Berlin, den 20.02.2019 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

06.06.2010 - KULTURGESCHICHTE

Wider den visuellen Analphebetismus

Der Kulturhistoriker Peter Burke über Bilder als historische Quellen

von Josef Tutsch

 
 

Schnappschuss oder Inszenierung?
Robert Capa, Tod eines Milizionärs,
1936 - Bild: Wikipedia

Sie sind in Völkerkundemuseen der große Publikumsmagnet: Filme, die das Leben fremder Völker zeigen – und zwar lebendig, nicht so bewegungslos wie die Gegenstände in den Vitrinen. Beinahe könnte man glauben, dabei gewesen zu sein; schließlich sagt ein Bild mehr als tausend Worte, und ein derart bewegtes Bild erst recht. Solche Dokumente haben manchmal aber doch einen Haken. Etwa die berühmten Aufnahmen, die der Ethnologe Franz Boas 1930 von den Nachttänzen des Kwakiutl-Stamms auf Vancouver Island drehte. Aus technischen Gründen musste der Film tagsüber produziert werden. Streng genommen sehen wir also nicht die Stammesbräuche der Kwakiutl, wie sie gelebt wurden, sondern eine "Extravorführung auf Bestellung“. Wir werden nie erfahren, ob die Tänzer, bewusst oder unbewusst, sich durch die Zuschauer und die Technik noch zu weiteren kleinen Änderungen am Ritual veranlasst sahen.

Bilder als historische Quellen, als "Augenzeugen“, sozusagen – Peter Burke, Kulturhistoriker am Emmanuel College in Cambridge, hat als Summe langjähriger Arbeit in der Geschichtswissenschaft eine ausführliche Reflexion dieses Themas vorgelegt. Unvermeidlich haben es Historiker außer mit schriftlichen und mündlichen Texten eben auch mit Bildern zu tun, bewegten wie unbewegten. Aber, stellt Burke fest, "will man Bilder zuverlässig und effizient als Beweismittel benutzen, muss man sich – wie bei anderen Quellen auch – ihrer Schwächen bewusst sein“. Im Fall schriftlicher Dokumente steht die Quellenkritik seit Jahrzehnten im Zentrum der Ausbildung; im Vergleich dazu sei "die Kritik visueller Quellen immer noch unterentwickelt“.

Wie brisant das Thema sein kann, zeigt ein Blick auf Bildmaterial aus den 1930er und 1940er Jahren. Beim Nürnberger Prozess konnten Filmaufnahmen, die die britische Armee im April 1945 im Konzentrationslager Bergen-Belsen gedreht hatten, als Beweismittel herangezogen werden. Von ihrem doch offenkundig propagandistischen Film "Triumph des Willens“ über den Reichsparteitag 1935 behauptete die Regisseurin Leni Riefenstahl, er sei ebenfalls nur Dokumentation und nichts als Dokumentation. Ein Anspruch, der keineswegs neu ist. Auf einem berühmten Hochzeitsbild aus dem 15. Jahrhundert in der Londoner National Gallery findet sich die Inschrift "Johannes von Eyck war hier“, ganz so als wäre der Maler als Trauzeuge bei der Vermählung des Paare zugegen gewesen.

Sportlich: Mussolini schwimmt im Meer
vor Riccione. 1930er Jahre
Bild: hotelcignodoro

Dass bei Gemälden solche Beteuerungen mit einem Körnchen Salz zu nehmen sind, wird auch im Mittelalter bewusst gewesen sein. Auf die Beweiskraft von Fotografien wird bis heute vielfach größeres Vertrauen gesetzt. Burke zitiert den französischen Schriftsteller Paul Valéry, der den Grundsatz formulierte: "Hätte man diese oder jene Tatsache, so wie sie erzählt wird, auch fotografieren können?“ Aber es ist bekannt, dass auf Fotografien von Schlachtfeldern des Amerikanischen Bürgerkriegs einige der "Leichen“ lebende Soldaten waren, die bereitwillig für die Kamera posierten. Ähnlich wird diskutiert, ob jenes berühmte Bild aus dem Spanischen Bürgerkrieg, "Tod eines Milizionärs“ von Robert Capa, 1936, vielleicht doch kein Schnappschuss war, sondern eine gekonnte Inszenierung.

Aber auch wenn dieses Bild nicht im wörtlichen oder buchstäblichen Sinn die Tatsachen wiedergibt – wer wollte bestreiten, dass darin eine, wenn man so will, höhere oder tiefere Wahrheit über den Krieg zum Ausdruck kommt? Natürlich haben Bilder, die vom Publikum für wahr genommen werden, nicht nur den Charakter von Quellen; sie können selbst im historischen Geschehen eine Wirkung entfalten – im Zeitalter der visuellen Medien zweifellos noch stärker als zuvor. Solche "Wahrheiten“ sind unvermeidlich immer aus der Sicht der Fotografen, Zeichner oder Maler gesehen – oder ihrer Auftraggeber.  Neben Capas Milizionärbild stellt Burke den Teppich von Bayeux, um 1100 nach Christus, der auf siebzig Meter Länge die Eroberung Englands durch die Normannen schildert. Im Mittelpunkt steht die Szene, wo König Harold seinen Lehenseid ablegt; damit erscheint sein Tod in der Schlacht von Hastings als gerechte Strafe für Meineid – ein "spektakuläres Beispiel für Geschichtsschreibung durch die Sieger“, resümiert Burke.

Ganz banal zeigt sich dieser Mechanismus der Perspektive in vielen Porträts. Federico da Montefeltre, Herzog von Urbino im 15. Jahrhundert, der im Turnier ein Auge verloren hatte, wurde immer nur im Profil dargestellt. Mussolini pflegte bei Truppenparaden auf einem Schemel zu stehen, damit er in den Aufnahmen größer wirkte. Ob es sich um Gemälde handelt oder um Fotografien, alle Porträtierten legten in der Regel Wert darauf, sich von der besten Seite und in ihrem Sonntagsstaat zu zeigen. "Historiker wären also schlecht beraten, würden sie aus Porträts Erkenntnisse über Alltagskleidung ableiten wollen.“ Eine "Bauernmahlzeit“ von Louis Le Nain, 1642, heute im Louvre, präsentiert ein blütenweißes Tischtuch, das in diesem Milieu ganz unwahrscheinlich wirkt. Haben die Auftraggeber das so gefordert oder handelt es sich gar nicht um eine "realistische“, sondern um eine biblische Szene?

Realismus oder Satire? Pieter Brueghel
d. Ä., Bauernhochzeit, um 1566, Wien,
Kunsthistorisches Museum
Bild: R.-M. und R. Hagen
Oder die berühmte "Bauernhochzeit“ von Pieter Brueghel dem Älteren im Kunsthistorischen Museum Wien, 1566, die wir, nostalgisch gestimmt, gern als Blick in eine heile Welt interpretieren. Gut möglich, dass der Maler ganz im Gegenteil eine Satire beabsichtigte – das rückständige Leben auf dem Land, gesehen durch die Brille der Stadtbürger. Natürlich sind die Schwierigkeiten, aus Bildern Informationen über das wirkliche Leben in der Vergangenheit herauszulesen, um so größer, je mehr die schriftlichen Quellen uns im Stich lassen. Straßenszenen auf japanischen Holzschnitten aus dem 18. Jahrhundert erwecken den Eindruck, dass sich Frauen damals ebenso unbefangen in der Öffentlichkeit bewegen konnten wie Männer. Zum Glück klären die abgebildeten Plakate uns auf, dass wir in ein Theaterviertel blicken; bei den Frauen dürfte es sich um Kurtisanen handeln.

Missverständnisse drängen sich bei Bildern vielleicht noch mehr auf als bei Texten. Das mussten die christlichen Missionare schmerzlich erfahren, als sie feststellten, dass die Neubekehrten in Übersee die Jungfrau Maria gern für die buddhistische Göttin Kuan Yin oder die aztekische Muttergöttin Tonantzin hielten oder den heiligen Georg für eine Variante des westafrikanischen Kriegsgottes Ogum. Umgekehrt meinten europäische Reisende in den vielarmigen, tierköpfigen Gottheiten Indiens den Teufel wiederzuerkennen. "In den Kirchen muss es Bilder geben“, schrieb um 600 nach Christus Papst Gregor der Große, "damit diejenigen, die nicht in Büchern zu lesen verstehen, beim Betrachten der Wände lesen können.“ Eine Rechnung, die zweifellos nur aufgehen konnte, weil die Prediger die dargestellten heiligen Geschichten immer wieder durch das Wort erläuterten.                                                              

Wenn wir heute alte Bilder betrachten, fehlt uns oft dieser Kontext, der ein Verstehen erst ermöglicht. Burke: "Bilder sind stumme Zeugen, und es ist schwierig, ihre Aussage in Worte zu übersetzen.“ Unsere Schwierigkeiten mit dem "Lesen“ von Bildern sind aber wohl noch tiefer begründet. Seit sich die Kenntnis des Alphabets in weiten Bevölkerungsschichten verbreitet hat, gilt das Lesen von Texten als grundlegende Kulturfertigkeit. Die Überflutung durch die neuen Bildwelten von Film und Fernsehen traf die intellektuellen Eliten ziemlich unvorbereitet: "Visuelle Analphabeten“, mit einem Ausdruck, den vor einigen Jahrzehnten ein Sozialhistoriker selbstkritisch geprägt hat.

Geschichtsschreibung aus der Sicht der
Sieger: Teppich von Gayeux, um 1100,
Musée de la Tapissrie, Bayeux
Bild: Dan Koehl
Bilder als Quellen, ein Gedanke, dem sich viele Historiker nur zögerlich genähert haben. "Film sollte ein Mittel der Geschichtsschreibung sein“, meinte dagegen der Regisseur Roberto Rossellini, "wie irgendein anderes Mittel auch, aber vielleicht etwas wertvoller.“ Rossellini dachte an Spielfilme wie zum Beispiel seine "Machtergreifung Ludwigs XIV.“ von 1966, einen durchaus seriösen Historienfilm, wie Burke anerkennend vermerkt. Ansonsten freilich: "Ich selber habe die Erfahrung gemacht“, seufzt Burke, "dass es für einen Historiker in der Tat schwierig ist, sich einen Film über eine Epoche vor 1700 anzuschauen, ohne immer wieder auf störende Anachronismen aufmerksam zu werden, sei es in der Kulisse und den Gesten, sei es in der Sprache oder den Ideen.“

In der Regel werden solche Störungen in Spielfilmen vermutlich eher durch mangelnde Sorgfalt als durch bösen Willen verursacht sein. Oder auch durch das künstlerische Konzept, das nicht primär auf historische Bildung abzielte. "Die Stärke des Films besteht darin, dass er dem Zuschauer das Gefühl gibt, Ereignisse aus eigener Anschauung mitzuerleben.“ Und oft nur das Gefühl. Aber auch für Dokumentationen, die nichts anderes sein wollen als Dokumentationen gilt: Bilder mögen als Quellen der Geschichtsschreibung taugen; zunächst einmal sind sie selbst historisch – eine Aussage, die auch für das aktuelle Bildmaterial gilt, das uns Tag für Tag in den Fernsehnachrichten präsentiert wird. Burke zitiert aus einem vielgelesenen Lehrbuch des Geschichtsstudiums: "Studiere den Historiker, ehe du anfängst, die Fakten zu studieren.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter Burke: Augenzeugenschaft. Bilder als historische Quellen,
Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2010, ISBN 978-3-8031-2631-3, 13,90 € / 25,10 SFr / 14,30 € [A]



Mehr im Internet:
Peter Burke, Emmanuel College, Cambridge

scienzz Artikel Theorie der Geschichte
scienzz Artikel Kunst- und Bildtheoriie




Josef Tutsch
Berliner Journalist, arbeitet über Themen aus Wissenschaft und Kultur
Mitglied von scienzz communcation

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


über uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet