 der Historiker Eduard Meyer: Der Judenhass "ist eben so alt wie das Judentum selbst". Die "zahlreichen absonderlichen Anschauungen und abergläubischen Riten und Bräuche" des Judentums, seine "übermütige Überhebung und gehässige Absperrung gegen alle Andersgläubigen", "die rücksichtslose Ausbeutung der Ungläubigen als das gute, von Gott verliehene Recht der Juden" – all diese Besonderheiten hätten "den Judenhass notwendig herausfordern" müssen.
Ruinen des antiken Alexandria, Schauplatz eines antijüdischen Pogroms 38 n. Chr. Bild: Neithsabes
"Notwendig" ... Schäfer führt aber auch Beispiele dafür an, dass Mommsens Aussage aus anderer Richtung aufgenommen wurde. 1948 der französische Judaist Marcel Simon ohne jede antisemitische Intention: "Die primäre Ursache für den griechisch-römischen Antisemitismus lag in der jüdischen Absonderung", "die Religion brachte dieses Absonderung hervor". Und noch nüchterner die "Encyclopaedia Judaica" 1928: "Jede Gemeinschaft, die unterscheidende Werte zu vertreten behauptet", werde angefeindet, und das Judentum sei "von vornherein mit diesem Anspruch in die Geschichte eingetreten".
Genug der modernen Zitate, hin zu den antiken Quellen! Schäfer hat zwei "Schlüsselereignisse" gefunden, beide in Ägypten, an denen sich antike "Judenfeindschaft" studieren lässt. Der erste Fall ereignete sich um 410 vor Christus; auf der Nilinsel Elephantine wurde der jüdische Tempel zerstört. "Der erste antijüdische Ausbruch der Geschichte", schreibt Schäfer. Ob man das "Antisemitismus" nennen darf, ist die Frage. Die jüdische Gemeinde galt als Stütze der persischen Besatzungsmacht, die damals über Ägypten herrschte; die Aggression richtete sich gegen die Perser und ihre Verbündeten. Aber es scheint daneben doch eine spezifisch antijüdische Wendung gegeben zu haben. Die "patriotischen" Priester, die den Aufstand anführten, waren nicht bereit, den jüdischen Kultus zu respektieren. "Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, welche Argumente die Ägypter in diesem Konflikt vorbrachten", resümiert Schäfer.
Dabei scheint die "Absonderung" in diesem Fall gar nicht so streng gewesen zu sein. "Diese Juden waren keineswegs religiöse Puristen; sie verheirateten sich mit ihren Nachbarn und praktizierten einen eigenwilligen religiösen Synkretismus." Deutlicher scheint der zweite Fall, ein antijüdisches Pogrom in Alexandria 38 nach Christus. Dahinter standen lang andauernde Streitigkeiten zwischen dem ägyptischen, dem griechischen und dem jüdischen Teil der Bevölkerung, genauer: Rivalitäten um das Bürgerrecht in der Stadt. Der Pöbel, der das Pogrom veranstaltete, rekonstruiert Schäfer die Vorgänge, bestand wohl hauptsächlich aus Ägyptern; die griechische Fraktion könnte die Ägypter mit ihren "antijüdischen Gefühlen" "ganz bewusst instrumentalisiert haben". Die Antipathien werden beidseitig gewesen sein. Schäfer zitiert den Historiker Flavius Josephus, die Ägypter hätten "ihre schlechten Charaktereigenschaften hervorgekehrt" und "ihre uralte Feindschaft" an den Juden ausgelassen.
Flavius Josephus dachte dabei an die biblische Erzählung vom Auszug des Volkes Israel aus Ägypten. Von ihm ist auch zu erfahren, dass es eine andere Version dieser Exodusgeschichte gegeben hat: Die Israeliten hätten sich nicht der Knechtschaft entzogen, sondern seien vertrieben worden. Sie hätten sich zum Gesetz gegeben, nicht "die Götter" anzubeten, statt dessen "die in Ägypten am meisten verehrten heiligen Tiere als Opfer darzubringen und mit niemandem in enge Verbindungen zu treten außer mit den Eidgenossen". Man kann sich vorstellen, dass dergleichen in der ägyptischen Bevölkerung kolportiert wurde und als Legitimation für das diente, was wir heute "Antisemitismus" nennen würden.
Flavius Josephus, Verteidi- ger des Judentums gegen die Angriffe des Apion Bild: Wikipedia
Flavius Josephus argumentierte vor allem gegen Apion, einen Griechen ägyptischer Herkunft, der vermutlich als Leiter des alexandrinischen Museions amtierte. Apions Hauptargument: Wenn die Juden alexandrinische Bürger werden wollten – warum beteten sie dann nicht auch die alexandrinischen Götter an? Eine Frage, die vom modernen Standpunkt der Religionsfreiheit und des religiösen Pluralismus aus abwegig erscheint, damals aber sehr plausibel geklungen haben muss. Zusätzliches Konfliktpotential brachte, dass zu diesen "alexandrinischen Göttern" auch der römische Kaiser gehörte. Auf den Druck von Griechen und Ägyptern hin ließ der Statthalter in den Synagogen Bilder des Kaisers aufstellen; dadurch wurde den Juden der Gottesdienst unmöglich.
Schäfer analysiert in aller Ausführlichkeit die Klischees, die in der antiken Welt über "die Juden” im Umlauf waren. Da finden sich Märchen wie jene, im Tempel zu Jerusalem würde ein Eselskopf angebetet, oder gar, dort würden Menschenopfer praktiziert, ebenso wie mehr oder weniger realistische Beobachtungen, die je nach Standpunkt positiv oder negativ gewertet werden: etwa das Verbot, Schweinefleisch zu verzehren, und das Gebot, den Sabbat einzuhalten, oder die Beschneidung. "Die Wahrnehmung reicht von Neutralität über Ironie und Spott bis zu offener Feindseligkeit", berichtet Schäfer zu diesem letzten Punkt.
Der bildlosen Gottesverehrung im Judentum begegnete mancher Autor wie zum Beispiel der Historiker Tacitus durchaus mit Respekt; anderen fiel es schwer, diese Bildlosigkeit von Atheismus zu unterscheiden. Die Theorie vom auserwählten Volk wurde zumeist als Prahlerei belächelt – sofern man darin nicht eher eine Bedrohung sah. Die Austreibung der Juden aus Rom im Jahr 19 nach Christus scheine eine Reaktion auf die wachsende Zahl jüdischer Proselyten gewesen zu sein, meint Schäfer. Und ein Jahrhundert später zeigte sich der Satiriker Juvenal höchst beunruhigt, dass gerade eine Gemeinschaft, die sich der Integration in die römische Gesellschaft verweigere, in ihr so viele Anhänger finde.
Vielleicht entspringt das, was man "antiken Antisemitismus" nennt, großenteils ja der Furcht, die jüdische Religiosität könnte sich der eigenen, von den Vorfahren ererbten als überlegen erweisen? "Wie der Verlauf der Geschichte zeigt, war diese Befürchtung nicht grundlos", schreibt Schäfer im Blick auf das Christentum. In der Tat vollzog sich die Auseinandersetzung mit dem Judentum bei intellektuellen Autoren wie dem Philosophen Cicero als eine Diskussion über Werte und Traditionen: Die jüdische Religion sei mit den hergebrachten römischen Bräuchen und Einrichtungen nicht vereinbar.
Rätselraten um den jüdischen Kultus - hier das Modell des Tempels im Israel-Museum, Jerusalem - Bild: Berthold Werner
Tacitus weitete diesen Gedanken aus. "Der jüdische Aberglaube", referiert Schäfer, "steht im Widerspruch zur griechischen Zivilisation, das heißt zu der von der gesamten Welt akzeptierten Lebensweise." Und mit "Aberglauben" meinte Tacitus nicht nur eine Sammlung theologischer Doktrinen, sondern vor allem ein Verhaltensmuster, das er "den Juden" unterstellte: "Allen anderen Menschen gegenüber tritt feindseliger Hass hervor." Da ist er wieder, der Vorwurf", mit dem der Ausschluss des jüdischen Volkes aus dem Menschengeschlecht gerechtfertigt wurde: Hass gegen alle anderen Menschen.
"Die Juden als das ‚inkarnierte Böse’, die in ihrer Fremdenfeindlichkeit und ihrem Menschenhass alle liebgewonnenen Werte der Menschheit leugnen und pervertieren und sich gegen die zivilisierte Partei verschworen haben – dies", so fasst Schäfer seine Spurensuche nach dem antiken Antisemitismus zusammen, "ist die Anschuldigung, welche die Grenze zwischen ‚entschuldbar’ und "unentschuldbar’ überschreitet." Bekanntlich wiederholte Tacitus das Motiv des Menschenhasses, als er auf die Christenverfolgung unter Kaiser Nero zu sprechen kam: Die Christen seien "des Hasses gegen das Menschengeschlecht" für schuldig befunden worden.
"Unentschuldbar": Das ist natürlich kein historisches, sondern ein moralisches Urteil. Welchen Stellenwert der antisemitische Vorwurf des Menschenhasses im antiken Denken insgesamt hatte, bleibt in Schäfers Untersuchung allerdings offen. Diese Frage wäre auch nur im Rahmen einer allgemeineren Geschichte des Vorurteils in der Antike zu klären, gegen Völker wie gegen Religionen. Nicht zu vergessen die Frage, wie "Misanthropie" in der antiken Literatur sonst gesehen wurde, bis hin zur Satire. Aber das wäre wohl doch ein anderes Thema. An eine Vernichtung der Juden dachte Tacitus, im Unterschied zu jenen Beratern Antiochos’ VII., jedenfalls nicht; er bedauerte, dass es den syrischen Königen nicht gelungen sei, "dieses ganz und gar abscheuliche Volk zum Besseren zu wandeln".
Neu auf dem Büchermarkt: Peter Schäfer: Judenhass und Judenfurcht. Die Entstehung des Antisemitismus in der Antike, Verlag der Weltreligionen im Insel Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-458-71028-8, 26,80 € [D], 27,60 € [A], 45,30 sFr
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Weltmarktführer: BELECTRIC er- richtet 2010 über 300 MW PV-Leistung und installierte damit weltweit mehr PV-Leistung als jedes andere Unternehmen. Das geht aus einer Analyse des Marktforschungsinstitut IMS Research hervor. In 2011 will das Unternehmen aus dem bayerischen Kolitzheim bis zu 60 Prozent des jährlichen Auftragsvolumens im Ausland realisieren.
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"Mathematik zählt, weil...du damit fast alles erklären kannst, vielleicht sogar deine gute Note in Sport", meint Mathematik-Professor Matthias Ludwig, Autor des Buches "Mathematik und Sport" und Mathemacher des Monats August der Deutschen Mathematiker Vereinigung. > mehr
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17.07.2009 - ANTHROPOLOGIE
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"Evidence" ist eine Web- Ausstellung des Museums Exploratorium in San Francisco. Anhand einer Fallstudie wird erklärt, wie Wissenschaft funktioniert. Hierbei steht die Arbeit des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie zur Erforschung der menschlichen Ursprünge im Mittelpunkt. > mehr